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Debatten

Vom Unterschied, Geschichte zu begreifen, statt auswendig zu lernen

»Wenn ich mit jungen Leuten spreche, wird deutlich, dass sie in der Schule zwar gelernt haben, dass Faschismus und Nationalsozialismus schlecht waren, allerdings können sie oft nicht erklären, worin diese Schlechtigkeit bestand«, bedauert Ksenia Sredniak, 29 Jahre alte Historikerin aus Russland. Marius Drasovean, 31 Jahre alt und Manager eines Beratungs-Unternehmens in Rumänien ergänzt: »Wir lernen die Fakten und Schlüsselfiguren historischer Ereignisse auswendig, aber dadurch gelingt es uns eben noch nicht, aus ihnen zu lernen.« Die beiden jungen Europäer sind ehemalige Preisträger von EUSTORY-Geschichtswettbewerben und nahmen an einer Umfrage teil, die die Körber-Stiftung anlässlich des bevorstehenden 70. Jahrestags des Kriegsendes unter ausgewählten Alumni des EUSTORY-Netzwerks durchführte.

Beide haben 2005, zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, in einer Gruppe von 40 EUSTORY-Alumni aus 19 europäischen Ländern an dem Projekt »Der lange Schatten des Zweiten Weltkrieges – Junge Europäer zur ‚Zukunft der Erinnerung‘« teilgenommen. Unter anderem fanden sie in ihrer neunmonatigen Recherche zum Umgang mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg heraus, dass historische Ereignisse in den europäischen Ländern einen sehr unterschiedlichen Stellenwert in der Geschichtsvermittlung haben. Ivan Nikolić aus Serbien stellte vor 10 Jahren zum Beispiel überrascht fest: »Mein Geschichtsbuch erwähnt deutsche Konzentrationslager überhaupt nicht.«

Diese Erfahrungen nutzten die Teilnehmer um Forderungen nach einem multiperspektivischen Umgang mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu formulieren. Die Vielzahl an nationalen Perspektiven und Narrativen sollte in Schulbüchern aufgenommen und interaktive, zeitgemäße Denkmäler unter Beteiligung von Jugendlichen entwickelt sowie ein generationsübergreifender Austausch über das Erbe des Krieges gefördert werden.

Im April 2015, 10Jahre später, setzten sich vier der damaligen Teilnehmer aus Großbritannien, Rumänien, Russland und Slowenien, heute im Alter zwischen 28 und 34 Jahren, erneut mit dem Erbe des Zweiten Weltkrieges und den Folgewirkungen ihrer Projektarbeit auseinander. Sie sind sich einig, dass ein transnationaler Dialog unterschiedlicher Generationen von tragender Bedeutung und ein stetiger Austausch über die verschiedenen Perspektiven und historischen Ereignisse auch heute noch unabdingbar sei. Der 34Jahre alte Germanist Benedict Schofield aus Großbritannien führt aus: »Die Polarisierung und Radikalisierung politischer Gruppierungen und die Rückkehr zu einer gefährlichen Rhetorik und nationalen Stereotypen im Zuge der Finanzkrise zeigen, welche Bedeutung ein grenzübergreifender Austausch über die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges auch heute noch hat«.

Ksenia Sredniak hingegen bezweifelt, dass historisches Wissen eine Bereicherung im Kontext aktueller politischer Debatten sein kann. »Aus heutiger Perspektive würde ich gern mehr Geschichte und weniger Politik im Gedenken an den Zweiten Weltkrieg sehen. Leider geschieht das Gegenteil: Politiker verdrehen und missbrauchen die Erfahrungen des Krieges um sie ihren Ideologien einzuverleiben«, schreibt die junge Russin.

Umso wichtiger seien deswegen Begegnungen mit Zeitzeugen und ein unmittelbarer Austausch zwischen den Generationen, argumentiert Tomaž Čebela, 28 Jahre alte Slowene mit einem Masterabschluss in Europastudien: »Sich schwierigen Fragen zu stellen und den bewegenden Bericht einer polnischen Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald zu hören, war für mich, einen 18jährigen Abiturienten, im Jahr 2005 überwältigend. Diese Erfahrung hat mein Leben verändert.«

Laut Benedict Schofield beinhalteten im Vergleich zu 2005 neue Technologien ein großes Potenzial für die multiperspektivische Vermittlung von Geschichte: »Unsere damaligen Überlegungen zur Überarbeitung von Denkmälern wurde auf vielfache Weise von der digitalen Revolution überholt. Heute können Smartphone und Apps dazu genutzt werden, Denkmälern neues Leben einzuflößen – sie scheinen mir sogar einer der Schlüssel dafür zu sein, eine intensivere Auseinandersetzung mit Orten des Erinnerns zu erreichen.«

Im Gedenkjahr 2015 widmet sich die Körber-Stiftung gemeinsam Partnern in zahlreichen Projekten und Initiativen der europäischen Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg. Im Mittelpunkt stehen dabei die Erfahrungen und Perspektiven von Kriegskindern, d. h. den zwischen 1929-1949 Geborenen. Zu diesem Thema findet am 4. Mai 2015 in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Museum ein europäischer Erinnerungstag unter dem Titel »Der lange Schatten des Zweiten Weltkriegs: Kriegskinder in Europa« statt. Literaten, Publizisten, Politiker und Experten aus verschiedenen europäischen Ländern diskutieren dort über die vielfältigen Erfahrungen und Folgewirkungen von Kriegskindheit. Ziel ist es, einen europäischen Blick auf das Thema zu ermöglichen.

Beiträge

Benedict Schofield, Großbritannien
Marius Drasovean, Rumänien
Tomaž Čebela, Slowenien
Ksenia Sredniak, Russland

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Die Revolution und ihre Kinder - Junge Europäer über die Bedeutung von 1989

1989 markierte in Europa eine Epochenwende. Wie in einem Staffellauf überreichten die Freiheits- und Unabhängigkeitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa einander den Staffelstab: Polen machte im Frühling den Anfang, Rumänien erreichte der Umbruch im Dezember. 25 Jahre nach der Wiedervereinigung geben fünf junge Europäer aus dem EUSTORY-Netzwerk Auskunft darüber, welche Bedeutung das Wendejahr und die nachfolgenden politischen Umbrüche für sie persönlich haben. Eines haben sie alle gemeinsam: 1989 ist ihr Geburtsjahr.

Innerhalb kurzer Zeit brachten vor 25 Jahren die friedlichen Revolutionen im Osten Deutschlands und Europas Diktaturen ins Wanken und Grenzen in Bewegung. Die Menschen in Ost und West haben die Ereignisse ganz unterschiedlich wahrgenommen und weitergegeben. Diejenigen, die 1989 geboren wurden, wuchsen in einem grundlegend veränderten Europa auf, das von Freizügigkeit, Meinungsfreiheit und politischer Stabilität geprägt war und ist. Doch welche Geschichten wurden ihnen zu 1989 erzählt und wie haben die Ereignisse von damals ihr Leben geprägt?

Stellvertretend für andere ihrer Generation berichten fünf junge Europäer aus Dänemark, Estland, Rumänien, Serbien und Slowenien 25 Jahre nach dem großen Umbruch, welche Bedeutung Freiheit und Grenzen heute für sie haben und was sie sich mit Blick auf die Ereignisse von 1989 für das heutige Europa wünschen.

Ihre Antworten auf die fünf immer gleichen Fragen zeigen, wie vielschichtig Erinnerung und Folgewirkungen von 1989 bis heute sind. Während die junge Slowenin in den Freiheitsbewegungen Mittel- und Osteuropas die entscheidende Motivation für die Unabhängigkeitserklärung Sloweniens im Jahr 1991 sieht, lebt der junge Serbe bis heute mit dem kollektiven Schuldgefühl aus den Balkankriegen der 90er Jahre. Der junge Rumäne unterstreicht, wie sehr 1989 sein Land und damit auch sein eigenes Leben verändert hat, das ohne die politischen Umbrüche in komplett anderen Bahnen verlaufen wäre. Mit dem Wert und die Bedeutung von Freiheit setzt sich der EUSTORY-Preisträger aus Estland auseinander: ihm scheint, dass es Menschen, die Diktatur und Unterdrückung nicht persönlich erlebt haben, manchmal schwer fällt, zu verstehen, was Freiheit bedeutet. Und auch die junge Dänin, in deren Heimatland 1989 vorwiegend indirekte Auswirkungen hatte, räumt der Bedeutung von Freiheit heute in ihren Antworten breiten Raum ein: für sie ist Freiheit heute gleichbedeutend mit der Freiheit von Überwachung und dem Recht auf freie Meinungsäußerung.

Die Beiträge der fünf jungen Europäer zeigen deutlich, wie viele verschiedene Facetten das Wendejahr 1989 in Europa hatte und in welch unterschiedlicher Weise die Revolution von damals ihre Kinder geprägt hat.

Alle fünf Befragten sind Alumni von EUSTORY. Dieses von der Körber-Stiftung initiierte Geschichtsnetzwerk regt junge Europäer zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit zentralen Gegenwartsfragen der europäischen Geschichte an. Das Netzwerk verbindet zivilgesellschaftliche Organisationen in 25 Ländern Europas, die nationale Geschichtswettbewerbe durchführen. Über 170.000 Jugendliche haben sich bislang daran beteiligt, rund 1.000 von ihnen nahmen bisher an den europäischen EUSTORY-Geschichtscamps teil.

Beiträge

Helena Ursic, Slowenien
Milan Vukasinovic, Serbien
Vlad Badea, Rumänien
Ivor Onksion, Estland
Juliane Schmeltzer-Dybkjaer, Dänemark

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