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Perspektivwechsel – Geflüchtete Museumsguides erklären in Berliner Museen die Kunst ihrer Heimat

Im vergangenen Jahr hat sich das von syrischen Geflüchteten und dem Verein »Freunde für islamische Kunst e.V.«, gegründete Projekt »Multaka: Treffpunkt Museum – Geflüchtete als Guides in Berliner Museen« auf dem Körber Demografie-Symposium vorgestellt. Treffpunkt (arabisch: Multaka) sind vier Berliner Museen: das Museum für islamische Kunst und das Vorderasiatische Museum, beide im Pergamonmuseum, das Museum für Byzantinische Kunst im Bode-Museum und das Deutsche Historische Museum. Das Besondere: die Führungen sind von Geflüchteten für Geflüchtete aber eben auch für alle anderen Besucherinnen und Besucher der staatlichen Museen. Wie hat sich das Projekt seit dem letztjährigen Körber Demografie-Symposium entwickelt?

Syrer und Iraker erzählen über ihre Heimat

Die Zahlen sprechen für den Erfolg – fast 7000 Teilnehmer gab es bereits. Wegen der großen Nachfrage sind nunmehr 24 Guides im Einsatz, während es 2016 noch 19 Guides waren, die Touren durch die vier Museen anbieten. Die Syrer und Iraker berichten über Exponate, die größtenteils aus ihren Herkunftsländern stammen. »Das Ziel ist es eine kulturelle Brücke zu schlagen«, sagt Salma Jreige, Projektleiterin von Multaka. »Durch die Ausstellungen sehen die Flüchtlinge, dass ihre Kultur erkannt und respektiert wird. Außerdem lernen die Flüchtlinge, dass es Parallelen gibt zwischen ihrer alten und neuen Heimat.« Der Austausch über verschiedene kulturelle und historische Erfahrungen und die Einbeziehung in die Objektbetrachtung und -interpretation macht die Museen so zu einem Raum für Erinnerungen. Gleichzeitig wird ein Blick auf die deutsche Geschichte geworfen. Im Deutschen Historischen Museum thematisieren die Gruppen die Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte. Insbesondere der deutsche Wiederaufbau gibt vielen Geflüchteten die Hoffnung, dass ihre Geschichte doch noch eine positive Wendung nimmt, auch wenn jetzt alles in Trümmern liegt. 

Dialog und Interaktion - die Führungen

Die engagierten Guides sind keine klassischen Experten. Sie entwickeln in ihrer Ausbildung individuelle Führungen, die stark auf Dialog und Interaktion setzen. Neben der Vermittlung von reinem Faktenwissen über die Exponate und Ausstellungen werden die Führungen als Chance begriffen, in einer heterogenen und vielfältigen Gesellschaft Verständigung und Akzeptanz zu fördern. So erzählen die Guides auch ihre ganz eigene Geschichte, was jede Führung zu einem einzigartigen, emotionalen Erlebnis macht.
Um dies auch einer größeren Zielgruppe zu ermöglichen werden immer wieder Führungen auf Deutsch oder Englisch angeboten – entweder für Vertreter von Politik und Wissenschaft oder wie im vergangenen Jahr im Rahmen eines Workshops für deutsche Besucher. Das Feedback war durchweg positiv. Die Führungen finden wöchentlich mittwochs und samstags statt.

Horizonterweiterung und Erhalt von Kulturgütern

Bisher ist das mehrfach ausgezeichnete Projekt in Deutschland einzigartig. Deshalb und wegen unverändert hoher Nachfrage ist die Projektleitung von Multaka daran interessiert, das Projekt auch in anderen Städten anzubieten. Außerdem wird über Führungen in weiteren Sprachen und das Erproben von spannenden, kreativen Konzepten nachgedacht. Salma Jreige: »Solange Bedarf und Interesse da ist, wird das Projekt weiterlaufen.«

Ein anderes Projekt, das sich mit dem kulturellen Erbe von Geflüchteten befasst, ist das »Syrian Heritage Archive Project«. Hier bemühen sich deutsch-syrische Teams, um die Sicherung und Digitalisierung vom Krieg bedrohter syrischer Kulturgüter und ihrem Erhalt für die Nachwelt. Auch ein Jahr nach dem letzten Körber Demografie-Symposium ist das Interesse, sich mit syrischen und irakischen Kulturgütern auseinander zu setzen, also nach wie vor groß. Die Guides schaffen Bewusstsein für vielfältige Meinungen und Perspektiven und tragen so bei zur Öffnung unserer Gesellschaft bei.

In Deutschland leben ganz unterschiedliche Menschen zusammen. Sie unterscheiden sich nicht nur nach ihrer Herkunft, sondern auch nach Geschlecht, Alter, Lebensstil, Bildungsstand und vielem mehr – eine superdiverse Gesellschaft entsteht. Das bietet viele Chancen, die genutzt werden wollen. Beim 8. Körber Demografie-Symposium zum Thema »Heimat in der superdiversen Stadt« am 15./16. November diskutieren kommunale Entscheider die Bedeutung dieses gesellschaftlichen Wandels. Aus Berlin kommt eines von vielen nationalen und internationalen Beispielen.  

Zum Symposium

Kontakt

Karin Haist
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Jonathan Petzold
Programm-Manager
Körber Demografie-Symposien
Stadtlabor demografische Zukunftschancen

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 30
E-Mail petzold@koerber-stiftung.de

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