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Deutungskämpfe um die Geschichte des Zweiten Weltkriegs

In einer Rede vor Staatschefs der GUS wies der russische Präsident Wladimir Putin im Dezember 2019 Polen eine Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu. Dies führte nicht nur zwischen Polen und Russland, sondern auch international zu Verstimmungen. Über die Konsequenzen dieser versuchten Umdeutung der Geschichte sprach Bernd Vogenbeck, Körber-Stiftung, mit der Osteuropa-Historikerin Claudia Weber.

Mit Äußerungen zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs hat russische Präsident Wladimir Putin Polen direkt attackiert, der polnische Präsident Andrzej Duda hat zuletzt seine Teilnahme am World Holocaust Forum in Jerusalem abgesagt. Was ist da passiert?

Präsident Putin ist in dieser Frage zuletzt sehr offensiv aufgetreten. Das Thema der Weltkriegsgeschichte, das kann man schon sehr deutlich merken, treibt ihn seit der Resolution des EU-Parlaments vom vergangenen September zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs verstärkt um. Das Maß, in dem sich der Ton seither verschärft, hat mich selbst überrascht, und auch, dass dabei eine für den Präsidenten eher ungewöhnliche, teils rüde Sprache zu hören ist. Da sind eine Wut und ein Zorn zu vernehmen, aber auch das klare politische Ziel, die eigenen Interpretationen durchzusetzen.

Braucht Präsident Putin das, um von anderen außenpolitischen Herausforderungen Russlands abzulenken?

Am Verlauf des Internationalen Holocaust Forums in Jerusalem, wo er unter anderem aufgrund der strategischen Allianz zwischen Israel und Russland im Syrien-Konflikt ganz anders behandelt wurde als etwa die Polen, aber auch an seiner dortigen Rede lässt sich gut erkennen, dass sich Putin in einer politisch komfortablen und vorteilhaften Situation befindet. Aufgrund seines globalen Machtzuwachses ist er gegenwärtig in der Position, seine Geschichtsdeutungen auf der internationalen Bühne zu platzieren und durchzusetzen. Und das tut er auch.

Richtet sich das zuerst an ein russisches Publikum?

Seine Geschichtspolitik ist, neben der Tatsache, dass Putin auch das europäische Weltkriegsnarrativ beeinflussen möchte, natürlich innenpolitisch motiviert und an die eigene Bevölkerung gerichtet. Für die Mehrheit ist jegliche Infragestellung des zentralen Integrationsmythos des Großen Vaterländischen Krieges und des Sieges über Hitlerdeutschland schier unmöglich. Die Resolution des Europaparlaments anlässlich des 80. Jahrestags des Kriegsausbruchs und die Politik der polnischen Regierung sind dann ein Affront, denn der Beginn des Zweiten Weltkriegs wird darin direkt und in aller Offenheit an den Hitler-Stalin-Pakt gekoppelt, das Kriegsbündnis zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und der stalinistischen Sowjetunion.

Das als wunder Punkt im strahlenden Narrativ des Großen Vaterländischen Kriegs gelten muss.

Ja, es ist der wunde und in seiner weltkriegsauslösenden Bedeutung auch nicht zu leugnende Punkt. Putin betreibt aber keine Neuerzählung und die Existenz des Pakts und seiner geheimen Zusatzprotokolle streitet er nicht ab. Aber er betont anders: Der »beschämte« Umgang mit dem Pakt in den 1990er Jahren, der durchaus eine Anerkennung dieses dunklen Kapitels der eigenen Geschichte beinhaltete, ist vorbei. Jetzt gilt der Pakt als geschickter Schachzug der Stalinschen Außenpolitik, durch den die Sowjetunion sich Zeit verschaffen und einen territorialen Schutzraum zu Nazi-Deutschland schaffen konnte. Das ist eine wichtige Umwertung, denn nun gilt: »Wir müssen uns nicht mehr für den Hitler-Stalin-Pakt schämen«. Die Petersburger Rede von Wladimir Putin Ende Dezember aber zeigt, dass nach der September-Resolution des Europaparlaments diese Umdeutung noch erweitert wird. 

Was hat sich verändert?

Nun gilt, dass, selbst wenn der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durch das Bündnis des Dritten Reichs mit der Sowjetunion ermöglicht wurde, der Hitler-Stalin-Pakt in den Kontext der Handlungen aller europäischen Akteure eingeordnet werden muss. Putin nannte in Sankt Petersburg Verträge wie das deutsch-britische Flottenabkommen, den deutsch-polnischen Nichtangriffsvertrag und das Münchner Abkommen. Der Hitler-Stalin-Pakt steht in dieser Lesart am Ende einer gesamteuropäischen Entwicklung, deren Ereignisse und Bedeutung ich für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gar nicht abstreiten würde. Im Gegenteil plädiere ich dafür, das europäische Machtspiel der dreißiger Jahre stärker in den Blick zu nehmen. In der neuen russischen Deutung wird dieses Machtspiel allerdings direkt mit der geschichtspolitischen Schuldfrage in Verbindung gebracht. Wenn Putin die Schuld am Ausbruch des Krieges quasi »vergemeinschaftet«, geht es nicht um geschichtswissenschaftliche Neubetrachtungen und Perspektivwechsel.

Was ist dann von der versprochenen Öffnung von Archiven zu halten, durch die Putin Geschichtsverfälschung begegnen will?

Sie wird selektiv erfolgen und keine neuen Einsichten beispielsweise zur deutsch-sowjetischen Kooperation am Anfang des Kriegs eröffnen. Dokumente, etwa zum gemeinsamen Umgang beider Besatzungsmächte mit jüdischen Flüchtlingen, machen Widersprüche deutlich, die Geschichtspolitik eben überall und eigentlich immer glätten will. Es werden wohl Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges sein.

Der staatliche Umgang mit Geschichte und Erinnerung hat in den letzten Jahren aber auch Polen internationaler Kritik ausgesetzt – etwa im Umfeld des so genannten »Holocaust-Gesetzes« oder im Umgang mit prominenten Museumsdirektoren. Wie ist dieses Agieren einzuordnen?

Ähnlich wie in Russland geht es darum, Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen der Weltkriegsgeschichte in einer renovierten Erzählung aufzulösen, die es in der öffentlichen Erinnerung zu verfestigen gilt. Im Zentrum dieses problemfreien Narrativs stehen glorifizierte Helden- oder Opfererzählungen. Die Grautöne des Krieges, die in den 1990er und 2000er Jahren viel stärker und offener diskutiert wurden, sind heute schwerer zu kommunizieren. Das Problem dieser Entwicklung – sowohl in Russland als auch in Polen – ist, dass sich beide durch diese vereinfachenden, mythischen Erzählungen angreifbar machen. Denn historiographisch lassen sich die engen Beziehungen zwischen dem Dritten Reich und Polen Mitte der 1930er Jahre ja nicht wegdiskutieren.

Beobachten wir zurzeit europaweit eine Suche nach neuen Ansätzen, die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zu erzählen? Gerade auch in Deutschland werden Stimmen aus dem rechten politischen Spektrum lauter, die den bisherigen Konsens über die Erinnerung des NS-Unrechts ablehnen. Wenn nationale Interessen in den Mittelpunkt rücken, verhallt der Appell an verbindende Werte und eine humanistische Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg?

Ich glaube nicht, dass Narrative, die auf eine humanistische Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg abheben, an ihr Ende gekommen sind. Ja, Geschichte bewegt sich und Deutungen verändern sich. Damit müssen wir nüchtern umgehen und Gewissheiten hinterfragen – auch in Deutschland. Wenn wir Narrative zementieren, verlieren wir die Fähigkeit, über Geschichte offen zu sprechen. Wir werden schwach gegenüber Relativierungen von Gewalt und Kriegsverbrechen. Ohne Scheuklappen mit historischen Widersprüchlichkeiten umzugehen ist der beste Schutz und letztlich unerlässlich, auch um das Bewusstsein der deutschen Verantwortung am Zweiten Weltkrieg und seinen Verbrechen lebendig zu halten.

Claudia Weber ist Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Europa-Universität Viadrina in Franfurt/Oder. Die Osteuropa-Historikerin und Expertin für Gewalt- und Diktaturengeschichte des 20. Jahrhunderts hat zu den Massakern des sowjetischen Gemeindienstes NKWD in Katyn 1940 ein Standardwerk verfasst, in dem die gegenseitigen Verflechtungen der beiden totalitären Systeme in der Besetzungszeit Polens deutlich wurden. In ihrem aktuellen Buch »Der Pakt: Hitler, Stalin und die Geschichte einer mörderischen Allianz« hat sie sich der gesamten Weltkriegsphase zwischen Beginn des Krieges und dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion zugewandt.

Über den Hitler-Stalin-Pakt und seine aktuelle Bedeutung spricht Claudia Weber im
Podcast History & Politics der Körber-Stiftung

Informationenen zur Resolution des Europäischen Parlaments
 
Rede von Präsident Putin vor den Staatschefs der GUS am 20. Dezember 2019

 

 

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