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»Willkommen Deutschland. Ich bin der Syrer.«

Storytelling ist der aktuelle Begriff  für die bewährte Kulturtechnik, Wissen und Verständnis durch das Erzählen von Geschichten zu vermitteln. Fünf junge Menschen mit Migrationshintergrund erzählten im Haus im Park ihre Geschichten. Sie alle sind stark vernetzt durch das Stipendiaten-Programm Schotstek, das seit 2013  migrantische ambitionierte Hamburger fördert.  Auch Waseem Jawish findet Unterstützung bei Schotstek. Der 24 Jahre alte Syrer ist alleine vor zwei Jahren nach Hamburg geflohen und studiert nun Sozialökonomie an der Universität Hamburg. Dies ist seine Erzählung.


Einen wunderschönen Abend meine Damen und Herren.
Mein Name ist Waseem Jawish.

Darf ich Sie um geschlossene Augen, offene Ohren und weitreichendes Vorstellungsvermögen bitten?
Ich würde Sie gerne auf eine Reise mitnehmen. Vielleicht auf Aladins fliegendem Teppich, wenn Sie es sich ein wenig gemütlich machen mögen.

Ich werde zu Fuß gehen.

Es ist Herbst in Damaskus. Überall liegen farbige Blätter. Keiner räumt sie weg.
Die Luft ist frisch und nicht zu kalt.
Eine sanfte Brise weht.
Viele Menschen sind unterwegs.
Es ist laut.
Und schön.

Es riecht ein bisschen nach Diesel.
So ist Damaskus.

Manchmal aber, ist es kuschelig.
Um Mitternacht, wenn es ruhig ist.
Die Straßen menschenleer.

Ich spaziere durch mein Viertel.
Durch meine Gasse.
In ihr riecht es immer nach frisch gekochtem Essen,
gemischt mit dem sanften Duft von Zitronen, Bitterorange und,
wie überall in Damaskus,
dem süßen Duft des Jasmin.

Die Straßen sind mit Pflastersteinen gepflastert.
Ich genieße den Klang meiner Schritte in der Dunkelheit.

Denn ich liebe den Stromausfall.

Dann zünden alle Kerzen an und es liegt etwas Mystisches in der Luft.
Ich fühle Sicherheit.
Fühle Heimat.

هويتك ولاك! , »Weis dich aus!'«
Das ist neu.
Es ist 2011 überall sind Patrouillen.
Militärstützpunkte wachsen wie Pilze aus dem Boden.
Es ist der Beginn der Revolution.

Der Anfang der Angst.

Der Beginn der Kälte, des Chaos.

Meine schöne Stadt verliert ihr Gesicht.
Ganze Teile wurden ausradiert.
Nur der Kern blieb erhalten.
Meine Gasse blieb.
Meine Freunde gingen.

 Die einen kämpften,
andere gingen für immer.

 Der Rest floh ins Ausland.

 Nach zwei Jahren ging auch ich.

Ich wollte von der dritten Welt in die zweite.
Türkei.
Schutz.

Hätte ich gewusst, wieviel man für Schutz in der zweiten Welt arbeiten muss, wäre ich direkt weiter.

Die Arbeit hat mich verbraucht.  
Vielleicht glauben Sie es nicht, aber ich bin gerade erst 24 Jahre alt geworden.

Nach zwei Jahren hatte ich meine Würde verloren.
Aber ich hatte noch meine Hoffnung.

Flucht.

Europa.

Ich gehe wieder zu Fuß.

Übers Mittelmeer.

Da hatte ich natürlich ein Schlauchboot.
Ich bin ja nicht Jesus.

Ich ging über Berge, durch Wälder.
Vorbei an Rosen, Schafen.
Und an Flüchtlingen, die wie Herden durchs Land getrieben wurden.

Es war Frühling.
Tagsüber wärmte mich die Sonne.
Ich folgte meinem inneren Weg.

Bis nach Ungarn.
Wer Ungarn überlebt, kann überall gut leben.

Ich ging weiter.
Ziellos.

In Passau entschloss ich mich einen Freund zu besuchen,
der lebte mittlerweile in Minden.

Ich kaufte ein Ticket und fuhr mit der Deutschen Bahn.  
Dass ich hätte umsteigen müssen, erfuhr ich in Bremen.

Vielleicht war es Schicksal,
ich war zu müde, um meinen Fehler zu beheben und meldete mich bei den deutschen Behörden.
Ich kam in ein Flüchtlings-Camp.

Dort beginnt mein Weg Deutscher zu werden.

Einige Umverteilungen und Ortswechsel später landete ich in Hamburg.

Hier habe ich gelernt, neu zu leben.
So grau der Himmel über Hamburg ist,
so bunt sind seine Menschen.

Nach zwei Jahren in Deutschland habe ich mein Studium begonnen.
Ohne Abitur, da meins nicht anerkannt wird.
Aber über den Umweg einer Aufnahmeprüfung habe ich es dann doch geschafft.

Mein Weg führte mich auch zu Schotstek.
Auch dies war wie eine Fügung.
Zwei Tage vor Bewerbungsschluss erfuhr ich, dass es sowas überhaupt gibt.

Zwei Tage später stolperte ich unvorbereitet, noch ein wenig verschlafen ins Vorstellungsgespräch.
Und wurde tatsächlich genommen.

Mein Alltag hier ist geprägt von einem ständigen Lernen.
Hinterfragen von alt Gelerntem und dem Genuss der Freiheit.

Aber auch hier lässt mich der Krieg nicht los.
Die Sorge um meine Familie, in Damaskus und Ost-Gouta, ist für mich ein täglicher Begleiter.

Doch ich bin dem Krieg schon einmal entkommen
und will und werde mich nicht aufhalten lassen!
Nicht durch: Giftgas, Raketen, Waffen und einem Konflikt, in dem so viele Parteien sämtliche Grenzen überschreiten, um Macht und Einfluss zu erhalten und dabei die Bevölkerung eines ganzen Landes vergessen haben.

Also: Willkommen Deutschland. Ich bin der Syrer. Ich bin Waseem Jawish.
Ich bin einen weiten Weg gegangen und habe noch viel vor!

Für heute würde ich die kleine Reise durch mein Leben gern mit einem Zitat von Rafik Schami, aus dem Buch »Sophia, oder der Anfang aller Geschichten.«  beenden:

»Flucht ist Neubeginn. Ist Hoffnung. Sie ist Klugheit, und Klugheit wird oft als Feigheit missverstanden.«


 

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