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Bericht vom Körber History Forum 2017

Mit Blick in die Geschichte Konflikte der Gegenwart lösen

Die politische Dimension der Geschichte und ihre Bedeutung auch für die Erklärung der Gegenwart standen im Mittelpunkt des diesjährigen Körber History Forums. Zu den Rednern des Forums zählten Pierre Moscovici, Christoph Heusgen, Karen Donfried, Adam Roberts, Harald Welzer und Nina Krushcheva.

»Es geht uns um einen Brückenschlag von Politik und Geschichte, der von Deutschland aus nach Europa reicht«, sagte Thomas Paulsen, Vorstand der Körber-Stiftung, zur Eröffnung der zweitägigen Konferenz in Berlin, die internationale Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, Intellektuelle und Geschichtsvermittler zum zweiten Mal zusammenbrachte. Angesichts der gegenwärtigen Krisen und Katastrophen erscheine Geschichte oft wie eine Wohltat oder ein Refugium, weil sie Orientierung biete und für Entschleunigung sorge. »Aber natürlich soll das Körber History Forum kein Refugium sein«, betonte Paulsen. Es gehe nicht um die Flucht vor einer Welt, die aus den Fugen gerate. »Im Gegenteil, wir suchen Antworten für die Gegenwart, in der wir leben«, erläuterte Paulsen. Es gehe um Antworten auf die Frage, wo Geschichte helfen könne,»Konflikte der Gegenwart besser zu verstehen und zu klügeren politischen Entscheidungen zu kommen.

Ein Ende des transatlantischen Westens konstatierte der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer in seiner Auftaktrede. »In dem Moment, wo sich die Garantiemächte der transatlantischen Ordnung faktisch von dieser Ordnung verabschieden, besteht das große Risiko eines Machtvakuums«, äußerte Fischer angesichts der jüngsten Entwicklungen in den USA und in Großbritannien. Dabei sei nichts in der internationalen Politik so gefährlich wie ein Machtvakuum, einmal abgesehen von der direkten militärischen Konfrontation. Da die USA ihrer imperialen Rolle überdrüssig seien, werde Europa sicherheitspolitisch auf sich allein zurückgeworfen. »Kein Land ist so von dieser Veränderung betroffen wie Deutschland«, analysierte Fischer und zeigte sich besorgt, dass kein Land in Europa so wenig auf diese neue Lage vorbereitet sei wie die Bundesrepublik. »Wenn wir uns den Zustand unserer Bundeswehr anschauen, müssen wir etwas tun, wenn wir mehr haben wollen als ein überteuertes Ersatzteillager.«

Kulturelle Krise des Westens

Eine kulturelle Krise und ein Versagen der politischen Klasse beklagte der britische Historiker und Brexit-Befürworter Gwythian Prins in der Diskussion über Populismus und Nationalismus in Europa. Er kritisierte, dass die Ergebnisse von nationalen Referenden, wie in den Niederlanden oder in Griechenland, von der EU übersehen worden seien. »Diese Verachtung für den Willen des Volkes wurde von den Menschen natürlich wahrgenommen«, so Prins. Es gebe in Europa zu wenig Partizipation und dies schaffe ein Vakuum, das von anderen Kräften ausgefüllt werde.

Ihm widersprach der Münchner Zeithistoriker Andreas Wirsching: »Ich bin überhaupt nicht der Auffassung, dass Europa ein Elitenprojekt gegen das Volk ist.« Stattdessen sei in Europa ein gewaltiger Erfahrungsraum und Lernort entstanden, an dem die Europäer täglich partizipierten. Eine Entfremdung der politischen Eliten sei keineswegs nur ein EU-Phänomen, sondern in allen westlichen Demokratien seit Jahrzehnten sichtbar. Wenn man sich die Geschichte der europäischen Integration ansehe, sei zu erkennen, dass die Nationalstaaten seit dem Schumann-Plan 1949/50 immer geglaubt hätten, mit dem europäischen Modus ihren eigenen nationalen Interessen zu dienen. »Das heißt, nationale Interessen, Nationalstaat und europäische Integration schließen sich nicht aus«, bemerkte Wirsching »Sie sind keine Gegensätze, sondern sie wirken zusammen, indem sie gewissermaßen zahnradähnlich komplementäre Interessen zusammenbringen.« Allerdings würden einige EU-Staaten diesen Mechanismus heute nicht erkennen, sondern richteten ihre eigenen Interessen gegen Europa. Wirsching sprach davon, dass eine neue europäische Identität sich noch nicht ausreichend gefestigt habe, um »wetterfest« zu sein.

Der israelische Politologe Shlomo Avineri mahnte, Europa habe die Frage der Identität zu lange vernachlässigt, »Die Europäische Union hatte ein Demokratiedefizit, sie war nicht bürgernah«, erwiderte Avineri. Er zeigte sich optimistisch, dass die EU zwar überleben werde, aber sie brauche mehr Raum für »weichen Nationalismus« und müsse ihre Identitätsfrage stärker debattieren. »Wenn man das nicht macht, überlässt man die Diskussion den Rechten.« Zanda Kalnina-Lukasevica, Parlamentarische Staatssekretärin für Europäische Angelegenheiten im lettischen Außenministerium, wies darauf hin, dass sich nicht nur Europa in der Krise befinde, sondern es sich um eine globale Krise handele: »Wir haben eine Finanzkrise, die hat sich auf Europa tief ausgewirkt, aber angefangen hat die Krise in den USA.« Heute stehe die ganze freiheitliche Weltordnung weltweit unter enormem Druck. Es sei eine »Zeit der Monster«, in welcher der Nationalismus zurückkehre und die Gesellschaften»sich zu wenig auf»Rechtsstaatlichkeit und soziale Gerechtigkeit ausrichteten.

In seinem Gespräch zur Frage »wieviel Deutschland verträgt Europa?« zeigte sich der französische EU-Kommissar Pierre Moscovici gelassen angesichts einer führenden Rolle Deutschlands innerhalb der EU. »Man kann ein großer Europäer sein und gleichzeitig ein großer Deutscher, da gibt es überhaupt keinen Widerspruch«, erinnerte der Sozialist anlässlich des Todes von Helmut Kohl an seine persönlichen Begegnungen mit dem früheren Bundeskanzler. Nach den Wahlen in Frankreich und der Bundestagswahl im Herbst gehe ein großes Fenster neuer Möglichkeiten für die deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa auf, meinte Moscovici optimistisch.

Das Verhältnis zu Russland

Das post-europäische Zeitalter werde vor allem dadurch bestimmt, dass Europa nicht mehr die zentrale politische und wirtschaftliche Kraft in der Welt sei, erklärte die Direktorin des neuen Osteuropa-Instituts ZOiS in Berlin, Gwendolyn Sasse. Deshalb stelle sich auch die Frage neu, welchen Platz Russland darin habe. »Russland ist der Nicht-Westen«, zeigte sich dagegen die US-Politologin und Ur-Enkelin des früheren sowjetischen Parteichefs Nikita Chruschtschow, Nina Khrushcheva, überzeugt. In seinem Verhältnis zu Europa sei Russland einer ständigen Pendelbewegung unterworfen. Als Putin 2000 an die Macht gekommen sei, habe er noch vom gemeinsamen europäischen Haus gesprochen. Heute herrsche eher das Gefühl vor, dass»Russland nicht gewollt werde und Moskau deshalb nach einem eigenen Weg suche.

Der russische Publizist Fyodor Lukyanov beschrieb die Ukraine-Krise als Kulminationspunkt einer längeren Entfremdung, zu der Illusionen und falsche Erwartungen auf allen Seiten geführt hätten. »Jetzt sieht es aus, als seien wir in der Sackgasse«, räumte Lukjanow ein. »Deshalb klammern sich alle rhetorisch an das Minsker Abkommen, etwas anderes haben wir nicht.« Lukyanov zeigte sich besorgt, dass die Frage rund um die Ukraine nicht losgelöst von neuen Entwicklungen in Europa und Eurasien behandelt werden könne. Er erwarte zwar nicht, wie viele seiner russischen Kollegen, dass die EU kollabiere, aber sie werde in einigen Jahren anders aussehen. Auch Putin müsse das russische System verändern, um seinen Rückzug vorzubereiten, erläuterte der Moskowiter. Die Ukraine-Krise sei aus seiner Sicht das Ergebnis all der Widersprüche, die sich nach dem Kalten Krieg angehäuft hätten und eines falschen Konzeptes, wie Europa organisiert sein sollte.

Perspektiven für den Nahen Osten

Die Frage, welche Impulse sich aus den Erfahrungen des Westfälischen Friedens von 1648 auf die aktuellen Krisenherde im Nahen und Mittleren Osten anwenden ließen, zeigte, dass»Lehren aus der Geschichte sich nur begrenzt übertragen lassen. Die Würzburger Historikerin Anuschka Tischer räumte zunächst mit einigen Mythen auf, die sich rund um das Ende des Dreißigjährigen Krieges ranken. So seien damals keineswegs alle Probleme gelöst worden, sagte sie. Noch über viele Jahre habe große Unsicherheit geherrscht, ob der Friede Bestand haben könne. Der französische Historiker Henry Laurens machte deutlich, dass die Lage im Nahen Osten schon immer von einer permanenten Logik der Einmischung und Verflechtung fremder Mächte bestimmt worden sei. »Das Internationale hat Einfluss auf das Lokale und umgekehrt«, erklärte Laurens, der sich mit Blick auf eine Lösung in Syrien skeptisch zeigte. Es habe in der Region nur wenige Phasen hegemonialen Friedens gegeben.

Bei der gegenwärtigen Katastrophe in Syrien zeige sich, dass die Rolle externer Garantiemächte sich als destruktiv erweise, wenn deren Ziele nicht miteinander vereinbar seien, räumte Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, ein. Er verwies auf das Beispiel der Balkankriege, wo die gemeinsame Kontaktgruppe, in der Moskau, Washington und die EU vertreten waren, im Prinzip einen gemeinsamen Ansatz verfolgen konnte, um den Krieg zu beenden. Einer der großen Fehler Europas in der Syrien-Krise war, nicht frühzeitig gemeinsam mit Russland, den USA, der Türkei und anderen Staaten eine solche Kontaktgruppe geschaffen zu haben. Der syrische Arzt und Gründungsdirektor des Orient Research Centers in Dubai, Samir Altaqi, verwies darauf, dass es inzwischen einen Prozess gebe, an dem die unterschiedlichen syrischen Gruppen beteiligt seien, darunter auch diejenigen, die Blut an ihren Händen hätten. »In Syrien kämpft niemand für Syrien«, bedauerte Altaqi. Syrien sei das Spielfeld für konkurrierende, unterschiedliche Interessen und für einen großpolitischen Wettkampf, bei dem versucht werde, die Hegemonie neu zu bestimmen.

Der Westen und seine Werte

Mit den Lehren aus der Geschichte imperialer Weltordnungen beschäftigte sich die Abschlussrunde des Körber History Forums. »Wir dürfen nicht glauben, dass wir am Ende der imperialen Ära angekommen sind«, mahnte der britische Politologe Adam Roberts und verwies auf China, das sich allerdings selbst nicht als Imperium verstehe. Der Historiker Patrick Cohrs von der Europäischen Universität in Budapest betonte, man solle die Rolle der Imperien nicht überbewerten. Für ihn stelle sich vor allem die Frage, wer die Welt beherrsche.

Seit 1945 habe eine liberale, demokratische Ordnung mit freier Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit den Westen und dessen gemeinsamen Werte repräsentiert, erinnerte Karen Donfried vom German Marshall Fund an die Anfänge. Die USA hätten lange Zeit Vorteile in der engen Bindung an Europa gesehen. »Heute scheint es einen US-Präsidenten zu geben, der diese grundlegenden Ideen nicht mehr teilt«, merkte Donfried an. Es sei faszinierend, dass ausgerechnet die führende Macht dieser alten Ordnung plötzlich die Entscheidung treffe, sich daraus zurückzuziehen. Der außenpolitische Berater im Bundeskanzleramt, Christoph Heusgen, signalisierte, dass Europa nun die Rolle zukomme, der neuen US-Regierung diese Werte wieder näher zu bringen. »Ich sehe keinen Grund, warum wir diesen Kurs verändern sollten.« Nach dem Wahlsieg von Donald Trump und dem Brexit gebe es seit der Wahl von Macron wieder Aussichten auf eine »europäische Renaissance«.

Von Gemma Pörzgen

Interview mit Gabriele Woidelko im Deutschlandfunk

Interview mit Karen Donfried im Tagesspiegel

Interview mit Paweł Machcewicz in der NZZ

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