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Können Europäer gemeinsam erinnern?

Ist eine gemeinsame Erinnerung in Europa möglich – und brauchen wir sie überhaupt? Diese Leitfrage war Thema der Veranstaltung »Youth for Peace« in Berlin. Mit ihr wurde der EUSTORY Next Generation Summit 2018 der Körber-Stiftung sowie ein internationales Jugendtreffen des Deutsch-Französischen Jugendwerks und seiner Partner eröffnet.

Den Auftakt des Abends bildete eine Videoinstallation, in der Jugendliche aus acht Ländern dazu zu Wort kommen, wie relevant das Thema »Krieg und Frieden« für sie auch heute ist. Im Saal verfolgten 500 Jugendliche aus mehr als 50 Ländern Europas, des Nahen Ostens und Nordafrikas sowie 150 weitere Gäste aus Politik, Diplomatie, Wissenschaft und Zivilgesellschaft diesen bewegenden Start in den Abend.
Andreas Michaelis, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, plädierte anschließend in seiner Begrüßung dafür, im öffentlichen Umgang mit Geschichte Schwarzweißzeichnungen zu vermeiden und sich differenzierter mit den Zwischentönen und Grauschattierungen zu befassen, die die Vergangenheit für die Nachkommen bereithält. Als ein Vertreter der Gastgeber betonte Thomas Paulsen, Vorstand der Körber-Stiftung, wie sehr ein offener Umgang mit Geschichte Gradmesser ist für eine offene Demokratie.

Auf eindrückliche Weise beschrieb Afua Hirsch, Autorin und Journalistin aus Großbritannien, in ihrem Impulsvortrag, wie ihr Leben und Alltag von der Geschichte geprägt sind. Auf der persönlichen Ebene schlug sie einen Bogen von ihrem deutschstämmigen Urgroßvater jüdischer Herkunft, der im ersten Weltkrieg gekämpft hatte, zum Geschichtsunterricht ihrer Tochter in England. Als Britin mit doppeltem Migrationshintergrund – die Familie ihrer Mutter stammt aus Ghana – beschrieb sie sehr kritisch, welchen Anfeindungen sie im Alltag ausgesetzt ist, wenn sie sich öffentlich kritisch mit der Geschichtskultur ihres Landes auseinandersetzt und beispielsweise einen aus ihrer Sicht in Großbritannien dominanten Siegerkult anprangert, neben dem für Aspekte wie das Leiden der Menschen im Krieg nicht genügend Raum bleibe.

Im anschließenden Panel wurde deutlich, wie vielfältig die Perspektiven auf die Geschichte von Krieg und Frieden in Europa sind. Der ehemalige französische Premierminister Jean-Marc Ayrault würdigte den Weg, den Frankreich und Deutschland in den letzten hundert Jahren vom Erzfeind zu befreundeten und verbündeten Staaten zurückgelegt haben und erinnerte an verschiedene Meilensteine in dieser Entwicklung.

Die lettische EUSTORY Alumna Anete Kalniņa betonte, dass die das Jahr 1918 mitnichten in ganz Europa mit dem Beginn von Frieden assoziiert werde, sondern im Fall ihrer Heimat den Beginn eines blutigen Bürgerkriegs bedeute. Sie wünschte sich für die Menschen in Europa ein gemeinsameres, eher verbindendes Geschichtsbild. Die Chance darauf schätzte der Historiker Sönke Neitzel von der Universität Potsdam als eher gering ein. Der bosnischen Filmemacherin Jasmila Žbanić fehlten im öffentlichen Diskurs oftmals die Kriegserfahrungen aus weiblicher Perspektive. Diese Perspektive könne ihrer Meinung nach dazu beitragen, ein deutlich weniger heroisches Bild vom Krieg zu zeichnen. Der junge Deutsche Julius Niewisch berichtete abschließend von seinen Erfahrungen als Friedensbotschafter des Institut Français d’Allemagne.

Die Eröffnungsveranstaltung »Youth for Peace« stand unter der Schirmherrschaft vom Auswärtigen Amt und der französischen Mission du Centenaire. Sie wurde von der Körber-Stiftung gemeinsam mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk ausgerichtet. Die Ergebnisse der sieben Workshops des EUSTORY Next Generation Summits, bei dem 120 junge Europäer aus 25 Ländern zusammenkommen, präsentierten die Jugendlichen am Nachmittag des 18. November in der Alten Börse Marzahn.

Details zum EUSTORY Summit 2018
Zur Videoinstallation »Young Voices on War and Peace in Europe«


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