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Die Revolution und ihre Kinder – junge Europäer über die Bedeutung von 1989

Interview mit Helena Ursic, Slowenien

Welche fünf verbindest Du spontan mit dem Jahr 1989?

Geburtstag, Jugoslawien, Revolution, Kommunismus, Berlin.

Wird ein Deiner Familie über die politischen Ereignisse rund um das Jahr 1989 gesprochen? Und wenn ja, über welche Aspekte und zu welchem Anlass?

Da sowohl meine Mutter als auch meine Schwestern von Beruf Historiker sind, steht Geschichte ganz weit oben auf unserer Familienagenda. Wenn wir über das Jahr 1989 sprechen, geht es sehr oft um den Fall der Berliner Mauer und die Diktatur in Rumänien. Zumeist reden wir darüber jedoch mit Bezug auf die jüngere Geschichte in unserem eigenen Land. Die Revolution, die 1989 durch Europa lief, trug in bedeutendem Maß zur Entscheidung Sloweniens für die Unabhängigkeit bei und hat unsere Lebensweise und die Art, wie wir einander sehen, maßgeblich beeinflusst.

Wie hat das, was 1989 in Deinem Land geschah, Dein eigenes Leben geprägt?

Ich denke, dass die Slowenen von den revolutionären Ideen aus den Nachbarländern ermutigt wurden. Wenn auch die Entscheidung zur Unabhängigkeit das Ergebnis unterschiedlichster Einflüsse war, halfen uns die Zeitläufte und die allgemeine Stimmung im Europa des Jahres 1989 dabei, unsere eigenen Träumen zu verwirklichen.

Was bedeuten die Begriffe »Grenzen« und »Freiheit« für Dich?

Für mich ist »Grenze« nur eine geografischer Begriff, der auf mein Leben keinen direkten Einfluss hat. Ich bin in Slowenien geboren, habe in Österreich studiert und Arbeit in den Niederlanden gefunden. Da ich mich nicht nur als Slowenin, sondern auch als Europäerin sehe, fühle ich mich in allen EU-Ländern zu Hause. Ich glaube, dass das auch viel mit meinem Freiheitsempfinden zu tun hat. Diese Möglichkeit, andere Länder und Kulturen ohne geografische oder politische Einschränkungen kennenzulernen, gibt mir ein großartiges Gefühl von Freiheit, Offenheit und Akzeptanz.

Was wünscht Du Dir für die weitere Entwicklung in Europa?

Ich möchte ein starkes und optimistisches Europa sehen. Ich möchte, dass seine Bürger respektvoll miteinander umgehen und stolz darauf sind, wer sie sind. Unsere gemeinsame Geschichte hat uns so viel über Toleranz, Vertrauen und Zusammenarbeit gelehrt. Wir sollten diese Lehren als Vorteil nutzen, um daraus eine besser Zukunft aufzubauen.

Interview mit Milan Vukasinovic, Serbien

Welche fünf verbindest Du spontan mit dem Jahr 1989?

Ende, Wandel, Grenzen, Sommer, Spannungen.

Wird ein Deiner Familie über die politischen Ereignisse rund um das Jahr 1989 gesprochen? Und wenn ja, über welche Aspekte und zu welchem Anlass?

Nein, nicht wirklich. Ich habe meine Familie darüber reden gehört, während ich aufwuchs, aber nur, wenn es direkt unser Familienleben betraf. Dieses Jahr war auch der Anfang der Krise in Jugoslawien, also sprachen meine Eltern über die anstehenden verheerenden wirtschaftlichen Veränderungen. Und sie haben mir berichtet, dass an dem Tag, als ich geboren wurde, die Relikte eines serbischen Heiligen aus dem Mittelalter, der im Kosovo gestorben war, durch unsere Stadt zogen. Ich habe erst später begriffen, dass dies Teil der nationalistischen Kampagne zur Machtergreifung von Milosevic war.

Wie hat das, was 1989 in Deinem Land geschah, Dein eigenes Leben geprägt?

Das war sicher eine negative Prägung. Erst lange nachdem ich begonnen hatte, durch Europa zu reisen, konnte ich die Wahrnehmung einer harten, geschlossenen und erdrückenden Grenze wenigstens teilweise ablegen. All das, was später in meinem Land geschah, belastet uns alle mit einem Schuldgefühl, das wir bis heute wie ein Zeichen der Schande mit uns herumtragen.

Was bedeuten die Begriffe »Grenzen« und »Freiheit« für Dich?

Durch die Umstände, in denen ich aufgewachsen bin, habe ich ein ziemlich stoisches Verständnis von Freiheit entwickelt. Dazu musste ich mir selbst beibringen, dass Freiheit nur in meinem Kopf zu verwirklichen ist. Das war der einzige Weg, meine Integrität zu bewahren, während die Welt einen als »den anderen«, den Barbaren ansieht, obwohl man weiß, dass man selbst nichts getan hat. Ich trage dieses Wissen einer inneren Freiheit und Unabhängigkeit heute in mir. Es hat mir geholfen, zu sehen, dass Grenzen an sich nicht wirklich sinnvoll sind.

Was wünscht Du Dir für die weitere Entwicklung in Europa?

Ich habe viele noble Ideen zu Asche zerfallen sehen. Daher wäre mein einziger Wunsch, dass die Vorstellung eines vereinten, grenzenlosen und vorsichtig ausbalancierten Europas nicht pervertiert wird und den gleichen Weg geht. Darüber hinaus wünsche ich mir, nicht länger die Diskrepanz zwischen meiner nationalen und meiner europäischen Idee fühlen zu müssen.

Interview mit Vlad Badea, Rumänien

Welche fünf verbindest Du spontan mit dem Jahr 1989?

Kommunismus, Demokratie, Menschen, Freiheit, Kampf

Wird ein Deiner Familie über die politischen Ereignisse rund um das Jahr 1989 gesprochen? Und wenn ja, über welche Aspekte und zu welchem Anlass?

Wir sprechen im Allgemeinen nicht über das Jahr 1989. Das heißt, nicht mit Blick auf die Politik. Wann immer wir 1989 in der Familie erwähnen, geht es vor allem um meinen Geburtstag, weil ich ja damals geboren wurde. Manchmal sprechen wir über den Kommunismus und Ceausescu, vor allem im Dezember, wenn die Medien die 1989er Revolution aufgreifen. Wobei dies früher, als ich noch jünger war, öfter geschah. Damals hatte ich das Gefühl, mehr über jene Zeit wissen zu müssen. Jetzt denke ich, dass ich ein ausreichend klares Bild davon habe, was der Kommunismus für Rumänien und den Rest der Welt bedeutete.

Wie hat das, was 1989 in Deinem Land geschah, Dein eigenes Leben geprägt?

Für mich ist 1989 besonders wichtig, weil es das Land verändert hat, in dem ich geboren wurde. Hätte es die Revolution nicht gegeben, würde ich in einer ganz anderen Gesellschaft leben – eine, die von der Angst, kritisch zu denken und frei zu sprechen, geprägt wäre. In einer solchen Gesellschaft hätte ich eine deutlich andere Persönlichkeit gehabt.

Was bedeuten die Begriffe »Grenzen« und »Freiheit« für Dich?

Das Wort »Grenze« ist in meinem Leben wahrscheinlich nicht so präsent wie in früheren Generationen. Ich schätze mich glücklich, auf einem weitgehend grenzenlosen Kontinent zu leben, mich frei zu bewegen und in der EU dort wohnen zu können, wo ich möchte. Vor 50 Jahren muss diese Vorstellung vollkommen fremd für die Bürger der europäischen Nationalstaaten gewesen sein. Leider muss ich sagen, dass ich Freiheit zumeist als selbstverständlich angesehen habe. Noch einmal: Das Glück, nicht unter einem unterdrückenden Regime oder in einem zu Kriegen neigenden Europa zu leben, hat mir ermöglicht, Freiheit als etwas ganz Natürliches zu sehen. Wenn ich aber betrachte, was beispielsweise in der benachbarten Ukraine geschieht, bringt mich das zu der Überzeugung, dass nichts für immer selbstverständlich ist.

Was wünscht Du Dir für die weitere Entwicklung in Europa?

Ich wünsche mir, dass Europa zu seiner Rolle als Leuchtturm der Welt zurück findet und Helligkeit dorthin bringt, wo es zurzeit dunkel ist. Ich hoffe auch auf mehr Solidarität zwischen den Völkern Europas. Je schneller wir anerkennen, dass wir eine Gemeinschaft sind, desto besser stehen unsere Chancen, diese Gemeinschaft zu stärken.

Interview mit Ivor Onksion, Estland

Welche fünf verbindest Du spontan mit dem Jahr 1989?

Schlange (stehen), Lebensmittel-Coupons, Aufruhr, Hoffnung, Kapitalismus

Wird ein Deiner Familie über die politischen Ereignisse rund um das Jahr 1989 gesprochen? Und wenn ja, über welche Aspekte und zu welchem Anlass?

Unsere Familie spricht nicht oft über die Ereignisse von 1989, denn damals, zur Zeit der Sowjetunion, gab es wichtigere Dinge, an die man denken musste. Nach 1989 hörte jeglicher Handel mit der Sowjetrussland auf, während Geschäfte mit den anderen Nachbarländern ebenfalls verboten waren. Die Menschen hatten also ganz reale Sorgen um die kleinen Dinge des Alltags. Viele Leute baten ihre Verwandten auf dem Land um Hilfe. Auf der anderen Seite erlebten die Menschen eine außerordentliche Solidarität und Freundlichkeit – sie waren bereit, einander durch die schwere Zeit zu helfen.

Wie hat das, was 1989 in Deinem Land geschah, Dein eigenes Leben geprägt?

Dank des finnischen Fernsehens konnten wir Esten (auch zu Zeiten der Sowjetunion) den Ereignissen im Westen folgen. Wahrscheinlich half uns das dabei, innerhalb der Sowjetunion eine positiven und optimistische Wirkung zu erzielen. Nach 1989 waren die Menschen voller Hoffnung und das verhalf ihnen zu der inneren Überzeugung, dass trotz der äußerlich schlechten Situation die Zukunft hell und alles möglich sei!

Was bedeuten die Begriffe »Grenzen« und »Freiheit« für Dich?

Freiheit heißt nicht, dass absolut alles toleriert werden sollte. Menschen, die nie in einer wahren Diktatur mit ideologischen Grenzen gelebt haben, tun sich manchmal schwer, zu verstehen, was wirkliche Freiheit ist. Sie denken, Freiheit bedeute, alles tun zu können, was man will. Für mich bedeutet Freiheit, mich jederzeit für das Gute zu entscheiden; eine Überzeugung, die im heutigen Europa eine Herausforderung darstellt.

Was wünscht Du Dir für die weitere Entwicklung in Europa?

Leider ist die heutige Welt so instabil, wie sie 1989 war, nur auf eine andere Art. Geschichte ist ein stetiger Prozess. Ich wünsche mir, dass sich Europa seinen kulturellen und religiösen Wurzeln zuwendet; dass die Menschen in Europa denen helfen, die in Not sind und sich weniger mit ihrem eigenen materiellen Wohlstand beschäftigen.

Interview mit Juliane Schmeltzer-Dybkjaer, Dänemark

Welche fünf verbindest Du spontan mit dem Jahr 1989?

Übergang, Anfang, Unsicherheit, Hoffnung und Sehnsucht

Wird ein Deiner Familie über die politischen Ereignisse rund um das Jahr 1989 gesprochen? Und wenn ja, über welche Aspekte und zu welchem Anlass?

In meiner Familie haben wir schon immer über Geschichte und Politik diskutiert. Ich habe seit jungen Jahren ein Gefühl für den Einfluss der Ereignisse von 1989, obwohl 1989 mir oft eher humorvoll dargestellt wurde. Beispielsweise hat meine Mutter mir erzählt, dass die Berliner Mauer gefallen sei, weil sie meiner Geburt einfach nicht standhalten konnte. Mein Großvater war in Berlin, als die Mauer gebaut wurde und meine Tante ist nach Berlin gegangen, um zu sehen wie man sie niederriss. Ihre persönlichen Erlebnisse und Geschichten wurden mir ebenfalls oft erzählt.

Wie hat das, was 1989 in Deinem Land geschah, Dein eigenes Leben geprägt?

In Dänemark selbst ist 1989 nicht viel passiert. Soweit ich weiß, war der Einfluss des Jahres 1989 eher indirekt, beispielsweise durch die Öffnung des Exportmarktes im frisch vereinigten Deutschland, die zu einem wirtschaftlichen Wachstumsschub in Dänemark führte.

Was bedeuten die Begriffe »Grenzen« und »Freiheit« für Dich?

Eine Grenze ist nur dann von Bedeutung, wenn es Konsequenzen oder Einschränkungen für einige oder alle Menschen gibt, die sie überschreiten. In relativer Freiheit zu leben bedeutet, dass diese Konsequenzen oder Einschränkungen keine negativen Auswirkungen darauf haben, wie du dein Leben lebst und leben möchtest. Aber Freiheit ist heute mehr als Freizügigkeit. Freiheit heute bedeutet, frei zu sein von Überwachung und das Recht auf freie Meinungsäußerung zu haben. Fakt ist, dass heute Grenzen mehr sind als Reisebeschränkungen. Sie sind ein Symbol für Kategorisierungen, für Anderssein bzw. Zugehörigkeit, in manchen Fällen sind sie sogar ein Symbol für Angst.

Was wünscht Du Dir für die weitere Entwicklung in Europa?

Oha, was für eine Frage! Ich hoffe, dass sich Europa weiterhin konstruktiv und empathisch nicht nur für ein sichereres, glücklicheres und friedlicheres Europa, sondern auch für eine sicherere, glücklichere und friedlichere Welt einsetzt. Heute verhindern Mauern die Freizügigkeit fast überall auf der Welt. Die positiven Entwicklungen in Europa seit 1989 könnten und sollten als Inspiration dazu dienen, auch diese Mauern niederzureißen.

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