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History and Politics Dialogue mit Adam Tooze

Als erste Veranstaltung in der Reihe »History and Politics Dialogue« gab es eine digitale Gesprächsrunde mit dem britischen Wirtschaftshistoriker Adam Tooze. Vor dem Hintergrund der Coronakrise warf Tooze einen Blick auf vertagte Entscheidungen, Gefahren für den Welthandel und Europas Position in der Welt.

Die Corona-Pandemie bildete den Hintergrund des Vortrags von Adam Tooze, der mit »Crashed« (2018) und »Deluge« (2014) wichtige Arbeiten zur Historisierung der Finanzkrise von 2008 sowie zu Neuordnung und Zerfall der Weltwirtschaft in der Zwischenkriegszeit vorgelegt hat.

Ausgehend von den bestimmenden Themen der Monate vor der Corona-Krise – Klimawandel, US-chinesischer Handelskonflikt und wachsende globale Ungleichheit – zeichnete Tooze in seinem Vortrag die epochalen Bruchlinien nach, die durch den beispiellosen Schock offengelegt worden sind. So würde der aktuelle Ausnahmezustand in der zukünftigen historischen Rückschau die ambitionierte Agenda »eines Jahres 2020, das nicht stattgefunden hat« überdecken.

Vertagte Entscheidungen

Als verdeutlichende Beispiele verwies Tooze auf die vertagte Klimawandelkonferenz der Vereinten Nationen COP26 in Glasgow sowie auf den zeitweilig aus dem Fokus geratenen US-chinesischen Handelskonflikt. Auch erwähnte der Wirtschaftshistoriker das bleibende und gravierende Problem der wachsenden globalen Ungleichheit, das durch die Krise einerseits verschärft wird. Andererseits erfahre es jedoch in der aktuellen Krise weniger politische Aufmerksamkeit, als ihm gebühre. Tooze mahnte ebenso an, die Entwicklung der Krise insbesondre in den wirtschaftlich fragilen Nachbarländern Türkei und Algerien zu beobachten, da die dortigen Entwicklungen aufgrund bestehender Beziehungen und junger Bevölkerungen unmittelbaren Einfluss auf Europa nehmen könnten.

Unterbrochener Welthandel

Ein besonderer Fokus der historischen Einordnung lag auf der Unterbrechung des Welthandels, die in ihrem wirtschaftlichen Ausmaß, in ihrer globalen Schlagartigkeit und in ihren sozialen Folgen beispiellos für die neuere Geschichte sei. Tooze warnte zugleich vor den möglichen Folgen einer Schulden- und Finanzkrise und wie diese bestehende Brüche innerhalb der Europäischen Union verschärfen könnten, wenn nicht mutige politische Lösungen gesucht würden.

Migrations- und mobilitätspolitische Auswirkungen der Pandemie wurden sowohl mit Blick auf ihre Auswirkungen auf den freien Verkehr von Menschen und Gütern innerhalb der Union gestreift, als auch mit Blick auf den Umgang mit einer verschärften Flüchtlingsproblematik.

Geopolitische Folgen der Krise

Im Gespräch mit internationalen Expertinnen und Experten und politischen Vertreterinnen und Vertretern wurden zudem die politische und wirtschaftliche Reaktionsfähigkeit von EU, USA und China sowie die langfristigen geopolitischen Folgen der Corona-Krise erörtert. Europas Position in der Welt bleibe dabei aus Sicht von Adam Tooze stark abhängig von den politischen Entscheidungen, die in Berlin getroffen würden: Dadurch habe die Frage, welche Führungsposition Deutschland in Europa anstrebe, nochmals an Bedeutung gewonnen. Von Seiten der Teilnehmer wurde ergänzt, dass die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte umso mehr Gewicht erlange.

Ziel des neuen Formats der Körber-Stiftung ist es, den Dialog von Historikerinnen und Historikern mit politisch Entscheidungstragenden zu vertiefen. In der ersten Gesprächsrunde diskutierten über 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Diplomatie, Politik, Think Tanks und Medien.