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Historische Annäherung in Korea

Moon Jae In, Präsident der Republik Korea, traf sich mit dem nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Un im Grenzdorf Panmunjom. Es ist ein historischer Schritt für die innerkoranische Annäherung. Moon stellte bereits im vergangenen Jahr bei der Körber-Stiftung seine Vision für Frieden auf der Koreanischen Halbinsel vor.

Es sah nach blankem Hohn aus. Am 4. Juli 2017, nur einen Tag nachdem bekannt geworden war, dass Moon Jae In, der frühere Menschenrechtsanwalt und frischgewählte Präsident Südkoreas, in einer Rede auf Einladung der Körber-Stiftung in Berlin seine Vision einer Annäherung zwischen Nord- und Südkorea darlegen würde, testete Pjöngjang erstmals eine Interkontinentalrakete. In den darauffolgenden Monaten demonstrierte das nordkoreanische Regime in regelmäßigen Abständen seine rapiden Fortschritte auf dem Weg hin zu dem Ziel einer glaubhaften nuklearen Abschreckung.

In Präsident Moons Stab wird das weitere Vorgehen sicherlich auch kontrovers diskutiert worden sein. Nach einer Wahlkampagne, die unter anderem auf dem Versprechen fußte, den Dialog mit Nordkorea zu suchen, hielt Moon letztendlich Kurs: In seiner Rede im auch für die deutsche Einheit historisch bedeutsamen Alten Stadthaus legte er konkrete Maßnahmen dar, die letztendlich zu einer Wiederaufnahme des Dialogs führen sollten. Eine davon, die Teilnahme Nordkoreas an den olympischen Winterspielen in Pyeongchang, legte Anfang 2018 einen weiteren Grundstein für einen historischen Tag in den Beziehungen Nord- und Südkoreas.

Mit Kim Jong Un betrat am 27. April zum ersten Mal ein nordkoreanisches Staatsoberhaupt südkoreanischen Boden. Neben symbolträchtigen Bildern von ausführlichen Handschlägen zwischen Moon und Kim veröffentlichten beide eine gemeinsame Erklärung, in der sie sich dem Ziel der nuklearen Abrüstung auf der Koreanischen Halbinsel verschreiben. Und dennoch ist eine Portion Skepsis angebracht: Viele Faktoren – die Motive Nordkoreas, das Kalkül Chinas, und vor allem die unberechenbare Natur des amerikanischen Präsidenten – bleiben weiterhin schwer einzuschätzen.

Über Jahrzehnte hinweg war Washington beinahe zur Obsession Nordkoreas geworden. Von schriller Rhetorik bis zu Raketentests wollten die Machthaber in Pjöngjang vor allem eines: von den USA als gleichberechtigter Gesprächspartner wahrgenommen werden. Dies gilt auch heute noch: Das Zusammentreffen zwischen Moon und Kim mag die Richtung vorgeben. Entscheidend aber für die zukünftige Ausrichtung Nordkoreas wird der für Mai vorgesehene Gipfel zwischen Kim und Trump sein.

In diesem Zusammenhang sei daher die Frage erlaubt, welche Erwartungen Washington und Pjöngjang an ihr Treffen haben werden. Sowohl aus amerikanischer als auch europäischer Sicht ist die Gretchenfrage eindeutig: Ist Nordkorea bereit, seine Nuklearwaffen zu vernichten? Bisher spricht wenig bis nichts für diese These. Nord- und Südkorea können sich vor allem deshalb auf den Begriff der »Denuklearisierung« einigen, weil beide Länder ihn jeweils unterschiedlich interpretieren. Während der Süden das Ziel verfolgt, Nordkorea von seinem Nuklearprogramm abzubringen, will Pjöngjang vor allem den Abzug der ca. 35.000 in Südkorea stationierten amerikanischen Soldaten erreichen, die der Norden seinerseits als nukleare Bedrohung betrachtet.

Doch auch in Peking, rund 800 Kilometer von Pjöngjang entfernt, möchte man ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Ende März, nach Bekanntwerden der Planungen für die jeweiligen Gipfel mit Südkorea und den USA, machte sich Kim Jong Un erstmalig in seiner Amtszeit zu seinem Amtskollegen in China auf. Nominell ist China der einzige Verbündete Nordkoreas. Doch die Beziehungen zwischen Peking und Pjöngjang hatten durch die anhaltenden Nukleartests schwer gelitten: Während sich Nordkorea von China nie ganz ernstgenommen fühlte, wollte China um beinahe jeden Preis vermeiden, den USA einen Grund – oder, je nach Perspektive, Vorwand – zu geben, ihre Präsenz in Pekings Nachbarschaft auszuweiten.  Gleichzeitig fürchtet man in Peking, zu viel Druck könnte die Kim-Dynastie zu Fall bringen – mit unvorhersehbaren Konsequenzen. Trotz dieses außenpolitischen Dilemmas könnte China als lachender Dritter aus den momentanen Annäherungsversuchen hervorgehen: Aus Sicht Pekings wäre es nahezu ideal, wenn Nordkorea sich bereit erklärte, nuklear abzurüsten, die USA womöglich noch im Gegenzug Iihre Präsenz in der Region verringerten, sonst aber alles beim Alten bliebe.

Es bleibt festzuhalten, dass die momentanen Signale aus Pjöngjang weit entfernt des üblichen Gebarens Nordkoreas liegen. Einiges spricht dafür, dass sich der Norden nach Erreichen der eigenen nuklearen Ziele – möglicherweise nicht zu Unrecht – in einer neuen, vorteilhafteren Verhandlungsposition wähnt. Möglich auch, dass die aggressive Rhetorik der Trump-Administration ausschlaggebend für die neue Tonart Nordkoreas war. In jedem Fall bleibt es ein weiter und steiniger Weg hin zu einem belastbaren Verhältnis Nordkoreas zu seinen Nachbarn und zum Westen. Vorsichtiger, leicht ungläubiger Optimismus – ja. Träumereien von der Wiedervereinigung der Koreanischen Halbinsel bleiben hingegen auf absehbare Zeit genau das – Träumereien.

Video zum Körber Global Leader Dialogue mit Präsident Moon Jae In

 


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