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Bericht vom Körber History Forum 2019

 

Europa: Wie sicher ist Geschichte in Zeiten der Unsicherheit?

Alte Mythen und neue Propaganda, starke Führer und schwache Friedensschlüsse, Gefahren für die Demokratie und die Krisen Europas: Es gab viel zu besprechen auf dem vierten Körber History Forum in Berlin. Zwei Tage diskutierten dort über 200 Wissenschaftler, Politiker, Journalisten und Intellektuelle kontrovers über die Vergangenheit und blickten hin und wieder vorsichtig in die Zukunft.

»Geschichte war selten so aktuell wie heute und Politik selten so geschichtsträchtig.« Mit diesen Worten setzte Thomas Paulsen den Rahmen des zweitägigen Körber History Forums in Berlin. Der Vorstand der Körber-Stiftung spielte damit nicht nur auf die vielen historischen Ereignisse an, deren Jahrestage im Jahr 2019 anstehen – wie der Friedensschluss von Versailles 1919, der Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939, die Gründung von Bundesrepublik, DDR und NATO 1949 sowie der Fall der Berliner Mauer 1989. Paulsen verstand den Satz auch ganz aktuell: »Geschichte wird immer häufiger instrumentalisiert, sie wird zur politischen Waffe.«

Zunehmenden Bedrohungen stünden aber auch immer mehr Menschen entgegen, die sich für die liberale Demokratie einsetzten. Mythen dekonstruieren und Brücken bauen: Dies sei auch das Ziel des Körber History Forums, das in seiner vierten Ausgabe selbst auf eine positive Geschichte zurückblickt: »Was 2016 als Experiment begann, ist in kurzer Zeit 'the place to be' des internationalen Dialogs über die Gegenwart der Vergangenheit in der internationalen Politik geworden«, bemerkte Paulsen vor Wissenschaftlern, Politikern, Journalisten und Intellektuellen aus aller Welt.

Europa nach 89: Zwischen Selbstbestimmung und der Suche nach einer gemeinsamen Ordnung

Wie sich große politische und historische Debatten in einer Frage komprimieren lassen, machte die amerikanische Historikerin Mary Elise Sarotte deutlich: »Wurde der Sowjetunion im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands der Verzicht auf die NATO-Osterweiterung versprochen?« Das war die Leitfrage ihres Eröffnungsvortrages. Der Emotionalität der bis heute geführten Debatte setzte Sarotte eine Alternative entgegen: »Es gibt Dokumente.« Das Ergebnis ihrer jahrelangen Analyse der Wende-Unterlagen: Nein, ein gebrochenes Versprechen habe es nicht gegeben. Eine verpasste Chance für eine dauerhafte europäische Friedensordnung hingegen schon.

Wie sehr das Thema auch 30 Jahre später Menschen noch bewegt, konnte man an den langen Wartereihen hinter den Publikumsmikrofonen ablesen. »Niemand konnte sich damals vorstellen, dass ehemalige Warschauer Pakt-Staaten Mitglied der NATO sein könnten«, betonte Markus Meckel, der 1990 als DDR-Außenminister die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen selbst miterlebt hatte. Auf die Perspektive osteuropäischer Staaten verwies hingegen die Professorin für Menschenrechte Daniela Haarhuis: »Ist es nicht gleichgültig, ob es eine Zusage gab? Wir sprechen hier von souveränen Staaten.«

Von einer »Wiedererlangung des Selbstbestimmungsrechts« sprach auch der ehemalige Präsident Polens, Bronisław Komorowski, mit Blick auf EU- und NATO-Mitgliedschaft seines Landes. In seiner Rede über die »Werte Europas« in Zeiten von Nationalismus, Brexit und Wirtschaftskrise beklagte der Historiker und ehemalige Aktivist der Solidarność einen »Sirenengesang, der ganze Gesellschaften in die Irre führt.« Dennoch zeigte sich Komorowski optimistisch: »Wir spüren, dass die Krisenphänomene in der EU zunehmen. Aber es ist keine Krise des Wertegerüsts Europas.« Um die Frage, was diese Werte ausmachen, drehte sich das anschließende Gespräch. Europa sei »die Summe nationaler Patriotismen, nicht ihr Gegenstück«, erläuterte Komorowski. Und er ging zudem darauf ein, wie verbindend die »christlichen Wurzeln des Abendlandes« für Europa seiner Meinung nach seien.

Von der Zwiespältigkeit starker Leadership

Die Ambivalenz von Nationalismus und Patriotismus berührte auch die folgende Podiumsdiskussion. »Ist starke Führung eine Bedrohung für die Demokratie?«, wollte Moderator und Süddeutsche Zeitung-Redakteur Daniel Brössler von der Runde wissen. »Kommt darauf an«, könnte man deren Konsens zusammenfassen. Starke Anführer seien nicht allein das Problem, sondern fehlende Kontrolle von Macht, sagte Sylvie Kauffmann, Chefredakteurin der französischen Le Monde: »Wir brauchen funktionierende und demokratische Checks and Balances.« Die Einbettung in demokratische Strukturen machten auch für Archie Brown, emeritierter Politikwissenschaftler und Historiker an der University of Oxford, den Unterschied aus: »Wenn wir den Begriff ›starker Anführer‹ als Synonym für ›guten Anführer‹ benutzen, gibt es kein Problem, aber das macht den Begriff bedeutungslos.« Er definierte einen starken Anführer als jemanden der seine Macht auf Kosten von Kollegen, politischen Parteien und Regierungsinstitutionen vergrößert und der darauf besteht, alle wichtigen Entscheidungen zu treffen. Der US-amerikanische Historiker Timothy Snyder verwies auf positive Entwicklungen. Anders als in den 1920ern würde heute kaum noch ein Despot auf territoriale Gewinne setzen: »Wie viele ernsthafte Imperialisten haben wir heute noch?«

Mit Blick auf die Erfahrungen osteuropäischer Staaten verwies Zoltán Balog von der Fidesz-nahen Stiftung für ein bürgerliches Ungarn unterdessen darauf, dass »schwache Leadership genauso eine Gefahr für die Demokratie darstellen« könne. Spätesten beim konkreten Fall Viktor Orbán endete die Einigkeit auf dem Podium allerdings. Balog, der selbst Minister in der ungarischen Regierung war, verwies auf demokratische Legitimation und wirtschaftliche Erfolge seines Regierungschefs, stand mit dieser Position aber weitgehend allein da. Eine stärkere Auseinandersetzung damit, dass demokratiefeindliche Anführer oftmals Produkt demokratischer Wahlen seien, forderte die Konfliktforscherin Solveig Richter, die sich aus dem Publikum zu Wort meldete. Mirko Kruppa, Leiter der politischen Abteilung der EU-Delegation in Moskau, verwies hingegen darauf, dass Anführer oftmals das Konzept rechtsstaatlicher Kontrolle für sich selbst nicht gelten ließen.

Diplomatie zwischen Bestrafen und Versöhnen

Der Frage, wie mit Despoten und gegenwärtigen Konflikten umgegangen werden soll und welche Lehren sich hierfür aus der Pariser Friedensordnung der Zwischenkriegszeit ziehen lassen, ging die nächste Runde nach, die als Teil der Debattenreihe »Frieden machen« live auf Spiegel Online übertragen wurde. Unter der Moderation von Spiegel-Redakteur Dirk Kurbjuweit trafen nicht nur der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger und der Historiker Eckart Conze, sondern auch zwei Konzepte aufeinander: Völkerstrafrecht vs. Versöhnung. Conze plädierte für eine »transitional justice«, die beide Ansätze kombiniere: »Wir wollen nicht zu einer Zeit vor 1914 zurück.« Ischinger warnte hingegen vor »Regime-Change-Sprüchen«. »Keiner hatte einen vernünftigen Plan«, fand er mit Blick auf die westliche Syrien-Politik.

Ein wesentlicher Unterschied zum Versailler Frieden 1919 kristallisierte sich auch heraus: Auf »zwei Klaviaturen« von Geheimdiplomatie und Öffentlichkeitsarbeit zu spielen, stelle eine Herausforderung für heutige Politik dar, sagte Conze. Die Presse könne zwar ein »fulminantes Instrument sein, um Ergebnisse zu ermöglichen«, ergänzte Ischinger. Dennoch sollten manche Diskussionen auch heute abseits der Öffentlichkeit geführt werden können.

Erinnerung, Identität und Kooperation in Europa

In diesem Sinne verschwanden auch die rund 200 Teilnehmer des Körber History Forum über die Mittagszeit hinter verschlossenen Türen. In kleineren Gruppen diskutierten sie u.a. mit dem estnisch-kanadischen Historiker Andres Kasekamp über Möglichkeiten der Kooperation im Ostseeraum in Zeiten zunehmender regionaler Spannungen. Kann die EU politische Symbole oder die Erinnerung an Völkermorde durch Gesetze schützen? Und wie sind die Erfahrungen Frankreichs, das beim legislativen Schutz von Vergangenheit als Vorreiter gilt? Dieser Frage gingen die Teilnehmer der zweiten Gruppe mit dem Kulturwissenschaftler Nikolay Koposov nach. Die Erinnerung an NS-Terror und Stalinismus und deren Folgen für Unabhängigkeit und Identität von Belarus waren die Themen, über die Interessierte mit dem Minsker Historiker Pavel Tereshkovich sprechen konnten. Um die jüngere Geschichte Osteuropas und die Frage, wie nachhaltig der dortige demokratische Wandel seit der EU-Erweiterung ist, drehte sich die Debatte mit Demokratieforscherin Alina Mungiu-Pippidi. Die Leistungen und Versäumnisse deutscher Vergangenheitsbewältigung und deren Herausforderungen in einer zunehmend diversen Gesellschaft erörterte der stellvertretende Vorsitzende des Verbands Deutscher Historiker und Historikerinnen Frank Bösch mit den Teilnehmern seiner Session. Auch die sechste und letzte Gruppe beschäftigte sich mit dem Spannungsfeld aus Geschichte und Identität: Wie christlich das Abendland wirklich ist, hinterfragte der Direktor der Akademie der Weltreligionen Giuseppe Veltri.

Konfrontative Geschichte, kooperative Gegenwart

Wie Geschichte und der unterschiedliche Blick auf sie das aktuelle politische Mit- und Gegeneinander bestimmt, wurde bei der anschließenden Podiumsdiskussion deutlich. Wie kann ein Dialog zwischen ehemaligen Kolonialmächten und Kolonien aussehen? Das wollte NDR-Kulturjournalistin Christine Gerberding wissen. Voraussetzung hierfür sei zunächst die Rückbesinnung auf die eigene präkoloniale Geschichte, antwortete die Historikerin für westafrikanische Geschichte Nwando Achebe: »Bis die Löwen ihre eigenen Historiker haben, ist die Geschichte immer die der Jäger.« James Shikwati vom Inter Regional Economic Network aus Nairobi widersprach und plädierte für einen europäisch-afrikanischen Dialog auf Basis gemeinsamer Interessen: »Wenn sie immer an die glorreichen Zeiten der Vergangenheit denken, werden sie schnell selbst zum Relikt.« An einer Synthese versuchte sich Antje Leendertse. Die Staatssekretärin im Auswärtigen Amt verwies auf Projekte zur partnerschaftlichen Aufarbeitung der Kolonialzeit aber auch auf gemeinsame Interessen: »Ohne die Afrikaner können wir unsere Ziele auf internationaler Bühne nicht mehr durchsetzen.« Am Beispiel fehlender Geschichtsaufarbeitung innerhalb des Commonwealth legte Historiker Philip Murphy die realen Probleme afrikanisch-europäischen Dialogs dar: »In der Realität vermeidet der Commonwealth jedes Risiko und tut alles, um Gespräche über Geschichte zu vermeiden.«

Unterschiedliche Perspektiven auf die gemeinsame Geschichte prägten auch die Beiträge aus dem Publikum. In Deutschland mangle es nicht an Wissen der eigenen Kolonialgeschichte, bemerkte Tagesspiegel-Redakteur Christoph von Marschall. Er forderte Achebe auf, »Afrikaner nicht nur als Opfer zu beschreiben« und mit ihren Studenten auch über die eigene Beteiligung am Kolonialismus zu sprechen. Achebe wies den Vorwurf der Viktimisierung zurück. Außerdem könne er ihr nicht sagen, wie sie afrikanische Geschichte unterrichten solle: »Es ist meine Geschichte.«

Ein paar Regeln für diese wunderbare neue Welt

»Das war Fake-News-Panel 1«, fasste der Philosoph Jason Stanley die Diskussion zum Kolonialismus zusammen und ergänzte: »Jetzt kommt Fake-News-Panel 2«. Auch damals sei Geschichte erfunden worden, auch heutige Debatten um Brexit, Trump und Russland seien von kolonialen Untertönen geprägt: »Alle reden vom Verlust ihrer großen Imperien.« Auf einen Unterschied zu früheren Formen der Propaganda machte die Historikerin und Journalistin Anne Applebaum aufmerksam: »Zensur bedeutet nicht mehr, Artikel aus der Zeitung zu entfernen. Es bedeutet, Menschen mit einer Story nach der anderen zu überschütten.« Von Moderatorin und Guardian-Kolumnistin Natalie Nougayrède gefragt, was man gegen Fake-News tun könne, appellierte die Propaganda-Forscherin Jo Fox auch an die gesellschaftliche Verantwortung. Menschen müssten ihre Echokammern verlassen: »Wir sind Teil des Problems, wir sind aber auch Teil der Antwort.«

Weitgehend einig waren sich die Teilnehmer, dass es auch neue Regularien brauche, um Falschinformationen zu bekämpfen. Widerspruch gab es von Rednern aus dem Publikum, die vor der Beschneidung von Meinungsfreiheit und der Gefahr von Gegenpropaganda warnten. Risiken und Chancen des neuen Informationszeitalters zu einem optimistischen Schlusswort zum Körber History Forum zu verbinden, schaffte Markus Engels. »Als Kind hatte ich keine Ahnung, worüber Leute in Indien oder China diskutieren. Heute weiß ich das«, erklärte der ehemalige Wahlkampf-Chef von Martin Schulz und fügte hinzu: »Wir brauchen Optimismus und auch ein paar Regeln für diese wunderbare neue Welt. Dann läuft es schon.«

Fotos: Marc Darchinger

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Medienberichterstattung zum Körber History Forum

Handelsblatt vom 22. Mai 2019:
»Orban-Vertrauter zu europäischer Solidarität: ‚Ungarn hat seine Hausaufgaben gemacht‘«

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Mai 2019:
»Was die Politik von heute aus der Geschichte lernen kann«

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15. Mai 2019:
»Afrikas geraubte Geschichte«

Deutschlandfunk Kultur Fazit vom 14. Mai 2019:
»Liken ist keine politische Teilhabe«

DeutschlandFunk Kultur Studio 9:
»Macht und Manipulation in der Geschichte«

Deutsche Welle Polen:
»Komorowski w Berlinie: PiS zamienił Trybunał Konstytucyjny w atrapę«

TVP Info vom 15. Mai 2019:
»Komorowski w Berlinie: Próbuje się dokonać ograniczenia niezależności sądownictwa«

Polskie Radio vom 15. Mai 2019:
»Bronisław Komorowski w Niemczech. Były prezydent zaatakował polski rząd: TK zamieniono w swoistą atrapę tej instytucji«

Hiradio Ungarn vom 14. Mai 2019:
»Balog Zoltán: a Magyarország elleni támadások a nyugati elit tanácstalanságát mutatják«

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