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Superdiversität – gesellschaftliche Vielfalt neu denken

Menschen unterscheiden sich nicht nur durch ihre Herkunft, sondern durch unzählige Merkmale, etwa Religion, Bildung, Alter, Sozialisierung. Der Begriff »Superdiversität« erweitert den Blick auf diese gesellschaftliche Vielfalt. Jonathan Petzold, Programm-Manager im Bereich Alter und Demografie, erläutert im Interview mit der Website-Redaktion, weshalb die Körber-Stiftung eine Studie über Superdiversität in Deutschland in Auftrag gegeben hat.

Hier finden Sie eine interaktive Karte mit den Superdiversitätswerten für deutsche Stadt- und Ortsteile.


Das Wort »Superdiversität« ist für viele noch neu. Was bezeichnet es?

Dieser Begriff erweitert den Blick auf gesellschaftliche Vielfalt. Menschen unterscheiden sich natürlich nicht nur durch ihre Herkunft, sondern nach unzähligen Merkmalen. Dazu zählen Religion, Bildung, Alter, Sozialisierung im städtischen oder ländlichen Raum, ökonomischer Status, erlernter Beruf, Berufstätigkeit, Lebensstil, Familienstand und vieles andere mehr. Indem wir von Superdiversität sprechen, lösen wir »Vielfalt« von »Herkunft«, die mit Bezug auf unsere Bevölkerung oft gleichgesetzt werden. Das Ziel ist, gesellschaftliche Vielfalt anzuerkennen.

Aber warum reicht es denn nicht aus, die Herkunft zu betrachten, wenn wir wissen wollen, wie vielfältig eine Gemeinde oder ein Stadtteil ist? Die meisten interessiert das doch nun mal!

Blicken wir nur auf Herkunft, können wir auch nur dort Antwort auf unsere Fragen finden. »Warum gibt es in einem Stadtteil besonders viele Kinder?« – »Weil er einen hohen Ausländeranteil hat«. Das ist eindimensional und unterschlägt Faktoren wie Wohlstandsgefälle oder Altersstruktur, die mit ins Gesamtbild gehören. Die Superdiversität verneint nicht die Herkunft als Dimension, sondern erkennt sie als eine von vielen Dimensionen an. Diese existieren gleichberechtigt und führen zu angemesseneren Urteilen.

Ein realistisches Bild kann im zweiten Schritt dabei helfen, die Angst bzw. Spaltung zu überwinden, die durch eine Konzentration auf Unterschiede in Herkunft oder Ethnie entsteht. Nach dem Motto: »Wenn wir uns sowieso alle unterscheiden, ist es auch egal, wie ein Mensch aussieht.«

Die Stiftung hat eine bundesweite Studie in Auftrag gegeben. Welche Dimensionen der Superdiversität wurden ausgewertet und warum gerade diese?

Ausgewählt wurden die Dimensionen Herkunft, Religion, Alter, Einkommen, Wahlverhalten und Nähe zum nächsten Subzentrum. Dieser Auswahl liegen pragmatische Überlegungen zu Grunde. Ziel war, einen Index zu erstellen der kleinräumig, also auf Orts- oder Stadtteilebene Superdiversität erfasst. Dafür haben die Mitarbeiter des infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft, das die Studie im Auftrag der Körber-Stiftung erstellt hat, auf bundesweit verfügbare Daten zurückgegriffen. Es wurde keine neue Erhebung vorgenommen, lediglich für die gewählten Indikatoren waren Daten deutschlandweit verfügbar. Wie erwähnt, umfasst Vielfalt aber noch weit mehr Dimensionen. Nur die wenigsten werden in Deutschland flächendeckend erfasst.

Wann spricht die Studie von hoher, wann von niedriger Superdiversität?

Für die verschiedenen Dimensionen der Superdiversität wird deren Heterogenität mittels so genannter Gini-Koeffizienten ermittelt. Das bedeutet: Hohe Werte zeigen an, dass eine maximale Verteilung auf alle Ausprägungen herrscht. Ein Beispiel: Ein hoher Wert für die Einkommensverteilung bedeutet, dass in dem entsprechenden Ortsteil Menschen gleichmäßig verteilt aus allen Einkommensstufen leben. Umgekehrt bedeutet ein niedriger Wert, dass dort primär Menschen einer Gehaltsstufe leben, z.B. nur Menschen mit hohem oder nur mit niedrigem Einkommen. »Ghettobildung«, egal in welche Richtung, wird immer durch niedrige Werte angezeigt. Das Gesamtbild ergibt sich aus der Addition aller Indikatoren. Die höchste Superdiversität zeigt sich also in Orts- oder Stadtteilen, in denen Menschen aus allen abgebildeten gesellschaftlichen Gruppen leben.

Wenn in einem Stadtteil ein Großteil der Bewohner einen Migrationshintergrund hat, ist das Viertel dann divers oder nicht?

Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. Wie gesagt, der Migrationshintergrund ist nur eine Dimension. Homogenität, also zum Beispiel nur Menschen mit Migrationshintergrund oder aus der gleichen Altersklasse, führt zu einem niedrigen Wert. Allerdings kann dies durch die anderen Dimensionen ausgeglichen werden.

Aber kann man die Werte der Dimensionen denn wirklich einfach addieren? Wiegt die ethnische Herkunft nicht weit schwerer als die religiöse Bindung?

Die Dimensionen oder – in der Sprache der Statistik – Indikatoren zählen nicht gleich viel, sondern werden gewichtet. Die Gewichtung der Indikatoren wurde mittels eines faktoranalytischen Verfahrens bestimmt. Dabei wird errechnet, wieviel Einfluss ein einzelner Indikator auf die Ausprägung des Gesamtindex hat und dadurch eine Gewichtung vorgenommen. Dabei ist unter anderem herausgekommen, dass der Indikator zur religiösen Orientierung sogar schwerer wiegt als die ethnische Herkunft.

Welche Region hat laut der Studie der Körber-Stiftung die höchste Diversität? Welche die geringste?

Regionen mit der höchsten Superdiversität sind Großstädte. Das überrascht erstmal wenig, allerdings fällt auf den zweiten Blick auf, dass die höchsten Werte nicht etwa in den Millionenstädten zu finden sind, sondern in mittelgroßen Städten mit 100.000 bis 250.000 Einwohnern. Spitzenreiter sind hier Städte im Südwesten Deutschlands wie Offenbach oder Mannheim. Niedrigere Werte werden in ländlichen Regionen beobachtet. Auch das überrascht zunächst wenig in Anbetracht der Tatsache, dass Städte Anziehungspunkt für Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensumständen sind und schon immer waren.

Welches Ergebnis hat Sie am meisten überrascht?

Aus Hamburger Sicht überrascht, dass München superdiverser ist als Hamburg. Vergleicht man jedoch die Bundesländer miteinander, ist Hamburg das Land mit der größten Superdiversität, noch vor Berlin und Bremen. Aber auch im ländlichen Raum lassen sich spannende Entdeckungen machen. Ich kann Interessierten nur empfehlen, auf der interaktiven Karte, die die Kollegen von infas für uns erstellt haben, in ihre Orts- und Stadtteile zu zoomen und die eigene Umgebung neu zu entdecken. Der Superdiversitätsindex ist ein interessantes Nachdenkangebot und die Einladung, den Blick zu erweitern und Vielfalt in all ihren Dimensionen zu betrachten.

Hand aufs Herz: Ist eine hohe Superdiversität nun erstrebenswert oder nicht?

Das ist keine Frage von Wünschen. Superdiversität ist vielerorts Realität und es gilt, mit ihr umzugehen. Sie bietet Chancen und Herausforderungen – erstrebenswert ist es, sie anzuerkennen und gemeinsam mit allen Gruppen positiv zu gestalten. Im Kontext von Globalisierung und Digitalisierung wird die Stadtgesellschaft einerseits ethnisch bzw. der Herkunft nach diverser, andererseits auch bzgl. unterschiedlicher Lebensstile und vieler weiterer Dimensionen. Dies führt aber nicht zwangsläufig dazu, dass Begegnungen auf Augenhöhe und mit dem guten Willen aller Beteiligten stattfinden. Ein Großteil der Gesellschaft ist offen und tolerant, aber ein nicht zu vernachlässigender Teil eben nicht. In dieser Gemengelage ist die (positive) Anerkennung des beschriebenen Wandels ein gesellschaftliches Statement. Er wird nicht als Bedrohung gesehen, sondern als Chance. Begegnung und Vielfalt bedeuten nicht die Aufgabe „des Eigenen“, sondern können als gegenseitige Bereicherung gesehen werden.

 

 

Kontakt

Karin Haist
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Jonathan Petzold
Programm-Manager

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 30
E-Mail petzold@koerber-stiftung.de

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