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»Der Nahe Osten war stets ein Ort der Rivalitäten«

Ein Thema des diesjährigen Körber History Forums sind Vergangenheit und Gegenwart im Nahen Osten. Mit dem britischen Historiker James Barr sprach Bernd Vogenbeck, Körber-Stiftung, darüber, welche internen und externen Gestaltungsentwürfe in der Geschichte der Region aufeinanderprallten und welche bis heute Spannungen erzeugen.

Herr Barr, aus der Sicht eines Historikers, wie prägend war der externe Einfluss für die Entwicklung des Nahen Ostens?

Die geographische Region, die wir »Naher Osten« nennen, war schon immer Austragungsort für die Rivalitäten externer Mächte. Am stärksten präsent sind die Auseinandersetzungen zwischen Großbritannien und Frankreich im frühen 20. Jahrhundert, die die Grundlage für den Konflikt um Palästina legten. In groben Zügen lassen sich diese Auseinandersetzungen nachverfolgen vom Sykes-Picot-Abkommen, das die Palästinafrage ungelöst ließ, über die britische Balfour-Deklaration zu Gunsten einer jüdischen »nationalen Heimstätte« in Palästina, mit der die Briten Frankreich ausmanövrieren wollten, bis hin zur französischen Unterstützung zuerst für die Hagana und jüdische Untergrundgruppierungen und später für den entstehenden Staat Israel. Mitte der 1950erJahre übernahmen die Vereinigten Staaten die Rolle als Hauptunterstützer Israels, zu einer Zeit, in der Großbritanniens Beziehungen zu dem Land schlecht waren.

Und wenn man sich die weitere Region ansieht?

Hier muss man den Einfluss externer Mächte auf einige arabische Staaten erwähnen. Ausschlaggebend war vor allem die britische Unterstützung für die Dynastien der Saud und der Haschemiten, für die herrschenden Familien in Jordanien und im Irak. Beziehungen, die bis zum Ersten Weltkrieg zurückreichten, sollten den Briten später großen Einfluss in der Region sichern. Als man in den späten 1920er Jahren im Irak Öl fand, ging das britische Interesse an der Region des »Fruchtbaren Halbmonds« dieser Entwicklung voraus und entstand vor allem aus Sorge um die Sicherheit des Empire, insbesondere der Frage nach dem Zugang zu Indien. In dieser Lesart sollte das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 eine durch die Briten kontrollierte Grenze quer durch den Nahen Osten schaffen, um Frankreich und Russland fernzuhalten.

In Ihrem letzten Buch beschreiben Sie, wie Großbritannien und die Vereinigten Staaten um den Einfluss im Nahem Osten wetteiferten – was überraschte Sie bei Ihren Forschungen zu dieser Rivalität am meisten?

Wie wenig sie eigentlich verstanden wird. Die amerikanische Unterstützung für Israel (aus innenpolitischen Gründen), für Saudi-Arabien (wegen der Beteiligungen US-amerikanischer Firmen an der saudi-arabischen Ölförderung) und für Gamal Abdel Nasser bescherte den Briten Probleme, die schließlich dazu führten, dass die beiden Großmächte unausweichlich zu Konkurrenten und oftmals regelrecht zu Rivalen im Nahen Osten wurden. Die Amerikaner neigten dazu, den Briten die Schuld an der Lage in der Region zu geben. Tatsache war jedoch, dass von den drei Verbündeten in der Region, auf die sich die Vereinigten Statten stützen, zwei – Ägypten und Saudi-Arabien – den dritten – Israel – nicht anerkannten.

Um die Frage nach dem Wettkampf noch weiterzuführen, welche Rolle spielte der Kalte Krieg bei der Entwicklung der Region?

Der Kalte Krieg wirkte sich eher indirekt aus: Großbritannien versuchte – ohne Erfolg – die Bedrohung durch den Kommunismus zu nutzen, um die Vereinigten Staaten dazu zu drängen, Großbritannien als vorherrschende westliche Macht im Nahem Osten zu belassen. Und der sowjetische Einfluss in den ersten zehn Jahren nach Kriegsende war begrenzt. Allerdings änderte sich das durch das sowjetische Angebot von Waffenlieferungen für Ägypten unter Nasser (nachdem dieser amerikanische Waffenlieferungen zu für den Kongress akzeptablen Bedingungen abgelehnt hatte), durch Moskaus Unterstützung für Syrien und durch die Angst vor einem zunehmenden sowjetischen Einfluss im Iran. Die Briten nutzen Amerikas Angst vor dem Iran, um die CIA zu ermutigen, Mossadegh zu stürzen. Und die amerikanischen Beziehungen zu Nasser verdarben, als der ägyptische Staatschef versuchte diese gegen Russland auszuspielen. Syrien fiel unter wachsenden sowjetischen Einfluss – dabei ist, mit Blick auf die aktuelle Lage in Syrien, die Beschwerde des späteren russischen Botschafters bemerkenswert, der sich darüber beklagte, dass Syrien nie auf Moskaus Rat höre. Trotzdem war der einzige kommunistische Staat, der sich in der arabischen Region bildete, der Süd-Jemen 1967.

Was für eine Grundlage gibt es für die Annahme, dass westliche Mächte autokratische Regierungen in der Region unterstützt und gefördert hätten, um eigene Interessen voranzubringen?

Die amerikanische Außenpolitik wechselte mehr als einmal zwischen der Unterstützung demokratischer und autokratischer Regierungen und folgte den eigenen Interessen. Wenn man noch einmal das syrische Beispiel heranzieht, versuchte Amerika in den 1940er Jahren die Demokratie in Syrien zu unterstützen, jedoch ohne bleibenden Erfolg. Amerika unterstützte dann den Militärführer Adib Shishakli nach seinem Putsch 1953, in der Hoffnung, er wäre das syrische Äquivalent zu Nasser. In Ägypten unterstützen die Vereinigten Staaten Nasser, weil er aufgeklärt, jung, vorwärts gewandt, bescheiden und sparsam wirkte; anders als King Farouk I., den Nasser 1952 stürzte. Es dauerte eine Weile ehe den Menschen klarwurde, dass Nasser nicht die progressive Kraft war, die sich die Menschen erhofft hatten.

Der externe Einfluss wird oft als Ursache für das Leid in der Region genannt, gegen den die originären Interessen der Menschen stehen. Wie viel Wahrheit steckt in dieser Betrachtungsweise?

Vor dem Hintergrund, was gerade in dieser Region passiert, scheint die Ansicht, dass externe Mächte rücksichtlos in der Region agieren, korrekt. Der Grund dafür, dass der Konflikt in Syrien schon so lang andauert, liegt genau darin, dass sich so viele Kräfte von außen beteiligen, mit beträchtlichen Mitteln und einem fehlenden Verständnis für die Not des syrischen Volkes. Aber ganz so einfach ist es nicht. Äußere Einflüsse waren während der gesamten Geschichte in der Region stark, das stimmt. Wichtig ist aber auch die politische Zersplitterung der Region und die Schwäche vieler Staaten. Diese standen oft miteinander im Wettstreit und baten externe Mächte um Hilfe, um einen Vorteil zu erlangen – wie Saudi-Arabien die Vereinigten Staaten und Assad nun Russland.

Wie lässt sich demgegenüber Russlands Eingreifen in Syrien einordnen?

Russlands aktuelle Beteiligung in Syrien ist opportunistisch und entstand aus seiner Rivalität mit den Vereinigten Staaten, wobei die strategischen Ziele sich erst im Verlauf der Auseinandersetzung entwickelt haben. Nun spekuliert darauf, dass die Syrienfragees Russland erlauben wird, sich wieder als Großmacht zu behaupten. Während die Tatsache, dass Russland das von Europa hinterlassene Vakuum nutzt, diese Entwicklung klar von der Vergangenheit unterscheidet, in der Europa seit 1750 eine Schlüsselrolle in der Nahost-Politik einnahm, gibt es eine interessante historische Parallele: Im Zuge des Zusammenbruchs des Britischen Empire in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hielt Großbritannien an seiner Macht im Nahen Osten fest – in dem Glauben, dass seine Position dort ihm globale Bedeutung garantieren würde. In dieser Hinsicht ist die russische Position vergleichbar, indem sie den Einfluss im Nahen Osten als Ausgleichsmöglichkeit sieht für die verlorene globale Bedeutung.

Am Ende dieses Jahres wird ein Jahrzehnt seit Mohamed Bouazizi vergangen sein, der den Arabischen Frühling entfachte und damit eine Zeit großer Veränderungen in der Region. Europa ist mit Kritik konfrontiert worden, die einen Mangel an Interesse und Einsatz angesichts von Entwicklungen bemängelt, die den Kontinent direkt betreffen. Zu Recht?

Der Arabische Frühling deckte sich mit einer Periode innerer Krisen in Europa, gefolgt von der Wirtschaftskrise 2008. Europa musste sich seinen eigenen ökonomischen Problemen stellen und somit hatten die strategischen Vorschläge zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage im Nahen Osten, die vor zehn Jahren kursierten, keinerlei Auswirkungen. Nach dem Ausbruch des Syrienkonflikts 2011 betrachtete man die Entwicklungen in der Region zunehmend durch das Prisma der Migration. Am Ende führte dies zu einer Wende in den Beziehungen Europas zum Nahen Osten: weg von der Idee, Einfluss auf die Region nehmen zu können und hin zu einer  angeblichen Notwendigkeit, eigene Interessen verteidigen zu müssen.

Wie sollte Europa sich zukünftig positionieren?

Es gibt keine einheitliche europäische Außenpolitik, zugleich erkenne kein gesteigertes Interesse in Deutschland oder Großbritannien, zur Schaffung von mehr Sicherheit im Nahen Osten beizutragen. Im Fall Großbritanniens muss man politische Reaktionen sicherlich auch vor dem Hintergrund des Scheiterns im Irak 2003 einordnen. Aber selbst in Zeiten, in denen interne Bedenken Vorrang haben und der Einfluss im Nahen Osten begrenzt scheint, gibt es eine Notwendigkeit zur Zusammenzuarbeit und zur Unterstützung, um die Region zu stabilisieren.

Vor kurzem wurde ein Friedensplan für einen der zentralen Streitpunkte der Region – den Israel-Palästina Konflikt – von der aktuellen US Administration vorgebracht, mit der zentralen Prämisse, die Geschichte außen vor zu lassen. Welchen Eindruck macht das auf Sie als Nahosthistoriker?

Die Initiatoren haben zwei Lehren nicht gezogen – eine, die sie aus Großbritanniens Erfahrungen, und eine, die sie aus eigenen Erfahrungen hätten ableiten können. Der Plan beruht auf der Annahme, dass Geld die bestehenden Probleme lösen könne, unter  Verweis auf das Bruttoinlandsprodukt, das die Palästinenser im Falle einer Zustimmung erwarten könnten. Die Briten glaubten, dass sie mit ihrer Unterstützung von zionistischer Ambitionen in den 1920er Jahren eine jüdische Zuwanderung nach Palästina fördern und somit Kapital anziehen könnten, was zu Wohlstand geführt hätte, der mit einer »dankbaren« palästinensischen Bevölkerung geteilt worden wäre. Washington glaubt, dass die Palästinenser heute auf einen solchen wirtschaftlichen Anreiz positiv reagieren würden, der zugleich, merkwürdigerweise einer zentralen Grundlage des Trumpschen Erfolgs zuwiderläuft , der eben  auf Fragen von Kultur und Identität anspielt. Die zweite Lehre kommt aus den 1940er Jahren, als der damalige US-Präsident Roosevelt nachdrücklich versuchte, und scheiterte, Saudi-Arabien dazu zu bringen, die Existenz des Staates Israel zu unterstützen. Ich sehe nicht, dass Saudi-Arabien diesen Plan öffentlich unterstützen wird, was auch immer hinter verschlossenen Türen gesagt wird. All denen, die denken, dass sich alle auf die Zukunft konzentrieren sollten, würde ich sagen, dass die Geschichte wichtig ist. Sowohl Israel als auch Palästina erheben einen historischen Anspruch auf das Land – und das ist der Kern des Konflikts.

James Barr zählt zu den führenden Nahost-Historikern und ist Autor der vielfach gelobten Publikation A Line in the Sand: Britain, France and the Struggle That Shaped the Middle East (2011). Sein aktuelles Buch Lords of the Desert: Britain's Struggle with America to Dominate the Middle East (2018)  zeichnet den Wettstreit zwischen Großbritannien und den USA um eine dominante Rolle im Nahen Osten von den 1940 bis in die 1960er Jahre nach. James Barr unterrichtete Zeitgeschichte in Oxford. Er arbeitete zudem in der Politik, beim Daily Telegraph, für die Stadt London und in der britischen Botschaft in Paris. James Barr ist Visiting Fellow am King’s College London.

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