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Interview

Historiker-Streit um das Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig

Als Gründungsdirektor des Museums des Zweiten Weltkrieges in Danzig wurde Pawel Machcewicz international gefeiert. Doch die nationalkonservative Regierung entließ den polnischen Historiker, weil in ihren Augen die Opferrolle Polens in der Ausstellung nicht ausreichend berücksichtigt sei.

Am Rande des Körber History Forums sprach Gemma Pörzgen mit Pawel Machcewicz über die Hintergründe des Konflikts.

Wie ist inzwischen der Stand der Dinge im Streit um das Museum des Zweiten Weltkrieges – hat ihr Nachfolger bereits Veränderungen vorgenommen?


Bisher ist es eine paradoxe Lage. Die Regierung hält an ihrer Forderung fest, dass die Ausstellung verändert werden sollte. Sie will beispielsweise die Rolle der Katholischen Kirche und der polnischen Soldaten stärker berücksichtigt sehen. Mir scheint das in der Ausstellung ausreichend vorzukommen. Ich habe der Regierung mitgeteilt, dass ich das Konzept der Ausstellung verteidigen werde und zwar in dem ich auf meinem Urheberrecht bestehe. Ein sehr guter Fachanwalt für Urheberrecht hat angeboten, mich pro bono zu vertreten. Sollte der neue Direktor Karol Nawrocki also etwas an der Ausstellung grundlegend verändern, werden wir ihn verklagen. Nun zögern der neue Direktor und die Regierung und informieren sich zunächst juristisch. Dann werden wir sehen, was geschieht.

Um was für Veränderungen soll es da gehen?

Es geht dabei beispielsweise um die Opferzahlen in den verschiedenen Ländern. Der neue Direktor will nicht, dass da steht, dass die Sowjetunion mit 27 Millionen Menschen die höchsten Opferzahlen aufweist, sondern es soll nur noch der Anteil der zivilen Opfer des Krieges angegeben werden. Dabei sind im Zweiten Weltkrieg im Fall von Deutschland und der Sowjetunion vor allem Soldaten getötet worden. Solche Veränderungen wären eine klare Manipulation. Ich habe dazu bereits öffentlich gesagt, dass wir in der Ausstellung die genauen, historischen Zahlen angeben und diese nicht verändert werden dürfen.

Wie kommt das Museum beim Publikum an?

In den ersten drei Monaten nach der Eröffnung des Museums im März 2017 kamen 154.000 Besucher. Der Andrang war auch schon größer als die Zahl der Eintrittskarten. Viele wollen die Ausstellung noch erleben, bevor es zu Eingriffen kommt. Eine erste Änderung betrifft eine Nebenausstellung über die Geschichte Danzigs und des Museums. Der neue Direktor hat dort den Teil entfernt, der sich dem Kampf für die Autonomie des Museums und der Freiheit der Geschichtswissenschaft widmete.

Welche unterschiedlichen Sichtweisen auf Geschichte verbergen sich hinter diesem Streit?

Dieser Konflikt hat mehrere Dimensionen. Generell geht es um die Frage, ob die polnische Geschichte dominiert und wie sie in die europäische Geschichte eingeordnet wird. Wir wurden von der Regierung und einigen einheimischen Historikern beschuldigt, die polnische Perspektive zu stark zu vernachlässigen, in dem wir ihr die Geschichte anderer Nationen an die Seite stellen. Ich bin ganz im Gegenteil der Meinung, dass es besser ist, sich der polnischen Geschichte zu widmen, in dem man sie in einem größeren historischen Kontext betrachtet. Schließlich ist Polen ein Teil Europas.

Eine zweite Dimension ist die Frage der Autonomie von der Regierungspolitik. Kulturminister Piotr Glinski hat gesagt, dass seine Partei durch die Mehrheit bei den Wahlen jetzt auch das Mandat besitze, um die Ausstellung im Museum des Zweiten Weltkrieges ebenso zu verändern wie jedes andere Museum in Polen. Meiner Meinung nach verstößt das gegen die demokratischen und rechtsstaatlichen Grundsätze, die bei uns eigentlich seit 1989 gelten. Wenn die Regierung die Ausstellung verändert, haben wir wieder eine direkte politische Einflussnahme in die Kultur und in die Geschichtswissenschaft, wie im kommunistischen Polen. Das wäre ein Präzedenzfall. Für mich geht es darum, die Autonomie der Geschichte ebenso zu verteidigen wie die Grundregeln des Rechtsstaates. Diese Sicht wird von vielen Leuten in Polen und im Ausland unterstützt.

Es gab viel internationale Unterstützung für Sie persönlich und ihren Kampf um das Museum. Hat Ihnen das geholfen?

Ja, die Unterstützung hat mir und meinen Kollegen sehr geholfen, weil wir uns nicht isoliert gefühlt haben. Wir standen über ein Jahr unter sehr großem Druck und haben den Bau des Museums vorangetrieben. Schon allein der Aufbau der Ausstellung war eine große Herausforderung. Gleichzeitig auch noch die Existenz des Museums verteidigen zu müssen, war ein sehr schwieriger Kampf. Insofern war die Unterstützung hilfreich, wenn auch nicht entscheidend. Es waren die Gerichte, die uns Recht gegeben haben. Für mich war vor allem wichtig, dass ich das Museum eröffnen konnte, damit sich das Publikum selbst ein Bild machen kann. Dass dies möglich war, ist ein großer Sieg für die Zivilgesellschaft, die ihre Rechte verteidigen konnte.


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