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»Die Babyboomer gehen in Rente. Die alternde Gesellschaft lokal gestalten«

»Es ist kein Unwetter, das plötzlich über uns gekommen ist«, stellte Lothar Dittmer, Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung, in seinen einführenden Worten zum Start des 9. Körber Demografie-Symposiums am 14. und 15. November fest. Bis 2030 werden mit den geburtenstarken Jahrgängen bald ein Drittel der Erwerbstätigen in Rente gehen. »Die Babyboomer werden sichtbare Lücken hinterlassen«, so Dittmer. 

Rund 120 Vertreter aus Verwaltung und Politik sowie von Unternehmen, Bildungsträgern und Vereinen diskutierten auf dem Symposium die Chancen und Herausforderungen, die die Kommunen mit dieser demografischen Veränderung auf lokaler Ebene erwarten. Welche Potenziale hat der Übergang der Boomer in die nachberufliche Phase? Was verdankt die Gesellschaft der »Generation der Vielen?« Wie wünschen wir uns altersfreundliche Städte und Gemeinden? Doch genauso: Stimmen da noch die Gewichte? Verschieben sich Macht und Ressourcen in Richtung Alter? Auch dies seien Fragen, auf die Antworten gefunden werden müssten, so Dittmer.

Er stellte hierzu die Ergebnisse einer forsa-Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung zum gesellschaftlichen Potential der heute 50- bis 75-Jährigen vor. Die Ergebnisse zeigten das große Selbstbewusstsein der »neuen Alten«. 97 Prozent der Befragten sind überzeugt, aufgrund ihrer Lebenserfahrung und Kompentenzen etwas geben zu können. Überraschend: Zwei Drittel können sich vorstellen, im Rentenalter weiterzuarbeiten – unter der Bedingung, dass es Spaß macht und sie dabei über Zeit und Umfang frei entscheiden können. »Es gibt die Alten, die arbeiten müssen. Die meisten tun es jedoch, weil sie es mit Erfüllung und Lebenssinn verbinden«, so Dittmer. 89 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass ein Neuanfang in jedem Alter möglich ist. »Das ist etwas, das wir als Stiftung unterstützen wollen, etwa mit Zugabe, unserem neuen Preis für soziale Gründer und Gründerinnen 60plus«, sagte Lothar Dittmer.

Stefan Zierke, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, warb in seinem Grußwort für eine offene und aufrichtige Kommunikation, die allen Akteuren eine Teilhabe am Gestaltungsprozess ermögliche. Eine der wichtigen Aufgaben der kommunalen Behörden sei es, »Verbände, Vereine, Ehrenamtliche und Aktive als Gemeinschaft zusammenzuführen«. 

Im Auftrag der Körber-Stiftung erstellte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ein Thesenpapier mit dem Titel »Die Babyboomer gehen in Rente. Was das für die Kommunen bedeutet.« Reiner Klingholz, Direktor und Vorstand des Berlin-Instituts stellte den Inhalt vor. Er startete seinen Vortrag mit einer spontanen Umfrage, wer von den Anwesenden denn zu den »Vielen« gehöre – im KörberForum gingen sehr viele Arme hoch.

Klingholz nahm seine Zuhörer und Zuhörerinnen auf eine kurzweilige Zeitreise mit: Die Babyboomer als Kinder der hoffnungsvollen Gesellschaften, die sich in den USA und in Europa nach dem 2. Weltkrieg begründet hatten. Die Babyboomer in Deutschland, die die Ausläufer von Achtundsechzig, einen sozialdemokratischen Kanzler und die Bildungsexpansion erlebt und die Anti-Atomkraft- und die Abrüstungsbewegung begleitet haben. Und nicht zuletzt: Die Babyboomer als diejenigen, denen Deutschland vor allem die derzeit hohen Steuereinnahmen verdankt. Die Babyboomer hätten das Land geprägt, »weil sie so viele waren, weil sie so gut gebildet waren«, so Klingholz. 

Was es für unsere Gesellschaft bedeuten kann, wenn die einflussreichen Babyboomer aus dem Berufsleben ausscheiden, fasste der Experte vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in griffigen Thesen zusammen. Zu bewältigen sei vor allem der Fachkräftemangel. Ob in technischen Berufen, in der Pflege oder im Handwerk: Es werde viel Wissen verloren gehen. Betrieben werde es an Nachfolgern fehlen, Behörden und Verwaltungen an denjenigen, die den notwendigen digitalen Wandel vorantreiben können. Vielen Eigenheimen der Babyboomer drohe der Leerstand. Die den 1970er und 1980er Jahren erbauten Siedlungshäuser in den Speckgürteln der Großstädte seien oft weder altersgerecht gestaltet, noch entsprächen sie den Ansprüchen und Vorstellungen von jüngeren Generationen.

»All die Thujahecken«, scherzte Klingholz. Zudem ziehe es die »Empty-Nest-Wanderer« im Ruhestand häufig in die Städte. Im ländlichen Raum werde es zudem zukünftig deutlich mehr Pflegebedürftige geben, Lösungen könnten in der Telemedizin und im autonomen Fahren liegen. Die Zunahme der alternden Single-Haushalte erfordere einen neuen Generationenvertrag, der Nachbarschaftshilfe und Ehrenamt als selbstverständliche Elemente einschließt. Die Aufgabe der Kommunen sei es, die Aktiven von der Bürokratie zu befreien, für Ideen-Transfer zu sorgen »und die Ehrenamtler vor dem Scheitern zu bewahren«, um die »Hilfsbereiten in der Hilfsbereitschaft zu halten«. Klingholz appellierte abschließend an die Babyboomer, dass es ihre Aufgabe sei, »die Gesellschaft so umzukrempeln und vorzubereiten«, damit die Solidarität stark genug sein wird, diese große Gruppe im Alter gut zu versorgen.

In der Demografie-Arena 2 x 20‘ übers Alter standen sich Wolfgang Gründinger, Autor und Zukunftslobbyist und Barbara Wackernagel-Jacobs, Politikerin und Filmproduzentin gegenüber. Gründinger, Jahrgang 1984, skizzierte pointiert anhand verschiedener Beispiele, »was es mit einem Land macht, wenn die Alten immer mehr und die Jungen immer weniger werden«. Ob bei Wahlen (in den USA), bei der Auswahl von Talkshow-Themen (im deutschen Fernsehen), bei Abstimmungen über die Wehrpflicht (in Österreich), über den Brexit (in UK) oder die »Ehe für alle« (im CDU-Landesverband Berlin): Entscheidend seien jeweils die Alten, die über die Mehrheit verfügten. Mit »Wir-wollen-wahlen«, einer Kampagne für Kinderwahlrecht, versuche er Aufmerksamkeit für dieses Ungleichgewicht zu schaffen.

Barbara Wackernagel-Jacobs, Jahrgang 1950, rief zu einer neuen Erzählung vom Alter auf. Wir alle hätten begrenzende, hemmende Altersstereotype im Kopf, die kaum thematisiert würden. Das müsse sich ändern. Ihr Wunsch: eine große Kampagne, die politische Debatten, Themenschwerpunkte zu einem positiven Altersbild bei TV-Sendern und in Zeitungen sowie Diskussionen mit Arbeitgebern und Handelskammern beinhaltet. »Und wir sollten bald damit beginnen, weil es lange dauert«, schloss Wackernagel-Jacobs.

Wie machen es die anderen? In den internationalen Lernforen am Nachmittag präsentierten kommunale Gestalter und Gestalterinnen aus Tampere, Finnland und Belfast, Nordirland ihre Stategien. Beide Städte gehören zum WHO-Netzwerk »Age-friendly cities and communities«. 

Mikko Aaltonen, Mitglied des Stadtrates in Tampere, hat das Programm »TampereSenior« mitgestaltet. Seine Kollegin Kirsi Nurmio nimmt als Referentin des Seniorenrates eine Vermittlungsfunktion zwischen öffentlichen, privaten und zivilgesellschaftlichen Akteuren ein. Ziel von »TampereSenior« ist es, dass Menschen so lange und zufrieden wie möglich in ihrem Wohnumfeld bleiben und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Dabei helfen zum Beispiel die »Lähitori« in den Stadtteilen – »Marktplätze«, auf denen staatliche Einrichtungen und privatwirtschaftliche Dienstleister gemeinsam ihre Angebote präsentieren. In dem Modell-Stadtteil Hervanta wird ausprobiert, wie mit verkehrsberuhigten Zonen, sicheren Wegen und niedrigen Bordsteinen Zugänglichkeit gestaltet werden kann. Tampere ist eine Stadt von großer Fläche und damit der weiten Wege – dem begegnet man mit der kostenlosen Abgabe von iPads, um online die medizinische Versorgung unterstützen zu können. Nurmio und Aaltonen ermutigten die Workshop-Teilnehmer und -Teilnehmerinnen, die altersfreundliche Gestaltung einer Stadt »stets als einen Prozess des Ausprobierens« zu betrachten.

Aus Belfast waren Sonia Copeland, Mitglied des Stadtrats, Elma Greer, Koordinatorin für Healthy Ageing Strategic Partnership und Gillian McEvoy von der Stadtverwaltung gekommen. Als bedeutenden Motor, die Age-friendly Belfast Agenda erfolgreich umzusetzen, beschrieben sie den klaren politischen Wille dazu, langfristige Planung sowie die Beteiligung aller an der Gestaltung – auch die der Älteren, etwa über »The Greater Belfast Seniors Forum«. Und: »Just do it!« Wichtige Ziele in Belfast seien das Ungleichgewicht bei der Lebenserwartung zu reduzieren, den Umgang mit Demenzerkrankten zu verbessern sowie die soziale Isolation von Älteren zu bekämpfen. Diese sei »so schädlich wie 15 Zigaretten am Tag«. 

Zum Abschluss des 9. Körber Demografie-Symposiums stellte der britische Städteforscher Charles Landry seine Visionen vor. Er beschrieb bildgewaltig die Sehnsüchte und die durchaus ambivalenten Wünsche, die wir, Junge und Ältere, an eine Stadt hätten. Wir wünschen uns, sie möge uns Wurzel und Anker sein, aber auch ein Ort der Möglichkeiten und der Inspiration. Intimität und Offenes sollen ausbalanciert sein. Um all dies zu erreichen, bräuchte es Mitspracherecht, Vertrauen, die Bereitschaft zu unkonventionellen Lösungen und den kreativen Blick aus vielen Perspektiven. »Jung und Alt können großartige Partner sein, um über das Neue, Frische nachzudenken«, sagte Landry.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Babyboomer beginnen gerade erst, in Rente zu gehen. Doch schon jetzt zeigt sich, dass sich damit die Lebensverhältnisse in den deutschen Kommunen grundsätzlich ändern werden. Der Blick in andere Länder hat deutlich gemacht: Diesem Prozuess kann produktiv begegnet werden, wenn er anerkannt wird. Er birgt zwar große Herausforderungen, aber mindestens genauso große Chancen. Die Folgen des demografischen Wandels rechtzeitig aufzufangen bedeutet deshalb auch, ihn bereits auf lokaler Ebene zu gestalten.

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