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Die belarussische Geschichte ist von europäischen Debatten noch sehr isoliert

Das erste Treffen der Körber History Reflection Group brachte vom 6. bis 8. Dezember 2018 insgesamt 22 Historiker, Politiker und Diplomaten sowie Vertreter der Zivilgesellschaft und Medien in der belarussischen Hauptstadt zusammen. Im Mittelpunkt der zweitägigen Beratungen stand die Auseinandersetzung mit dem Erbe der beiden Weltkriege in Mittelosteuropa. Ein besonderes Augenmerk wurde dabei auf historische Konflikte gelegt, die innerhalb und zwischen den Gesellschaften Mittelosteuropas bis heute nachwirken und politische Relevanz haben. Der belarussische Historiker Pawel Tereschkowitsch erläutert im Interview, wie die historischen Erfahrungen des 21. Jahrhunderts Belarus bis heute prägen.


Herr Tereschkowitsch, im zurückliegenden Jahr hat das Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren in vielen Ländern eine große Rolle gespielt. Wie war das in Belarus?

In Belarus stand das nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Unser Präsident Aljaksandr Lukaschenka war zwar auch zu der Gedenkfeier in Paris am 11. November eingeladen, hat an ihr allerdings nicht teilgenommen. Belarus wurde dort vom Sprecher des Oberhauses des Parlaments, Michail Mjasnikowitsch, vertreten. Das zeigt, dass dieses historische Datum für die belarussische Geschichte nicht besonders wichtig ist.

Warum ist das so?

Der Erste Weltkrieg endete für uns schon im Februar 1918 mit dem Friedensschluss von Brest-Litowsk zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten, und hier allen voran dem Deutschen Reich. Außerdem ist für das Schicksal unseres Landes vor allem der Zweite Weltkrieg entscheidend. Das ist ein Trauma von solcher Größe, dass es sich mit keinem anderen Ereignis vergleichen ließe. Der Erste Weltkrieg liegt deshalb völlig im Schatten. Die belarussischen Verluste im Ersten Weltkrieg liegen bei rund 150.000 getöteten Menschen, im Zweiten Weltkrieg bei mehr als zwei Millionen. Schon diese Zahlen sagen einiges aus.

Gab es dennoch in der Hauptstadt Minsk irgendeine Form des Gedenkens an den Ersten Weltkrieg?   

Es gab ein paar kleinere Ausstellungen, beispielsweise im Nationalmuseum für Geschichte und Kultur in Minsk. Außerdem gab es eine interessante Initiative der NGO »European College of liberal Arts in Belarus« (Eclab), die eine sehr gute pazifistische Ausstellung und einige Vorträge über den Ersten Weltkrieg organisiert haben. Aus historischer Sicht ist der Erste Weltkrieg bei uns zu stark unterbewertet, denn trotz der geringeren Opferzahlen waren die Kriegshandlungen natürlich auch in Belarus schwerwiegend. Die Front zog sich immerhin von 1915 bis 1918 durch Belarus und hat das Land im Grunde in zwei Hälften geteilt. Viele Dörfer und Städte wurden damals zerstört, es gab sogar Giftgasangriffe. Das alles ist noch nicht ausreichend historisch erforscht und aufgearbeitet, auch aufgrund der geringen Bedeutung des Kriegs in der sowjetischen Geschichtsschreibung.

Dem Zweiten Weltkrieg ist mit dem Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges ein sehr prominenter Platz in der Minsker Gedenklandschaft eingeräumt worden. Welche Rolle spielt dieses Museum für die belarussische Erinnerungskultur?

Es ist sehr interessant, dieses Museum mit dem Nationalmuseum für Geschichte und Kultur zu vergleichen, das eher ein trauriges Dasein fristet. Das Museum für die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges ist ein Neubau aus dem Jahr 2014, für den sehr viel staatliches Geld zur Verfügung stand. Es gibt in Belarus sehr wenige solche neuen Museumsbauten. Das Trauma des Zweiten Weltkriegs bedeutet in Belarus zugleich, dass seine Erinnerung wichtige ideologische Ressourcen bereithält. Besonders wichtig ist dabei die Darstellung des Sieges, dem im letzten, sehr prächtig gebauten Saal ein geradezu kultischer Charakter zugesprochen wird.

Worin zeichnet sich die belarussische Sicht auf den Zweiten Weltkrieg aus, welche Entwicklungen haben hier stattgefunden?

Das Museum folgt den ideologischen Mustern, die sich schon in der sowjetischen Zeit herausgebildet haben. Aber es gibt natürlich auch interessante Veränderungen. In sowjetischer Zeit blieb der  Molotow-Ribbentrop-Pakt vom August 1939 gänzlich unerwähnt, jetzt kommt er zumindest in der Ausstellung vor. Das geheime Zusatzprotokoll wird allerdings positiv bewertet, da sich infolge seiner Bestimmungen die Belarussen in einem Staatvereinigt wurden. Die Initiative dafür ging natürlich von der Kremlführung in Moskau aus, die das belarussische Volk für ihre eigenen Interessen benutzte.

Welchen Platz nehmen die belarussischen Geschichtserfahrungen in der europäischen Historiographie ein?
 
Wenn sie an das vielbeachtete Buch »Bloodlands« des US-Historikers Timothy Snyder denken, so zeigt es, dass diese Region besonders blutig gelitten hat, sowohl unter dem NS-Schrecken des Zweiten Krieges wie auch unter dem stalinistischen Terror. Diese Metapher hilft zu verdeutlichen, welche Tragödie sich in Belarus abgespielt hat. Allerdings ist die offizielle Historiographie in Belarus leider noch sehr isoliert von europäischen Debatten. Dabei gibt es heute im Ausland  eine sehr qualifizierte historische Beschäftigung mit der belarussischen Geschichte. Einmal in Polen, wo unser Land sehr gut erforscht wird, dann in den USA und schließlich in Deutschland. Mir persönlich scheint die deutsche historische Forschung zu Belarus besonders produktiv und angemessen zu sein. Dort wird verstanden, was sich bei uns in der Vergangenheit ereignet hat, aber auch, was heute geschieht.

Sie gründen selbst gerade eine private Universität in Minsk, in der in belarussischer Sprache unterrichtet werden soll. Wo steht dieses Projekt gerade?

Das ist ein  Projekt der Francyk Skaryna Gesellschaft für Belarussische Sprache. Bisher gehört Belarus zu den vier Ländern in Europa, die keine höheren Schulen haben, in denen in der Landessprache unterrichtet wird. Es gab zunächst den Versuch, eine staatliche Universität zu eröffnen, in der Belarussisch die Unterrichtssprache ist. Aber das  war nicht erfolgreich. Nun gibt es diese private Initiative und die Universität wurde am 15. März dieses Jahres von den staatlichen Stellen offiziell registriert. Wir hoffen im Herbst 2019 mit dem Studienbetrieb beginnen zu können.

Mit ihrem Fokusthema »Der Wert Europas« leistet die Körber-Stiftung einen Beitrag zur Debatte über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des europäischen Projekts. In unterschiedlichen Aktivitäten mit politischen Entscheidungsträgern und gesellschaftlichen Vordenkern benennen wir unterschiedliche Sichtweisen und Wertvorstellungen und identifizieren Gemeinsamkeiten.

Der belarussische Historiker Pawel Tereschkowitsch war von 2009 bis 2013 Direktor der Historischen Fakultät an der privaten Europäischen Humanistischen Universität (EHU) in der litauischen Hauptstadt Vilnius. Zu seinen Forschungsthemen gehören die Theorie und Geschichte des Nationalismus in Belarus und in Ostmitteleuropa. Gegenwärtig engagiert er sich für die Eröffnung einer privaten Universität in Minsk, die ab Herbst 2019 den Lehrbetrieb in belarussischer Sprache aufnehmen soll.  

Das Gespräch führte die Journalistin Gemma Pörzgen   

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