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Jugendliche gestalten osteuropäische Erinnerungskultur

Kiew, Minsk, Tiflis – in diesen drei Hauptstädten zeigte sich im Juni sehr konkret, wie wertvoll die Auseinandersetzung mit Lokal- und Familiengeschichte für Jugendliche in Osteuropa sein kann. In der Ukraine, in Belarus und in Georgien wurden die Preise für die nationalen Geschichtswettbewerbe überreicht.

»Für mich ist die Beschäftigung mit Lokalgeschichte wie das Einatmen frischer Luft«, so beschrieb eine Preisträgerin aus der Ukraine ihr Faible für die Beschäftigung mit der Geschichte »von unten«. Sie gehörte zu einer der zwölf Projektgruppen, die am 16. Juni im Nationalmuseum in Kiew mit Preisen für die besten Beiträge des Wettbewerbs »Die Geschichte meiner Gemeinde« ausgezeichnet wurden.

In der Ukraine ist der Umgang mit Geschichte und Erinnerung politisch oft hoch sensibel. Die Vergangenheit des Landes ist geprägt durch Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Imperien, durch Grenz- und Bevölkerungsverschiebungen sowie die Gewaltgeschichte des blutigen 20. Jahrhunderts, die dort tiefe Spuren hinterlassen hat. Verschärft hat sich die politische Dimension von Geschichte seit der Annexion der Krim und dem Krieg in der Ostukraine. Die Frage, welchen Stellenwert das sowjetische Erbe in der Ukraine haben soll und haben darf, ist umstritten. Ereignisse wie Denkmalstürze sind immer wieder Anlass für hitzige Debatten um den angemessenen Umgang mit der sowjetischen Geschichte auch auf lokaler Ebene.

Vor diesem Hintergrund haben die Wettbewerbsorganisatoren die Schülerinnen und Schüler aufgefordert, Erinnerungskultur lokal aktiv mit zu gestalten. Bewusst riefen die Organisatoren dabei sowohl Lehrerinnen und Lehrer als auch Aktivisten aus der Zivilgesellschaft auf, Jugendliche bei ihren Projekten zu unterstützen.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren eingeladen, Themen aus ihrem direkten Umfeld historisch zu erforschen und zusätzlich Ideen zu entwickeln, wie sich ihre Ergebnisse für ihre Kommune nutzbar machen ließen.

Dem Wettbewerb ist es gelungen, Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Ukraine anzusprechen, so stammen die vier Erstpreisprojekte aus Hlobyne im Kreis Poltawa, aus Mariupol in Donezk, der Stadt Kropywnyzkyj sowie aus Lwiw in der Westukraine. Die Gruppen recherchierten in Archiven kritisch zum Gründungsmythos ihrer Stadt, setzten sich u.a. mit der Entwicklung einer Stadtrallye für die Auseinandersetzung von Mitschülern mit lokalen Denkmälern aus dem 20. Jahrhundert ein, recherchierten zum »ethnischen Mosaik«, d. h. zur multiethnischen Geschichte vor Ort oder erstellten einen touristischen Stadtführer zu historisch attraktiven Stätten in ihrem wegen hoher Kriminalität eher verrufenen Stadtteil in Lwiw. Damit setzten sie sich aktiv und kritisch mit ihrer Geschichte auseinander, für die sie auf lokaler Ebene naturgemäß weniger auf bereits bestehende Deutungsmuster zurückgreifen können. Dadurch bleibt jungen Menschen mehr Spielraum für eine eigenständige Auseinandersetzung.

Zwölf der 278 eingereichten Gruppenarbeiten von weit über 1.000 Schülerinnen und Schülern wurden von der Jury mit ersten, zweiten und dritten Preisen ausgezeichnet. Doch damit soll das Engagement der Jugendlichen noch nicht vorüber sein – die erfolgreichen Teilnehmer bewerben sich zusätzlich zu ihrer Ehrung um eine finanzielle Förderung ihrer lokalen Vorhaben durch die Veranstalter DVV International Ukraine sowie der ukrainischen Nichtregierungsorganisation NOVA DOBA.

Auch für Weißrussland zeigte sich am 14. Juni bei der Preisverleihung im Azgur-Museum in Minsk und während des anschließenden Auswertungsworkshops mit Lehrerinnen und Lehrern der Wert des Ansatzes der Geschichte von unten. Hier stand ein familiengeschichtlicher Zugang im Vordergrund. Ausgehend von einem Foto aus ihrem Familienalbum forschten 116 Schülerinnen und Schüler in 98 Beiträgen zum Leben ihrer Vorfahren. Geschichte zu personalisieren und dabei nicht auf die Helden der Geschichte, sondern auf die normalen Bürger zu schauen – dieser Ansatz ist in Belarus innovativ.

»Ich habe das erste Mal verstanden, dass auch ich Teil der Geschichte bin« – die Leiterin einer Schreib-AG, die ihre Gruppe beim Wettbewerb betreut hatte, brachte diese für sie neue Erfahrung auf den Punkt. Besucher der Preisverleihung konnten sich im Foyer selber ein Bild all der fotografischen Quellen machen, die jeweils den Ausgangspunkt für die Schülerprojekte gebildet hatten (s. Foto). Einige der von den Schülern ausgewählten Familienfotos werden wegen ihres besonderen Werts im belarussischen Staatsarchiv für Film-, Ton- und fotografische Aufnahmen aufgenommen werden, wie eine Vertreterin des Archivs betonte, die das Wettbewerbsprojekt in der Lehrerfortbildung und der Juryarbeit unterstützt hatte.

Die Bilder mit belarussischen Alltagsszenen kamen in der besonderen Kulisse des Ortes der Preisverleihung besonders gut zur Geltung: Die Veranstaltung fand im Azgur Museum, dem ehemaligen Wohnhaus und Atelier des belarussischen Bildhauers Sair Azgur (1908-1995) statt, der für seine Büsten historischer Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, darunter auch zahlreiche Marx-, Lenin- und Stalin-Standbilder, bekannt ist. Die Koalition der Veranstalter, DVV International und die NGO Historika, konnte in Belarus auf die Unterstützung des nationalen Bildungsinstituts zählen.

Ebenso erfolgreich beendete Georgien am 22. Juni seinen Geschichtswettbewerb »Jung sein im 20. Jahrhundert« mit einer festlichen Preisverleihung im Literaturhaus in Tiflis. Insbesondere SovLab, eine Nichtregierungsorganisation aus Tiflis und einer der lokalen Partner des Wettbewerbsprojekts in Georgien, setzt sich seit vielen Jahren für eine offene Auseinandersetzung mit Geschichte in Georgien ein, bei der differenziert auf Verlierer wie Gewinner, Profiteure und Opfer in Georgien zu Zeiten der Sowjetunion geschaut werden kann.

Alle drei Wettbewerbe waren teil eines Kooperationsprojekts von DVV International und der Körber-Stiftung, bei dem mit Mitteln des Auswärtigen Amts im Jahr 2017/18 Geschichtswettbewerbe in den Ländern der Östlichen Partnerschaft durchgeführt wurden.


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