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Internationaler Gesprächskreis debattiert über das historische Erbe der Weltkriegsepoche

Vom 6. bis 8. Dezember führte das Auftakttreffen der Körber History Reflection Group 21 hochrangige Experten und Vertreter aus 11 Ländern Europas in Minsk zusammen. Im Mittelpunkt des Treffens stand die Bedeutung der Weltkriegsepoche für die Gesellschaften Mittelosteuropas.

Die Vielfalt der diskutierten Perspektiven und Positionen zeigte, wie wichtig die Auseinandersetzung mit Geschichte und deren politischer Bedeutung auf europäischer Ebene ist. Ein Schwerpunkt lag auf der Tragweite und den Beschränkungen des Begriffs der »Grenzlande« für die Region Mittelosteuropas, deren soziale und politische Topographie im Verlauf des 20. Jahrhunderts von nationalen Ambitionen gestaltet und von totalitären Machtansprüchen verheert wurde. Der einhundertste Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs zeigte die Unterschiede hinsichtlich der historischen Erfahrungen im östlichen Europas auf, das nach 1918 vielfach eine Fortführung von Konflikten erlebte, die bis heute in einer gesamteuropäischen Geschichtsschreibung unbeachtet geblieben sind.

Die entscheidende Bedeutung des Zweiten Weltkriegs und seine Prägekraft für die Gesellschaften Mittelosteuropas nahm einen weiteren zentralen Platz in den Debatten ein. Dabei wurde der Entwicklung staatlicher und privater Formen der Erinnerung besondere Aufmerksamkeit zuteil: Insbesondere beschäftigten sich die Gesprächsteilnehmer mit den Geschichtsbildern Mittelosteuropas in der unmittelbaren Nachkriegszeit, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sowie unter dem Eindruck zuletzt erfolgter nationaler Neubewertungen.

Das Treffen wurde von der Körber-Stiftung in Kooperation mit dem Belarussischen Büro des Deutschen Volkshochschulverbands organisiert. Im Rahmen des zweitägigen Programms fanden die Gespräche am runden Tisch im Altstädtischen Rathaus der belarussischen Hauptstadt sowie Exkursionen zu herausgehobenen Erinnerungsorten statt – darunter das Museum des Großen Vaterländischen Krieges und die Gedenkstätten in Maly Trostenez und Khatyn.

Die Gespräche der Körber History Reflection Group verdeutlichten die komplexe Verwobenheit der Geschichte der Region, aber auch wie wichtig es bleibt, unterschiedliche Sichtweisen auf die Vergangenheit zur Sprache zu bringen und zu verstehen. Empathie gegenüber den von der Gewalt des vergangenen Jahrhunderts unmittelbar Betroffenen ist dabei Ausgangspunkt jeder Verständigung. Vor diesem Hintergrund möchte die Gruppe bei zukünftigen Treffen der Frage nachgehen, wie die Entschärfung politisierter Geschichtsverständnisse in der Region gelingen kann und welchen Beitrag Historiker, Politiker, Diplomaten, sowie Mitglieder der Zivilgesellschaft und Medien dazu leisten können.

Liste der Teilnehmer (PDF)

Der belarussische Historiker Pawel Tereschkowitsch erläuterte im Interview, wie die historischen Erfahrungen des 21. Jahrhunderts Belarus bis heute prägen.

Die britisch-französische Publizistin Natalie Nougayrède sprach im Interview über die Bedrohungen für das europäische Projekt und die Instrumentalisierung von Geschichte.

Der deutsche Historiker Jörn Leonhard ordnete im Gespräch die spezifische mittelosteuropäische Erfahrung des Ersten Weltkriegs und der Zwischenkriegszeit in einen europäischen Kontext ein.

Fotos: Pavel Kritchko

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