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Meldung

Jugendliche forschen zu Emanzipation in der Geschichte

Auf großes Interesse stießen bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Geschichtswettbewerbs historische Themen der Diskriminierung und Gleichberechtigung. In mehr als 60 eingereichten Beiträgen beschäftigten sie sich mit der Entwicklung feministischer und homosexueller Emanzipationsbewegungen.

»So geht’s nicht weiter. Krise, Umbruch, Aufbruch« lautet das Ausschreibungsthema 2018/2019 des Geschichtswettbewerbs. Als eine Krise identifizierten die Schülerinnen und Schüler gesellschaftliche Ausgrenzung aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung. »Aufgrund aktueller Ereignisse, die zeigen, dass die Gleichberechtigung aller Menschen immer noch keine Selbstverständlichkeit und dass Toleranz noch nicht überall auf der Welt gewährleistet ist, entschieden wir uns, dies beim Geschichtswettbewerb zu thematisieren«, erklärten die Schülerinnen Sarah, Ida und Mia Luca aus Münster. Anhand von drei Protagonisten zeigen sie in ihrem selbst verfassten Roman den Wandel von Ausgrenzung aufgrund des Geschlechts, der sexuellen Orientierung oder einer Behinderung, von den 1950ern bis in die 1990er Jahre exemplarisch auf. Häufig wählten Schülerinnen und Schüler einen biografischen Zugang über prominente Vertreterinnen und Vertreter, um sich den historischen Kontext feministischer und homosexueller Emanzipationsbewegungen zu erschließen.

Feminismus: Vom Frauenwahlrecht zur 68er-Bewegung

Die Schülerinnen und Schüler forschten zur Veränderung des Frauenbilds in der Gesellschaft zu verschiedenen Zeitpunkten in der Geschichte: Von der Gründung des ersten Frauenbildungsvereins, über die Weimarer Republik bis hin zur 68er-Bewegung, um nur einige der untersuchten Etappen zu nennen. Das 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts in Deutschland war für viele Kinder und Jugendliche Anlass, sich mit der Gleichberechtigung der Frau in Deutschland auseinanderzusetzen. Da dieses kein Thema sei, das häufig im Unterricht behandelt würde, sahen Marei und Lennart aus Preetz das Jubiläum als Gelegenheit, sich der Geschichte des Frauenwahlrechts und den ersten Frauen in der Politik von Grund auf zu nähern. Ihre historischen Nachforschungen setzen bei der Gründung des allgemeinen Deutschen Frauenverbandes an und führen bis zu den ersten Politikerinnen der Weimarer Republik. Auf Grundlage dieses Wissens untersuchten sie anhand autobiografischer Aufzeichnungen, ob und inwiefern Mareis Uroma, Else von Sperber, als Politikerin im Reichstag, zur Stärkung frauenrechtlicher Politik beigetragen hat. Insgesamt befassten sich 50 eingereichte Beiträge mit der Emanzipation der Frau und dem Feminismus in der Geschichte.

Homosexuelle: Von Ausgrenzung zur Akzeptanz?

Auch zur Geschichte von Homosexuellen in Deutschland forschten einige Schülerinnen und Schüler. Anlass war hierbei meist der 50. Jahrestag der Stonewall-Unruhen in New York, die weltweit als Geburtsstunde eines neuen homo- und transsexuellen Bewusstseins gelten, manifestiert unter anderem im Christopher Street Day. Für die ersten Organisationen Homosexueller in Deutschland und ihre Protestmärsche waren sie ein Vorbild. Die Entstehung und die Reaktionen der Gesellschaft auf diese Demonstrationen war ein Forschungsthema. Julia resümiert über einen Protest 1972 in Münster, dass zwar immer mehr Menschen offen zu ihrer Homosexualität standen, dass sie damals aber gesellschaftlich kaum Akzeptanz fanden. Bezug nehmend auf die Auswirkungen der Emanzipationsproteste in der Gegenwart, fasst Fred am Ende seiner Arbeit zusammen, »dass die Schwulenbewegung zu einem neuen Bewusstsein der Bevölkerung gegenüber Homosexuellen durchaus beigetragen hat«. Der Zwölftklässler untersuchte den Wandel von Homosexualität in der Öffentlichkeit.

Aufruf gegen Diskriminierung 

Ausgehend von ihren historischen Recherchen spannen die Schülerinnen und Schüler einen Bogen zu den Verhältnissen in der Gegenwart und machen auf aktuelle Formen der Benachteiligung aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung aufmerksam. Eine 10. Klasse aus Aichach, die die Anfänge des Frauenwahlrechts auf gesamtdeutscher, wie auf lokaler Ebene, mit der Gegenwart verglich, stellt abschließend fest: »Vieles ist für uns Frauen einfacher geworden. Wir haben zum Beispiel heute viel mehr staatliche Kinderbetreuung als noch vor einigen Jahren. Aber trotzdem erleben wir gerade eine Rolle rückwärts. In vielen Bereichen, auch in der Politik werden es weniger Frauen und da müssen wir gegensteuern«. Lara und Paula betonen ebenfalls, mit Blick auf die Gegenwart und die scheinbare Gleichstellung von Mann und Frau, »dass stets große Diskrepanzen zwischen den einzelnen Ländern und beruflichen Bereichen herrschen«. In ihrer Arbeit zeichnen sie den Kampf um das Frauenwahlrecht, anhand der Biografie von Marie Juchacz, nach, die als erste Frau 1919 vor der Weimarer Nationalversammlung sprach. Charlotte, die sich mit dem Wandel gleichgeschlechtlicher Beziehungen zu Zeiten der DDR bis heute beschäftigte, betont abschließend: »Da der Prozess der vollständigen Akzeptanz von Homosexualität noch nicht beendet ist, ist jeder dazu aufgerufen, sich weiterhin für eine größere Akzeptanz und gegen die Diskriminierung von Homosexuellen einzusetzen«.

Über den Geschichtswettbewerb

Seit 1973 richten die Hamburger Körber-Stiftung und das Bundespräsidialamt den Geschichtswettbewerb aus, der auf eine gemeinsame Initiative des damaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann und des Stifters Kurt A. Körber zurückgeht. Ziel ist es, bei Kindern und Jugendlichen das Interesse für die eigene Geschichte zu wecken, Selbstständigkeit zu fördern und Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Ausgeschrieben wird der mit bislang über 146.500 Teilnehmern und rund 33.500 Projekten größte historische Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland in einem zweijährigen Turnus und zu wechselnden Themen.
 


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