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Immer in Bewegung bleiben

Hans Jürgen Bolte wohnt seit zwei Jahren in einem Appartement, das zur Behrmann-Stiftung gehört. Was ihm ein Leben lang wichtig war, ist für  ihn weiterhin zentral, nämlich »gemeinsam mit anderen etwas zu unternehmen«. Er war aktiver Sportler, er hat Tennisclubs und Jugendfußballmannschaften geleitet. Im Haus im Park initiiert er unter anderem eine Fahrrad- und eine Tangogruppe. Gästen und Ehrenamtlichen des Hauses ist er als »Hajübo« vertraut.

Ich wurde 1934 in der Wexstraße geboren, wo ich mit meiner Mutter und meiner Großmutter wohnte. Ich bin ja ein uneheliches Kind gewesen. Meine Zwillingsschwestern auch, die kamen 1936 zur Welt. Meine Mutter ist 1941 verstorben. Sie war an Tbc erkrankt. Ich habe sie gar nicht richtig kennengelernt. Meinen Vater erst viel später, meine Großmutter hat den ja nicht reingelassen. 1943 mussten wir raus aus Hamburg. Eine Nacht haben wir noch im Hotel Vier Jahreszeiten geschlafen, eine gute Erinnerung! Dann ging es Richtung Salzwedel. Dambeck hieß das Dorf, in dem wir lebten. Dort bin ich auch zur Schule gegangen, das war schlimm, mit einem Rektor, der ein strammer Nazi war.

1944 kamen dann die Amerikaner, der erste, den ich sah, ein Schwarzer, muss drei Meter groß gewesen sein (lacht). Kam in die Wohnung und sagte: »Du Nazi! Wo du haben Hemd?« Ich war ja beim Jungvolk. Ich hab ihm alles gegeben, das Braunhemd, die Mütze, die ganze Uniform. »Good boy«, hat er gesagt, »good boy.« Angst hatte ich nicht. Ich hab an sich nie Angst gehabt. Dann kamen die Engländer, die waren die Schlimmsten. Da durften wir nicht mehr raus auf die Straße. Und dann, 1946, kamen natürlich die Russen.
Der russische Kommandant, der auch gut Deutsch sprach, war super. Er hat auch dafür gesorgt, dass wir zu essen hatten, die Soldaten haben die Eier und die Milch von den Bauern geholt und an uns verteilt. Jeden Morgen gabʼs was zu essen, alle Flüchtlinge wurden verpflegt. 1947 sind wir dann zurück nach Hamburg.

Tante Erna, die Schwester meiner Mutter, hat uns zurückgeholt, das war eine super Tante. Als sie kam, hat sie sich hässlich gemacht, mit Lehm hat sie sich eingeschmiert, da haben die Männer sie nicht angefasst. Bei ihr leben konnten wir aber nicht, sie hat ja gearbeitet. Wir wurden alle nach Volksdorf gebracht, da wurden die Kinder aufgefangen, die alleine waren. In Volksdorf gab es ein großes Heim, und von da aus wurden wir aufgeteilt. Wir müssen wohl »gute« Kinder gewesen sein, denn die »guten« Kinder kamen in öffentliche Heime, von denen aus sie zur Schule gingen. Die Schwererziehbaren kamen in geschlossene Heime. Meine Schwestern und ich waren zuerst in Niendorf, später wurden sie in Lüchow-Dannenberg von Pflegeeltern aufgenommen. Und ich kam in ein Heim nach Kirchwerder. Dreizehn war ich, ich ging damals noch zur Schule. Ich wurde in Kirchwerder gleich im Fußballverein aufgenommen und war ein anerkannter Spieler.

1948 machte ich den Hauptschulabschluss, 1949 wurde ich konfirmiert. Und dann habe ich eine Schiffbauerlehre begonnen. In Blankenese wohnte ich erst im Lehrlingsheim, später in einer eigenen Wohnung. Ich habe viel Sport getrieben, Leichtathletik vor allem, beim SV Blankenese. Ich bin mittlere Langstrecke gelaufen und wurde Hamburger Jugendmeister über 1500 Meter.

Meiner späteren Frau bin ich in Aumühle begegnet, bei einer Himmelfahrtsfeier, in einem Lokal. Es wurde getanzt, auch ein bisschen getrunken. Zwanzig war ich da. Mit dem Heiraten mussten wir warten, bis ich einundzwanzig war. Von meiner Frau aus wäre es früher gegangen, sie ist ja ein Jahr älter als ich. Wir haben dann in Wohltorf eine Wohnung bekommen. Das war sehr bescheiden, das war ohne Dusche und so. Eine Zinkbadewanne gab´s da, in der ich immer als Letzter baden durfte. Zwei Söhne haben wir bekommen, der eine wurde 1955 geboren, in dem Jahr, in dem wir geheiratet haben. Der andere kam 1961, also sechs Jahre später. Die Fahrt von Wohltorf zum Hafen – ich musste ja immer auf die Werft zur Arbeit – dauerte über eineinhalb Stunden. Ich musste morgens um halb vier aufstehen, wenn ich um sechs Uhr anfing. 

Es muss Angebote geben, die auch Männer interessieren. Ich hab dann als Ehrenamtlicher Werftbesichtigungen angeboten.

So habe ich mich bei Blohm in Bergedorf als Blechschlosser beworben. Das hat geklappt. Nach einiger Zeit wurde ich sogar Leiter der Blechschlosserei. 1978 kam dann die Hauni und hat Blohm aufgekauft. Als Betriebsrat habe ich dafür gekämpft, dass meine Kollegen zu guten Bedingungen aufgenommen wurden. Ich bin an sich bekannt dafür, dass es gut wird, wenn ich in einer Gruppe bin.

Mit Kurt Körber hatte ich auch persönlich zu tun. Eberhardt Reuther, der war mein oberster Boss, der sagte eines Tages zu mir: »Sie müssen mal zu Herrn Doktor Körber kommen. Der will was von Ihnen.« Es ging um den Ball in der Staatsoper, den Körber für die Mitarbeiter der Hauni ausrichtete. Körber sagte zu mir: »Sehen Sie, hier ist ein Bild meines Büros, wie es war, als ich 1948 hierherkam. Ich möchte, dass Sie dieses Büro im Foyer der Oper nachbauen.« Nachfragen war da nicht denkbar, es gab nur ein Ja oder ein Nein. Und ich hab´s geschafft. Das war so meine Art.

Durch den Hauni-Chor, in dem ich gesungen habe, hatte ich Verbindungen zum Haus im Park. Und durch die Vorträge, zu denen ich ging. Ich begann mich im Haus zu engagieren, weil ich den Eindruck hatte, dass deutlich mehr Frauen als Männer zu den Besuchern zählten. Ich habe gesagt: »Es muss Angebote geben, die auch Männer interessieren.« Das war in den Neunzigern. Ich hab dann als Ehrenamtlicher Werftbesichtigungen angeboten. Und einen Ausflug zu den Flugzeugwerken in Finkenwerder. Alles, was Männer so interessiert. Und danach habe ich unsere Fahrradgruppe gegründet, das hat sich so ergeben, Sport war für mich ja immer enorm wichtig, vor allem der Teamsport. Ich hatte einfach mal gefragt, wer denn Lust hat, mit mir zu radeln, ich bot eine Tour von Bergedorf über die Mönckebergstraße an, zu Daniel Wischer, zum Fischessen. Acht haben bei der ersten Fahrt dann mitgemacht, Männer und Frauen. 2001 war das. Es gab immer zwei Tour-Verantwortliche, einer fuhr vorneweg, und einer machte das Schlusslicht, das war ich.

Ich habe ja Parkinson, das weiß ich seit 2011. Eine Mitarbeiterin des Haus im Park hatte mir schon zwei Jahre vor der Diagnose gesagt: »Mit dir stimmt etwas nicht.« Ich war vielleicht langsamer geworden oder so. Mein Hausarzt hat das nicht gesehen, der sagte: »Das ist das Alter!«, und gab mir Vitaminspritzen. Sein Kompagnon hat den Parkinson dann festgestellt. Jemand sagte mir: »Du musst das annehmen. Wenn du´s nicht annimmst, gehst du vor die Hunde.« Das hab ich dann so gemacht. Ich habe weiter Sport getrieben, das muss man ja auch.

Im Haus im Park habe ich noch eine Tangogruppe gegründet. Und ich habe ordentlich meine Tabletten genommen, immer zur gleichen Zeit, das ist wichtig. Zuerst wohnte ich noch zu Hause. Vor zwei Jahren zog ich dann in diese Wohnanlage. Es ist hier leider nicht einfach, sich zu engagieren. Das ist nicht gewollt. Man wird in einen Bus gesetzt und berieselt, und wenn man gemeinsam etwas singen will, wird das schon abgewehrt, »Warum das denn ...?« und so. Aber ich mach meine Sachen trotzdem. Ich plane ein Fest für die beiden Delfinstatuen im Brunnen hinter dem Haus. Die Delfine sollen getauft werden. Wir werden Namen für sie finden und Blumen hinstellen und so. Ich will etwas Gemeinsames machen. Sonst bringt mir das keinen Spaß, hier zu leben.

Das Haus im Park der Körber-Stiftung begleitet seit vierzig Jahren das Leben vieler Menschen aus Hamburg-Bergedorf und Umgebung. Insbesondere für die Generationen 50 plus ist das Haus im Park ein Ort der Teilhabe und aktiver Lebensgestaltung im Alter. Die Ausstellung »Lebensgeschichten - Zehn Porträts aus dem Haus im Park« ist ab dem 12. März im KörberForum zu sehen.


 

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KörberHaus

2019 zieht die Körber-Stiftung mit dem Angebot des Haus im Park in das KörberHaus in der Mitte von Bergedorf.

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Kontakt

Haus im Park
Gräpelweg 8
21029 Hamburg
Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 0
Fax +49 • 40 • 72 57 02 - 24
E-Mail hip@koerber-stiftung.de

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Leitung Bereich Alter und Demografie
Leitung Haus im Park der Körber-Stiftung
Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 36
E-Mail kutz@koerber-stiftung.de

Dorothea Kerrutt
Leiterin Kommunikation und Veranstaltungsmanagement

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 13
E-Mail kerrutt@koerber-stiftung.de

Doris Kreinhöfer
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 16
E-Mail kreinhoefer@koerber-stiftung.de

Caterina Römmer
Leiterin Bildung und Kultur

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 33
E-Mail roemmer@koerber-stiftung.de

Öffnungszeiten

Büro
Montag bis Freitag: 8.30 bis 18.00 Uhr

Café
Montag bis Freitag: 10.00 bis 18.00 Uhr

Physikalische Therapie
Montag bis Donnerstag: 08.00 bis 13.00 Uhr und 14.00 bis 18.00 Uhr
Freitag: 08.00 bis 12.30 Uhr

Anfahrt

Bahnstation Bergedorf, vom Zentralen Busbahnhof (ZOB) Bergedorf mit der Linie 235 oder Linie 8810 Richtung Reinbek/Wentorf drei Stationen bis zum Rathaus Bergedorf und zu Fuß zum Gräpelweg 8. Von Wentorf und Reinbek mit dem Bus zum Rathaus Bergedorf.

Erstellen Sie hier einen Fahrplan mit öffentlichen Verkehrsmitteln (HVV). Geben Sie dazu Ihren Abfahrtsort und die gewünschte Abfahrts- bzw. Ankunftszeit ein.

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Das BegegnungsCentrum auf Online-Karten:
OpenStreetMap | Google Maps | Bing Maps

Barrierefreiheit

Mit unserem – kostenpflichtigen – Fahrdienst ermöglichen wir auch gehbehinderten Menschen den Besuch des Haus im Park. Unser Kleinbus ist mit einer Hebebühne ausgestattet. Bei Interesse bitten wir um Ihre Voranmeldung. Wir prüfen dann, ob zu dem von Ihnen gewünschten Zeitpunkt eine Fahrmöglichkeit zwischen 9 und 14.30 Uhr (dienstags bis 15.30 Uhr) besteht.

Unsere hauptamtliche Fahrerin Sabine Bartels wird unterstützt durch Klaus Steinbeck, der einmal wöchentlich ehrenamtlich unsere Gäste fährt.

Sabine Schaumann
Telefon + 49 (0)40 72 57 02-12

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