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Meldung

Über das Sterben reden

»Auf ein Sterbenswort« heißt die Studie, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gemeinsam mit der Software AG-Stiftung und der Körber-Stiftung vorgelegt hat. In der Reihe »Demografie 3D« wurde sie von Tanja Kiziak und Adrián Carrasco Heiermann präsentiert. Denn Sterben ist ein Thema, über das wir reden müssen.

Auch Sterben ist ein Demografiethema

Die Veranstaltungsreihe »Demografie 3D« der Körber-Stiftung präsentiert regelmäßig aktuelle Studien zum demografischen Wandel. Der wird vor allem an Geburtenraten sowie Zu- und Abwanderung festgemacht. Aber auch die Mortalitätsrate und damit das Sterben ist ein Demografiethema – und eines, das in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in Deutschland zur neuen Normalität werden wird. Denn der Anteil älterer Menschen in Deutschland wächst ständig. Mit den Babyboomern steht ein Drittel der Bevölkerung an der Schwelle zur dritten Lebensphase.

Doris Kreinhöfer, im Bereich Alter und Demografie der Körber-Stiftung verantwortlich u.a. für das Projekt »Leben mit dem Tod«, führte in den Abend ein, der als Livestream ausgestrahlt wurde. Sie erinnerte daran, wie die Corona-Krise mit ihren Kontaktbeschränkungen auch den Umgang mit dem Sterben neu in die gesellschaftliche Debatte gebracht hat: Viele habe die Wahrnehmung, »dass Menschen ohne ihre Vertrauten, ihre Lebensgefährten, ohne Sterbebegleiter den letzten Weg ihres Lebens gehen müssen und so einsam sterben« dazu gebracht, ihre Erwartungen an das eigene Sterben zu reflektieren und ein Tabuthema öffentlich zu machen.

Die Deutschen wollen mit Vertrauten sterben, aber viele leben allein

Der Sprachlosigkeit zum Thema Tod setzt die Studie explizit die Frage nach den Wünschen der Menschen an das eigene Sterben entgegen. Adrián Carrasco Heiermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berlin-Institut, referierte, dass die Deutschen, unabhängig vom Geschlecht, Alter oder sozialen Status, ihren Tod so ersehnen: schmerzfrei und mit guter palliativer Versorgung, aber auch selbstbestimmt, nach am gewohnten Alltag und im Kreis ihrer Vertrauten.

Letzteres könne gerade für die Angehörigen der geburtenstarken Jahrgänge zur Herausforderung werden, so Tanja Kiziak, stellvertretende Geschäftsführerin des Berlin-Instituts. Denn die Babyboomer sind oft kinderlos geblieben und leben als Singles oder weit entfernt von ihren Familien. Schon deshalb empfahl Tanja Kiziak eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Tod. »Wie gestalten wir das Sterben als Gesellschaft?« – das sieht sie als Zukunftsfrage mit vielen Facetten. Da gehe es um lokale Versorgungsstrukturen ebenso wie um Sterbebegleitung außerhalb der Familie.

Death Cafés und Letzte-Hilfe-Kurse

Alles fängt mit der Enttabuisierung an. Tanja Kiziak: »Wir müssen anders über das Sterben reden«. Viele innovative Formate dazu hat die Studie recherchiert. So gibt es etwa »Death Cafés« für das Gespräch mit Fremden über den Tod, Ausstellungen wie den »Dialog mit dem Ende« oder öffentliche Hospizwochen. „Letzte-Hilfe-Kurse“ als Lern- und Trostplattform auch für Angehörige empfahl Doris Kreinhöfer auf eine Publikumsfrage hin.

Ob Politik und Entscheidungsträger in Deutschland eigentlich am Thema interessiert seien, lautete eine andere Frage. Die Politik habe das Thema zunehmend »auf dem Schirm«, so Tanja Kiziak. Und sie konnte auch auf Unternehmen verweisen, die erkannt haben, dass sie immer häufiger die Vereinbarkeit der Mitarbeitenden mit Sterbebegleitung ermöglichen müssen. Zur individuellen Akzeptanz der eigenen Endlichkeit und einem guten Sterben kann offensichtlich auch beitragen, die eigene Lebensbilanz zu ziehen. Wer mit seinem Leben zufrieden sei, nehme leichter Abschied – diese Erkenntnis der Gerontologin und früheren Familienministerin Ursula Lehr hat Adrián Carrasco Heiermann im Interview mit ihr sehr beeindruckt.

Sterben geht alle an – und bleibt Thema in der Körber-Stiftung

Die drei Protagonisten des Abends waren sich am Ende einig: Sterben ist nicht nur eine private Angelegenheit, sondern ein Thema, das die Gesellschaft als Ganzes organisieren muss. Aber dabei seien eben jeder und jede Einzelne gefragt. Die Körber-Stiftung wird auch weiterhin viele Gelegenheiten zur Auseinandersetzung mit dem Thema schaffen: Im Projekt »Leben mit dem Tod« wird es Diskussionen ebenso wie kulturelle Events geben. Die ganze Studie »Auf ein Sterbenswort. Wie die alternde Gesellschaft dem Tod begegnen will« kann nachgelesen werden und ist auch als Print bestellbar, alle Infos dazu hier.

 


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