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    Hass- oder Lieblingsfach? So denken die Deutschen über Mathematik

    Für die einen ist Mathe der Horror schlechthin, andere sehen darin ein Fach wie jedes andere – oder hatten sogar Freude daran. Eine Umfrage der Körber-Stiftung und der ZEIT zeigt nun, wie die Deutschen tatsächlich über Mathematik denken und wie sie ihre Lehrer und ihre eigenen Fähigkeiten bewerten.

    Die gute Nachricht vorweg: Mathematik ist kein Hassfach! 53 Prozent aller Befragten* geben an, Mathematik sei weder übermäßig beliebt noch besonders abschreckend gewesen. 21 Prozent erklären Mathe sogar zu ihrem Lieblingsfach. Und nur 26 Prozent haben Mathematik nie gemocht – oder sogar gehasst. Doch ungeachtet der 53 Prozent im Mittelfeld weisen die Antworten der Umfrage im Detail einige Ausschläge nach oben oder unten auf.

    Ist Mathe ein »Jungenfach«?

    Immerhin: 75 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass Mathematik kein »Jungenfach« ist. Allerdings sind 20 Prozent davon überzeugt, dass das Fach eher den Jungen liegt. Und aus der Bildungsforschung ist bekannt: Geschlechterstereotype wirken. Darauf verweisen auch die Angaben zu den selbst eingeschätzten Kompetenzen und Leistungen während der Schulzeit: Frauen empfinden ihre schulischen Leistungen in Mathematik häufiger als unterdurchschnittlich (24 Prozent Frauen,17 Prozent Männer); Männer empfinden ihre Mathe-Leistungen dagegen häufiger als überdurchschnittlich (28 Prozent Männer, 18 Prozent Frauen).

    Vor diesem Hintergrund erklärt Christiane Stork, Bereich Bildung der Körber-Stiftung: »Es ist Zeit für einen MINT-Aktionsplan für Mädchen. Hier sind alle an Bildung Beteiligten gefragt, wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen – in Elternhäusern, Schulen, Betrieben, Hochschulen und in der Politik.« Ein Leuchtturmprojekt gibt es bereits in Hamburg: Die Initiative NAT stärkt mit dem Programm mint:pink Mädchen in der Mittelstufe, sich für den MINT-Bereich zu entscheiden –  zunächst in der Schule, dann auch beim Weg in Studium und Beruf.

    Wie schwierig ist Mathe?

    20 Prozent der Befragten empfinden ihre Leistungen im Fach Mathematik als unterdurchschnittlich. Und etwa die Hälfte aller Befragten (48 Prozent) gibt an, dass sie im Laufe ihrer Schulzeit Probleme hatte, dem Mathematikunterricht zu folgen, davon wiederum die Hälfte im Laufe der Mittelstufe. Die schlechtesten Noten geben sich die Befragten für ihre Fähigkeiten in Statistik, Wahrscheinlichkeitsrechnung und im Rechnen mit Funktionen und ihren Ableitungen. Gleichzeitig haben 45 Prozent aller Befragten den Mathe-Unterricht als »erhellend und gewinnbringend« wahrgenommen, 58 Prozent aber auch als »mühsam und anstrengend«. Die Beschreibung des Mathematikunterrichts als »alltagsnah« ist für 61 Prozent der Befragten unzutreffend, die Charakterisierung »spannend und lebendig« sogar für 65 Prozent.

    Stork setzt deshalb auf einen stärkeren Praxisbezug: »Zwar haben nicht alle Schulen eine Einrichtung wie das Gießener Mathematikum vor der Haustür, aber vielleicht sind Hochschulen in erreichbarer Nähe, wo auch einmal geknobelt, getüftelt, modelliert und konstruiert werden kann.« In Hamburg biete etwa die TU Hamburg Workshops zur angewandten Mathematik an; das Schullabor »Light & Schools« der Uni Hamburg veranstalte beispielsweise einen Praxistag zum Geocaching.

    Welche Rolle haben Lehrerinnen und Lehrer gespielt?

    Mathe-Lehrkräfte bekommen tatsächlich durchschnittlich oft schlechte Noten: 20 Prozent der Befragten geben ihren Mathe-Lehrerinnen und -Lehrern, wenn sie an ihre Abschlussklassen denken, die Noten 4 bis 6. Aber es zeigt sich eine recht unauffällige Bewertung der Mathe-Lehrkräfte im Vergleich zu anderen Fächern: Mathematik-Lehrkräfte kommen auf die Durchschnittsnote von 2,6 – und liegen damit ungefähr gleichauf mit Lehrkräften in Englisch, Sport und den Naturwissenschaften. Ins Auge fällt am ehesten der Vergleich West-Ost: In ostdeutschen Regionen werden die Mathe-Lehrer im Vergleich zum Westen positiver bewertet.

    Auch Stork ist überzeugt: Auf die Lehrerinnen und Lehrer kommt es an. Daher müsse in die Lehrkräfte investiert werden, zum Beispiel durch wirkungsvolle Ausbildungs- und Fortbildungsmodule. »Es braucht längerfristige Angebote mit mehreren Terminen und Prozessphasen, an denen mehrere Kolleginnen oder Kollegen einer Schule teilnehmen können«, fordert Stork mit Blick auf das MINT-Nachwuchsbarometer 2020.

    Und wie steht es um die eigene Kompetenz?

    Auch der Anteil der Ostdeutschen, der sich rückblickend in Mathematik die Noten 1 und 2 gibt, ist höher als der Anteil der Westdeutschen. Beispielsweise im Bereich Geometrie zeigt sich: 45 Prozent der westdeutschen, aber 57 Prozent der ostdeutschen Befragten geben sich die Noten 1 und 2. In der Sprache der Statistiker heißt das dann: Die positive Einschätzung der Lehrkräfte scheint mit dem eigenen positiv eingeschätzten Kompetenzerwerb zu korrelieren.

    Thomas Kerstan von der ZEIT hat die Umfrage zum Anlass genommen, um mit Expertinnen und Experten darüber zu sprechen, ob es einen Weg gibt, aus dem vermeintlichen Hassfach ein Lieblingsfach zu machen. Zu lesen ist der Artikel in der ZEIT vom 15. Oktober 2020. Und in einem Interview mit der ZEIT sprach Olaf Köller, Direktor am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in Kiel und Studienleiter des MINT Nachwuchsbarometers, über das »Mathe-Problem« in Deutschland.

    * Die Umfrage ist repräsentativ für die wahlberechtigte Bevölkerung ab 18 Jahren in Deutschland, befragt wurden 1010 Personen. Erhebungszeitraum: 13. bis 19.8.2020. Sie wurde in Auftrag gegeben von Körber-Stiftung und DIE ZEIT und durchgeführt von pmg – policy matters, Gesellschaft für Politikforschung und
    -beratung mbH.


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