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»Einsamkeit ist keine Privatsache«

Nach Einsamkeit sieht es nicht aus, als über 150 Gäste Anfang November 2019 zum Körber Demografie-Symposium zusammenkommen. Viele der Eingeladenen kennen sich, alle eint die Vorfreude auf zwei Tage mit spannenden Erkenntnissen und interessanten Begegnungen. Es ist auch »ein kleines Jubiläum«, zu dem Lothar Dittmer, der Vorstandsvorsitzende der Körber-Stiftung, begrüßen kann. Zum 10. Mal findet das Demografie-Symposium nun statt - und das im Jahr des 60. Geburtstags der Körber-Stiftung.

In dieser Zeit ist ein tragfähiges Netzwerk aus Gestalterinnen Gestalter in Kommunen, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft entstanden. Es ist wichtiger denn je, weil mit jedem Jahr des Älterwerdens der Babyboomer »eine so starke Altersverschiebung einhergeht wie selten zuvor« wie Dittmer sagt. Nicht nur, dass die Babyboomer-Generation ein Drittel weniger Kinder hat als ihre Eltern. Auch sind ein Drittel der heute 50- bis 65-Jährigen geschieden, kinderlos oder verwitwet und damit zumindest potentiell im Alter einsamkeitsgefährdet. »Es kostet nicht nur Lebensqualität als Einzelner, für Einsamkeit zahlt auch die Gesellschaft einen hohen Preis«, warnt Dittmer. Die Folgen der Einsamkeit können die Gesundheitskosten aller deutlich erhöhen – beispielsweise, weil Einsame eine 40 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, dement zu werden. Oder auch häufiger psychisch erkranken und aufgrund ihrer sozialen Isolation früher pflegebedürftig werden.

Die Grundlage für das Verständnis von Einsamkeit und sozialer Isolation als gesellschaftliches Phänomen legt bereits am Vorabend ein Vortrag von Sonia Lippke, die als Gesundheitspsychologin an der Jacobs University Bremen arbeitet. In der eigens für das Symposium entstandenen Studie »(Gem)einsame Stadt? Kommunen gegen soziale Isolation im Alter« werden dann zum Auftakt neue Fakten, Trends und Empfehlungen für die Praxis präsentiert. »Einsamkeit hat hohe soziale Kosten«, weiß Tanja Kiziak, die stellvertretende Geschäftsführerin des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Zwar fühlten sich die Menschen mit dem Renteneintritt weniger einsam, doch ab 75 nehme das Gefühl der sozialen Isolation dann kontinuierlich zu. Betroffen seien sechs bis elf Prozent der Älteren, sagt Kiziak: »Das ist eine Minderheit trotz allem«. Und die Gruppe der Gefährdeten ließe sich auch relativ genau beschreiben, so dass Kommunen die Risikogruppen gut im Auge behalten könnten. Geringe Bildung und die darauffolgende Armut und leider oft auch Krankheit seien die wichtigsten Risikofaktoren.

Die zentrale Frage der Bildung stimmt dann jedoch auch wieder optimistisch. Weil die kommende Generation der Babyboomer in der Regel deutlich besser gebildet ist als ihre Eltern, könnte das relative Auftreten von Einsamkeit in Zukunft abnehmen. Weil es aber so viel mehr Menschen in dieser Generation gibt als in der Vorgängergeneration, dürfte die Zahl der Einsamen in Zukunft dennoch steigen. 

»Die Zahl der hochaltrigen Alleinlebenden nimmt stark zu und das sind häufig Frauen«, präzisiert Ann-Katrin Schewe vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Doch auf der anderen Seite steige auch die Bereitschaft, sich zu engagieren - und das wiederum fördere die soziale Eingebundenheit der Betroffenen. Wichtig sei deshalb auch, dass die Mobilität erhalten bleibe. Dabei gebe es die magische Grenze von 20 Minuten, sagt Schewe: Was in dieser Zeit nicht erreicht werden kann, egal ob zu Fuß, mit dem Bus oder mit dem Auto, bleibe unerreichbar. 

Doch es gibt Präventions- und Gegenstrategien. Die Studie präsentiert eine Fülle von Handlungsempfehlungen und guten Beispielen. Sie setzen dort an, wo die Menschen leben - in ihrer jeweiligen Kommune. »Fahren Sie Ihre Senioren zum Essen statt ihnen Essen auf Rädern zu schicken« ist eine davon. »Schwatz-Tische« eine andere: Wer sich an einen so gekennzeichneten Tisch im Café oder im öffentlichen Raum setzt, signalisiert »Ich bin offen für ein Schwätzchen.« 

Weitere gute Beispiele folgen dann in den Kurzimpulsen »Lösungen auf den Punkt«. Heinz Frey, Gründer der DORV-Quartier gGmbH, berichtet über die Dorfläden, mit denen sich Nahversorgung auch im ländlichen Raum aufrechterhalten lässt. Dort gibt es nicht nur Brot und Butter, sondern auch Dienstleistungen wie Pakete oder Reinigung, es gibt Kulturangebote, Kommunikation und wo immer möglich auch eine sozial-medizinische Versorgung. Frey sieht zudem in der Digitalisierung riesige Chancen, »Wohnen und Arbeiten wieder zusammen zu bringen«. 

In der Stadt hat die Quartiersentwicklung großes Potenzial , Einsamkeit vorzubeugen. Wie ein Quartier aussieht, in dem es »fast keine Einsamkeit mehr gibt«, beschreibt Felix Schauppner, Wohn-Koordinator der Bremer Heimstiftung: »Identifizieren und stärken Sie 'Kümmerer' und 'Zeitschenker', die Gemeinschaften anlegen und pflegen«.

Einen Kontrapunkt zu diesen sozialen Vernetzungen gegen die Einsamkeit setzt die Trendexpertin Birgit Gebhardt. »Künftig wird Ihr Haushaltsgerät Ihnen ein Geburtstagsständchen singen«, sagt die Autorin voraus, »Exoskelette ersetzen Rollatoren und autonome Autos ermöglichen grenzenlose Mobilität rund um die Uhr.« Gebhardt sieht Digitalisierung und künstliche Intelligenz als rundum positive Ermöglicher. Nicht nur, dass technische Geräte und digitale Dienstleistungen wie Gesundheitsmonitoring uns ermöglichen, viel länger in unseren Wohnungen zu bleiben. Sie prognostiziert auch Apps und neue Kommunikationsformen, mit denen jeder zielgenau neue Freunde und Bekannte finden kann - zuerst digital und danach dann auch analog, wenn gewünscht. Die Trendforscherin ist deshalb überzeugt: »In dieser Zukunft werden wir nicht mehr einsam sein können.«

Wieviel mehr Spaß gemeinsames Handeln macht, zeigt der letzte Programmpunkt des Vormittags. Christoph Böhmke von der Hamburgischen Staatsoper berichtet über die verbindende Kraft des gemeinschaftlichen Singens. Damit die Symposiums-Teilnehmenden das möglichst gut nachempfinden können, ermuntert Böhnke alle zum gemeinsamen Kanon-Singen »Hejo, stimmt gemeinsam an«.

Auf der Suche nach vorbildlichen Lösungen ist die Körber-Stiftung dann auch schnell auf die dänische Stadt Aarhus gestoßen, die bereits seit einer Dekade Strategien gegen Einsamkeit erarbeitet und erfolgreich umsetzt. Mit einem ganzen Bündel an Programmpunkten wird auf der Tagung darüber berichtet: Angefangen von der »Expedition Age & City«, bei der über ein Dutzend kommunaler Amtsträger auf Einladung der Körber-Stiftung Aarhus erkundet haben über den dabei entstandenen Film »Aarhus - Stadt gegen Einsamkeit« (Untertitel in deutscher und englischer Sprache) bis hin zum Erfahrungsbericht des verantwortlichen Behördenchefs Hosea-Che Dutsche und seiner Kollegin Maj Morgenstjerne auf dem Symposium. 

Behördenchef Dutschke nennt die drei zentralen Handlungsmaximen der dänischen Stadt. Da ist zum ersten die Freiheit, für sich selbst sorgen zu können. Zum zweiten die »Liebe für seine Familie und seine Nachbarn«. Und schließlich »Gleichheit im Rahmen der Möglichkeiten unserer Gesellschaft«.

Es bleibt nicht bei der Theorie. »Steht bitte alle auf und geht fünfmal in die Knie und bewegt euch auf und nieder«, bittet er das Auditorium zu Beginn seines Vortrags: »Wenn ihr das zehnmal am Tag wiederholt, bleibt ihr ein Leben lang fit.« Dies erfülle Maxime eins, die Freiheit, für sich selbst sorgen zu können. Um Maxime zwei zu illustrieren, bitte er alle Anwesenden, einmal kurz und kräftig die Nachbarn links und recht zu umarmen. »Das führt dann direkt zur dritten Maxime«, sagt er, »so schaffen wir gute Verhältnisse für alle in unserer Gesellschaft.«

Seit zehn Jahren beschäftigen er und sein Team von 7000 Mitarbeitern sich damit, eine altersfreundliche Stadt mit Fokus auf der Einsamkeits-Prävention zu schaffen. Den Erfolg misst er dabei daran, ob die Bürger und Bürgerinnen befähigt werden, für sich selbst zu sorgen. Einer der fünf Leitsätze seiner Behörde ist deshalb auch: »Keep the citizens away«, in etwa zu übersetzen mit »Lasst uns alles tun, damit die Bürger gar nicht erst zu uns auf das Amt kommen müssen.« 

Persönliche Begegnungen sind ganz zentral in dieser Strategie. So werden auf Festen beispielsweise Buttons mit der Aufschrift »Sprich mich an« verteilt, damit auch Schüchterne ihre Bereitschaft zu einem kleinen Schwätzchen signalisieren können. »Wir bringen allen Mitarbeitenden bei, wie man jemanden gut begrüßt, um das Eis zu brechen«, erzählt Maj Morgenstjerne, Direktorin der Strategischen Entwicklung und enge Mitarbeiterin von Dutschke. Ständig seien die Mitarbeitenden auf der Suche nach neuen Möglichkeiten für Begegnungen - von neuen Treffpunkten über neue Gruppen bis hin zu neuen Themen. 

Wie viel die Stadt Aarhus hier macht, zeigt beispielhaft auch der während der »Expedition Age & City« entstandene Film. Er hat nachmittags seine Premiere auf dem Symposium. Vertieft werden die dort vorgestellten Maßnahmen im Rahmen eines so genannten Speeddatings: Die Teilnehmenden der Expedition stellen in kurzen Sessions ihre Erkenntnisse vor, beantworten Fragen und schätzen die Übertragbarkeit des Gesehenen auf deutsche kommunale Verhältnisse ein.

Mit einem Ausblick auf die Zukunft beendet ein Vortrag von Horst Opaschowski das Symposium. Er sieht in einer »aktivierenden Kommunalpolitik in der Mitmach-Gesellschaft« ein wirksames Mittel für gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen Einsamkeit. Dabei komme einem »nichtfamilialen sozialen Netz«, also einer »Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit« eine zentrale Rolle zu, sagt der Leiter des Opaschowski Instituts für Zukunftsforschung in Hamburg. Kommunen hätten hier eine wichtige Rolle, Quartiersmanagement als Beruf beispielsweise beste Zukunftsaussichten. 

Opaschowski ist zuversichtlich, dass vor allem Jüngere hier leicht einzubinden seien. Die Spaßgesellschaft der Jahrhundertwende sei passé, junge Menschen setzen stattdessen auf dauerhafte persönliche Beziehungen und eine neue Ernsthaftigkeit. »Soziales Wohlergehen kann zunehmend materielle Probleme abpuffern«, sagt er. Dies stärke sowohl »Familien als Wagenburg des 21. Jahrhunderts« als auch »Wahlverwandschaften als lebenslange Begleiter«. Damit ließe sich dann auch die Kontaktarmut als möglicherweise schlimmste Form der Altersarmut angehen, schließt Opaschowski seinen nachdenklichen, aber grundsätzlich optimistischen Ausblick.

Einsamkeit, so das Fazit der Tagung, muss nicht sein: Es gibt viele bereits erprobte Strategien, die Menschen stärken. Fast alle haben ihren Anker in den Kommunen - da, wo vor Ort Gemeinsamkeit geschaffen werden kann. Auch wenn im Jahr 2030 deutlich mehr Menschen als heute alleine leben werden, heißt das nicht automatisch, dass sie auch einsamer sind. Wenn alle gesellschaftlichen Akteure das Thema jetzt auf ihre Agenda setzen, haben wir alle Mittel und Ideen schon jetzt zur Verfügung, dass die Gesellschaft der Zukunft keine einsame, sondern eine gemeinsame ist. 

Zum Symposium 2019

Kontakt

Franca Behrens
Programm-Managerin
Expedition Age & City; Körber Demografie-Symposien; Stadtlabor demografische Zukunftschancen

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 37
E-Mail behrens@koerber-stiftung.de

Karin Haist
Leiterin bundesweite Demografie-Projekte
Stv. Leiterin im Haus im Park

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 44
E-Mail haist@koerber-stiftung.de

Jonathan Petzold
Programm-Manager
Expedition Age & City; Körber Demografie-Symposien; Stadtlabor demografische Zukunftschancen

Telefon +49 • 40 • 72 57 02 - 30
E-Mail petzold@koerber-stiftung.de

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