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Wider das Vergessen!

1942 begannen die Nationalsozialisten, systematisch die Spuren ihrer Verbrechen in Osteuropa zu beseitigen. Dem Massenmord sollte eine Vernichtung der Erinnerung folgen. Über die Folgen für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Erbe von Gewalt diskutierten der Publizist Jan Philipp Reemtsma, der Historiker Andrej Angrick und die Leiterin des Zentrums für Stadtgeschichte Ostmitteleuropas in Lviv, Sofia Dyak.

»Aktion 1005« war der offizielle Name, mit dem die Nationalsozialisten das systematische Ausheben von Gräbern und die Verbrennung der menschlichen Überreste tausender Opfer von Massenverbrechen in Osteuropa bezeichneten. Damit sollten auf Befehl Heinrich Himmlers ab 1942 die Spuren der von Deutschen begangenen Gräueltaten beseitigt werden. Der Historiker Andrej Angrick ist in seiner Forschungsarbeit über ein Jahrzehnt hinweg den einzelnen Vertuschungsaktionen nachgegangen. In seiner kürzlich erschienenen Publikation »Aktion 1005« zeichnet er diese minutiös auf, benennt Beteiligte und vermittelt ein Bild von der unfassbaren Zahl von Opfern: Menschen, die ausgelöscht wurden und namenlos blieben. Am Beispiel des Konzentrationslagers in Lemberg, dem heutigen Lviv, beschrieb Angrick in seinem kurzen Einführungsvortrag, was die Vernichtung im Detail bedeutete: von der strategischen Planung, dem Einsatz von Gefangenen und von eigens entwickeltem Werkzeug bis hin zur Ermordung der zur Mitwirkung gezwungenen Personen.

»Kann sich Geschichte wie diese wiederholen?« In der anschließenden Diskussion erläuterte Jan Philipp Reemtsma, dass auch 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges Menschen zu unvorstellbarer Gewalt fähig sind und bleiben. Man müsse deshalb nachvollziehen, was Grausamkeit ermögliche und bedinge: Es sei somit unverzichtbar, historischen Ereignissen und Entwicklungen immer weiter nachzugehen. Die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus sei nie beendet, diese bleibe vielmehr als »unheilbare Wunde« und als Schnitt in der Geschichte stehen.

 

Wie schwierig die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit sei, beschrieb Sofia Dyak. Im Zentrum für Stadtgeschichte Ostmitteleuropas setzt sie sich unter anderem für die Anerkennung der Opfer in Lviv ein. Das ehemalige Konzentrationslager von Lemberg sei heute ein Gefängnis, der Ort entsprechend abgesichert und schwer zu betreten, wodurch eine angemessene Erinnerung erschwert würde.

In der Diskussion zum gewaltvollen Erbe des Nationalsozialismus wurde immer wieder deutlich, dass die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ein wichtiger Bestandteil der offenen Gesellschaft und damit der demokratischen Grundordnung ist, gleichzeitig jedoch auch als die vielleicht größte Herausforderung für nachfolgende Generationen betrachtet werden muss. Eine grenzübergreifende, kritische europäische Erinnerungskultur ist heute wichtiger denn je, um Brücken zu bauen und einer erneuten Spaltung Europas zwischen Ost und West entgegenzuwirken.

Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, seine Folgen und sein Einfluss auf die aktuellen politischen Herausforderungen in Europa sind auch Kernthema des Körber History Forum 2020.

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