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Starke Führer oder gute Regierung?

Was treibt gegenwärtige Politik an? Dreißig Jahre nach dem Fall autoritärer kommunistischer Regime in Europa erleben junge und alte Demokratien weltweit, wie die Prinzipien demokratischer Regierungsführung herausgefordert werden. Zugleich gewinnt autoritäre Führung vermehrt an Aufmerksamkeit und Einfluss auf der internationalen politischen Bühne. Der Politikwissenschaftler und Historiker Archie Brown erläutert im Interview, warum »starke Führer« ein Mythos sind, wieso einfache Antworten in die Irre führen und wie erfolgreiche Führungspersönlichkeiten auch heute eine Inspiration für politischen Wandel sind.

Dies ist eine Kurzversion des Interviews mit dem Historiker Archie Brown. Die lange Version (in englischer Sprache) finden Sie hier als PDF.  

Professor Brown, wenn wir heute auf die letzten dreißig Jahre zurückblicken: War die Hoffnung auf demokratischen Wandel in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten zu optimistisch?

Die Euphorie von 1989 ist längst verschwunden. Wachsende Ungleichheit, weitverbreitete Korruption und wenig beeindruckende politische Führung haben alle dazu beigetragen, dass die Ernüchterung in der postkommunistischen Ära angestiegen ist. In der Ukraine hat das zu einem überwältigenden Wahlsieg von Wolodymyr Selenskyj geführt, einem Kandidaten ohne jegliche politische Erfahrung, dessen engste Berührung mit Politik es war, die Rolle des Präsidenten in einer Fernsehserie zu spielen. Als harmloser Komiker und Schauspieler– und dementsprechend als Projektionsfläche für die Hoffnungen und Erwartungen der Wähler – wahrgenommen zu werden, bedeutete für ihn einen großen Vorteil gegenüber Amtsinhaber Petro Poroschenko, der für die vielfältigen Probleme verantwortlich gemacht werden konnte, in denen die Ukraine glücklos agierte.

Selenskyj Wahlprogramm zielte im Kern auf Wandel und die Überwindung der Korruption...

...und es ist wichtig festzuhalten, dass die Bevölkerung der Ukraine – zumindest an diesem Punkt – nicht nach einer »starken Führungspersönlichkeit« gerufen hat. Anderenorts ist die Anziehungskraft eines »starken Mannes« offensichtlich, der auf eine Verbindung traditioneller Werte und nationalistischer Gesinnungen mit dem Versprechen der Wiederherstellung von Ordnung setzt. Das schließt die Einschränkung von Freiheiten, demokratischen Rechten und Institutionen mit ein, die in früheren postkommunistischen Jahren existierten. Russland insbesondere, aber auch Ungarn und Polen sind aktuelle Beispiele dafür. 

Sind die wiederholten Rufe nach »starker Führung« eine historische Konstante?

Die Vorstellung, dass der Ruf nach »starker Führung« so alt wie die Geschichte ist, lässt die Tatsache außer Acht, dass politische Führung in der Geschichte fast immer autoritäre Herrschaft bedeutete – unabhängig davon, ob der Herrscher König, Kaiser, Zar, Khan, Kriegsherr oder Häuptling genannt wurde. Die Wünsche der Beherrschten hatten kaum bis gar keinen Einfluss auf die Ausprägung der Herrschaft, unter der sie lebten. Demokratie ein vergleichsweise junges Phänomen, auch mit Blick auf das alte Griechenland. Selbst zur Blütezeit der athenischen Demokratie wurden höchstens einem Fünftel der Bevölkerung die Rechte von Bürgern verliehen. Für den Großteil menschlicher Geschichte stand es »dem Volk« nicht zu, Forderungen an seine Herrscher zu stellen, sondern diesen vielmehr bedingungslose Loyalität und Gehorsamkeit zu erweisen.

Es ist jedoch auch wahr, dass die Herrschaft eines einzelnen autoritären Herrschers – trotz unterschiedlich strenger Durchsetzung – im Allgemeinen dem Zustand von Anarchie oder Bürgerkrieg vorzuziehen war. Wenn die Wahl besteht zwischen einem Krieg aller gegen alle und einem autoritären Herrscher, der in der Lage ist irgendeine Art von Ordnung aufrechtzuerhalten, dann ist letzteres das geringere Übel. Wenn heutzutage allerdings die Wahl zwischen autoritärer, diktatorischer Herrschaft auf der eine Seite und einer demokratisch verantwortlichen Regierung auf der anderen Seite besteht, dann ist letzteres eindeutig vorzuziehen. Dafür, und gegen den Autoritarismus, ist energisch zu werben.

Um den Titel Ihres Buches zu zitieren: Warum ist der »starke Führer« ein Mythos?

Ich habe mich stets gegen die Tendenz ausgesprochen, einen »starken Führer« mit einer erfolgreichen Führungsperson gleichzusetzen. Wenn man den Begriff des »starken Führers« als Synonym für eine gute Führungspersönlichkeit benutzt, dann können natürlich alle für starke Führungspersönlichkeiten sein. Aber das würden den Begriff bedeutungslos machen. In meinem Verständnis ist ein »starker Führer« jemand, der seine Macht auf Kosten von Kollegen, politischen Parteien und Regierungsinstitutionen vergrößert und der darauf besteht, alle wichtigen Entscheidungen zu treffen. Es gibt eine weitverbreitete Einstellung, solche Führungstypen zu bewundern. Dem gegenüber werden schwache Führungstypen wahrgenommen als Personen, die nicht immer das letzte Wort einfordern, die eher als Mannschaftskapitän arbeiten und nicht als Herren über die Regierung.

Was zeichnet eine erfolgreiche Führungsperson aus?

Erfolgreiche Führungspersonen vereinen oft mehrere Eigenschaften, die um ein vielfaches erstrebenswerter erscheinen als das Beharren auf persönliche Dominanz und die Maximierung von Macht. Dazu gehören Integrität, Intelligenz, Kollegialität, gutes Urteilsvermögen, eine hinterfragende Denkweise, der Wille entgegengesetzte Meinungen einzuholen, Flexibilität, ein gutes Gedächtnis, Courage, Empathie und immens viel Energie. Unter modernen politischen Führungspersönlichkeiten zählt Angela Merkel zu denen, die diese Desiderata besitzen. Dies und ihre politische Langlebigkeit innerhalb einer lebhaften Demokratie sind gute Gründe, sie als eine besonders erfolgreiche politische Führungsperson zu bezeichnen.

Inwiefern brachten Parteien und ihre Führungen den aktuellen Stillstand und die Lähmung britischer Politik zu Stande?

Der Brexit war und ist ganz klar eine gewaltige Aufgabe mit vielen Auswirkungen – einschließlich der Fragen zu Irland und Schottland und der Folgen für den Erhalt Großbritanniens innerhalb der aktuellen Grenzen. Doch wurde diesen während des vorangehenden Wahlkampfs wenig Aufmerksamkeit geschenkt und auch übersehen, dass sie nicht durch eine einfache »Rein oder Raus«- Volksabstimmung gelöst werden könnten. Der Stillstand, der dem Referendum von 2016 folgte, ist das Ergebnis der fast unmöglichen Herausforderung, parlamentarische und plebiszitären Demokratie zu vereinigen.

Theresa May hat seither eine Reihe an Fehleinschätzungen gemacht, die ein fast so großes Führungsversagen darstellen wie das von David Cameron. May ging von einer schwachen Ausgangsposition der Labour-Partei bei den Wahlen aus, die inzwischen von Jeremy Corbyn angeführt wurde, dessen politische Lebensleistung aus einem Dasein als Hinterbank-Rebell bestand, ohne auch nur für ein Labour-Schattenkabinett gehandelt worden zu sein. May war sich sicher, dass sie die Konservativen zu einer noch größeren Mehrheit führen könne, als diese ohnehin schon innehatte. Deshalb entschied sie sich, eine überflüssige Parlamentswahl anzusetzen, und verwandelte so eine Regierung mit einer kleinen, aber ausreichenden Mehrheit in eine Regierung ohne Mehrheit, die in der Folge mehr mit sich selbst und ihrem bedingt verlässlichen Verbündeten, der Democratic Unionist Party, beschäftigt war als mit der Europäischen Union zu verhandeln.

Sollten wir politische Führung von politischer Macht unterscheiden?

Unbedingt. Wenn wir von politischer Führung sprechen, sprechen wir meistens über Amtsträger, einfach deshalb weil die Ämter, die sie innehalten, ihnen mehr Möglichkeiten geben politische Ergebnisse zu beeinflussen. Wenn aber ein Politiker entgegen seiner Zweifel einer Entscheidung eines Premierministers zustimmt, weil er auf eine Beförderung oder zumindest die Verhinderung eines Positionsverlusts innerhalb der Regierung hofft, sagt das nichts über die Führungsqualitäten des Premierministers aus, sondern lediglich über die Verfügungsgewalt seines Amtes.

Können Sie ein Beispiel für politische Führung geben, das nicht an die politische Macht von Amtsinhabern geknüpft ist?

Eine reinere Form von politischer Führung besteht, wenn jemand ohne Verfügungsgewalt und allein durch Macht der Überzeugung und der Vorbildlichkeit andere für eine politische Bewegung gewinnen kann – oder zumindest aus ihrer Apathie und dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit herausführen kann. Aktuelle Beispiele für herausragende politische Führung zeigen sich in dem nachhaltigen Einfluss von zwei sehr jungen Frauen, Malala Yousafzai und Greta Thunberg. Yousafzai war fünfzehn Jahre alt und aktiv für Mädchenbildung im Swat-Tal engagiert, als sie 2012 durch die Taliban einen Kopfschuss erlitt und beinahe starb. Nach mehreren Operationen kämpfte sie weiter für Bildung und fing an zu studieren, heute in Oxford. Sie setzte sich 2014 in Nigeria für die Befreiung von Mädchen einer hauptsächlich christlichen Schule ein, die von der radikal-islamistischen Gruppe Boko Haram entführt worden waren. Zuletzt engagierte sie sich gegen die von manchen ihrer muslimischen Glaubensgenossen praktizierte Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung. Mit 17 Jahren wurde sie die jüngste Friedensnobelpreisträgerin.

Vergleichbare moralische Courage, Wortgewandtheit und Entschlossenheit um Veränderung zu bewirken zeigt die 16-jährige schwedische Schülerin Greta Thunberg. Sie setzte globale Schülerproteste gegen den von Menschen verursachten Klimawandel in Bewegung und sorgte dafür, dass das Thema breiter in der Politik und der Öffentlichkeit diskutiert wird, selbst im Brexit-besessenen Großbritannien. Thunberg rügte Politiker dafür, dass diese die Auseinandersetzung mit dem Anliegen »auf die Methoden der Demonstranten verengten«, obwohl es eigentliche darum gehe, »dass wir uns in einer existentiellen Krise befinden«. Über Ostern adressierte sie das Europäische Parlament in Straßburg, den Papst im Vatikan, den italienischen Senat, große Menschengruppen in Rom und London sowie britische Parteivorstände und Minister.

Die ehemalige Vorsitzende der Green Party und prominente Abgeordnete Caroline Lucas bemerkte, dass führende Parteipolitiker – einschließlich Jeremy Corbyn von der Labour Partei und Schottlands Erster Ministerin Nicola Sturgeon – sich aufgrund von Thunbergs Anregung darauf geeinigt hatten, regelmäßig parteiübergreifende Treffen zur Klimapolitik zu organisieren, sich mit jungen Klimaaktivisten zu beraten und die Vereinbarkeit von Parteiprogrammen mit dem Pariser Klimaabkommen zu prüfen.

So sieht, ganz einfach und klar, inspirierende politische Führung aus. Und sie geht aus von einer weiteren Schülerin, die den Nobelpreis mehr als verdient hätte. Dabei ist deutlich zu sehen, dass Malala Yousafzai und Greta Thunberg Preise nur insofern schätzen, als diese konkreten Fortschritt im Kampf gegen die Probleme auszeichnen, die ihnen am Herzen liegen.

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