X

Vom Glück, gebraucht zu werden

»Zeigen Sie den Hamburgern mein Dresden und mein Sachsen! Und bauen Sie Brücken zwischen West und Ost!« Das war Kurt A. Körbers Auftrag. Katharina Jahn-Rödinger erfüllt diesen Auftrag bis heute mit großer Freude.

    Als ehrenamtliche Reiseleiterin im »Haus im Park« ist sie seit 1992 in den Neuen Bundesländern unterwegs, sie organisierte und leitete Tagesfahrten nach Güstrow, Schwerin, Wismar, Rostock-Warnemünde. So unter dem Motto: »Schlösser, Burgen und Gärten rechts und links der Elbe«. Oder »Auf den Spuren von Luther und Bach« ins Erzgebirge. Und ins Dreiländereck nach Görlitz und Zittau. Vor allem aber waren es die Mehrtagesreisen, auf denen sie Neugierigen aus Bergedorf und Hamburg die ostdeutschen Landschaften nahebrachte. Und Bautzen, für dessen prächtigen Dom sie schwärmt. Doch am liebsten führte sie die Gruppen nach Dresden. »Diese Stadt lässt mich einfach nicht los«, sagt sie.

Sie war als Zwanzigjährige, kaum dass sie das Krankenschwester-Diplom in der Tasche hatte, nach Dresden gezogen. Der Beruf nahm sie sehr in Anspruch, trotzdem engagierte sie sich von Anfang an ehrenamtlich in der »Nachbarschaftshilfe«. Und besonders in der Kultur. Mit der Zeit war sie in der Stadt so gut vernetzt, dass sie, die parteilose praktizierende Christin, Abgeordnete im Dresdner Stadtparlament wurde. 1979 war das. Bis 1989 war sie dort Vorsitzende der »Ständigen Kommission Kultur«.

Katharina Stolze wurde 1943 in Sänitz in Niederschlesien geboren. Ihr Vater war Pastor und die Mutter Gemeindehelferin. In der Familie erinnerte man sich gut an den Tag, an dem sie die Heimat verlassen mussten. 1945, am 4. Mai, ihrem zweiten Geburtstag, begab sich die Mutter mit ihren fünf Kindern auf die Flucht. Der Vater war in Russland, im Krieg. »Wir kamen mal hier, mal dort unter«, erinnert sich Katharina Jahn-Rödinger. »Schließlich fanden wir in Hirschfeld bei Meissen eine Bleibe, in einem unbewohnten Pfarrhaus«. Ende 1949 zog die Familie nach Görlitz, wo der aus der russischen Kriegsgefangenschaft endlich heimgekehrte Vater eine Pastorenstelle bekommen hatte. »Er lebte nicht mehr lange«, sagt sie, »er war körperlich und psychisch am Ende.« Die Mutter musste die Familie nun als Organistin und Chorleiterin ernähren.

Nach ihrer Schwesternausbildung in Görlitz zog es Katharina nach Dresden. Sie trat ihre erste Stelle an der Medizinischen Akademie an, auf der Chefstation für Chirurgie – ein Glücksfall, wie sie sagt. Unter den Patienten befanden sich viele berühmte Persönlichkeiten, besonders aus dem kulturellen Bereich. Die schenkten ihr Freikarten für die Staatskapelle, die Philharmonie und das Schauspielhaus. Einer von ihnen war Chef der Dresdner Denkmalpflege: »Professor Nadler überzeugte mich, mich besonders in diesem Bereich ehrenamtlich zu engagieren.« Sie blieb ihm bis zu seinem Tod verbunden.

Kunstliebe und Kunstverständnis der jungen Frau waren nicht zu übersehen. Auch nicht ihre organisatorischen und diplomatischen Fähigkeiten. Und bald war sie bei Kulturverantwortlichen als parteilose und christliche Vermittlerin gefragt. Vor allem, wenn westliche Besucher in der Stadt waren. »Die Genossen durften ja aufgrund ihrer Parteidisziplin auf heikle Fragen nicht antworten, etwa zur Luftverschmutzung oder was den Zustand der Häuser und öffentlichen Gebäude anbelangte.« Ab 1987, dem Jahr der Städtepartnerschaft Hamburg–Dresden, leitete Katharina Jahn, wie sie nach ihrer Heirat mit Obermedizinalrat Dr. Rolf Jahn hieß, zahlreiche Besucherinnen und Besucher aus der Hansestadt durch Straßen, Hinterhöfe, Kirchen, Museen und die Semperoper. Sie war inzwischen zertifizierte »Stadtbilderklärerin«. Und eine Dresdner Institution.
Ihr Mann verstarb 1989; er hat die Wende nicht mehr erlebt.

Die erste Begegnung mit Kurt A. Körber fand 1990 in Schloss Rammenau statt. Ulrich Voswinckel, der Vorstandsvorsitzende der Körber-Stiftung, hatte sie angesprochen. Er war auf der Suche nach einem geeigneten Ort für ein großes Fest, Kurt A. Körber plante ein Wiedersehen mit den ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Dresdner Universelle. Sie schlug das Barockschloss vor, das ihr so vertraut war – und das Ganze wurde ein voller Erfolg. »Ein wunderschönes Fest«, erinnert sie sich.

Von Kurt A. Körber war Katharina Jahn tief beeindruckt: »Ich habe gestaunt, dass er von den etwa einhundertsechzig Ehemaligen, die gekommen waren, entweder die Namen wusste oder sich erinnerte, in welcher Abteilung sie gearbeitet hatten.« Kurt A. Körber war wiederum von ihr begeistert: Noch im Verlauf der Feier holte er sie an seinen Tisch. »Sie brauche ich in Bergedorf«, sagt er. Doch sie lehnte ab. »Ich werde jetzt nach der für alle schweren Wendezeit vor allem in Dresden gebraucht«, habe sie geantwortet. »Was ich mir aber wünsche, ist, dass Sie den Menschen, die sich im sozialen Bereich völlig neu orientieren müssen, eine Unterstützung schaffen.« Und so geschah es. In der von Kurt A. Körber gleich nach der Wende erworbenen Villa am Barteldesplatz wurden die »Seminare für Sozialarbeit« ins Leben gerufen.

»Es ist ein Geschenk, dass es Menschen gibt, die sich um andere kümmern.«

1991: Katharina Jahn sitzt auf dem Rücksitz eines Hamburger Privatwagens. Der wird auf einer unübersichtlichen Kreuzung in Dresden von zwei Fahrzeugen gerammt. Sie wird durch die Windschutzscheibe geschleudert. Zwölf Wochen Krankenhausaufenthalt folgen. Sie hat zahllose Brüche und Schnittverletzungen erlitten.

Kurt A. Körber veranlasste ihre Überstellung nach Hamburg, sobald sie transportfähig war. Sie flog in Begleitung von Horst Rödinger, dem Geschäftsführer der Körber-Stiftung. Sie erinnert sich: »Ich war anfangs in einer Gästewohnung der Stiftung untergebracht und wurde jeden Morgen von Körbers Fahrer zur Therapie ins Haus im Park gefahren, dies über einen Zeitraum von sechs Wochen. Damals habe ich das Haus und seine Mitarbeiter kennen- und schätzen gelernt.« Sie nahm sich vor: »Wenn ich wieder auf den Beinen bin, werde ich mich in diesem Haus engagieren.« Katharina Jahn-Rödinger hat Wort gehalten. Sie war und ist begeisterte Reiseleiterin. Organisierte außerdem einen Gesprächskreis für Frauen, der sich vierzehntägig trifft. Sie sprechen über Alltagsfragen, über persönliche Erinnerungen, über politische Ereignisse. An das Thema der ersten Runde, im Jahr 1998, erinnert sich Katharina Jahn-Rödinger gut. Es lautete: »Vom Glück, gebraucht zu werden.«

Erst seit ihrer Krebsoperation im Jahr 2011 arbeitet sie ein bisschen weniger. Und auch, weil sie in diesem Jahr 2011 wieder geheiratet hat – Horst Rödinger. Mit ihm lebt sie seit 1995 zusammen, und ausgerechnet: Am Sachsentor.

Ihr kleines Heim in Dresden, Altenberger Platz 13, 4. Stock, hat sie jedoch nicht aufgegeben. Zumal sie in Dresden noch ehrenamtliche Aufgaben wahrnimmt. »Ich hatte immer eine Heerschar von Schutzengeln«, sagt Katharina Jahn-Rödinger. Sie ist dankbar, dass sie trotz aller Bedrängnisse ein so erfülltes Leben führen konnte. Und greift das Thema Dankbarkeit auch in ihrem Gesprächskreis immer wieder auf. »Das ist besonders wichtig, weil bei vielen Menschen im Alter ein Gefühl der Bitterkeit aufkommt. Es ist ein Geschenk, fügt sie hinzu, nach einer überstandenen Krankheit wieder auf die Beine zu kommen. Und dass es Menschen gibt, die sich um andere kümmern. – Wie damals Kurt A. Körber, in dessen Haus im Park sie wieder laufen lernte.

»Kultur ist der Ausgleich für mein Leben gewesen.«


 

Zum Veranstaltungskalender

Hier finden Sie eine Übersicht über unsere Veranstaltungen weiter

KörberHaus

2019 zieht die Körber-Stiftung mit dem Angebot des Haus im Park in das KörberHaus in der Mitte von Bergedorf.

zum KörberHaus

Kontakt

Haus im Park
Gräpelweg 8
21029 Hamburg
Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 0
Fax +49 • 40 • 72 57 02 - 24
E-Mail hip@koerber-stiftung.de

Susanne Kutz
Leitung Bereich Alter und Demografie
Leitung Haus im Park der Körber-Stiftung
Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 36
E-Mail kutz@koerber-stiftung.de

Dorothea Kerrutt
Leiterin Kommunikation und Veranstaltungsmanagement

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 13
E-Mail kerrutt@koerber-stiftung.de

Doris Kreinhöfer
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 16
E-Mail kreinhoefer@koerber-stiftung.de

Caterina Römmer
Leiterin Bildung und Kultur

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 33
E-Mail roemmer@koerber-stiftung.de

Öffnungszeiten

Büro
Montag bis Freitag: 8.30 bis 18.00 Uhr

Café
Montag bis Freitag: 10.00 bis 18.00 Uhr

Anfahrt

Bahnstation Bergedorf, vom Zentralen Busbahnhof (ZOB) Bergedorf mit der Linie 235 oder Linie 8810 Richtung Reinbek/Wentorf drei Stationen bis zum Rathaus Bergedorf und zu Fuß zum Gräpelweg 8. Von Wentorf und Reinbek mit dem Bus zum Rathaus Bergedorf.

Erstellen Sie hier einen Fahrplan mit öffentlichen Verkehrsmitteln (HVV). Geben Sie dazu Ihren Abfahrtsort und die gewünschte Abfahrts- bzw. Ankunftszeit ein.

zum Fahrplan

Das BegegnungsCentrum auf Online-Karten:
OpenStreetMap | Google Maps | Bing Maps

Barrierefreiheit

Mit unserem – kostenpflichtigen – Fahrdienst ermöglichen wir auch gehbehinderten Menschen den Besuch des Haus im Park. Unser Kleinbus ist mit einer Hebebühne ausgestattet. Bei Interesse bitten wir um Ihre Voranmeldung. Wir prüfen dann, ob zu dem von Ihnen gewünschten Zeitpunkt eine Fahrmöglichkeit zwischen 9 und 14.30 Uhr (dienstags bis 15.30 Uhr) besteht. Unsere hauptamtliche Fahrerin Sabine Bartels wird unterstützt durch Klaus Steinbeck, der einmal wöchentlich ehrenamtlich unsere Gäste fährt. Sekretariat, Telefon + 49 (0)40 72 57 02-12.

Das Theater Haus im Park verfügt über zwei rollstuhlgerechte Plätze. Wenn Sie diese bei Veranstaltungen in Anspruch nehmen möchten, bitten wir Sie, sich vorab unter hip@koerber-stiftung.de anzumelden.

Eine induktive Höranlage im Saal ermöglicht es hörgeschädigten Gästen, den Saalton mit einem geeigneten Hörgerät drahtlos zu empfangen. Alternativ leihen die Tontechniker am Regiepult im Saal auf Anfrage mobile Signalempfänger an Besucher aus. Sollten Sie Schwierigkeiten mit dem Tonempfang haben, zögern Sie bitte nicht, unsere Tontechniker anzusprechen.

Für gehörlose Gäste bieten wir ausgewählte Veranstaltungen unseres Programms auch in deutscher Gebärdensprache an. Sie erkennen sie in unserem Veranstaltungskalender am roten Symbol.
Für Gehörlose ist eine Anmeldung erforderlich unter hip@koerber-stiftung.de.

Um noch mehr Menschen die Teilhabe an unseren Angeboten und Veranstaltungen zu ermöglichen, kennzeichnen wir außerdem auch die Veranstaltungen, die sich insbesondere an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen richten, mit einem lilafarbenen Symbol.

to top