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Die Zeit der Gesten ist vorbei

Anlässlich des 80. Jahrestags des deutschen Überfalls auf Polen am 1. September sprach der Historiker Krzysztof Ruchniewicz, Leiter des Willy Brandt Zentrums in Breslau, mit Bernd Vogenbeck, Körber-Stiftung, über die historische Wahrnehmung des Zweiten Weltkriegs in Polen, dessen Aufarbeitung in Deutschland und die zukünftigen Herausforderungen des deutsch-polnischen Dialogs über die Vergangenheit.

Herr Professor Ruchniewicz, haben Sie in den vergangenen Jahren eine Verschiebung wahrnehmen können, wie der 1. September 1939 in Polen öffentlich wahrgenommen wird?

Der Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs unterlag historisch stets Änderungen und politischer Einflussnahme. Vor 1989 hatten die Gedenkveranstaltungen aufgrund der persönlichen Betroffenheit von Millionen Polen einen offiziellen und zugleich privaten Charakter. Der Kriegsausbruch umfasste aber nicht nur den offiziell erinnerten deutschen Überfall, sondern auch die Aggression der UdSSR in Folge des Hitler-Stalin-Pakts, die während des Kommunismus tabuisiert wurde. So konnte insbesondere das Schicksal der Bevölkerung Ostpolens unter sowjetischer Okkupation nicht erwähnt werden und nur im Privaten oder kirchlichen Umfeld gepflegt werden. Nach 1989 wurden das offizielle und das private Gedächtnis zusammengeführt, Aspekte wie die sowjetische Aggression aufgearbeitet, aber auch zivilen Opfern der ersten Kriegstage wurde mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Als Höhepunkt dieser gemeinsamen Politik der Erinnerung an den ersten Tag des Krieges die Festveranstaltung im Jahr 2009 gelten, an der die deutsche Bundeskanzlerin und der russische Präsident teilnahmen. Auch fallen in diesen Zeitraum die ersten Überlegungen für ein Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig als wichtige staatliche Initiative.

Nach dem Regierungswechsel von 2015 wurde das Gedenken an den Jahrestag des Kriegsausbruchs zunehmend durch die internen politischen Auseinandersetzungen in Polen geprägt. Das Danziger Museum ist dafür ein prominentes Beispiel: Sein Direktor wurde abgelöst und die abschließende Aussage der Dauerausstellung geändert. Ein kritischer Film über globale Konflikte, die auf den Zweiten Weltkrieg folgen sollten, der ursprünglich den letzten Akzent der Dauerausstellung setzte, wurde durch einen Propagandafilm des Instituts für Nationale Gedenken ersetzt. So rückte an die Stelle der Universalisierung und Aktualisierung des Kriegsproblems nun der Kampf Polens mit zwei Besatzungsregimen. So lässt sich beobachten, wie der Verlauf des Krieges und das polnische Schicksal während des Krieges Teil innerpolnischer Streitigkeiten und Erinnerungskonflikte wurden. Versuche, die historische Wahrnehmung des Kriegsverlaufs und des polnischen Schicksals darin zu ändern, führten zu einem in der Öffentlichkeit sehr umstrittenen Gedenken an militärische Einheiten am Rande des polnischen Untergrundstaates.  Zum einen ist hier die mit NS-Deutschland kollaborierende, antikommunistische und rechtsextreme Heiligkreuzbrigade der Nationalen Streitkräfte zu nennen, zum anderen die sogenannten »verfemten Soldaten«, die nach 1945 weiter gegen das neue kommunistische Regime kämpften und brutal unterdrückt wurden.

Das Agieren der aktuellen polnischen Regierung in geschichtspolitischen Fragen hat zuletzt international Besorgnis erregt und auch innerhalb Polens Mistrauen geschaffen. Wie beeinflusst es das Arbeiten von Historikern und Geschichtsvermittlern?

Die Turbulenzen im Zusammenhang mit den Direktoren großer historischer Museen in Polen – dazu gehört das Weltkriegsmuseum in Danzig und das Polin-Museum in Warschau – sind beunruhigend. Sie zeigen eine Bereitschaft staatlicher Behörden, sich in die von diesen Museen aufgeworfenen Fragen einzumischen und sie praktisch zur Propagandaröhre des einen oder anderen politischen Lagers zu reduzieren, das derzeit an der Macht ist. Doch Geschichte, auch die in Museen dargestellte, ist mehrdimensional und kann nicht auf eine Sichtweise beschränkt werden. Das gilt insbesondere für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und die der polnischen Juden, die sich nur schwer in einer einzigen Erzählung ausdrücken lassen. So entstehen heute Ausstellungen und Museen nicht. Ein weiteres Problem ist der verbreitete Mangel an Sachkenntnis der Politiker unter gleichzeitiger Missachtung der Expertise von Fachleuten, wenn diese mit dem eignen politischen Standpunkt nicht übereinstimmt. Das scheint gerade für die aktuelle Regierung eine besondere Herausforderung darzustellen. Nicht eine Diskussion, nicht Meinungsverschiedenheiten sind entscheidend, sondern administrativen Entscheidungen, die Veränderungen erzwingen.

Sie haben einmal ausgeführt, dass Jahrestage Anlass für politische Gesten sind – für ein Zeichen, wie wir heute mit einer schwierigen Geschichte, die Deutsche und Polen zugleich eint und trennt, umgehen wollen. Welche Zeichen gehen heute von Berlin und Warschau aus?

Es ist bereits zu einer Art Ritual in den deutsch-polnischen Beziehungen geworden, dass hohe Vertreter beider Länder an wichtigen Jubiläumsfeiern teilnehmen. Das kann als Beweis für gute Beziehungen und das Bewusstsein für die Verantwortung für die Geschichte, auch für die schwierigste, angesehen werden. Seit einigen Jahren hören wir in Polen wieder Stimmen über offene Fragen, vom Status der Polen in Deutschland bis hin zum Erhalt von Reparationen. Auch wenn diese Fragen nach Ansicht vieler Fachleute und Beobachter ohne Grundlage sind, verweisen diese Stimmen auf die Notwendigkeit, dass deutsche und polnische Politiker nach gemeinsamen Lösungen suchen müssen.

Die Forderung von Reparationen ist gegenwärtig eine Herausforderung für den Dialog zwischen beiden Ländern. Es ist aber auch ruhiger darum geworden – welche Entwicklungen sind hier zu erwarten?

Es ist schwierig, für Politiker zu sprechen und ihre Absichten zu erraten. Aus Sicht des Historikers ist das Problem der deutschen Reparationen für Polen gelöst. Häufig wird jedoch im polnischen öffentlichen Raum der Begriff der Reparationen – als Verpflichtungen zwischen zwei Staaten – falsch verwendet und mit dem Begriff der Entschädigung – die zwischen Staaten und Opfern erfolgt – verwechselt. Obwohl auch das Problem der Entschädigung gelöst ist, glauben einige vom NS-Deutschland betroffene Menschen, dass sie für ihre Gesundheit und ihr Leiden keinen angemessenen finanziellen Ausgleich erhalten haben. Das Problem der polnischen Bemühungen um die deutsche Wiedergutmachung ist kein neues Thema: Die internationale und deutsch-polnische Geschichtsforschung der letzten Jahre hat ihre Spezifik und Grenzen gezeigt. Vielleicht wäre für dieses Dilemma eine pragmatische Lösung denkbar, die zusätzliche Unterstützung und Maßnahmen für die noch lebenden Opfer vorsieht. Eine Diskussion zwischen deutschen und polnischen Politikern zu diesem Thema könnte eventuell eine neue Richtung der Unterstützung ermöglichen.

Sind gemeinsame politische Initiativen für den deutsch-polnischen Dialog über ihre gemeinsame Vergangenheit notwendiger denn je?

Es scheint, dass die Zeit der Gesten, die aus ehrlichen und authentischen Emotionen geboren sind, vorbei ist, und sei es nur wegen des Ausscheidens der Generation direkter Zeitzeugen und Opfer der dramatischen deutsch-polnischen Geschichte. Diese sollte durch vergangenheitsbewusste Politiker ersetzt werden, die in ihren oft unpopulären Aktivitäten Mut beweisen: Ihre Aufgabe ist es, konkrete Lösungen zur Vertiefung des deutsch-polnischen Dialogs vorzuschlagen, junge Generationen in die Auseinandersetzung mit Geschichte einzubeziehen und sicherzustellen, dass historische Erinnerungen nicht zum Ritual wird, das nur an Denkmälern und zu Jahrestagen gefeiert wird.

Der 1. September ist Anlass, das Leid in Erinnerung zu rufen, das der Zweite Weltkrieg im deutschen Namen über Europa brachte – insbesondere auch in Polen. In Polen ist in den letzten Jahren eine Verschiebung in der Debatte wahrzunehmen, die zum einen dieses Leid, zum anderen aber auch das heldenhafte Handeln gegen Unrecht stärker betont wissen möchte. War Polen lange zu selbstkritisch in seiner Vergangenheitsbewältigung? Ist der politische Ruf nach einer »Korrektur« des Geschichtsbilds berechtigt?

Ich bin generell gegen eine schwarz-weiße Darstellung von Geschichte. Schließlich ist die Geschichte, ist das menschliche Leben eine äußerst komplexe Angelegenheit. Wenn wir den Einzelnen und die Gesellschaft unter den Bedingungen von Krieg und Besatzung beobachten, werden wir Beispiele für Heldentum und Opferbereitschaft ebenso wie für weitreichende Zurückhaltung finden, und wir werden auch auf Beispiele für Denunziationen und Zusammenarbeit stoßen. Bei der Erstellung des Bildes von Polen unter fremder Besatzung sollten alle drei Komponenten berücksichtigt werden. Nur eine Lesart isoliert von den anderen zu betrachten, verstellt einen Blick auf die Realitäten dieser Zeit. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass jede polnische Familie von den Folgen des Zweiten Weltkriegs betroffen war und ist. Starre staatliche Geschichtsbilder, gepaart mit der Unmöglichkeit, in den Nachkriegsjahrzehnten unterschiedliches Erleben des Krieges frei zu diskutieren, führten zu einer Idealisierung und Verdrängung der Wahrnehmung und der Haltungen gegenüber dem Krieg. So lässt sich die Kriegswahrnehmung heute instrumentalisieren. Doch was vor 1989 noch irgendwie nachvollziehbar erscheint, kann heute nicht mehr gelten: Eine demokratische Gesellschaft erfordert eine ebenso demokratische, vielleicht schmerzhafte Diskussion und Selbsterkenntnis. Die Historiographie muss kritisch sein, um ihre Rolle, und das schließt ihre gesellschaftliche Rolle ein, zu erfüllen.
 
Das von der aktuellen Regierung initiierte Witold Pilecki Institut für Solidarität und Tapferkeit soll als »polnisches Yad Vashem« die Geschichte Polens unter beiden totalitären Besatzungserfahrungen des 20. Jahrhunderts erschließen. Wie wird diese Initiative wahrgenommen?

In Berlin wird es demnächst eine Ausstellung geben, die Witold Pilecki gewidmet ist, einer außergewöhnlichen Persönlichkeit unter den Polen, die für die Freiheit ihres Landes kämpften. Die Arbeit des Instituts wird erst in einer größeren zeitlichen Perspektive bewertet werden können. Wenn es gelingt, als außeruniversitäres Institut finanziell unabhängig von den Machthabern zu überleben, kann es sich als interessante Institution etablieren, die das Wissen über das Funktionieren beider Totalitarismen auf polnischem Boden erweitern wird.

Wie wird die deutsche Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg heute in Polen wahrgenommen? Muss die Diskussion über ein angemessenes Gedenken der polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs neu angestoßen werden?

Man sagt ja, dass jede Generation von Historikern alte Fragen neu stellt – und neue Antworten findet. Die historische Debatte in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten um die Probleme des Dritten Reiches und des Holocaust gedreht. Ein Lackmustest für die Auswirkungen dieser Debatte können die in deutschen Schulen verwendeten Geschichtsbücher sein. Abgesehen von den beiden genannten Fragen sind die Probleme der Besonderheit der deutschen Besatzung in Polen und anderen mittel- und osteuropäischen Ländern praktisch nicht vorhanden. Einfach ausgedrückt, führt dies zu dem Glauben, dass Polen fast ausschließlich ein Ort des Holocaust war. Über das Schicksal der Polen selbst wird wenig gesagt. Dasselbe gilt für die Auswirkungen der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs, zwischen 1939 und 1941. Kein Lehrbuch enthält Informationen über die Deportationen von Hunderttausenden polnischer Bürgern tief in die UdSSR, über die Ermordung von Kriegsgefangenen und so weiter. Es bleibt abzuwarten, ob das neue deutsch-polnische Geschichtsbuch diesbezüglich etwas ändern wird.

Welche Rolle könnte ein zuletzt vorgeschlagenes Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkriegs in Berlin in diesen Diskussionen spielen?

Es ist zu begrüßen, dass die Initiatoren des Denkmals auf die vorgebrachte Kritik, es handele sich nur um ein weiteres Denkmal in Berlin für eine weitere Opfergruppe, reagiert und ihre Vorstellungen präzisiert haben. So soll etwa flankierend zum Ort des Gedenkens eine deutsch-polnische virtuelle Akademie zu Themen der deutsch-polnischen Geschichte geschaffen werden. Man kann daher nur hoffen, dass dieses Projekt bald umgesetzt werden kann und dass es einen Beitrag zur Verbesserung und Vertiefung der gegenseitigen Beziehungen leisten wird. Denn obwohl es vielleicht vor einiger Zeit möglich schien: Wir werden der Geschichte nicht entkommen.

Professor Ruchniewicz, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Professor Krzysztof Ruchniewicz ist Historiker und Direktor des Willy Brandt Zentrums für Deutschland- und Europastudien der Universität Wroclaw / Polen sowie Inhaber des dortigen Lehrstuhls für Zeitgeschichte. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte Deutschlands und der deutsch-polnischen Beziehungen im  20. Jahrhundert, Europäische Integration und internationale Schulbuchforschung, sowie Public History und Visual History. Er ist Mitherausgeber der internationalen Zeitschrift »Public History Weekly« und Verfasser zahlreicher Publikationen. Zuletzt erschienen von ihm Schauplatz Geschichte. Entdecken und Verstehen in den deutsch-polnischen Beziehungen (2018) sowie Kreisau neu gelesen (2018).

 

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