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History and Politics Dialogue mit Alexander Semjonow

Am 11. Mai 2020 sprach der russische Historiker und Experte für Imperial- und Weltkriegsgeschichte Alexander Semjonow im Rahmen des History & Politics Dialogue der Körber-Stiftung. Moderiert von Gabriele Woidelko, Leiterin des Bereichs Geschichte und Politik, gab der Direktor des Zentrums für Historische Forschung an der renommierten Higher School of Economics einen Einblick in die jüngsten Entwicklungen im Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in Russland, mit besonderem Augenmerk darauf, wie diese von der anhaltenden Corona-Pandemie betroffen waren. Darüber hinaus kommentierte er die aktuellen geschichtswissenschaftlichen Veränderungen bei der Erforschung und Interpretation dieses verlustreichsten Konflikts der Menschheitsgeschichte.

Pandemie veränderte Ausmaß des Gedenkens

Semjonow umriss die Bedeutung einer heldenhaften Erzählung des »Großen Vaterländischen Krieges«, die in den letzten Jahren zu einer Säule des russischen politischen Diskurses geworden ist und sich bis in die zeitgenössische Außenpolitik auswirkt. Aufgrund dessen hielten es sowohl russische als auch internationale Beobachter für unwahrscheinlich, dass die Pläne für die zentrale Militärparade in Moskau und für landesweite öffentliche Feierlichkeiten am 9. Mai verworfen würden. Doch nach einer zentralen Entscheidung, öffentliche Versammlungen zu reduzieren, veränderte die derzeitige Pandemie sowohl das Ausmaß als auch die Formate des Gedenkens. Zusammenfassend beobachtete Semjonow eine merkliche Verlagerung von offiziellen zu privateren Formen des Gedenkens, die wiederum eine epische, staatlich gelenkte Erzählung durch eine Hinwendung zu differenzierteren und gebrochenen Aspekten tragischer, persönlicher Erinnerung ersetzte.

Diesem Umstand wurde auch in den offiziellen Feierlichkeiten Rechnung getragen, die dem festlichen Gedenken eine größere Bedeutung beimaßen als militärischen Machtdemonstrationen, die aber dennoch ein hohes Maß an politischer Symbolik behielten. Die Rede des Präsidenten betonte das Opfer einer Vielzahl von Nationen, die in einem internationalen Bündnis für die Beendigung der Naziherrschaft kämpften, und brach damit mit einer dominierenden, auf Russland ausgerichteten Interpretation. Doch mit der Niederlegung der Blumen am Denkmal der so genannten »Heldenstädte« der Sowjetunion, die zu einem Drittel in heute souveränen, von Moskau unabhängigen Staaten liegen, kehrte man zu einem Verständnis von historischer Nachfolge zurück, das die Grenzen der heutigen Russischen Föderation überschreitet.

Betonung gesellschaftlicher und individueller Erfahrung von Not und Leid

Semjonow erwähnte insbesondere eine neuere Entwicklung im russischen Gedenken, die in den letzten Jahren einen Wandel von einer Bürgerinitiative zu einem Projekt unter staatlicher Schirmherrschaft erlebt hat: Das so genannte »Unsterbliche Regiment« ist aus der Idee heraus entstanden, individuelle Lebensgeschichten der Kriegsgeneration zu sammeln. Mit 750.000 Einträgen bis 2020 hat das Projekt Familiengeschichten buchstäblich in die »große Geschichte« eingeschrieben und das Gedenken neu fokussiert – weg von den politischen Folgen des Großen Vaterländischen Krieges und hin zur gesellschaftlichen und individuellen Erfahrung von Not und Leid. Die Corona-Pandemie und die Verlagerung der Aufmerksamkeit vom öffentlichen Raum in die Sphäre des Internets führten dazu, dass diese Initiative in ihrer ursprünglichen Bedeutung und Mission, die Vielfalt, Verschiedenartigkeit und Widersprüchlichkeit individueller Erfahrungen aufzuzeigen, wiederhergestellt wurde.

 

Globale Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs

Semjonow drängte auch darauf, den globalen Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs größere Aufmerksamkeit zu schenken, und skizzierte, wie die jüngsten geschichtswissenschaftlichen Verschiebungen versucht haben, die historische Bedeutung des Zweiten Weltkriegs neu zu fassen und zu bekräftigen. Die Komplexität und die mehrdimensionalen Verstrickungen des Krieges sind in der jüngsten Forschung deutlich geworden, die den Suchscheinwerfer der akademischen Aufmerksamkeit auf gleichzeitig stattfindende Konflikte und Bürgerkriege verlagert hat, die mit den Ereignissen an den Hauptfrontlinien des Krieges verbunden waren. Die Kenntnis von Konflikten wie den polnisch-ukrainischen Zusammenstößen in Wolhynien ist für das Verständnis der historischen Dynamik des Krieges und der unmittelbaren Nachkriegszeit von zentraler Bedeutung.

Von Nationalstaaten geprägte globale Nachkriegsordnung

Darüber hinaus wies Semjonow darauf hin, wie sich unser Verständnis der ethnischen Homogenisierung und der Neuziehung von Grenzen, die in Ostmitteleuropa stattfand, auf die Annahmen über die Realisierbarkeit homogener Nationalstaaten auswirkte und wie dies in das Verständnis einer von Nationalstaaten geprägten globalen Nachkriegsordnung einfloss. Er warnte, dass der Ausgang des Zweiten Weltkriegs in Europa in dieser Hinsicht eine historische Ausnahme darstellt und dass wir uns in unserer historischen Bewertung von 1945 kritisch mit der Anwendbarkeit nationalstaatlicher Rahmenbedingungen danach und in anderen Weltregionen auseinandersetzen sollten. In einer gesonderten Nebenbemerkung forderte Semjonow eine kritische Bewertung der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrats als Elemente einer globalen institutionellen Ordnung, die auf diesen Annahmen aufbaut und die Machtverteilung ihrer Zeit widerspiegelt.

Überschneidung von Staatspolitik und historischem Gedenken

Zu den internationalen Teilnehmern gehörten Mitglieder politischer und diplomatischer Institutionen sowie akademische Kolleginnen und Kollegen und Mitglieder der Medien, die mit dem Redner eine lebhafte Diskussion führten. Die Themen umfassten die jüngsten Überschneidungen von Staatspolitik und historischem Gedenken in Russland, insbesondere die diplomatischen Zerwürfnisse nach der Rede von Präsident Wladimir Putin in St. Petersburg im Dezember 2019, die die Frage des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs in Mittelosteuropa neu entfacht und politisiert hatte. Auch die Widersprüche der russischen Erinnerung an einen historischen Konflikt in Zeiten der anhaltenden Feindseligkeiten in der Ukraine wurden hervorgehoben. Im Hinblick auf die globalen Dimensionen des Weltkrieges wurden die Erinnerung und das politische Erbe in Asien diskutiert und als in der europäischen Wahrnehmung fehlend identifiziert. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Machtverschiebung in Richtung China und Ostasien forderten die Teilnehmer ein geschärftes Bewusstsein für das spezifische regionale Verständnis von Nationalstaaten, dessen Stellenwert für regionale Akteure und deren Umgang mit Multilateralismus als Grundlage für die Aufrechterhaltung von Dialog und Frieden.

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