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PflegeZeit: Pflegst du noch oder lebst du schon?

Die Situation der Pflege in Deutschland verschärft sich. Seit Jahren kommen immer wieder  Nachrichten vom sogenannten Pflegenotstand auf. Jedes Mal ist wird die Szenerie ein wenig dramatischer. Grundtenor: Es arbeiten zu wenige in der Pflege, auch wegen der unattraktiven Bedingungen und die demografische Entwicklung spitzt das schlechte Verhältnis von Versorgenden und zu Versorgenden weiter zu.

In der Reihe PflegeZeit setzt sich die Körber-Stiftung mit verschiedenen Facetten der Pflege-Thematik auseinander. Es werden die von zunehmender Hilfebedürftigkeit Betroffenen selbst betrachtet und der Pflegeberuf, innovative Modelle der Versorgung und Unterstützung bei den europäischen Nachbarn und die Rolle der Gesellschaft diskutiert.

Am 27. März steht die Rolle und die Situation pflegender Angehöriger im Mittelpunkt. Denn wer neben Kindererziehung und Karriere auch noch die Pflege der Eltern bewältigen soll, kämpft schnell mit Dauerstress, schlechtem Gewissen und nervlicher Überlastung bis hin zum Burnout. Die Pflege von Angehörigen ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. SPIEGEL-Bestsellerautorin Martina Rosenberg kennt die schwierige Situation, wenn aus der Pflegezeit eine Lebenskrise erwächst. In ihrem Buch »Mutter, wann stirbst Du endlich?« zeigt sie aber auch Wege auf, wie Pflege in der Familie dennoch gelingen kann.

Doris Kreinhöfer, Körber-Stiftung, sprach mit Martina Rosenberg.

Frau Rosenberg, Sie haben über ihre schwierige Situation während der Pflege Ihrer Eltern ein Buch geschrieben mit dem drastischen Titel »Mutter, wann stirbst Du endlich?« Warum haben Sie diesen Titel und dieses Thema gewählt?

Ich bin über eine meine eigene Geschichte zur Auseinandersetzung mit dem Thema Pflege von Angehörigen in der Familie gekommen. Ich habe erlebt, dass der Wunsch, die eigenen Eltern im gemeinsamen Haus unterstützen zu wollen, zu einem Albtraum geworden ist. Zwischen den Gesetzmäßigkeiten der Pflegeversicherung, den Veränderungen des Gesundheitszustands meiner Eltern und den Ansprüchen an mich selbst geriet ich in eine Lage, die mir ausweglos erschien. Ich empfand diese Situation als drastisch und habe deswegen diesen drastischen Titel gewählt.

Welche Reaktionen haben Sie auf diesen Titel erhalten?

Das war und ist natürlich die ganze Bandbreite. Von Entsetzen bis hin zu Erleichterung von Angehörigen, die ebenfalls an ihrer Lage verzweifeln.

War das Schreiben des Buches für Sie eine Bewältigung des Erlebten?

Es war mir eher ein Anliegen, denen, die Ähnliches erleben, eine Stimme zu geben. Ich möchte verdeutlichen, wie es sich anfühlt, wenn man über einen längeren Zeitraum unter dieser hohen psychischen Belastung steht. Oft sind es nicht die großen Dinge, die kaputtmachen, sondern die kleinen Ereignisse, die sich ständig wiederholen – jeden Tag und über Jahre hinweg.

Warum bezeichnen Sie die Pflege Ihrer Eltern als Albtraum?

Die idyllische, wärmende Familiensituation des gegenseitigen Unterstützens zwischen uns drei Generationen kippte, als meine Mutter eine Demenz entwickelte und ziemlich zeitgleich mein Vater einen Schlaganfall hatte. Meine Eltern waren auf Hilfe angewiesen, wollten sich aber nicht auf die notwendigen Veränderungen einlassen und ich hatte fortan Ehemann, Kind und Eltern zu versorgen – neben meiner Berufstätigkeit. Dann begann eigentlich ein schleichender Verlauf, in dem ich immer mehr in die Versorgung meiner Eltern hineingesogen wurde. Ziemlich lange habe ich mir vorgemacht, dass ich das schaffen kann. Mein Herzrasen, meine Schlaflosigkeit und meine immer wiederkehrenden Infekte ließen mich irgendwann doch erkennen, dass ich mir zu viel zugemutet hatte. Mein gesundheitlicher Zustand und die täglich wachsende Frustration meiner Eltern, führten dazu, dass mein Verständnis für sie schmolz.

In Ihrem Buch schildern Sie verschiedene Phasen Ihrer Situation als pflegende Angehörige. Gab es im Verlauf Momente, an denen Sie rückblickend die Notbremse hätten ziehen müssen?

Rückblickend gab es diese Momente. Aber in der Situation selbst war das Gefühl, diese Aufgabe meistern zu müssen, größer. Dabei kann ich nicht sagen, ob der gesellschaftliche Anspruch oder der eigene Anspruch ausschlaggebend waren. Als schmerzhaft habe ich in Erinnerung, dass durch die zunehmende Desorientierung meiner Mutter immer wieder Momente aufkamen, in denen ich spontan einspringen musste – um sie zu beruhigen, um sie aufzuhalten, um meinen Vater aus einer Auseinandersetzung mit ihr zu nehmen. Und dabei kam meine Tochter mit ihren Bedürfnissen einfach zu kurz.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine politische Lösung für solche Situationen?

Das Inkrafttreten des neuen Pflegestärkungsgesetzes hätte an meiner damaligen Situation nicht viel geändert. Den emotionalen Druck und die hohe Erwartungshaltung meiner Eltern hätte mir ein Gesetz nicht genommen. Aber solange der Umzug in ein Heim oder die Nutzung einer Tagespflege einer Kapitulation gleichkommt, werden Angehörige bis zur Selbstaufgabe pflegen. Viele bis zur totalen Erschöpfung, weil sie es für ihre Pflicht halten und sich dem moralischen Druck beugen. Da nützt es wenig, wenn es mehr Geld für behindertengerechte Umbauten für zuhause gibt bzw. insgesamt fünf Milliarden mehr in die Pflege fließen. Aber: Geld kann Entlastungsmöglichkeiten für die Angehörigen schaffen und Freiräume geben.Insofern sind Besserstellungen in der Pflegeversicherung für Menschen mit Demenz schon ein guter Schritt.

In welche Richtung sollten wir nachdenken, um der Problematik Herr zu werden?

Was wir wirklich brauchen, ist eine Gesellschaft, in der wir mehr Zeit füreinander haben und uns gegenseitig unterstützen können. Ein Schritt wäre, pflegende Angehörige wie Menschen in der Elternzeit zu betrachten und während der gesamten Pflegezeit den Anspruch auf ihren Arbeitsplatz zu gewährleisten. Ich wünsche mir, dass pflegende Angehörige und Pflegepersonal mehr Wertschätzung durch Politik und Gesellschaft erfahren und ihnen dieses Engagement erleichtert und nicht erschwert wird. Denn wir alle müssen darüber nachdenken, wer sich in Zukunft um die enorm steigende Anzahl der alten Menschen kümmern soll. Dies gilt im Übrigen auch für die alternde Generation, die ihre Wertschätzung dadurch zum Ausdruck bringen kann, sich offensiv mit ihrem eigenen Altwerden auseinandersetzen und mit ihren Angehörigen über mögliche Modelle der Pflege zu sprechen.

Vielen Dank für dieses Vorgespräch, Frau Rosenberg. Ich freue mich auf unser Gespräch am 27. März im Haus im Park der Körber-Stiftung.


 

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