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Ein eigenes Stück Leben

Maren Neumann ist 79 Jahre alt. Sie war zwei Jahrzehnte lang Betriebsärztin bei der Hauni, nach ihrer Pensionierung leitete sie den Besuchsdienst des Haus im Park. In der Holzwerkstatt kam sie auf die Leidenschaft ihrer Kindheit und Jugend, das Schnitzen, zurück. Sie gibt diese Begeisterung seit vier Jahren in Ferienkursen an Kinder weiter. Gemeinsam mit anderen Kolleginnen und Kollegen aus der Holzwerkstatt brachte sie den »Räuber Hotzenplotz« zur Aufführung, ein Puppenspiel mit selbst geschnitzten Figuren.

»Ich war zwanzig Jahre lang Betriebsärztin bei der Hauni. Es ist das berufliche Glück meines Lebens gewesen, dass ich einen Platz gefunden habe, wo ich präventiv tätig sein konnte. Wir westlichen Mediziner lernen ja zu reparieren. Die uralte Idee, die es in China gab – dass der Arzt dazu da ist, dass die Menschen nicht krank werden –, ist fast vergessen.

Kurt Körber habe ich kennengelernt, als ich schon drei Jahre bei der Hauni war. Er wusste zwar, dass es mich gab, aber die Arbeitsmedizin wurde nicht allzu groß geschrieben im Betrieb. Es war nicht immer leicht, meine ethisch-medizinischen Grundsätze gegen Körbers Ansprüche zu verteidigen. Aber zu meiner Überraschung hat er mich letztlich immer respektiert. Das hat mich beeindruckt, und ich bin ihm dankbar dafür.

Als ich zweiundsechzig wurde, habe ich den Beruf an den Nagel gehängt, das war zur Jahrtausendwende. 2000 war ein wunderbares Jahr, um aufzuhören, fand ich. Ein Jahr später begann ich dann ehrenamtlich im Haus im Park zu arbeiten, das ich kannte, weil es in meine arbeitsmedizinische Betreuung der Hauni fiel. Ich übernahm den Besuchsdienst des Hauses als Leiterin. Er bestand aus einer Gruppe Ehrenamtlicher. Ziel des Besuchsdienstes war es, Menschen im hohen Alter so lange es ging in ihrer häuslichen Umgebung zu betreuen. Als ich begann, fragte ich mich: 'Wie mach ich das denn am besten?' Zwölf oder fünfzehn Frauen und ein Mann waren dabei, jeder von ihnen hatte eine Person, die sie oder er einmal in der Woche zu Hause besuchte. Ich kannte die Ehrenamtlichen nicht, und schon gar nicht kannte ich die Leute, die sie besuchten. Ich habe die Gruppe gefragt: 'Darf ich einmal mit euch zusammen die Runde machen?' Sie haben freundlich zugestimmt, dachten aber wohl, ich will sie kontrollieren, das habe ich später aus einigen Gesprächen erfahren. Aber im Jahr darauf wurde ich zu meiner Überraschung gefragt: 'Wann kommen Sie wieder?' – Die ehrenamtlichen Mitarbeiter und die Besuchten nahmen die Begleitung jetzt als Wertschätzung wahr – 'Das Haus im Park kümmert sich!'

Aus diesem Anfang wurde dann ein regelmäßiges Unterfangen, ein aufwendiges Unterfangen, ich verbrachte bei jedem der Besuchten ja etwa zwei Stunden. Später haben wir, einmal monatlich, einen gestalteten Nachmittag angeboten, für Besucher und Besuchte. Besonders wichtig war mir der ebenfalls monatliche Erfahrungsaustausch mit meiner Gruppe, in dem es um Probleme in der Begleitung und um spezielle Fragen ging. Wir sprachen über Parkinson, Demenz, Sterbebegleitung, Zuckerkrankheit. Ein vertrauensvoller wechselseitiger Lernprozess, für den ich dankbar war und bin. 

»Das Alter ist ein eigenes Stück Leben.«

Ich habe das Haus im Park aber nicht nur als Arbeitsmedizinerin und aus der Leiterinnen-Perspektive kennengelernt. Davor war ich einfach Kundin. Ich habe zuerst einen Französischkurs gemacht. Und hatte dann, ab Herbst 2000, einen Platz im Schnitzkurs der Holzwerkstatt. Damit kam ich auf eine große Leidenschaft meiner Kindheit zurück ... Ich war damals zehn Jahre alt, der Krieg war zu Ende, es gab nichts. Und dann bekamen wir Besuch von einer Freundin meiner Mutter, die ihre Arbeit verloren hatte und ihren Lebensunterhalt nun mit dem Schnitzen kleiner Puppenstuben-Puppen verdiente. Sie brachte ihre Arbeit mit. Ich war schon immer bastelfreudig gewesen, guckte also nicht lange zu, sondern begann mitzumachen. Ich hatte bald eine gewisse Fertigkeit, aber es waren eben nur kleine, einfache Puppen, mit dem Küchenmesser geschnitzt.

Dann gingen die Jahre drüber hin. Mit sechzehn war ich in Amerika, zum Schüleraustausch. Ich war im August schon da, als noch Ferien waren, kein Mensch weit und breit. Ich langweilte mich zu Tode. Ich dachte: 'Was soll ich auch Besseres machen', schnappte mir ein Küchenmesser und schnitzte. Meine Gastmutter kriegte das mit und schenkte mir dann zu Weihnachten mein erstes, ganz primitives Holzschnitz-Set. Ich stellte dann meine ersten kleinen Schälchen her. Heute bin ich einmal wöchentlich, jeden Freitag, in der Holzwerkstatt. Und werde im Herbst auch noch einmal, ein viertes Mal, unsere Schnitzwerkstatt für Kinder leiten. Unsere Idee war es, Kindern, die in den Ferien nicht verreisen können, ein sinnvolles Freizeitangebot zu machen. Wir machen das im Eins-zu-eins-Verfahren, jeder Senior schnitzt eine Woche lang mit einem Kind. Eigentlich wollte ich das nach dem letzten Herbst aufgeben, ich dachte, es reicht. Aber dann hat ein kleiner Junge zu mir gesagt: 'Ich möchte nächstes Jahr wiederkommen. Es ist so langweilig, wenn man nicht verreisen kann und die Eltern sind berufstätig.' Und ich hätte das Heulen kriegen können, da sprach er das aus, was ich mir drei Jahre zuvor ausgedacht hatte. Kann einem etwas Schöneres passieren?

Im letzten Jahr haben wir auch etwas Wunderbares gemacht, da haben wir den »Räuber Hotzenplotz« auf die Puppenbühne gebracht. Die Holzwerkstatt hat einen Leiter, der ein wunderbarer Chaot ist. Ihm fiel eines Tages ein, dass er seinen Söhnen immer aus dem »Räuber Hotzenplotz« vorgelesen hatte. Er fand, es wäre doch schön, die Geschichte aufzuführen. Ich war sofort Feuer und Flamme, ich hatte meinem Jüngsten auch aus den Büchern vorgelesen, ich liebe den »Hotzenplotz« sehr. Ich sagte sofort: 'Ich schnitze die Großmutter. Und wenn es sein muss, auch den Räuber' – habe dann auch noch die Fee Amaryllis und den Kasperl gemacht.

Es ist eine so schöne Aufführung geworden. Eigentlich wollte ich mitspielen, das fiel aber dann weg, weil ich die Regie übernahm, das hatte sich so entwickelt. Wir haben den »Hotzenplotz« im Vorjahr drei Mal gespielt. Die letzte Aufführung lief im November, vor schwerstbehinderten Kindern. Es war unbeschreiblich. Ich hatte den Spielern nur gesagt: 'Habt keine Angst, lasst euch von nichts ablenken, spielt, was ihr spielen könnt.' Und das haben die gemacht, mit Improvisation und allem, sie haben wirklich alles gegeben. Ich habe, glaub ich, Glückstränen geweint. Trotzdem müsste ich es mir heute zwei Mal überlegen, so etwas noch einmal zu machen. Es ist eine Frage der Ressourcen. Denn jetzt ist es meine Aufgabe zu lernen, kleinere Brötchen zu backen.

Als ich als Leiterin des Besuchsdienstes anfing, dachte ich noch, jetzt mach ich mal etwas, wovon ich viel verstehe. Mit zweiundsechzig dachte ich, ich verstehe etwas vom Alter! Ich habe gelernt, dass ich nichts vom Alter verstehe. Ich habe gelernt, dass man als jüngerer Mensch nicht wissen kann, was Alter ist. Es ist ein qualitativer Sprung von einem Leben, das man mit Kraft und Kraftreserven gestaltet, in einen Lebensabschnitt, den man zwar immer noch gestaltet – aber ohne Reserven.

Mit jetzt neunundsiebzig Jahren denke ich noch immer manchmal: 'Was ich am Tag nicht schaffe, mache ich eben am Abend. Aber das ist ein Irrtum. Das geht heute nicht mehr. Heute Abend, nach dem Abendessen, hab ich nämlich keine Lust mehr. Und ich habe auch keine Kraft mehr.' Oder umgekehrt: 'Ich habe keine Kraft mehr, und ich habe keine Lust mehr, mich über Gebühr anzustrengen. Das Alter ist eben ein eigenes Stück Leben. Wie das Sterben ein eigenes Stück Leben ist.'«

Maren Neumann: »Das Alter ist ein eigenes Stück Leben.«


 

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