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„Eine Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit ist in Großbritannien ausgeblieben.“

Nach dem Brexit-Votum wurde in der britischen Öffentlichkeit die Möglichkeit diskutiert, die historischen Verbindungen des britischen Empire zukünftig stärker zu nutzen. Doch die Idee eines »Empire 2.0« wurde sowohl im Land selbst wie auch vom Ausland kritisiert. Dabei wurde angemahnt, dass das koloniale Erbe in Großbritannien kaum aufgearbeitet sei. Im Interview mit der Körber-Stiftung erläuterte Gurminder K. Bhambra, Professorin für Postkoloniale- und Dekolonialisierungsstudien der Universität Sussex, die aktuellen Debatten. Am 29. Mai moderiert Gurminder K. Bhambra auf dem Körber History Forum die Break-Out Session zum Thema »Großbritanniens postkoloniale Kampfzonen«.

Frau Professor Bhambra, wie konnte das Erbe des britischen Kolonialreiches zuletzt eine so große Bedeutung erlangen?

Das Brexit-Referendum hatte viel damit zu tun. Die Debatten im Vorfeld des Referendums konzentrierten sich auf Fragen der nationalen Souveränität und des »Zurückerlangens von Kontrolle«, was mit einem Selbstverständnis Großbritanniens als einer Nation mit einer eigenen nationalen Geschichte einhergeht. Das britische Kolonialreich war bis dahin nicht von besonderer gesellschaftlicher Relevanz. Die weltweiten Dekolonialisierungsprozesse führten dazu, dass Großbritannien zum Zeitpunkt seines Beitritts in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft im Jahr 1973 nicht mehr die Weltmacht von einst war. Aber der Anschluss an eine supranationale Gemeinschaft lenkte die Aufmerksamkeit von der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und dem Status als post-kolonialem Staat weg. Der Brexit und der Bruch mit Europa rückten diese Fragen, die in den letzten vierzig Jahren verdrängt worden waren, wieder in den Vordergrund.

Inwiefern wurde diese Vergangenheit verdrängt?  Kann die Vergangenheit des größten Kolonialreichs der Geschichte tatsächlich aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwinden?

Eines der Probleme der mangelnden Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit in Großbritannien zeigt sich darin, dass das Erbe des Kolonialreichs in der öffentlichen Diskussion weitgehend auf Fragen der Immigration reduziert wurde. Dass dabei Immigrationsfragen dann auf den Aspekt der Rasse eingeengt wurden, ist auch Folge des Versuchs, ein Verständnis der eigenen Nationalstaatlichkeit unter Ausklammerung des Empire und der damit verbundenen Personengruppen zu entwickeln. Historisch betrachtet beginnt das bereits mit der Darstellung der Siege in den beiden Weltkriegen als der Errungenschaft einer Inselnation, nicht aber der Truppen des Empires in seiner Gesamtheit. Dieser Denkansatz hat Konsequenzen, die bis heute wahrgenommen werden können.

Welche Konsequenzen wären das?

Eine Schwierigkeit der Wahrnehmung einer weißen britischen Nation liegt darin, dass sie große Teile der britischen Gesellschaft von einer gemeinsamen Geschichte im Rahmen der imperialen Vergangenheit ausschließt. Wenn es nicht gelingt, diese gemeinsame Geschichte anzuerkennen, wird es letztlich sehr schwierig, eine gemeinsame Grundlage zu finden. Das Problem wird verschärft durch das Fortdauern eines dominanten Narrativs über das Empire, in dem dieses weitgehend positiv präsentiert wird. Im Gegensatz etwa zu Deutschland ist eine Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit in Großbritannien ausgeblieben – zugunsten einer Herausstellung früherer Größe.

Haben die Gemeinschaften, die als Folge des Empires nach Großbritannien kamen, ein eigenes Narrativ entwickelt?

Diejenigen von uns mit direkter Verbindung zu anderen Teilen des früheren Empires begreifen, dass der Kolonialstaat kein wohlwollender war, sondern eher ein problematischer – um es milde auszudrücken. Wir bringen zwar andere Perspektiven ein, doch solange nicht anerkannt wird, dass diese Perspektiven zu derselben Geschichte gehören und – noch ausdrücklicher – dass das Empire großes Unrecht verursacht hat, bin ich mir unsicher wie wir vorankommen können.

Welche Chancen gibt es, die Sichtweise eines weißen Großbritanniens auf das Empire zu beeinflussen?

Zuerst muss die Geschichte des Empires überhaupt zum Thema gemacht werden. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass die Geschichte des Empire im britischen Bildungswesen nicht wirklich unterrichtet wird. Tatsächlich hat der damalige Bildungsminister Michale Gove vor zehn Jahren versucht den Unterricht der britischen Geschichte an den Schulen explizit auf die britischen Inseln zu beschränken. In Anbetracht der Tatsache, dass Großbritannien am Höhepunkt seiner Macht mehr als ein Viertel der Erdoberfläche beherrschte, ist der Vorschlag, dessen Geschichte auf die Geschehnisse auf dieser Insel zu beschränken, gleichbedeutend mit einer Flucht vor der Vergangenheit und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart. 

Welche Rolle spielten ein fehlendes Verständnis der kolonialen Vergangenheit und die Vorstellung eines weißen Großbritanniens im aktuellen Windrush-Skandal, in dem britische Staatsbürger überwiegend karibischer Abstammung als illegale Immigranten drangsaliert werden?

Der Windrush-Skandal zeigt in außergewöhnlicher Weise, dass Großbritannien immer noch versucht, Immigration unter dem Gesichtspunkt der Rasse und nicht dem der Staatsbürgerschaft zu begreifen. Die Betroffenen sind im Wesentlichen britische Staatsbürger, die als Bürger nach Großbritannien kamen, mit dem Recht hier zu leben und sich niederzulassen. Die gegenwärtige Regierung hat sich seit einigen Jahren zum Ziel gesetzt ein »feindliches Umfeld« zu schaffen, in dem einige Bürger aufgefordert werden darzulegen, dass sie Briten sind – auf der Grundlage von Dokumenten, die diese nicht vorlegen können.

Die Regierung könnte mühelos den Status der Staatsangehörigkeit einer jeden Person anhand der Beschäftigungs- und Steueraufzeichnungen nachvollziehen, erklärt es nun aber zur individuellen Pflicht, diesen Anspruch zu belegen. In den letzten sechs Monaten berichteten die Medien vielfach über die Ungerechtigkeit dieser Situation und bewirkten damit, dass nun zum ersten Mal Risse sichtbar werden in der öffentlichen Wahrnehmung und in der Art, wie wir über Migration und Staatsbürgerschaft denken. Zunehmend werden auch Fälle in der Berichterstattung genannt, die nahelegen, dass die Probleme weit über die Windrush-Generation hinausreichen.

Wie müsste Großbritannien Einwanderung verstehen, wenn es der Post-Brexit-Idee einer Wiederbelebung eines »Global Britain« gerecht werden möchte?

Viele, die von dem Windrush-Skandal betroffen sind, kommen aus der Karibik. Umgekehrt waren sie nur deshalb in der Karibik, weil Großbritannien ihre Vorfahren aus Afrika entführt und sie im Zuge des Europäischen Menschenhandels dorthin gebracht hat. Es gibt also einen historischen Hintergrund, der zeigt, was »Global Britain« gewesen ist. Ich bin mir unsicher, ob ein »Global Britain« in der Gegenwart existieren könnte, weil sich Großbritannien anschickt, in dem selben Verständnis »global« sein zu wollen wie es dies zu Zeiten des Empire bereits war. Es möchte Zugang zu Märkten haben, doch zu eigenen Bedingungen und ohne wechselseitige Verpflichtungen. Es geht um freien Kapitalverkehr und einen deregulierten Arbeitsmarkt im Inland, doch ohne jede Anerkennung von Verantwortung hinsichtlich der früheren Stellung als »Global Britain« und ohne jedes Verständnis dafür, dass Staaten, die in der Vergangenheit Teil des Empire waren, nicht unbedingt Teil eines britischen Empire 2.0 sein möchten.

Welche Chancen bestehen, auch vor dem Hintergrund des alles überschattenden Brexit, dass sich Großbritannien in der näheren Zukunft seiner kolonialen Vergangenheit stellt?

Ich denke, dass sich Großbritannien gegenwärtig in einer sehr prekären Situation befindet. Der Brexit dominiert das politische Klima und macht es sehr schwierig, Lösungen für drängende soziale und ökonomische Probleme zu entwickeln. Aber die Instabilität erlaubt es zugleich, unterschiedliche Sichtweisen zur Geltung kommen zu lassen und unsere Denkweise darüber zu verändern, wer wir sind und wer wir sein könnten. Damit das jedoch in einem positiven Sinne geschehen kann, werden wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen müssen, während wir nach vorne blicken. 

Gurminder K. Bhambra ist Professorin für Postkoloniale- und Dekolonialisierungsstudien an der School of Global Studies der Universität Sussex. Ihr neustes Buch heißt »Connected Sociologies« (2014). Ihre erste Monografie, »Rethinking Modernity: Postcolonialism and the Sociological Imagination« (2007), gewann 2008 den Philip Abrams Memorial Preis für die beste Erstveröffentlichung im Bereich Soziologie. 

Kontakt

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Leitung Bereich Geschichte und Politik
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