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»Heutige Propaganda konfrontiert uns mit dem perfekten Sturm«

Während Propaganda in der Geschichte immer wiederkehrt, sind Umfang und Wirksamkeit heutiger manipulativer politischer Kommunikation beispiellos. Weltweit stehen Gesellschaften vor der Herausforderung, Verzerrung und Demagogie in der »post-faktischen Ära» zu begegnen. Welche Lehren bietet die Vergangenheit, um Propaganda in Schach zu halten? Die Historikerin Jo Fox vom Institute of Historical Research der University of London gibt Einsicht in das Thema und Ratschläge zum Umgang mit »Fake News« und Manipulation im 21 Jahrhundert.

Der Propaganda-Apparat der Nazis wird weithin als Inbegriff hocheffektiver politischer Kommunikation gesehen. Was hat die Propaganda der Nationalsozialisten so ansprechend und effektiv gemacht?

Es ist wichtig den Erfolg der Nazi Propaganda nicht zu überschätzen – sie war nur insofern erfolgreich, als ihre zentralen Behauptungen mit den schon bestehenden Überzeugungen der Zielgruppe übereinstimmten und somit glaubwürdig blieben. Nationalsozialistische Propaganda war vielschichtig: sie konnte laut und hartnäckig sein, beeindruckend und dynamisch, aber auch subtil, ausgeklügelt und unbemerkt tiefer verwurzelte Weltanschauungen ausnutzen. Goebbels wusste, dass Propaganda dann am erfolgreichsten war, wenn bestehende Meinungen, Anschauungen und Vorurteile verdreht und angepasst wurden, um besser zur ideologischen Position der Nationalsozialisten zu passen. Er war stolz auf seine Fähigkeit, »auf der Harfe des Menschen Seele die Saite anzuschlagen, die zum Klingen gebracht werden muss«. Meiner Ansicht nach erklärt das einen großen Teil des Erfolgs.

Welche Elemente einer solchen »historischen« Propaganda begegnen uns heute wieder?

Die Methode der Propaganda ist in ihrer Grundform bemerkenswert statisch. Das liegt hauptsächlich daran, dass sie auf menschlicher Psychologie basiert. Zugleich wird sie auf Situationen und Umgebungen angewandt, die sich schnell verändern – und das lässt es so aussehen, als sei sie ständig im Wandel. Was aber bleibt, ist dass Propaganda dann am erfolgreichsten ist, wenn sie mit bestehenden Meinungen und Überzeugungen übereinstimmt. Wichtig hierbei ist nicht was wahr ist, sondern vielmehr was wir bereit sind zu glauben. So kann man zum Beispiel einen stark überzeugten Brexit-Befürworter nicht mit Fakten beeinflussen, die die Vorteile einer EU-Mitgliedschaft aufzeigen. Wir sind noch immer anfällig für Propaganda, die unsere eigenen Meinungen bestätigt – das wird mit dem Begriff des »confirmation bias«, also der Voreingenommenheit, bestehendes Wissen und etablierte Überzeugungen zu bestätigen, umschrieben. Und das gilt heutzutage genauso wie früher.

Haben moderne Medien und ihre Allgegenwärtigkeit im Alltag die Funktionsweise und Effektivität von Propaganda verändert? Gibt es, aus Sicht der Historikerin, fundamentale Veränderungen? 

Die Funktionsweise von Propaganda hat sich nicht grundlegend verändert, aber die Umgebung in der Propaganda momentan agiert stellt uns vor neue Herausforderungen. Wir werden zurzeit mit einem perfekten Sturm konfrontiert: die Geschwindigkeit, der Umfang und die Tragweite moderner Kommunikationsformen wird verkompliziert durch den ungeklärten Status Sozialer Medien, die weder Plattform noch Verleger sind, und in denen versteckte Algorithmen kontrollieren, welche Informationen wir sehen. Hinzu kommt die steigende Frustration derjenigen, die sich von den Eliten entmachtet fühlen und das Verlangen einiger, das gesamte soziale und politische System zu destabilisieren. Sie wollen eine Situation herbeiführen, in der alle Ansichten unabhängig von ihrer Beweisgrundlage von gleichem Wert sind und in der psychologische Kriegsführung gleichsam »unterhalb des Radars« in einem ungeregelten Internet wirksam betrieben werden kann. Das ist der Traum eines jeden aktiven Propagandisten – nichts ist sicher, alles könnte glaubwürdig sein, Kommunikationsnetzwerke sind schnell und global. Ich würde argumentieren, dass es so etwas vorher noch nicht gegeben hat.

Das Ausrufen eines »postfaktischen Zeitalters« hat die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass wissenschaftliche Objektivität nicht nur von subjektiven Meinungen und »alternativen Fakten« ersetzt wird, sondern systematisch untergraben wird. Wenn wissenschaftliche, oder zumindest eine pseudowissenschaftliche Rechtfertigung von ideologischen Behauptungen ein zentraler Grundsatz vergangener Propaganda war, erleben wir heute einen neuen Ansatz?

Auch in der Vergangenheit wurde Wissenschaft verdreht und abgelehnt, aus ideologischen oder finanziellen Gründen. Neu ist, wie facettenreich und in welchem Umfang und welcher Tragweite dies heute geschieht. Es ist an uns allen, den Wert und die Gültigkeit von Wissenschaft zu verteidigen – oder zumindest der uns bisher bekannten, wissenschaftlich fundierten Fakten. Es gibt keine »alternativen Fakten«; eher gibt es alternative Meinungen, die deutlich als solche gekennzeichnet werden müssen. In einigen Kreisen gibt es einen gemeinsamen Versuch, absichtlich Verwirrung zu stiften und uns davon zu überzeugen, dass wir jeglicher Information misstrauen sollten. Hierin liegt die wahre Gefahr. Man denke nur an den Klimawandel, um sich die katastrophalen Konsequenzen von »alternativen Fakten« vorzustellen. Denn in einer Umgebung, in der alle Fakten umstritten sind, oder in der sogar Politiker der gesellschaftlichen Mitte unbequeme Wahrheiten als »fake news« abtun, werden wir mehr und mehr unlogischen emotionalen Impulsen unterliegen. Dies wird beschleunigt durch den Verlust der bestehenden Medienumgebung und durch die Anfechtung der Bedeutung von Expertenwissen in der Gesellschaft, so dass das schiere Volumen an Informationen dafür sorgt, dass wir objektive Fakten aus den Augen verlieren.

Im Hinblick auf Propaganda, scheint es als bedingten sich Vertrauen und Täuschung gegenseitig. Können wir aus der Vergangenheit lernen, wem und wie wir vertrauen können?

Ich glaube nicht, dass wir »Lehren« aus der Vergangenheit ziehen können. Historische Ereignisse weisen jeweils eigene Besonderheiten auf. Die Vergangenheit versorgt uns allerdings mit Einblicken in die Bedingtheit von Entwicklungen – welche Entscheidungen und Optionen standen uns in der Vergangenheit in ähnlichen, wenn auch nicht denselben Situationen zur Verfügung? Und welche Entscheidungen wurden aus welchen Gründen getroffen? Menschen mussten schon immer entscheiden, wem sie vertrauen. Wie schon erwähnt ist das ist hauptsächlich davon abhängig welche Information wir besitzen und welche individuelle oder kollektive Bedeutung wir dieser Information zuweisen. Die Gefahr, der wir jetzt gegenüberstehen, ist, dass zulässige Anbieter von vertrauensvoller Information von Personen mit einer politischen Agenda als Kolporteure von »fake news« denunziert werden. Obwohl Öffentlichkeiten in modernen liberalen Demokratien im letzten Jahrhundert eine gesunde Skepsis gegenüber Nachrichtenquellen hatten, gab es noch immer einen angemessenen Grad an Vertrauen in etablierte, legitime Publikationen oder Sender. Das wird jetzt angegriffen, teilweise durch das Streben Einzelner nach politischem Vorteil und teilweise, weil sich die Beschaffenheit der Nachrichtenmedien insgesamt verändert hat.

Sie haben geschrieben, dass »die Kontrolle von Information eine Hauptsorge von Diktaturen war«. Können Regierungen heutzutage Fehlinformationen eindämmen, ohne selbst den öffentlichen Diskurs zu kontrollieren?

Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage, oder eher die $142.7 Milliarden-Dollar-Frage – der geschätzte Vermögenswert von Facebook und Twitter zusammen. Moderne liberale Demokratien haben schon immer Probleme damit gehabt, ein Gleichgewicht zwischen dem Recht auf Meinungsfreiheit und der Notwendigkeit von Zensur sicherzustellen. Diese Herausforderung wurde durch das Aufkommen der Sozialen Medien verschärft. Diese ermöglichen nicht nur die weitgehend ungehinderte Zirkulation von ungeregelter und potentiell gefährlicher Kommunikation und elektronischer Propaganda, sondern erschaffen darüber hinaus eine Umgebung, in der wir nur Informationen finden oder mit solchen konfrontiert werden, die unseren Meinungen bereits entsprechen. Eine globale Echokammer also, die lediglich bestätigt, statt unsere eigenen Denkweisen herauszufordern, und in der wir die zum Schweigen bringen, deren Meinungen wir nicht billigen.

Man kann darüber streiten, ob dies allein nicht schon unsere Vorstellung von liberaler, demokratischer Meinungsfreiheit beschädigt hat, die ursprünglich durch Pluralität von und Respekt vor alternativen Meinungen charakterisiert war. Die Lösung dieses Problems liegt nicht in weitreichender Zensur. Das Kontrollieren der so genannten »Infosphäre« kann unbeabsichtigte Konsequenzen hervorrufen. Die Geschichte zeigt, dass mit steigender Zensur von Information die Skepsis der Öffentlichkeit gegenüber offiziellen Kanälen zunimmt und Bevölkerungen sich alternativen Informationen zuwenden – eventuell aus fragwürdigen Quellen.  Zweifellos kann man dafür plädieren die Sozialen Medien stärker zur Verantwortung zu ziehen und schädliche Falschinformation oder aufrührerische Materialien zu limitieren oder eliminieren. Allerdings muss das gepaart sein mit einem Programm der politischen Bildung, das uns bereits im jungen Alter kritisches Denken und den Wert von Wissen und Expertise beibringt, und das uns über die Informationsumgebung in der wir handeln informiert. So sind wir in der Lage, informierte Entscheidungen über unsere eigenen Daten und über die Daten die wir konsumieren zu treffen.

»Die Macht der Manipulation. Über den Umgang mit Propaganda und ‚Fake News‘ in Vergangenheit und Gegenwart« ist eines der Themen des diesjährigen Körber History Forums am 13. und 14. Mai 2019.
Mehr Informationen und den Live-Stream der Debatte finden Sie hier.

 

 

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