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Eine neue Wahrnehmung von Vergangenheit und Zukunft der Ukraine

Die Körber History Reflection Group traf sich vom 10. bis 13. Oktober im ukrainischen Lviv/Lemberg. Nach bisherigen Treffen in der belarussischen Hauptstadt Minsk Ende 2018 und in Berlin im Mai 2019, fand sich die internationale Expertengruppe in der größten Stadt der Westukraine zusammen, um in dieser von der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts gezeichneten Region ihren interdisziplinären und grenzüberschreitenden Dialog über das Vermächtnis der Weltkriegsepoche fortzuführen.

Die komplexe und multiethnische Vergangenheit Lvivs mit ihrem Amalgam polnischer, jüdischer, ukrainischer und sowjetischer Geschichte bildete dabei sowohl den Hintergrund als auch den Ausgangspunkt für kritische und zukunftsorientierte Diskussionen. Zentrale Gesprächspunkte waren die andauernde Präsenz habsburgischer, zaristischer und sowjetischer Herrschaft, ethnische Konflikte und Versöhnung zwischen Mittelosteuropas Nationen und Minderheiten, der Zivilisationsbruch von Nazi-Regime und Shoah, sowie eine aktuell beobachtete Politisierung der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die aus einer Verschärfung von Konflikten über Wahrnehmungen von Nationalität und geopolitischen Interessen folgt.

Historiker, Diplomaten und Politiker, sowie Mitglieder von Zivilgesellschaft und Medien aus ganz Europa nahmen die Gelegenheit wahr, ihre Erfahrung mit einander zu teilen und sich mit neuen Perspektiven auseinanderzusetzen. Wiederkehrendes Gesprächsthema war die gegenwärtige politische Entwicklung in der Ukraine und ihre Positionierung zwischen Ost und West resp. zwischen Russland und der Europäischen Union, zu dem ukrainische Teilnehmer wie die Vizekultusministerin Iryna Podolyak und der Zeithistoriker Georgiy Kasianov wichtige Gesprächsbeiträge beisteuerten. Der direkte Austausch mit Lvivs Oberbürgermeister Andriy Sadovyi und mit lokalen Akteuren der historisch-politischen Bildung wie dem Historiker und Journalisten Vasyl Rasevych vermittelte den Teilnehmern ein unmittelbares Verständnis davon, wie die zukünftige Entwicklung des demokratischen Dialogs in der Ukraine abhängt von der Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses ihrer Geschichte. Vertreter äußerten ihre Hoffnung und Zuversicht in die Entwicklung und Förderung von inklusiven Erzählungen, die die vielfältigen individuellen und gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Erfahrungen zusammenführen, die die heutige Ukraine prägen.

Das Treffen der Körber History Reflection Group in Lviv wurde in Kooperation mit dem Center for Urban History of Eastern and Central Europe durchgeführt und eröffnet mit einer Keynote von Karl Schlögel, der verdeutlichte, wie eng die Ukraine historisch in die Region eingebunden ist. Die darauffolgenden zwei Tage intensiven Austausches am runden Tisch, in Exkursionen und persönlichen Begegnungen ermöglichten den Teilnehmern eine kritische Überprüfung und Neuausrichtung ihrer Wahrnehmungen und ihres Verständnisses von Geschichte und Gegenwart der Ukraine innerhalb und gegenüber Europa.

Die Körber History Reflection Group setzt einen Schwerpunkt auf die Frage, wie Historiker und Politiker, Diplomaten und Mitglieder von Zivilgesellschaft und Medien sich in einen Prozess der Entwaffnung umstrittener Vergangenheit und politisierter Geschichtsbilder einbringen können, der sowohl der kritischen Debatte als auch der Anteilnahme gegenüber denen verpflichtet ist, die vom Erbe der Gewalt des letzten Jahrhunderts am stärksten betroffen sind.

Liste der Teilnehmer (PDF)

  • Nicolas Chibaeff, Ministerium für Europa und Auswärtige Angelegenheiten, Paris, und Iryna Podolyak, Ministerium für Kultur, Kiew.    
  • Eric Gujer, Neue Zürcher Zeitung, Dace Melbārde, Europaparlament, Hans-Jürgen Heimsoeth, Auswärtiges Amt Berlin und Karl Schlögel, Berlin.    
  • Die Körber History Reflection Group tagte im historischen Spiegelsaal der Staatsoper Lviv.   Foto: Iryna Sereda  
  • Alexander Semyonov, Higher School of Economics St. Petersburg, Šarūnas Liekis, Vytautas Magnus Universität Kaunas    
  • Georgiy Kasianov, Nationale Akademie der Wissenschaften der Ukraine Kiew, Sylvie Kauffmann, Le Monde Paris, Jan Hofmokl, Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten Warschau, Jurij Aston, Ständige Vertretung Deutschlands bei der Europäischen Union Brüssel.    
  • Sofia Dyak, Center for Urban History of East Central Europe Lviv, Natalie Nougayrède, The Guardian London und Alexander Semyonov, Higher School of Economics St. Petersburg    
  • Karl Schlögel und Teilnehmer der Körber History Reflection Group folgen der Debatte.    
  • Vasyl Rasevych, zaxid.net Lviv, Marieluise Beck, Zentrum Liberale Moderne Berlin und Paweł Machcewicz, Polnische Akademie der Wissenschaften Warschau    
  • Thomas Paulsen, Körber-Stiftung, im Gespräch mit Teilnehmern der Körber History Reflection Group    
  • Teilnehmer im Dialog mit dem Bürgermeister von Lviv, Andriy Sadovyi, sowie lokalen Akteuren der historisch-politischen Bildung.    
  • Exkursionen brachten Teilnehmern die multiethnische Vergangenheit Lvivs näher.    
  • Der historische Lychakiv-Friedhof eröffnete Einblicke in die Vergangenheit der Stadt.    
  • Mit Ausblick auf die historische Altstadt von Lviv erinnert das unlängst eröffnete Denkmal der Opfer des Euromaidan an die jüngsten historischen Entwicklungen der Ukraine.    
  • Fotos: Iryna Sereda

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