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Körber History Forum 2016

Bericht

Entwaffnung der Geschichte für eine friedliche Gegenwart

Mit dem neu geschaffenen »Körber History Forum« will die Körber-Stiftung einen Beitrag dazu leisten, die Geschichte abzurüsten

»Wir müssen heute leider feststellen, dass Geschichte in immer mehr Ländern zur politischen Waffe mutiert«, sagte Thomas Paulsen, Vorstand der Körber-Stiftung zur Eröffnung der zweitätigen Konferenz, die in Berlin internationale Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, Intellektuelle und Geschichtsvermittler erstmals zusammenbrachte, um den Einfluss der Geschichte auf die politische Gegenwart und deren Instrumentalisierung zu diskutieren. »Wir wollen Geschichte entwaffnen, indem wir offen über unsere unterschiedlichen Geschichtsbilder sprechen«, sagte Paulsen. Die Körber-Stiftung wolle von nun an mit dem »Körber History Forum« einmal im Jahr die Lücke zwischen wissenschaftlichen Treffen wie dem Historikertag, der stark an Aktualität orientierten Sicherheitskonferenz und dem Berliner Forum Außenpolitik füllen.

Wie weit die Positionen heute in Europa auseinander liegen, wurde vor allem im Streitgespräch zwischen dem bulgarischen Politologen und Publizisten Ivan Krastev und der russischen Politologin Natalia Burlinova deutlich. Sie diskutierten, ob das Ende der Sowjetunion neu bewertet werden müsse. »Wir brauchen mehr historische Forschung über die 1990er Jahre, um zu verstehen, was passiert ist«, forderte Krastev. Die Beschäftigung mit diesen in Europa völlig unterschiedlich erlebten Jahren sei die Voraussetzung für eine Verständigung heute. Der Politologe erinnerte daran, dass es damals die Angst gegeben habe, dass auf die Auflösung der UdSSR auch eine Auflösung der Russischen Föderation hätte folgen können. 

Burlinova klagte die alte sowjetische Führung an, die Sowjetunion zerstört zu haben, die man besser umgebaut und modernisiert hätte. »Die UdSSR kollabierte nicht, weil ihre Bevölkerung nach Demokratie strebte, sondern wegen des unverantwortlichen Verhaltens der 'demokratischen' Eliten und deren Hunger nach Macht«, sagte Burlinova. Europa trage daran keine Schuld. Auf die Frage der früheren DDR-Bürgerrechtlerin Marianne Birthler in der anschließenden Debatte nach der für sie selbst so prägenden Befreiungserfahrung nach 1989, antwortete Burlinova, die einfachen Leute in Russland hätten in den 1990er Jahren angesichts der dramatischen Veränderungen nicht verstanden, was Freiheit bedeute. Es sei nur für Intellektuelle wichtig gewesen, eine politische Stimme zu erhalten. Burlinova empfahl, sich nicht der Vergangenheit zu widmen, sondern gegenüber Russland eine neue Politik zu entwickeln. Die Politologin räumte ein, dass ihr Land heute keine Supermacht mehr sei, sondern eine Regionalmacht. »Ich würde Putin heute als Realisten bezeichnen, aber nicht als Rächer«, sagte sie.

Anknüpfend an den Eröffnungsvortrag des Osteuropa-Historikers Karl Schlögel (PDF) über die »(Neu)-Vermessung Europas« ging es immer wieder um die schwierige Rolle Russlands in Europa. »Was Putin in der Ukraine tut und auf der Krim, beschädigt die Modernisierung Russlands«, kritisierte die britische Journalistin und Osteuropa-Expertin Judy Dempsey. Während sich in der Ukraine eine lebendige Zivilgesellschaft entwickle, beschäftige sich Russland zu wenig mit seiner Rolle in der globalisierten Welt und setze allein auf militärisches Vorgehen. Der russische Historiker Alexey I. Miller warnte dagegen vor den eigenen Bildern von der Ukraine, die zu häufig so ausfielen, wie man das Land gerne sehen wolle. Die Ukraine sei ein gespaltenes Land, West- und Ostukraine hätten verschiedene Identitäten. »In den letzten 25 Jahren gab es nicht eine ukrainische Regierung, die beide Teile des Landes vertreten hätte.« Der ukrainische Historiker Yaroslav Hrytsak widersprach dieser Darstellung und bestritt diese Spaltung. »Die Zukunft der Ukraine wird in Charkiw, Odessa und Dneprpetrowsk entschieden und nicht in Kiew«, sagte er und kritisierte seinen russischen Kollegen, der Geschichte immer noch zu stark als Staatsgeschichte begreife. »In der Ukraine sehen wir Geschichte stärker als Gesellschaftsgeschichte.« Der polnische Philosoph und Politologe Marek A. Cichocki gab zu bedenken, dass ganz Europa angesichts des Konflikts um die Ukraine vor riesigen Herausforderungen stehe und stellte die Frage: »Wie findet man seine eigene Vergangenheit in diesem Europa, das immer mehr in der Krise steckt?«

Als historisch einmalig beschrieb der Freiburger Historiker Ulrich Herbert, dass die Bundesregierung im Sommer 2015 die Masseneinwanderung von Flüchtlingen willkommen geheißen habe. »Ich fand das sehr mutig und war mir sicher, dass es nicht klappen wird«, sagte Herbert. Der optimistische Grundtenor habe sich in der Bundesrepublik bereits geändert. »Die eigentliche Herausforderung liegt in der Reaktion der Einwanderergesellschaft und im wachsenden Rechtsradikalismus«, sagte er. Herbert zeigte sich davon überzeugt, dass sich die Lage in naher Zukunft weiter verschärfen werde. Er befürchte, dass angesichts der politischen Erfolge des Front National in Frankreich oder der FPÖ in Österreich bald Forderungen zu erwarten seien, die wachsende Zuwanderung militärisch zu stoppen und Zäune zu errichten. »Diese Reaktionen machen mir Angst.«

Der französische Umweltexperte Francois Gemenne erinnerte daran, dass durch den Klimawandel und die Zunahme an Naturkatastrophen die Zahl der Flüchtlinge zukünftig noch weiter ansteigen werde. Die Migration lasse sich weder kontrollieren noch stoppen. Die EU dürfe deshalb Deutschland mit dem Problem nicht alleine lassen.

Der US-Historiker Norman Naimark zeigte sich optimistischer und verwies darauf, dass die Bundesrepublik auch die früheren großen Einwanderungswellen gut bewältigt habe. »Deutschland kann das schaffen«, sagte er und räumte ein, dass die USA ebenfalls mehr Flüchtlinge hätten aufnehmen müssen. Aus der Geschichte könne man lernen, dass gegenwärtige Probleme nicht übertrieben werden sollten, sagte Naimark. Alle Staaten seien heute gleichermaßen den Herausforderungen durch die Globalisierung ausgesetzt. »Die Geschichte lehrt uns, dass wir überleben.«

In der Debatte über »Europa am Ende des säkularen Zeitalters« ging es um die historische Entwicklung des Verhältnisses von Staat und Religion untereinander. Dieser Prozess habe beispielsweise in Deutschland und Israel einen ganz anderen Weg genommen. Die israelische Historikerin und Autorin Fania Oz-Salzberger verwies auf die israelische Erfahrung einer friedlichen Koexistenz und rügte, dass Frankreich mit seiner Verbotspolitik den falschen Weg eingeschlagen habe. In Tel Aviv am Strand seien Bikinis ebenso zu sehen wie Frauen, die sich verhüllten, sagte sie. Lamya Kaddor vom Liberal-Islamischen Bund ergänzte, dass in Deutschland das traditionelle »C« wie christlich im Moment zu inflationär gebraucht würde, ohne dass die Leute wirklich wüssten, was das hieße. Der frühere Richter am Bundesverfassungsgericht, Udo Di Fabio warnte davor, dass Einwanderer die deutsche Gesellschaft als seelenlos erleben könnten und dies die Integration erschwere. »Wenn man den Eindruck hat, eine Gesellschaft ist kalt, wird man nach alter Wärme suchen.«

Die aus Ghana stammende Verlegerin Rebecca Nana Ayebia Clarke kritisierte, dass sie das Burkini-Verbot als kolonialen Umgang mit Nicht-Europäern erlebe. Sie habe sich bei der Wahl ihrer eigenen Kleidung für den Auftritt bei der Berliner Konferenz bewusst für ein afrikanisches Kleid entschieden, um ein Zeichen zu setzen und ihrer afrikanischen Identität sichtbar Ausdruck zu geben. Seine Betroffenheit darüber, wie heute in Großbritannien Geschichte unterrichtet werde, äußerte der indische Autor Pankaj Mishra. Der Historiker und Afrika-Wissenschaftler Jürgen Zimmerer forderte, dass Europa sich bei der Beschäftigung mit seiner Vergangenheit viel stärker mit seiner Kolonialgeschichte beschäftigen müsse. Dies gelte auch für Deutschland, das Namibia für den Völkermord an den Herero 1904 entschädigen müsse. »Wenn man nicht nur eine leere Geste des Umgangs mit der Geschichte will, muss man auch entschädigen«, mahnte Zimmerer eine größere moralische Verantwortung Europas für diesen Teil der Geschichte an, aber auch für den Umgang mit den Flüchtlingen heute.

Bericht von Gemma Pörzgen

Auftaktrede von Karl Schlögel: »Die Neu-Vermessung Europas« (PDF)

Körber History Forum in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Körber History Forum in der Neuen Zürcher Zeitung

Agenda

Europäische Geschichtspolitik im Licht aktueller Herausforderungen

9. bis 11. September 2016
Humboldt Carré Berlin

Agenda zum Download (PDF)

Freitag, 9. September

18:00 Uhr: Eröffnung
Thomas Paulsen, Vorstand, Körber-Stiftung, Hamburg

Auftaktrede
Die (Neu-)Vermessung Europas
Grenzen und Räume im Übergang

Die Zeitenwende von 1989 und 1991 veränderte Europa politisch, geografisch und mental. Nach den Grenzverschiebungen und den damit verbundenen Umsiedlungen, Vertreibungen und ethnischen Säuberungen der beiden Weltkriege wurde die Landkarte Europas zum Ausgang des 20. Jahrhunderts noch einmal neu vermessen. Hermetisch abgeschlossene Räume öffneten sich, Grenzen wurden zu Transit- und Transformationsräumen, die Länder des Ostens kehrten in die Mitte Europas zurück. Wo steht der Kontinent heute, 25 Jahre danach, mit Blick auf seine Grenzen und sein Selbstverständnis? Wie sieht die neue Ordnung des 21. Jahrhunderts aus?

Karl Schlögel, Fellow, Carl Friedrich von Siemens Stiftung, München

Anschließend Empfang

Samstag, 10. September

09:30 Uhr: Kaffee und Austausch

Tagesmoderation
Gabriele Woidelko, Körber-Stiftung, Hamburg

10:00 bis 11:00 Uhr: Podiumsdiskussion
Macht und Ohnmacht des Imperiums
Ein Kontinent zwischen Nationalstaat, Supranationalität und Globalisierung

25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, dem letzten europäischen Imperium, befindet sich Europa erneut in einer Übergangsphase: Die Zahl derer, die in Europa den Nationalstaat inklusive dazugehöriger Grenzen und einer eigenen nationalen Identität gegenüber supranationalen Staatengebilden und Ideen gestärkt sehen wollen, wächst. Welche aktuellen Entwicklungen und welche historischen Grundlagen bestimmen diesen Prozess?

Marek A. Cichocki, Natolin European Centre, Warschau
Judy Dempsey, Carnegie Endowment for International Peace, Berlin
Yaroslav Hrytsak, Ukrainische Katholische Universität, Lviv
Alexey I. Miller, European University, St. Petersburg
Cathrin Kahlweit (Moderation), Süddeutsche Zeitung, München

11:30 bis 12:30 Uhr: Streitgespräch
Muss das Ende der Sowjetunion neu bewertet werden?
Die Ereignisse der 90er Jahre werden in Russland und den meisten seiner europäischen Nachbarländer sehr unterschiedlich eingeschätzt. Während in Russland das Auseinanderbrechen der Sowjetunion nach offizieller Lesart als »größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts« gilt, überwiegt bei Russlands Nachbarn in Europa die Sichtweise, das Ende der UdSSR sei Zeitenwende, Aufbruch und Neuanfang zugleich gewesen. Wie wirken sich diese unterschiedlichen Perspektiven aus, wenn es um die aktuellen Spannungen zwischen Russland und den übrigen Ländern Europas geht? Welche Bedeutung hat die Interpretation dieser jüngsten Vergangenheit für das nationale Selbstverständnis Russlands und für den Dialog mit dem restlichen Europa?

Natalia Burlinova, Public Initiative »Creative Diplomacy«, Moskau
Ivan Krastev, Centre for Liberal Strategies, Sofia
Katja Gloger (Moderation), Stern, Hamburg

12:30 bis 14:00 Uhr: Mittagessen

14:00 bis 15:00 Uhr: Podiumsdiskussion
Migration und Identität
Ethnizität und Loyalitätskonflikte im 20. und 21. Jahrhundert

Zuwanderung, Vertreibung, Flucht und Asyl sind auf dem Kontinent keine neuen Phänomene, sondern reichen historisch weit zurück. Was kann Europa aus seiner eigenen Vergangenheit für die Integration von Flüchtlingen heute lernen?

François Gemenne, Paris School of International Affairs, Paris
Ulrich Herbert, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Norman Naimark, Stanford University, Stanford
Juan Moreno (Moderation), Der SPIEGEL, Berlin

15:30 bis 16:30 Uhr: Podiumsdiskussion
Religion. Macht. Politik
Europa am Ende des säkularen Zeitalters?

Eine engere globale Vernetzung, die wachsende Multiethnizität und Multireligiosität europäischer Gesellschaften und die Politisierung des Islam durch religiöse Fundamentalisten und Terroristen zwingen Europa und die Europäer, sich neu mit der Bedeutung von Religion für individuelle und kollektive Identitäten auseinander zu setzen. Inwieweit ist Europa heute in einem post-säkularen Zeitalter angekommen?

Udo Di Fabio, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Lamya Kaddor, Liberal-Islamischer Bund, Köln
Fania Oz-Salzberger, University of Haifa
Sonja Zekri (Moderation), Süddeutsche Zeitung, München

Video

16:30 bis 17:30 Uhr: Podiumsdiskussion
Das koloniale Erbe
Spielarten und Spätfolgen europäischer Expansion

Wie kann – jenseits der ökonomischen Auswirkungen des Kolonialismus – die angemessene juristische, historische, politische und psychologische Aufarbeitung kolonialer Verbrechen aussehen und welche moralische Verantwortung hat Europa gegenüber den ehemaligen Kolonien?

Rebecca Nana Ayebia Clarke, Ayebia Clarke Publishing, Banbury (Oxfordshire)
Pankaj Mishra, Autor, London und Indien
Jürgen Zimmerer, Universität Hamburg
Tina Mendelsohn (Moderation), 3sat Kulturzeit, Mainz

18:30 Uhr: Abendessen

Sonntag, 11. September

Angewandte Geschichte

9:30 Uhr: Kaffee und Austausch

10:00 Uhr: Kurze Expertengespräche
Erinnerungskultur und Geschichtsvermittlung im Europa des 21. Jahrhunderts

Basil Kerski, Europäisches Zentrum der Solidarność, Danzig
Thomas Krüger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn
Thomas Lutz, Stiftung Topographie des Terrors, Berlin
Stefan Troebst, Universität Leipzig
Sven Tetzlaff und Gabriele Woidelko (Moderation), Körber-Stiftung, Hamburg

10:30 bis 12:30 Uhr: Parallele Diskussionen am Runden Tisch
Newsroom Geschichtsvermittlung
An vier Runden Tischen diskutieren internationale Experten unter der Leitung eines Gastgebers innovative Praxisansätze der Geschichtsvermittlung in verschiedenen Ländern Europas.

1. Im Schatten der Täter?
Vom Umgang mit Täterperspektiven in der Auseinandersetzung mit den Gewalterfahrungen des 20. Jahrhunderts

Das Europa des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ist geprägt durch zahlreiche Kriegs- und Diktaturerfahrungen. Die Erinnerung an diejenigen, die für Verbrechen im Rahmen von Krieg und Diktatur verantwortlich waren, ist in vielen europäischen Ländern immer noch ein kontroverses und sensibles Thema. Kann die Auseinandersetzung mit Täterschaft in der Geschichte einen selbstkritischen Umgang mit staatlichem und gesellschaftlichem Handeln heute fördern?

Thomas Lutz, Stiftung Topographie des Terrors, Berlin (Gastgeber)
Florin Abraham, Nationales Institut für Totalitarismusforschung, Bukarest
Suzanne Bardgett, Imperial War Museums, London
Irene Flunser Pimentel, Universität Lissabon
Jan Tomasz Gross, Universität Princeton
Georgiy Kasianov, Institut für Ukrainische Geschichte der Nationalen Akademie der Wissenschaften, Kiew
Yessica San Roman, Centro Sefarad-Israel, Madrid
Stefanie Schüler-Springorum, Zentrum für Antisemitismusforschung, Berlin
Heidemarie Uhl, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien

2. Die Anderen in uns
Historische Kontextualisierung und Vermittlung aktueller europäischer Fluchtgeschichte(n)

Europa hat im vergangenen Jahr einen starken Zustrom von Flüchtlingen erlebt. In vielen europäischen Ländern wird Flucht vor Krieg und Gewalt jetzt vor allem unter dem Aspekt diskutiert, wie man sich vor Zuwanderung schützen kann. Dabei ist Europa selbst historisch geprägt von Ein- und Auswanderung, Flucht und Vertreibung. Wie können historische und aktuelle Fluchtgeschichte(n) in der Vermittlungsarbeit genutzt werden?

Stefan Troebst, Universität Leipzig (Gastgeber)
Merete Ipsen, The Women’s Museum, Aarhus
Léontine Meijer-van Mensch, Museum Europäischer Kulturen, Berlin
Rainer Ohliger, Netzwerk Migration in Europa e. V., Berlin
Rafał Rogulski, Institute of European Network Remembrance and Solidarity, Warschau
Adamantios Theodor Skordos, Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO), Leipzig

3. Wie geht Revolution?
Die Rolle von Freiheits-, Widerstands und Bürgerbewegungen in europäischen Transformationsprozessen

Europa hat mit der Wiedervereinigung, dem Ende des Kalten Krieges und der Ost-West-Konfrontation einen epochalen Umbruch erlebt. Die Aufarbeitung dieser Zeitenwende dauert an, ihre Auswirkungen prägen die europäischen Länder und Gesellschaften bis heute. Wie können diese historischen Revolutions- und Transformationserfahrungen mit Blick auf aktuelle gesellschaftliche und politische Herausforderungen nutzbar gemacht werden?

Basil Kerski, Europäisches Zentrum der Solidarność, Danzig (Gastgeber)
Bojan Balkovec, Universität Ljubljana
Marianne Birthler, ehemalige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Berlin
Anastasiia Cherednychenko, Ukrainisches Zentrum für Museumsentwicklung, Kiew
Jonila Godole, Institut für Demokratie, Medien und Kultur, Tirana
Markus Meckel, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., Berlin
Denys Pashchenko, Projekt »Support to Justice Sector Reforms in Ukraine« der Europäischen Union, Kiew
Vojtěch Ripka, Institut zur Erforschung totalitärer Regime, Prag

4. Smart History
Neue Wege für die Geschichtsvermittlung im digitalen Zeitalter

Der beschleunigte digitale und mediale Wandel in allen Bereichen des Lebens wirkt sich auch auf die historische Bildung aus. Wie können etwa E-Learning, Wikis und soziale Netzwerke gewinnbringend für die Geschichtsvermittlung eingesetzt werden?

Thomas Krüger, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn (Gastgeber)
Marko Demantowsky, Universität Basel
Jutta Doberstein, Zero One Film, Berlin
Robert Fuchs, Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD), Köln
Agnieszka Kudełka, KARTA Zentrum, Warschau
Ronald Leopold, Anne Frank Haus, Amsterdam
Ruth Rosenberger, Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn
Fabian Rühle, Centropa, Berlin
Gesche Schifferdecker, Max Weber Stiftung, Bonn
Nela Srstková, Virtual Museum of the Gulag, Prag

12:30 bis 12:45 Uhr: Abschluss

12:45 bis 14:00 Uhr: Buffet und Austausch

Interview mit Fania Oz-Salzberger

»Um Jude zu sein, muss man überhaupt nicht religiös sein«

Die israelische Historikerin und Autorin Fania Oz-Salzberger lehrt als Professorin für Geschichte an der Universität Haifa und ist zudem Direktorin von Paideia, dem Institut für Jüdische Studien in Schweden. Beim Körber History Forum wird sie diskutieren, ob Europa am Ende des säkularen Zeitalters angekommen ist. Für den Geschichtswettbewerb haben wir nachgefragt, was Religion für sie bedeutet.

Sie sind die neue Direktorin von Paideia, dem Europäischen Institut für Jüdische Studien in Schweden, und haben kürzlich mit Ihrem Vater Amos Oz das Buch Juden und Worte veröffentlicht, in dem Sie die Gründe für jüdische Beharrungskraft und Prominenz untersuchen. Sie selbst bezeichnen sich jedoch als »eine Atheistin der Bibel«. Welche Rolle spielt die Religion in Ihrem Leben?

Religion fasziniert mich als eine grundlegende Ausdrucksform des Menschen, seines Fühlens, seiner Rituale und seines intellektuellen Strebens. Als Historikerin kann ich das unmöglich übersehen, als Mitglied der Zivilgesellschaft möchte ich es nicht unterschätzen. Religiosität ist bekanntlich älter als die Geschichte. Sie hat moderne Fortschrittstheorien überdauert und wird die Menschheit wohl auch in Zukunft begleiten. Ich jedoch bin ein säkularer Mensch, ein (kritisches) Kind der europäischen Aufklärung. »Säkularität« ist, anders als »Atheismus«, eine kulturelle Haltung, sie bedeutet mehr als nur die Leugnung Gottes. Sie braucht Wissen und Austausch, Dialog und Entscheidung.

In der jüdischen Tradition ist die säkulare Haltung auch mit einem gewissen Sinn für Humor verbunden. Ich kenne Leute, die auf Gott wütend sind, obwohl sie gar nicht an ihn glauben. Für das moderne Denken ist das jüdische Modell von weittragender Bedeutung. Anders als Christen und Muslime haben sich Juden nie ausschließlich durch ihren Glauben definiert; und um Jude zu sein, muss man überhaupt nicht religiös sein.

In unserem Buch Juden und Worte haben mein Co-Autor und ich die jüdische Zugehörigkeit als Zugehörigkeit zu einem Volk der Texte mit einer gemeinsamen Bibliothek und einer uralten Liebe zum intellektuellen Streitgespräch beschrieben. Das mag erklären, warum die Juden nicht nur die Fähigkeit besaßen, zu überleben, sondern auch das Geschick, dieses Erbe immer wieder neu zu erfinden und in neue Formen der Kreativität umzusetzen. Als säkulare Juden »geht es uns nicht um Steine, Stämme und Chromosomen«, wie wir in unserem Buch schreiben. »Was uns verbindet, sind nicht Blutsverwandtschaften, sondern Texte.«

Das moderne englische Wort Judaism kommt vom deutschen Judentum, ein Begriff, den sich die aufgeklärten europäischen Juden des 19. Jahrhunderts zu eigen machten; er ist jedoch zu eng gefasst, um das ganze Bedeutungsspektrum des jüdischen Erbes widerzuspiegeln. »Jüdisch« kann eine Religion bezeichnen und/oder eine Nation und/oder eine Zivilisation. Als Zivilisation hat das Jüdische historische, philosophische, ethische, rechtliche und poetische Aspekte. Zur jüdischen Tradition gehört auch eine einzigartige Freiheit, die auch ein paar griechische Philosophen kannten, bedauerlicherweise jedoch nicht das Christentum oder der Islam: die Freiheit zu streiten, sogar mit Gott. Unbequeme Fragen sind nicht nur erlaubt, sondern willkommen. Die kontroverse Debatte im Studierzimmer und am Familientisch ist seit jeher ein zentraler Aspekt jüdischen Überlebens und jüdischer Erneuerung.

Es ist mir eine Ehre, die neue Direktorin von Paideia zu werden, dem Europäischen Institut für Jüdische Studien, einem Zentrum der akademischen Lehre und des intellektuellen Engagements, das natürlich nicht nur Juden offensteht und die ganze kulturelle Bandbreite des europäischen jüdischen Erbes widerspiegelt. Das Studium ist sehr textbezogen - wir verfügen über einen großen und faszinierenden Fundus an »Primärquellen« –, gehorcht aber keinen starren Regeln. Es lebt von Diskussion und Kreativität. Paideia geht es um die Zukunft des europäisch-jüdischen Erbes im besten Sinn.

Geschichte und Religion sind oft der Interpretation unterworfen. Sie können in der politischen Debatte instrumentalisiert und sogar als Waffe eingesetzt werden, wie es in Europa heute immer häufiger geschieht. Wie können wir diese Indienstnahme verhindern?

Mit der Aufklärung verband sich die Hoffnung, Religion und Politik zu entflechten. Die Gründerväter der Vereinigten Staaten – und in anderer Weise auch die Französische Republik – haben die Kirche vom Staat getrennt. Dabei muss man jedoch zwischen der staatlichen Ebene und der Diskursebene unterscheiden. Verfassungsmäßig und rechtlich gesehen war die Trennung von Kirche und Staat durchaus erfolgreich. Politisch gesehen ist die Religion - ebenso wie ihre Narrative - in unserer Zeit eine machtvolle Stimme. Religiöse Werte haben, wie alle anderen Wertesysteme auch, das Recht, auf dem freien Marktplatz der Ideen zu konkurrieren - solange sie keine rechtlichen und ethischen roten Linien überschreiten. Solange sie nicht den freien Ideenaustausch selbst in Frage stellen.

Auch mein Land hat seit seiner Gründung die Religion – und religionsbasierte historische Narrative – in den Dienst der politischen Rhetorik gestellt. In diesem Punkt kann man Israel mit den Vereinigten Staaten vergleichen, aber anders als die meisten Amerikaner sind die meisten Israelis keine frommen Gläubigen. Religion war nie die einzig maßgebliche Praxis. Es gibt ein starkes historisches Bewusstsein, doch es besteht ein großer Unterschied zwischen einer kritischen und einer emotionalen Herangehensweise. Deshalb ist unsere öffentliche Debatte manchmal auch so interessant. Das israelische Rechtssystem ist vom Grundsatz her säkular und liberal - es basiert übrigens zum Teil auf der deutschen Rechtstradition. Die meisten israelischen Staatsbürger sind entweder nichtgläubig, oder sie sind gläubig, lehnen aber die Einmischung der Religion in die öffentliche Sphäre ab.

Ich möchte die Gefahren des religiösen Fanatismus in unserer heutigen politischen Landschaft nicht herunterspielen. Diejenigen Gruppen, die eine in der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, verankerte Rechtsordnung fordern, sind in der Knesset stärker als je zuvor, und in Teilen von Trumps Anhängerschaft in den Vereinigten Staaten und auch bei manchen europäischen Nationalisten können wir ähnliche Tendenzen beobachten. Unter den israelischen Juden und den muslimischen (wenngleich nicht den christlichen) Palästinensern hat ein religiöser Extremismus zugenommen, der den Staat in seiner demokratischen Form zerstören will.

Aber die Dinge sind sehr viel komplexer. An der Schnittstelle von Religion und Politik kann es zu interessanten, mitunter gar nicht beabsichtigten Auswirkungen kommen. Das israelische Familienrecht zum Beispiel basiert auf der Religion, eine Zivilehe ist nicht zulässig. Um dieses Problem zu lösen, hat die Knesset wirksame rechtliche und ökonomische Alternativen zum Ehevertrag geschaffen, und dadurch wurden paradoxerweise die Rechte von Homosexuellen gestärkt; hier ist Israel ein Vorreiter geworden. Wie Sie sehen, ist die Schnittstelle von Religion und Politik sehr viel ambivalenter, als man gemeinhin denkt.

Das israelische Modell hat für Europäer heute eine besondere Relevanz. In einem meiner jüngsten Artikel geht es um den Gebrauch der Hebräischen Bibel im politischen Diskurs Israels. Ich habe festgestellt, dass das mosaische Gesetz und die hebräischen Propheten, obwohl sie natürlich von der nationalistischen Rechten benutzt werden, um die Forderung nach einem »Großisrael« zu propagieren, auch die sozialdemokratische Linke inspirieren können. Während der sozialen Protestwelle 2011 wurden biblische Gedanken der Verteilungsgerechtigkeit und der universellen menschlichen Integrität begeistert zitiert. Religiöse Texte können also die politische Debatte in durchaus gegensätzlicher Weise prägen und Nationalismus und Militanz, aber auch Frieden, Vielfalt und gegenseitigen Respekt fördern. Lassen Sie mich jedoch hinzufügen, dass dies keineswegs neu ist. Jüngere wissenschaftliche Untersuchungen zum politischen Hebraismus des 17. Jahrhunderts, darunter auch Arbeiten von mir, zeigen, dass das Alte Testament einigen Lesern radikal republikanisch, anderen dagegen dezidiert monarchistisch erschien.

Das heutige Europa hat sich erst relativ spät einem Kampf angeschlossen, von dem viele Europäer glaubten, sie hätten ihn längst ausgefochten. Erneut vergießen Fanatiker das Blut von Menschen, die sie als Ungläubige betrachten. Und erneut treten auf der Gegenseite Fanatiker hervor und vergießen das Blut derer, die sie für Fanatiker halten. Wenn der Liberalismus (und die ältere jüdische Tradition) den Dissens legitimiert hat, so erleben wir heute den tragischen Wiederaufstieg einer Anti-Dissens-Gesinnung, die jede abweichende Meinung mundtot machen will.

Was sollten Europas Gesellschaften tun? Vielleicht sollten sie zuallererst schärfer werden, aufmerksamer. Die Öffentlichkeit kann sehr viel differenzierter sein in ihrer Unterscheidung zwischen Gebrauch und Missbrauch der Religion, wenn sie lernt, zwischen realen und vermeintlichen Gefahren zu unterscheiden, das Vermächtnis der Aufklärung und den säkularen Staat im besten staatsbürgerlichen Sinn zu schützen und gleichzeitig an einem freien und offenen Meinungsaustausch festzuhalten. In dieser Arena müssen Ideen im Wettstreit und im Austausch miteinander stehen, denn Streit erhält eine Kultur lebendig. Nichts ist »heilige Schrift« im Sinne einer unantastbaren Wahrheit. Wenn ich zu den zehn Geboten ein weiteres hinzufügen dürfte, würde es lauten: »Du sollst friedlich über alles diskutieren und manchmal lächeln.«

Am 1. September beginnt die Körber-Stiftung mit einer neuen Runde des geschichtlichen Forschungswettbewerbs des deutschen Bundespräsidenten. Diesmal laden wir Schülerinnen und Schüler ein, sich mit Fragen zur Geschichte von Glauben und Religion auseinanderzusetzen – vor Ort, in ihrem persönlichen Umfeld, in ihrer Familie und in der Region, in der sie leben. Was würden Sie wünschen, dass diese jungen Menschen im Zuge ihrer Forschung lernen?

Besonders wenn es um Religion geht, wünsche ich ihnen, dass sie lernen, was die »goldene Mitte« des Historikers ausmacht. Seid neugierig und fasziniert bei euren Forschungen. Seid kritisch und aufgeschlossen bei euren Recherchen. Seid ehrlich, ausgewogen und sehr präzise bei dem, was ihr schreibt.

Welchen Einfluss sollte die Religion auf das Leben der Menschen und ihr Zusammenleben in der besten aller Welten haben?

In der besten aller Welten würden die Menschen einander nicht ihre Vorstellung von der besten aller Welten aufzwingen, sondern sich in grenzenlosen Gesprächen darüber austauschen, was die beste aller Welten sein könnte.

(Aus dem Englischen von Rita Seuß)

zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Videos

Auftaktrede von Karl Schlögel zum Körber History Forum 2016

Der Osteuropahistoriker Karl Schlögel eröffnete am Freitag den 9.9. das Körber History Forum im Humboldt Carré in Berlin mit seiner Rede zur »(Neu-)Vermessung Europas. Grenzen und Räume im Übergang«. Darin schlug er den Bogen von der Wiederkehr der Kategorien Raum und Grenzen in Europa zu aktuellen Krisen auf dem Kontinent. Im Anschluss diskutierte er seine Thesen mit Thomas Paulsen, Körber-Stiftung.

Macht und Ohnmacht des Imperiums

Europa befindet sich 25 Jahre nach Ende der Sowjetunion wieder in einer Umbruchsphase: Die Zahl derer, die in Europa den Nationalstaat inklusive dazugehöriger Grenzen und einer eigenen nationalen Identität gegenüber supranationalen Staatengebilden und Ideen gestärkt sehen wollen, wächst. Auf dem Podium beim Körber History Forum diskutierten darüber Judy Dempsey vom Carnegie Endowment for International Peace, Marek A. Cichocki vom Natolin European Centre, Yaroslav Hrytsak von der Ukrainischen Katholischen Universität Lviv, Alexey I. Miller von der European University in St. Petersburg und die Moderatorin Cathrin Kahlweit von der Süddeutschen Zeitung.

Muss das Ende der Sowjetunion neu bewertet werden?

Wohin entwickelt sich Russland? Beim Streitgespräch zum Stellenwert der jüngsten Vergangenheit für das nationale Selbstverständnis Russlands und den Dialog mit dem restlichen Europa standen sich Ivan Krastev vom Centre for Liberal Strategies, Sofia, und Natalia Burlinova von der Public Initiative »Creative Diplomacy« aus Moskau gegenüber. Sie debattierten über unterschiedliche Perspektiven auf den Transformationsprozess in Russland seit 1991 und über konträre Auffassungen politischer und gesellschaftlicher Rechte in Russland und dem Rest Europas. Katja Gloger vom Stern moderierte.

Migration und Identität

Zuwanderung, Vertreibung, Flucht und Asyl sind auf dem europäischen Kontinent keine neuen Phänomene, sondern reichen historisch weit zurück. Inwieweit hilft der Blick auf Migrationsgeschichte beim Umgang mit Flüchtlingen heute und wie kann Europa auf diese Langzeitherausforderung reagieren? Das diskutierten Ulrich Herbert von der Universität Freiburg, François Gemenne von der Paris School of International Affairs, Norman Naimark von der Universität Stanford und der Moderator Juan Moreno, Der SPIEGEL.

Europa am Ende des säkulären Zeitalters?

Wachsende Multiethnizität und Multireligiösität, engere globale Vernetzung: Europa muss sich neu mit der Bedeutung von Religion auf dem Kontinent auseinandersetzen. Inwieweit ist Europa heute in einem post-säkularen Zeitalter angekommen? Lamya Kaddor vom Liberal-Islamischen Bund, Fania Oz-Salzberger von der Universität Haifa, die Moderation Sonja Zekri von der Süddeutschen Zeitung und Udo Di Fabio von der Universität Bonn debattierten über Religion und Staat, religiösen Extremismus und die Instrumentalisierung von Religion in politischen Debatten.

Europas koloniales Erbe

Historiker Jürgen Zimmerer, die Moderatorin Tina Mendelsohn, der Autor Pankaj Mishra und die Verlegerin Rebecca Nana Ayebia Clarke diskutierten die Frage nach einer angemessenen juristischen, historischen, politischen und psychologischen Aufarbeitung kolonialer Verbrechen Europas. Welche moralische Verantwortung hat Europa gegenüber den ehemaligen Kolonien? Im Mittelpunkt der Diskussion standen die Frage nach der Gestaltungshoheit des postkolonialen Narrativs und die Rolle des Kolonialismus in der Geschichtsvermittlung. Auch die afrikanische und karibische Literatur für die Sensibilisierung junger Menschen im Hinblick auf die koloniale Vergangenheit wurden thematisiert.

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