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Bericht vom Körber History Forum 2018

Der Wert Europas mit dem Blick in die Geschichte

Das Spannungsverhältnis von Politik und Geschichte stand im Mittelpunkt des Körber History Forum 2018. Zu den Rednern zählten u.a. der frühere finnische Außenminister und Vorsitzende von »Historians Without Borders« Erkki Tuomioja, die Soziologin Éva Kovács von der Ungarischen Akademie der Wisssenschaftendie politische Anthropologin Esra Özyürek von der London School of Economics, der Historiker Philipp Ther von der Universität Wien, sowie der türkische Historiker İlber Ortaylı.

»Wir sehen überall auf der Welt, dass ein freies und demokratisches Gemeinwesen etwas sehr Zerbrechliches ist«, sagte Thomas Paulsen, Vorstand der Körber-Stiftung zur Eröffnung der zweitägigen Konferenz in Berlin, die internationale Wissenschaftler, Journalisten, Politiker, Intellektuelle und Geschichtsvermittler zum dritten Mal zusammenbrachte. »Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sie muss gehegt und gepflegt werden, sie muss gegen ihre Feinde verteidigt werden, aber sie muss sich auch weiterentwickeln, sie muss im Laufe der Zeit auch immer wieder neu begründet und neu ausgehandelt werden.«

Das Körber History Forum wolle zu diesem Prozess einen Beitrag leisten, denn zu einer demokratischen Gesellschaft gehörten ganz wesentlich auch das Wissen und die kritische Debatte über die Vergangenheit. »Wir wollen auf diesem Forum ein Zeichen setzen für den offenen Umgang mit Geschichte als unverzichtbaren Bestandteil einer offenen Gesellschaft«, sagte Paulsen. Bei dem neuen Arbeitsschwerpunkt »Der Wert Europas« leite die Stiftung die Überzeugung, dass der Zusammenhalt Europas und die liberale, offene Gesellschaftsordnung genau diesen Wert ausmachten.

Entstanden ist dabei in Zusammenarbeit mit dem Institute of Public Affairs in Warschau und der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin das Deutsch-Polnische Barometer 2018, dessen erste Ergebnisse die Leiterin des neuen Bereichs »Geschichte und Politik« der Körber-Stiftung, Gabriele Woidelko analysierte. Demnach empfinden 59 Prozent der befragten Polen Sympathie gegenüber dem Nachbarland, aber nur 29 Prozent der Deutschen. Außerdem kennen sich Polen und Deutsche zu wenig. Jeweils zwei Drittel haben das Nachbarland seit 1989 noch nie besucht. Mit Europa identifizieren sich der Umfrage zufolge mehr Polen (73 Prozent) als Deutsche (54 Prozent). Wenn auch Fragen der Geschichte wie die Anerkennung der polnischen Opfer während des Zweiten Weltkriegs und die Frage der Zahlung von Reparationen die deutschen und polnischen Gesellschaften teilen, so sprechen sich die Mehrheit der Deutschen (70%) und der Polen (60%) für eine gegenwarts- und zukunftsgerichtete Gestaltung der Beziehungen aus.

Migration als Herausforderung

Jüngste Umfragen zeigten, dass die Unterstützung für die Europäische Union heute höher sei als noch vor einigen Jahren, sagte der bulgarische Politologe und Publizist Ivan Krastev in seiner Auftaktrede. »Einer der wichtigsten Gründe dafür ist der Aufstieg der EU-skeptischen Parteien.« Ob diese Wechselwirkung eine gute oder schlechte Nachricht sei, müsse diskutiert werden. »Die Flüchtlingskrise war Europas 9/11«, sagte Krastev. In den USA habe der 11. September 2001 das Land in die Globalisierung gedrängt und etwas Vergleichbares sei 2015 in Europa geschehen. Dabei gehe es nicht nur um die hohe Zahl von Flüchtlingen, sondern um den Moment, der Europäern vor Augen geführt habe, dass man in einer miteinander verwobenen Welt lebe. Darin spiele Ungleichheit eine wachsende Rolle. Oft sei es leichter, das Land zu wechseln als die Regierung zu verändern, um etwas aus seinem Leben zu machen. Im Übrigen sei die Zahl der Osteuropäer, die nach der Finanzkrise in westeuropäische Länder weggegangen seien, weitaus höher als die Zahl der Menschen, die von außen in die EU gekommen seien.

»Ich glaube immer noch, dass es eine Herausforderung ist, die Europa nicht nur überwinden, sondern erfolgreich meistern kann«, sagte Lotte Leicht, EU-Direktorin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch über den Umgang mit Flüchtlingen und Migranten. Sie plädierte dafür, diese Frage in einen größeren internationalen Zusammenhang zu stellen, denn weltweit gebe es eine Flüchtlingskrise mit 65 Millionen Menschen, die vertrieben worden seien. »Davon sind 24 Millionen Flüchtlinge, die ihr Land verlassen mussten«, sagte Leicht. Weniger als zwei Millionen von ihnen befänden sich im reichen Europa, deshalb könne diese Herausforderung erfolgreich bewältigt werden. Leicht kritisierte, dass sich die Politiker in der EU nicht auf diese in Zukunft noch wachsende Flüchtlingsbewegung vorbereiteten. Es gehe um Menschen mit Hoffnungen, Träumen und einer Mission für ihr Leben. Stattdessen seien viele Lager, in denen syrische Flüchtlinge festsäßen, zu Plätzen ohne Zukunft und Hoffnung geworden. Leicht forderte, dass mehr Menschen Aufnahme in Europa finden sollten.

Fehlende Migrationsgeschichte

Während westeuropäische Staaten als frühere Kolonialmächte oder durch die Aufnahme von »Gastarbeitern« über eine historische Migrationserfahrung verfügten, sei dies in Osteuropa völlig anders, widersprach der frühere ungarische Diplomat Gergely Pröhle und verteidigte die restriktive Flüchtlingspolitik seines Landes. Dort habe man immer schon mit Minderheiten innerhalb des eigenen Staates gelebt, beispielsweise mit Roma oder Deutschen. Die Erfahrungen mit der Integration von Flüchtlingen in Frankreich oder Deutschland seien nicht so positiv, dass andere osteuropäische Länder sich ebenfalls »andere Zivilisationen« ins Land holen wollten. »Sie haben ihre eigenen Probleme, neue Probleme möchten sie nicht haben«, sagte Pröhle. Der Wiener Osteuropahistoriker Philipp Ther zeigte sich erstaunt, dass in Ungarn die eigenen Fluchterfahrungen nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes 1956 heute völlig vergessen seien. »Wären sie präsent, würde man sich daran erinnern, dass es damals das System der internationalen Weiterleitung gab«, zog Ther eine historische Parallele zum EU-Quotensystem für Flüchtlinge heute und mahnte mehr Solidarität innerhalb der EU an.

Die türkische Politologin Esra Özyürek wies auf die wichtige Rolle wirtschaftlicher Entwicklung und gelungener Integration hin. »Integration ist, wenn Menschen zusammen leben, sich nicht hassen und Zugang haben zu ähnlichen Ressourcen«, sagte sie. Die Menschen müssten dafür nicht etwa die gleiche Religion oder völlig gleichen Werte haben. In Frankreich gebe es Gegenden, die ihren Bürgern nicht die gleiche Infrastruktur oder Bildungsangebote machten, sondern Migranten benachteiligten. In Deutschland sei diese Lage besser und deshalb auch friedlicher. Aber es gebe eine zunehmende Tendenz zu Segregation in den Schulen, kritisierte Özyürek.

Bei der Diskussion über die Entwicklung in Russland spielte die Frage der Modernisierung des Landes eine zentrale Rolle. Der russische Journalist Maxim Trudolyubov plädierte dafür, dass der Westen trotz der politischen Spannungen an der Modernisierung Russlands mitwirken sollte. »Als Russe ist mir bei dem Gedanken an einen Kollaps der Wirtschaft nicht wohl«, sagte er. Die Bevölkerung habe schon einmal in den 1990er Jahren den Niedergang der Wirtschaft miterlebt. In vielen Fällen sei dies eine »menschliche Tragödie« gewesen.

Geteilte Erinnerung

Auch ältere Geschichte zeige heute in der EU-Krise ihre gegenwartsbezogene Bedeutung, sagte der Journalist Winfried Sträter, der die Debatte über die Folgen des Ersten Weltkrieges moderierte. Hundert Jahre nach 1918 gebe es in Europa immer noch eine geteilte Wahrnehmung seiner Bedeutung. Anders als ein Land wie Frankreich, das über Jahrhunderte als Nation bestand, hätten einige osteuropäische Länder nur ein kurzes Glück nationaler Eigenständigkeit erlebt, bevor sie EU-Mitglieder wurden, erläuterte der polnische Historiker Andrzej Nowak wichtige Unterschiede im Selbstgefühl. Die ungarische Historikerin Eva Kovacs beklagte, dass nicht nur ihr Land, sondern zahlreiche europäische Länder sich gerne als Opfer darstellten. Der Historiker Joachim von Puttkamer von der Universität Jena zeigte sich irritiert, dass heutzutage die Zwischenkriegszeit in Polen und Ungarn so stark über die »autoritären Figuren« in Erinnerung gerufen werde. Der finnische Politiker und Vorsitzender der Organisation »Historiker ohne Grenzen«, Erkki Tuomioja, rief dazu auf, historische Erinnerung vor politischer und medialer Vereinnahmung zu schützen.

Die Krisen des Kapitalismus

Zum 200. Geburtstag des Politökonomen Karl Marx beschäftigte sich eine Diskussionsrunde mit der Frage, was heute aus der Geschichte des Kapitalismus gelernt werden könne. »Wir reden über Marx, weil wir in einer Zeit leben, in der nicht nur der Kapitalismus in Frage gestellt wird, sondern unter anderem mit Hilfe des Kapitalismus unser Gesellschaftssystem in Frage gestellt wird«, sagte der Zeit-Wirtschaftsjournalist Uwe Jean Heuser.

Einig waren sich die Diskussionsteilnehmer darüber, dass der Kapitalismus sich als sehr flexibel und anpassungsfähig erwiesen habe. Ein Ende sei nicht in Sicht. »Die Geschichte des Kapitalismus ist auch eine Geschichte ökonomischer Krisen«, sagte der Wirtschaftshistoriker Sven Beckert von der Harvard-Universität. »Das Prinzip der Krise ist inhärent im Kapitalismus.« Die Ungleichheit habe nach der Finanzkrise 2008 weiter zugenommen und er erwarte weitere Krisen. Beckert warnte aber davor, das Problem zu eurozentrisch anzusehen. In Indien und in China sehe man eine enorm dynamische Entwicklung des Kapitalismus, anders als in Europa und in den USA. »Vielleicht ist das ja die Geschichte der Zukunft des Kapitalismus«, sagte er.

»Ich bin mehr beunruhigt über die Zukunft der Demokratie als über die Zukunft des Kapitalismus«, sagte der schwedische Autor und Politikberater Per Molander. Das erfolgreiche Modell wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung in den letzten Jahrzehnten habe von einem starken Staat abgehangen, um eine stabile Wirtschaftsentwicklung zu erreichen. Inzwischen werde die Macht des Staates aber von multinationalen Konzernen immer stärker untergraben. Molander sagte, die klassische Idee, dass ökonomische und politische Freiheit siamesische Zwillinge seien, habe sich längst als grundfalsch erwiesen. »Wir müssen den starken Staat verteidigen, um den Kapitalismus vor sich selbst retten«, forderte der Wirtschaftsberater.

Heiß diskutiert wurde gegen Ende der Tagung, ob es in der Türkei einen Neo-Osmanismus gebe oder ob damit in Westeuropa eher ein medialer Diskurs inszeniert werde. Der Historiker İlber Ortaylı von der Galatasaray-Universität in Istanbul bestritt, dass dieser Begriff überhaupt eine Rolle spiele. Auch sein Kollege Abdulhamit Kırmızı von der Istanbul Şehir Universität beklagte, dass westliche Medien Etiketten und Labels vergeben wollten. Solche Bezeichnungen dienten der Ausgrenzung, um den Weg der Türkei in die EU zu versperren.

von Gemma Pörzgen

Fotos: David Ausserhofer

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