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Der bedrohte soziale Zusammenhalt

Ein Beitrag von Heinz Bude. Er ist Soziologe und Professor für Makro-Soziologie an der Universität Kassel. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Generations-, Exklusions- und Unternehmensforschung.

Zwei Entwicklungen scheinen heute den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu bedrohen:

Zum einen der Umstand, dass die Menschen sich in ihre kleinen Lebenswelten zurückziehen, weil sie dort die Inseln der Verlässlichkeit zu finden glauben, die ihnen Halt in einer komplexen Welt versprechen. Die Familie oder die Lebensgemeinschaft, die Region oder das Quartier, der Verein oder die Clique gelten als Anker einer Verhaltensheimat, die einem ein Gefühl von Resonanz und Resilienz gibt. Da draußen passieren Dinge, gegen die man sich schützen muss, weil sie einen in jeder Hinsicht überfordern. Begriffe wie Migration, Finanzialisierung oder Digitalisierung annoncieren Veränderungen, die einen Bruch zwischen einer Vergangenheit, die man kennt, und einer Zukunft, die man nicht kennt, heraufbeschwören. Da streckt man lieber nicht den Kopf zu weit raus, sondern zieht sich auf das zurück, was überschaubar und beherrschbar ist.

Die andere Entwicklung stellt die andere Seite dieser Medaille dar. Der Tourismus, die über Staatsgrenzen verlaufenden Verwertungsketten und die Biennalen mit Kunst aus aller Welt beweisen die weltweite Verflechtung von Aktivitäten, die die Menschen auf eine unaufgeregte und unausweichliche Weise miteinander in Beziehung bringt. Wir kennen den Unterschied zwischen der vietnamesischen und der thailändischen Küche, wir wissen, dass T-Shirts von Tommy Hilfiger in Indien gefertigt werden und wir mögen K-Pop aus Südkorea, Heavy Metal aus Südtirol oder EthnoPop aus Israel.

Aber in dem Maße wie sich unsere Kontaktwelt ausdehnt, ziehen sich anscheinend unsere Lebenswelten zusammen. Daraus kann sich eine merkwürdige Gemengelage von freundlicher Indifferenz, genervtem Rückzug, geschickter Egotaktik und verbohrtem Stammesdenken ergeben. Gemeinsam ist diesen Formen des Zurechtkommens und des Nutzens von Vielfalt die Abkehr von Vorstellungen eines sozialen Zusammenhalts, der Verpflichtungen für alle mit sich bringt. Dafür zu sorgen, überlässt man gerne der Politik des Staates, über die man sich beschwert, wenn Benachteiligte Probleme machen, wenn sich Unzufriedene unangenehmen Protestparteien zuwenden oder wenn Übergangene nur noch ein instrumentelles Verhältnis zum Gemeinwohl an den Tag legen.

Die Frage des sozialen Zusammenhalts ist heute womöglich weniger die liberale Problematik der Akzeptanz von Vielfalt als die republikanische der Verpflichtung fürs Gemeinwohl. Ist die Gesellschaft der Zukunft nur noch ein buntes Mosaik von Berührungen und Abstoßungen? Oder doch noch ein organischer Zusammenhang von solidarischen Übereinkünften und lebenspraktischen Anschlüssen?
Es ist ein Verständnis von Politik aufgerufen, das sich die Integration durch Konflikt auf die Fahnen schreibt.

Kontakt

Karin Haist
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte
Stv. Leiterin im Haus im Park

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E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Jonathan Petzold
Programm-Manager
Körber Demografie-Symposien
Stadtlabor demografische Zukunftschancen

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 30
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