X

Meldung

Wie kann Europas Geschichte entwaffnet werden?

In vertraulichen Gesprächen geht die Körber History Reflection Group ab dem 10. Oktober im ukrainischen Lviv der Frage nach, wie die Gräben zwischen divergierenden Geschichtsbildern in den ehemaligen »Bloodlands« von Europa überwunden werden können. 25 hochrangigen Expertinnen und Experten kommen zusammen.

Ob in Russland, in den baltischen Staaten, in Polen, Ungarn, Weißrussland oder in der Ukraine: In den Ländern Ost- und Mittelosteuropas hat die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute nachwirken. In Zeiten wachsender politischer, nationaler und religiöser Spaltungen fällt es derzeit in Europa immer schwerer, historische Diskurse von ihrer politischen Bedeutung zu trennen. Bei Fragen von Identität und Werten, aber auch bei der Einordnung aktueller politischer Kontroversen ist ein tieferes Verständnis historischer Zusammenhänge unverzichtbar, um der Instrumentalisierung der Vergangenheit begegnen zu können.

Nach den Umbrüchen in den Jahren 1989 bis 1991 stellte der Umgang mit der sowjetischen Vergangenheit und die Aufarbeitung des Stalinismus eine zentrale Herausforderung für die Gesellschaften des früheren Ostblocks dar. Möglich wurde durch den politischen Wandel jedoch auch eine offene und ideologisch unvoreingenommene Auseinandersetzung mit bis dahin unterdrückten, unbekannten oder strittig gebliebenen Aspekten nationalsozialistischer Gewaltherrschaft. Debatten um die jeweiligen nationalen Erinnerungskulturen und deren Bedeutung für die europäische Geschichte und Gegenwart wurden in den Gesellschaften Mittel- und Osteuropas lebhaft geführt.

In den letzten Jahren nahmen bilaterale Konflikte und Spannungen zu, die unter anderem mit nationalen bzw. nationalistischen Geschichtsnarrativen begründet oder mit der Richtigstellung eines historischen Unrechts gerechtfertigt wurden. Die Annexion der Krim und die Kriegshandlungen in der Ostukraine sind Beispiele für diese Entwicklung. Aber auch die polnisch-ukrainischen Streitfragen zum Massaker in Wolhynien und Ostgalizien, die schwierigen Beziehungen zwischen Russland und den baltischen Staaten aufgrund der sowjetischen Besatzungszeit, Ungarns Umgang mit dem »Trauma von Trianon« und die Selbstverortung von Belarus zwischen seinen Nachbarn im Westen und Osten zeigen, wie wirkmächtig die Vergangenheit in der Region bleibt. Gleichzeitig fehlt in den westeuropäischen Ländern oft ein angemessenes Bewusstsein dafür, wie divergierende Geschichtsinterpretationen Spaltungen in Europa befördern.

Noch bis 2021 werden in der Körber History Reflection Group Experten aus Wissenschaft, Politik, Diplomatie, Zivilgesellschaft und den Medien im kleinen Kreis und an Orten, die maßgeblich für Europas umstrittene Vergangenheit stehen, diskutieren, ob und wie sich die Gräben zwischen unterschiedlichen Geschichtsbildern in den ehemaligen »Bloodlands« überwinden lassen. Das Treffen in Lviv wird insbesondere Fragen der mehrfachen Besatzungserfahrung, des Umgangs mit Minderheiten im Verlauf des 20. Jahrhunderts, aber auch der aktuellen historischen Selbstverortung der Ukraine zwischen Europa und Russland thematisieren.

Die Körber History Reflection Group ergänzt das Körber History Forum und ermöglicht einen vertieften Austausch über die historische Dimension politischer Konflikte mit dem Ziel, der Indienststellung von Geschichte als Waffe entgegenzuwirken.


Mehr zu: #Europa #Geschichte
to top