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Körber History Forum, Juni 2017

Mit Blick in die Geschichte Konflikte der Gegenwart lösen

Die politische Dimension der Geschichte und ihre Bedeutung auch für die Erklärung der Gegenwart standen im Mittelpunkt des diesjährigen Körber History Forums. Zu den Rednern des Forums zählten Pierre Moscovici, Christoph Heusgen, Karen Donfried, Adam Roberts, Harald Welzer und Nina Krushcheva.

»Es geht uns um einen Brückenschlag von Politik und Geschichte, der von Deutschland aus nach Europa reicht«, sagte Thomas Paulsen, Vorstand der Körber-Stiftung, zur Eröffnung der zweitägigen Konferenz in Berlin, die internationale Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, Intellektuelle und Geschichtsvermittler zum zweiten Mal zusammenbrachte. Angesichts der gegenwärtigen Krisen und Katastrophen erscheine Geschichte oft wie eine Wohltat oder ein Refugium, weil sie Orientierung biete und für Entschleunigung sorge. »Aber natürlich soll das Körber History Forum kein Refugium sein«, betonte Paulsen. Es gehe nicht um die Flucht vor einer Welt, die aus den Fugen gerate. »Im Gegenteil, wir suchen Antworten für die Gegenwart, in der wir leben«, erläuterte Paulsen. Es gehe um Antworten auf die Frage, wo Geschichte helfen könne,»Konflikte der Gegenwart besser zu verstehen und zu klügeren politischen Entscheidungen zu kommen.

ausführlicher Bericht

Agenda (PDF)

Russland ist kein Land, das sich unterordnet

Russland verstehe sich immer noch als ein Imperium und trete dementsprechend auf, erläutert die russisch-amerikanische Politologin Nina Khrushcheva – Ur-Enkelin von Nikita Khrushchow  – in einem Gespräch mit der Körber-Stiftung. Im Traum von einem »gemeinsamen Haus Europas« mit den Russen sieht sie – trotz aller Hindernisse – die vielleicht einzige Chance für die Zukunft.

Welchen  Einfluss hat – 25 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion – das Erbe des ehemaligen Imperiums Ihrer Meinung nach auf das heutige Russland?

Russland hat immer noch ein imperiales Bewusstsein. Seine Vorstellung von Macht beruht sehr stark auf dem Konzept von Größe – Größe spielt eine Rolle. Russlands gewaltige Ausmaße, die fast den ganzen Kontinent umfassen, von Kamtschatka bis Kaliningrad, von Japan bis Deutschland, erklären sehr gut Russlands Machtvorstellungen. Zudem gilt, wie in vielen Großreichen, dass die Beziehung zwischen seinen einzelnen Teilen vertikal und nicht horizontal ausgerichtet ist. Letztendlich beginnt und endet alles in Moskau. Wenn wir über das Erbe reden, dann ist das russische Imperium bei weitem nicht am Ende. Es sucht nach Möglichkeiten, sich neu zu positionieren – daher auch Wladimir Putins Verständnis von »Russlands traditionellen Einfluss-Sphären«, wie der Ukraine und Georgien, also den Staaten, die einmal Bestandteile des Imperiums waren und es inoffiziell jetzt irgendwie bleiben und somit gleichwohl [in Russland] als »die Unsrigen« gelten.

In letzter Zeit sprechen viele Menschen in Russland über Europa, als gehöre Russland nicht mehr dazu. Was ist passiert, dass es zu diesem Perspektivwechsel kam?

So wie es die Russen sehen, hat Europa, ja sogar der Westen, sie zurückgewiesen. Die NATO-Erweiterungen bis zur russischen Grenze wurden auch als ein Zeichen verstanden, dass der Westen selbst Russland nicht als einen Teil Europas betrachtet. Die Russen haben den Spieß daher umgedreht – ihr wollt uns nicht, wir wollen euch nicht. Russland ist schlichtweg kein Land, das sich unterordnet (die meisten Großreiche sind das nicht), und die Erwartung , dass es sich schlichtweg an den Westen anpassen würde, ohne viel im Prozess mitbestimmen zu dürfen, war eine große Fehleinschätzung seitens der westlichen Mächte.

Welche Bedeutung hat die gemeinsame Vergangenheit für die aktuellen Herausforderungen in der Verständigung zwischen Russland und seinen europäischen Nachbarn?

Sehr wichtig! Da Russland weiterhin seine Rolle in der Welt aus einer imperialen Position sieht, ist die Vergangenheit von zentraler Bedeutung, da sie den Russen Beispiele dafür gibt, wie sie früher erfolgreich waren. Ich bin mir bezüglich der Verständigung allerdings nicht sicher: Sind die europäischen Nachbarn wirklich bereit, einen Dialog mit Russland zu führen, ohne dem Land zu sagen, was zu tun ist und wie es zu sein hat?

Hat der Traum von einem »gemeinsamen Haus Europa« letztendlich sein Ende gefunden?

Das ist eher eine Frage für Europa als für Russland. Aber ich hoffe nicht. Aber seit die USA unter Donald Trump kaum noch als westliche Führungsmacht gelten und Wladimir Putin gekränkt ist, weil Europa ihm nicht gefällig war, ist Europa mehr als jemals zuvor auf sich allein gestellt. Und es liegt an Europa selbst, zu führen. Was das »gemeinsame Haus Europa« mit den Russen anbetrifft, ist das eine (und vielleicht auch die einzige) Chance für die Zukunft. Mit diesem Kreml allerdings gibt es zu viele Altlasten, um das in nächster Zeit zu erreichen.

Nina Khrushcheva diskutierte beim Körber History Forum 2017 die Frage »Ist Russland auf dem Weg in das posteuropäische Zeitalter?«.

Videos

Das Ende des Westens, wie wir ihn kannten?

In seiner Auftaktrede ging der ehemalige Vizekanzler und Außenminister der Bundesrepublik Deutschland Joschka Fischer der Frage nach, was den »Westen« heute noch ausmacht. Das Konzept des »Westens« entwickelte sich als ein transatlantisch-europäisches Gemeinschaftsprodukt, das von der Herrschaft des Rechts, Gewaltenteilung, repräsentativen Demokratie und unveräußerlichen Menschenrechten bestimmt ist. Im 21. Jahrhundert steht dieses Konzept durch eine fundamentale politische Glaubwürdigkeitskrise auf dem Prüfstand. Wie wirkt sich die politische Wende in den USA auf den Fortbestand des westlichen Ordnungssystems aus? Welche alternativen Ordnungskriterien stünden zur Verfügung?
Eröffnung: Thomas Paulsen, Vorstand der Körber-Stiftung, Hamburg

Zahlt Europa mit der Renationalisierung den Preis für die Globalisierung?

Diskussion mit Shlomo Avineri, Hebrew University Jerusalem, Zanda Kalniņa-Lukaševica, Außenministerium der Republik Lettland in Riga, Gwythian Prins, emeritierter Professor der London School of Economics und Andreas Wirsching, Institut für Zeitgeschichte in München. Es moderierte Stephan Detjen vom DeutschlandRadio. Renationalisierung, Isolationismus und Populismus sind fast überall in Europa (und nicht nur dort) auf dem Vormarsch. Welche Geister der Vergangenheit werden damit geweckt? Brauchen wir Strategien zur Überwindung von Nationalismus und Populismus?

Wie kann eine stabile Friedensordnung gelingen?

Diskussion mit Samir Altaqi, Orient Research Center Dubai, Wolfgang Ischinger, Münchner Sicherheitskonferenz, Henry Laurens, Collège de France und Anuschka Tischer, Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Es moderierte Dietmar Pieper, Der Spiegel. Der Westfälische Frieden von 1648 beendete den Dreißigjährigen Krieg in Europa und schuf eine Friedensordnung und eine europäische Sicherheitsarchitektur, die für 150 Jahre Bestand hatte. Gibt es Mechanismen und Muster, die sich aus der Friedensordnung des 17. Jahrhunderts für heutige Friedensprozesse unter anderem im Nahen Osten ableiten lassen?
In Kooperation mit Der Spiegel im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Frieden machen – was Diplomaten aus der Geschichte lernen können«.

Fotogalerie

  • Talal El Amine, Botschafter der Liga der Arabischen Staaten in Berlin, und Samir Altaqi, Orient Research Center Dubai    
  • Das Ende des Westens, wie wir ihn kannten? Der frühere Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer stimmte im voll besetzten Humboldt Carré die Gäste mit seiner Auftaktrede darauf ein, aktuelle Konflikte und deren historische Wurzeln gleichermaßen zu betrachten.    
  • Die Gesprächsgäste stellten sich auch den kritischen Nachfragen aus dem Publikum, wie hier von Gisela Müller-Brandeck-Bocquet.    
  • Karen Donfried, German Marshall Fund of the United States, Sam Sasam Shoamanesh, Institute for 21st Century Questions, und Wolfgang Ischinger, Münchner Sicherheitskonferenz (v.l.n.r.).    
  • Daniel Gaede, Gedenkstätte Buchenwald, und Carmen Ludwig, Körber-Stiftung.    
  • Maria Fusaro, University of Exeter (links), erläuterte im Mittagsgespräch, welche Erfahrungen aus der Geschichte den Mittelmeeranrainern und dem restlichen Europa beim Umgang mit aktuellen politischen Herausforderungen helfen können.    
  • Inwieweit wir am Beginn eines Zeitalters der Klimakriege stehen, diskutierte Harald Welzer (2. von rechts), FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit, in einem Mittagsgespräch.    
  • Orlando Figes (4. von links) vom Birkbeck College der University of London debattierte im Mittagsgespräch darüber, welche Lesart der Revolution von 1917 Russland im Jubiläumsjahr 2017 wählt.    
  • Fotos: David Ausserhofer

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