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Symposium 2016

Auf dem Weg in die superdiverse Kommune

Unsere Gesellschaft wird immer bunter und diverser – und die Auswirkungen zeigen sich vor Ort: Es sind unsere Städte, Gemeinden und Dörfer, die Vielfalt leben, Integration gestalten und Willkommenskultur etablieren. Es gilt, Menschen mit unterschiedlicher Herkunft Zugehörigkeit und Teilhabe zu ermöglichen. Bildung, Arbeit und Wohnraum sind dabei zentrale Handlungsfelder, gerade wenn wir an Flüchtlinge denken.

Aber es geht im demografischen Wandel um mehr: Unsere Kommunen werden ihre Bewohner über kurz oder lang nicht mehr in »Mehrheit« und »Minderheiten« klassifizieren. Die Vielfalt an Kulturen und Lebensstilen wird zum Normalfall; wir sind auf dem Weg in die superdiverse Stadt. Wie steht es um die aktuelle demografische Situation und Zuwanderung in Deutschland? Was bedeutet Integration mit wechselseitiger Anpassung und welche Werte verbinden unsere zunehmend heterogene Gesellschaft? Was können wir von internationalen Städten der Vielfalt lernen? Und welche innovativen Beispiele aus deutschen Städten laden zum Nachahmen ein?

Ausgewählte Experten aus Wissenschaft und Praxis begaben sich beim Körber-Demografie-Symposium in Hamburg ebenso »auf den Weg in die superdiverse Kommune« wie Künstler. Und viel Raum ist auch für den kollegialen Austausch derer, die lokal die Themen Demografie und Integration verantworten und gestalten. Das Symposium fand am 21. und 22. September 2016 in der Körber-Stiftung statt.

Tagungsbericht

Rund 170 Vertreter aus Kommunen, Behörden und Initiativen trafen sich am 21. und 22. September 2016 zum 7. Körber Demografie-Symposium »Auf dem Weg in die superdiverse Kommune«. In Vorträgen und Podiumsgesprächen sprachen renommierte Experten und wurden ausgewählte internationale und nationale Engagement-Beispiele präsentiert.

Bericht über das Symposium (PDF)

Reden und Vorträge

»Vorbild Atlanta: Diversität als Standortfaktor«

Öffentliche Abendveranstaltung, Vortrag von Michelle Maziar, Director of Immigrant Affairs at the Mayor’s Office of Atlanta, USA

Atlanta ist stolz auf seine vielfältige Bevölkerung und versteht sie als wichtige Ressource. Die Willkommensstrategie von Stadt, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ist Chefsache des Bürgermeisters Kasim Reed und seiner Integrationsbeauftragten Michelle Maziar. Im KörberForum stellt Maziar die innovative Integrationspraxis vor, die sogar das Weiße Haus auf die junge Stadt aufmerksam gemacht hat. Auftakt zum 7. Körber Demografie-Symposium.
Moderation: Jonathan Petzold, Hanseatic Help e. V.

Präsentation von Michelle Maziar (PDF)

»Einwanderungsland Deutschland. Demografie, Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt«

Vortrag von Prof. Dr. Hacı Halil Uslucan, stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats für Integration und Migration, Berlin

Der Professor für Moderne Türkeistudien, Prof. Dr. Hacı Halil Uslucan, liefert in seinem Vortrag Fakten zum Einwanderungsland Deutschland, über den Anteil der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund und über die Abhängigkeit der alternden deutschen Bevölkerung von Zuwanderung junger Neubürger. Mit anschaulichen Grafiken weist er auf, dass Deutschland längst superdivers sei und argumentiert anhand von Beispielen, welche psychologischen und sozialen Auswirkungen die Ablehnung von Teilen der Bevölkerung gegen bestimmte Gruppen von Zuwanderern hat.

»Integration – Illusion?«

Keynote-Rap von Samy Deluxe, deutscher Rapper, Hamburg

In dem ersten Key-Note-Rap auf einer deutschen Stiftungs-Tagung beschäftigt sich der Rapper Samy Deluxe aus Hamburg-Eppendorf mit seiner eigenen Jugend als »Mimimi« (Mitbürger mit Migrationshintergrund) in einem Stadtteil, in dem er damit eher ein Alleinstellungsmerkmal hatte. In Rap-Form erklärt er, sarkastisch und provokant, am Beispiel seiner eigenen Erfahrungen, warum Integration eine Illusion sei und wie er als schwarzer Rapper ein deutscher Dichter und Denker wurde. Ein Freiwilliger aus dem Publikum wird zum »Integrationstest« auf die Bühne geholt.

»Fußball, Goethe, Feuerwehr. Wie deutsche Kommunen sich einem guten Miteinander mit Flüchtlingen öffnen.«

Abschlussdiskussion mit Präsentation von nationalen Beispielen, mit Dr. Nargess Eskandari-Grünberg, langjährige Integrationsdezernentin der Stadt Frankfurt a. M., Dr. Jens Schneider, Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien, Universität Osnabrück und Michael Richter, Filmemacher und Autor, Hamburg; Moderation durch Karin Haist, Leiterin des Bereichs Gesellschaft der Körber-Stiftung

In der Abschlussdiskussion des 7. Körber Demografie-Symposiums tragen die Diskutierenden verschiedene Beispiele und Ideen zusammen, wie sich die superdiverse Kommune gestalten lässt. Dazu werden auch vier nationale Beispiele von Flüchtlingsprojekten aus verschiedenen Städten Deutschlands vorgestellt: Der SV Babelsberg 03 mit der Mannschaft »Welcome United 03«, der THW Sarstedt mit seinem Pilotprojekt zur Grundausbildung von Geflüchteten, die Stadt Arnsberg mit dem Projekt Neue Nachbarn Arnsberg und das Museum für Islamische Kunst in Berlin mit dem Projekt Multaka.

Lernforen

Amsterdam ist eine der superdiversen Städte Europas, dennoch bleiben in vielen Stadtvierteln die Bewohner unter sich. Die Organisation Placemakers erklärt mit dem Projekt de Buurtcamping städtische Parks zu temporären Campingplätzen, um interkulturelle Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Die Anwohner erproben neue, inklusive Gemeinschaftsräume in der eigenen Stadt.

Porträt (PDF)

www.debuurtcamping.nl

Barcelona, die zweitgrößte Stadt Spaniens, setzt auf Kommunikation und zeigt mit unterschiedlichen, teils künstlerischen Formaten seine vielfältige Gesellschaft. Die Organisation Mescladis sammelt mit den Migrant Dialogues Lebensgeschichten von Bürgern, porträtiert sie in überlebensgroßen Bildern im öffentlichen Raum und dreht Online-Videos.

Porträt (PDF)

www.mescladis.org

 

 

Fotogalerie

Fotos: Körber-Stiftung/André Wagenzik

Rückblicke

Auf dem Körber Demografie-Symposium 2016 stellten sich zahlreiche Projekte vor.
An dieser Stelle beleuchten wir in loser Folge, was aus einigen von ihnen geworden ist.

Initiative »Neue Nachbarn Arnsberg«

Arnsbergs neue Nachbarn: Geflüchtete helfen Geflüchteten

Verein »Freunde für islamische Kunst e.V.«

Treffpunkt Museum – Geflüchtete als Guides in Berliner Museen

SV Babelsberg 03:

Angekommen auf dem Sportplatz

Programm

7. Körber Demografie-Symposium
Auf dem Weg in die superdiverse Kommune

Mittwoch, 21. September 2016

17.30 Uhr Empfang für die Tagungsteilnehmer
Willkommen am Hamburger Hafen!

19.00 Uhr Öffentliche Abendveranstaltung im KörberForum
Collective Impact für die superdiverse Stadt von morgen
Michelle Maziar, Director of Immigrant Affairs at the Mayor’s Office of Atlanta, USA
Moderation: Jonathan Petzold, Hanseatic Help e. V., Hamburg

Donnerstag, 22. September 2016

10.00 Uhr Begrüßung
Mit Vielfalt leben lernen
Anja Paehlke, Mitglied des Vorstands der Körber-Stiftung

10.15 Uhr Vortrag
Einwanderungsland Deutschland. Demografie, Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Prof. Dr. Hacı Halil Uslucan, stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration, Berlin

11.30 Uhr Internationale Lernforen
Zum Beispiel Amsterdam und Barcelona: Innovative Praxis für superdiverse Städte
Moderation: Michael Alberg-Seberich und Florian Wenzel, Beyond Philantrophy, Berlin

13.00 Uhr Mittagessen

14.00 Uhr Key-Note-Rap
Integration – Illusion?
Samy Deluxe und die DeluxeKidz, Hamburg

15.00 Uhr Kaffeepause

15.30 Uhr Abschlussdiskussion
Fußball, Goethe, Feuerwehr. Wie deutsche Kommunen sich einem guten Miteinander mit Flüchtlingen öffnen
Dr. Nargess Eskandari-Grünberg, langjährige Integrationsdezernentin der Stadt Frankfurt a. M.
Dr. Jens Schneider, Institut für Migrationsforschung und interkulturelle Studien, Universität Osnabrück
Michael Richter, Filmemacher und Buchautor, Hamburg

17.15 Uhr Ende des 7. Körber Demografie-Symposiums

Referenten und Redner

Michelle Maziar ist zum einen Integrationsbeauftragte der Stadt Atlanta. Dort ist sie für die Politik und die Initiativen in den Bereichen öffentliche Sicherheit, bürgerschaftliches Engagement und wirtschaftliche Stärkung zuständig. Zum anderen leitet sie »Welcoming Atlanta«, eine privat-öffentliche Initiative für erfolgreiche Integrationsarbeit im Großraum Atlanta, in der sie gemeinsam mit zahlreichen Unterstützern an der Vision einer inklusiven Region arbeitet. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt schon lange auf den Strategien für Engagement in Kommunen, um besonders Immigranten und Flüchtlingen Teilhabe zu ermöglichen. An der Harvard Graduate School of Education hat sie zum Thema Bildungsgerechtigkeit bei jungen Migranten geforscht.

Prof. Dr. Haci Halil Uslucan ist stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), Professor für Moderne Türkeistudien und wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen. Er studierte Psychologie, Philosophie und Literaturwissenschaft an der FU Berlin, promovierte im Fach Psychologie und habilitierte später an der Universität Magdeburg zum Thema Jugendgewalt.
Seine Arbeitsschwerpunkte sind Entwicklungs- und Bildungspsychologie, kulturvergleichende Psychologie, Migration und psychische Gesundheit, religiöse Erziehung und Religionsunterricht sowie Jugendentwicklung und Erziehung in interkulturellen Kontexten.

Samy Deluxe (bürgerlicher Name Samy Sorge) ist ein deutscher Rapper aus Hamburg Eppendorf und gilt mittlerweile als Urgestein des deutschen Hip-Hops. In den frühen Jahren seines musikalischen Werdegangs rappte er auf Englisch. Seinen Durchbruch mit Dynamite Deluxe schaffte er allerdings mit deutschen Texten. Es folgten zwei Alben mit seinem Stuttgarter Kollegen Afrob und zahlreiche Soloalben.
Bereits mehrfach wurde Samy Deluxe für sein soziales Engagement ausgezeichnet. Er gründete unter anderem die DeluxeKids, ein Verein zur kulturellen Förderung von Kindern und Jugendlichen in Hamburg Altona. In Schulen und auf Veranstaltungen gibt er Rap-Workshops und coacht die jungen Talente.

Michael Richter ist seit mehr als 20 Jahren freier Autor und Regisseur. Richters Dokumentation »Festung Europa« war u.a. bei arte, 3sat, und im NDR Fernsehen zu sehen. Für die Reportage »Abschiebung im Morgengrauen«, eine Innenansicht der Hamburger Ausländerbehörde erhielt er 2006 den Grimme-Preis, und das Feature »Riskante Reise. Europa und die Fluchtströme« war 2015 dafür nominiert. In der edition Körber-Stiftung ist 2015 »Fluchtpunkt Europa. Unsere humanitäre Verantwortung« erschienen, im Oktober 2016 erscheint sein neues Buch »Neue Heimat Deutschland. Zuwanderung als Erfolgsgeschichte«.

Dr. Jens Schneider ist Ethnologe und arbeitet am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück.
Er schrieb seine Dissertation zum Thema »Deutsch sein. Das Eigene, das Fremde und die Vergangenheit im Selbstbild des vereinten Deutschland« und arbeitete anschließend am Institute for Migration and Ethnic Studies (IMES) der Universiteit van Amsterdam sowie am Museu Nacional (PPGAS) der Universidade Federal do Rio de Janeiro. Seine Forschungsschwerpunkte sind Identität, Ethnizität, Nationalismus, Migration und Bildung.

Dr. Nargess Eskandari-Grünberg ist eine deutsche Kommunalpolitikerin (Bündnis 90/Die Grünen). Sie ist ehrenamtliche Stadträtin und war bis Juli 2016 Dezernentin für Integration der Stadt Frankfurt am Main. Geboren in Teheran, ist sie 1985 als Verfolgte des islamischen Regimes aus dem Iran nach Deutschland geflohen. Eskandari-Grünberg studierte Psychologie und schloss ihre akademische Ausbildung mit der Promotion ab. Als Psychotherapeutin hat sie eine eigene Praxis und leitet zudem für die Beratungsstelle für ältere Migrantinnen und Migranten HIWA! des Deutschen Roten Kreuzes.

 

 

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