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Bericht vom Symposium 2017

»Vielfalt ist mehr als Herkunft«

von Sugárka Sielaff

»Wie soll ich als Eimsbüttelerin heute überhaupt noch nach Hause gehen?« scherzt Agata Klaus von der Körber-Stiftung und das Lachen des Publikums füllt den Saal in der Hafencity. Denn sie weiß jetzt: ausgerechnet der als bürgerlich-konservativ geltende Hamburger Stadtteil Blankenese ist wesentlich diverser als ihr urbanes Eimsbüttel. Erstaunlich. Aber das zeigt der neue Superdiversitäts-Index, den das infas-Institut für angewandte Sozialwissenschaft für die Körber-Stiftung entwickelt hat. Ein hoher Wert bedeutet für ein Stadtviertel , dass dort Menschen verschiedener Einkommensklassen leben, die vielen verschiedenen Religionen angehören, verschiedene Parteien wählen, sehr unterschiedlicher Herkunft sind, alle Altersstufen abdecken und in ihrem Stadtteil die Möglichkeit der Begegnung haben.

Es sei ein großes Plus der Studie, »dass wir auch über uns viel lernen konnten«, sagt Melanie Leonhard, Senatorin für Arbeit Soziales, Familie und Integration der Freien und Hansestadt Hamburg. Sie freut sich, die »exklusiven und taufrischen« Ergebnisse vorstellen zu können. Klar sei, so Senatorin Melanie Leonhard »dass Stadtteile sich nicht einmal entwickeln und dann hundert Jahre gleich sind, sondern sich verändern. Die klassischen sozialen Milieus, die gibt es gar nicht mehr. Sondern wir finden viel Neues, neu zusammen gebracht.«

Diversität, das soll der Ansatz der Studie verdeutlichen, ist mehr als Herkunft. Robert Follmer vom infas-Institut zeigt den Gästen des 8. Körber-Demografie-Symposiums »Heimat in der Superdiversen Stadt« auch eine Deutschlandkarte mit den Superdiversitätswerten der einzelnen Bundesländer. Hamburg steht an der Spitze. Das wundert Senatorin Melanie Leonhard nicht. Hamburg, mit seinem Hafen und der Industrie, sei schon immer ein »Hoffnungsort« gewesen.

»Was mit portugiesische Juden, die sich in Altona ansiedelten, begann«, sei später mit niederdeutsche Glaubensflüchtlinge weiter gegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Vertriebene und Geflüchtete, dann die Gastarbeiter. »Und auch was geschlechtliche Identitäten angeht, war Hamburg immer superdivers«, betont die Senatorin.

Auch Diplomsoziologe und Erhebungsexperte Follmer entführt seine Zuhörer auf einen kleinen Exkurs in die Geschichte. Um 1900 sei das Deutsche Reich im Zuge der Industrialisierung, nach den USA das zweitgrößte Einwanderungsland gewesen. »Hamburg ist von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg um den Faktor vier gewachsen.«

Erhebungen von infas hätten gezeigt, dass gerade die Bevölkerung von Städten, die traditionell von Einwanderung geprägt seien, gesellschaftlicher Vielfalt positiv gegenüber stünde. Was aber bedeutet Vielfalt genau? Beschränke man diesen Begriff auf die Herkunft, so sei das »eher undivers«. Darum haben Follmer und seine Kollegen weitere Aspekte hinzugefügt und anhand dieser Kriterien bereits vorhandene Daten aus den 70.000 Ortsteilen in Deutschland ausgewertet. Einen solchen Ansatz habe es in der Forschung noch nicht gegeben. Das Entscheidende an dem Ansatz sei die Erweiterung des Horizonts um weitere Dimensionen von Vielfalt.

Der Superdiversitäts-Index kann helfen, einen neuen Blick auf unsere Städte zu werfen und »unseren Kopf aufzuräumen«, sagt der Soziologe. Bei genauerer Analyse zeigt sich nämlich am Beispiel von Hamburg, dass Stadtteile, die aus Gewohnheit als Problemviertel mit hohem Förderbedarf gelten, mitunter gar nicht besonders vielfältig sind. Dies gelte beispielsweise für die Hamburger Szeneviertel Sternschanze, Karolinenviertel und St. Pauli. »Wir fühlen uns vielleicht divers, sind es aber nicht unbedingt«, sagt Follmer. Einer der Stadtteile mit der höchsten Superdiversität in Hamburg ist Wilhelmsburg. Ein Stadtteil von dem Hamburger wissen, dass er überwiegend von Migranten bewohnt wird, die unterschiedlichen Religionen anhängen. Aber auch was die Kaufkraft betrifft - und das dürfte überraschen - ist Wilhelmsburg längst divers.

Diese Grautöne bei der Betrachtung von Diversität, findet Senatorin Leonhard wichtig. Um das Zusammenleben in der Superdiversen Stadt gut zu gestalten, müsse man nicht »mehr vom Gleichen anbieten«, sondern neue Antworten finden. Es sei unabdingbar genau zu analysieren, »welche Bedürfnisse die unterschiedlichen Gruppen eigentlich haben«.

Darin hat Peter Myrczik, Fachbereichsleiter Rat, Beteiligung und Wahlen der Stadt Mannheim, viel Erfahrung. Im Podiumsgespräch mit Snežana Sever der Leiterin der Geschäftsstelle Gender Mainstreaming der Stadt Freiburg, erzählt er davon, wie es gelang, dass 100 Mannheimer Organisationen gemeinsam die »Mannheimer Erklärung für ein Zusammenleben in Vielfalt« entwickelten. Und das, nachdem interreligiöse Konflikte die Stimmung in Mannheim schwer beschädigt hatten. »Menschen die als Lobbyvertreter ihrer Gruppe zu den Gesprächen kamen, haben erkannt, dass es ein Vorteil für alle ist, wenn sie für Vielfalt sprechen«, erzählt Myrczik. Inzwischen haben mehr als Zweihundert Organisationen die Erklärung unterschrieben und die Stadt hat eine eigene Stelle für die Weiterentwicklung der Erklärung geschaffen. 45% der Mannheimer haben einen Migrationshintergrund. Es gebe aber neben den nackten Zahlen, auch die Seele der Stadt, sagt der Fachbereichsleiter. Schon die Stadtprivilegien aus dem 17. Jahrhundert seien in mehreren Sprachen niedergelegt worden. Zuwanderung hat in Mannheim Tradition. Dass eine Stadtverwaltung viel für das Gelingen einer superdiversen Stadt tun kann, findet auch Snežana Sever aus Freiburg. Die Verwaltung ist der zweitgrößte Arbeitgeber in Freiburg und hat ein besonderes Einstellungsverfahren eingeführt. Statt eine klassische Bewerbungsmappe einzureichen, können Bewerber Online einen Test machen. Wer ihn besteht, wird zum Gespräch eingeladen. So dominierten nicht Lebenslauf und Zeugnisse das Bewerbungsverfahren, sagt Snežana Sever. Und die Verwaltung wird diverser. Auch der Soziologe Robert Follmer empfiehlt den Gästen im Körber-Forum zum Schluss einen Perspektivwechsel. Beim nächsten Besuch in Hamburg, sollten sie nicht nur in die Elbphilharmonie gehen. »Machen sie einen Spaziergang durch Wilhelmsburg. Das ist unter Umständen spannender.«

Fotogalerie

Fotos: David Ausserhofer

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