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History and Politics Dialogue mit Sophia Gaston und Helene von Bismarck

Nostalgie, Nation-Building und eine politische Vision für »Global Britain«

Am Vorabend der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Deutschland und dem Eintritt in die Schlussphase der Brexit-Verhandlungen lud die Körber-Stiftung Experten aus ganz Europa zu einem History and Politics Dialogue mit der Sozial- und Politikwissenschaftlerin Sophia Gaston, Direktorin der British Foreign Policy Group, und der Historikerin Helene von Bismarck ein.

Im Mittelpunkt des Austauschs standen die Herausforderungen, denen sich das Vereinigte Königreich in seiner Vergangenheit stellen muss, während es zugleich eine neue Zukunftsvision als »Global Britain« entwirft. Der Austausch begann mit Gastons Einschätzung der sozialen und politischen Entwicklungen, die zu der vor vier Jahren getroffenen Brexit-Entscheidung geführt haben, sowie der sich daraus ergebenden weiteren Entwicklungen. Weit entfernt von der feierlichen Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2012 in London, die die moderne britische Erfahrung in einem Wirbel von Union Jacks und einer vielfältigen Darstellung der britischen Gesellschaft zum Ausdruck brachte, zwang das Referendum vom Juni 2016 die britische Gesellschaft dazu, ihre Identität in einem grundlegenderen Prozess der Selbstreflexion zu bestimmen.

Fehlgeleitetes Klassenverständnis und ein vertiefter sozialer Wettbewerb

Neben anderen Faktoren trugen ein fehlgeleitetes Klassenverständnis und ein vertiefter sozialer Wettbewerb infolge der Sparmaßnahmen der Finanzkrise zu einer Polarisierung bei, die in der Brexit-Entscheidung kulminierte und die die britische politische Kultur nach wie vor prägt. Das Referendum und die damit verbundenen öffentlichen Debatten haben Nostalgie als eine starke kulturelle und politische Kraft offenbart, insbesondere in jenen Teilen der Gesellschaft, die sich mit dem Tempo und der Art des sozialen Wandels unwohl fühlten. Während sowohl die Leave- als auch die Remain-Kampagne ihre Positionen auf historische Narrative über die Identität und Rolle Großbritanniens in der Welt aufbauten, erwies sich die Leave-Kampagne letztlich als erfolgreicher in der Formulierung einer Vision, die zugleich in der Vergangenheit verwurzelt war und einen dynamischen Ausblick auf die Zukunft versprach. Gaston bemerkte, dass sich die Kampagne und das anschließende Regierungsprogramm zwar auf die Idee eines »Global Britain« konzentrierten, das Projekt an sich jedoch zutiefst innenpolitischer Natur sei. Dieser Aspekt hat zumal vor dem Hintergrund der politischen Veränderungen in der globalen »Anglosphäre« an Bedeutung gewonnen, insbesondere durch die angespannten Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, aber auch durch die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen und drohenden Spaltungen infolge der Corona-Pandemie. Vor diesem Hintergrund besteht die zentrale Herausforderung für die gegenwärtige Regierung darin, eine polarisierte und zersplitterte Gesellschaft im Generationenprojekt eines »Global Britain« zusammenzuführen.

Nostalgie wird in diesem Prozess notwendigerweise eine Rolle spielen, wie Gaston hervorhob. Die gegenwärtigen Proteste, die eine aufrichtigere Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit fordern, zeigen wie schwierig der zu gehende Weg ist, da die »Ikonographie des Empire« bei der Gestaltung einer selbstbewussten Erzählung von Großbritanniens Gesellschaft und Platz in der Welt kritisch bewertet werden muss.

Ein britischer Sonderweg?

In ihrem ersten Kommentar lotete die Historikerin Helene von Bismarck die Untiefen aus, durch die das Projekt eines »Global Britain« navigieren muss. Obwohl ein Eckpfeiler der Außenpolitik der gegenwärtigen Regierung, bedeutet die komplizierte Natur von Großbritanniens globaler Vergangenheit, dass diese zukunftsorientierte Vision nicht erfolgreich sein kann, wenn sie von Geschichtsromantik geblendet wird. Außerdem hat sich die Anspielung auf eine »Wahl« zwischen Europa und dem Globus noch nie so klar umrissen dargestellt, wie sie heute erscheint - und es ist unwahrscheinlich, dass dies in der Zeit nach dem Brexit der Fall sein wird. Von Bismarck warnte, dass das britisch-europäische Verhältnis wieder auf eine sichere Grundlage gestellt werden müsse, und dass dies auch eine kritische Überprüfung des Begriffs des britischen Exzeptionalismus gegenüber Europa erfordere.

Großbritannien müsse »in den Spiegel schauen«

In der anschließenden Diskussion mit den Teilnehmern wurde betont, wie wichtig es sei, dass die britische Gesellschaft ein Verständnis ihrer sozialen und politischen Einheit erneuere. Die Teilnehmer forderten ein konstruktives Gespräch darüber, wo und wer »Großbritannien« im Jahr 2020 ist, mit einem integrativen und ausgewogenen Verständnis von Vergangenheit und Zukunftsaussichten, und bemerkten, dass die Regierung für eine solche Debatte Räume öffnen müsse. Großbritannien müsse »in den Spiegel schauen« und sich selbst mit dem Bild oder den Bildern, die reflektiert werden, konfrontieren. Die Fragilität der Union von England, Schottland, Wales und Nordirland als Folge der wiederauflebenden Unabhängigkeitsbestrebungen wurde als dringliches Anliegen identifiziert, ebenso wie die Notwendigkeit, dass Großbritannien seine Beziehungen zu den USA, Europa und China unter den schwierigen geopolitischen Bedingungen des Jahres 2020 neu bewerten müsse.

In ihren Schlussbemerkungen betonten Sophia Gaston und Helene von Bismarck, dass Großbritannien Europa wieder in den Fokus rücken müsse - auch wenn sie einräumten, dass dies erst dann geschehen würde, wenn die gegenwärtige Situation des »Wegdrängens« beendet sei.

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