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Was hält Europas Sterne zusammen?

History and Politics. Der Audio Podcast der Körber-Stiftung

Thema dieser Folge:
Was hält Europas Sterne zusammen?


Mit Aleida Assmann, Kulturhistorikerin aus Konstanz

Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge von History and Politics, dem Podcast der Körber-Stiftung zu Geschichte und Politik. In dieser Folge geht es darum, was Europas Sterne zusammenhält. Wir fragen, was Europa aus seiner Vergangenheit für die europäische Zukunft ableiten kann. Mein Name ist Gabriele Woidelko und ich freue mich sehr, dass Sie zuhören.

Europa, genauer gesagt die Europäische Union, befindet sich aktuell in einem Stresstest. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008, der Entscheidung für den Brexit und wachsendem Populismus in einigen Mitgliedsstaaten stellt die Corona-Pandemie die EU derzeit vor eine völlig neue Bewährungsprobe. Wie systemrelevant ist die Europäische Union eigentlich für Nationalstaaten? Welche Gefahren entstehen aus altem und neuem Nationalismus? Und welche Bedeutung hat die Erinnerungskultur für die Bewältigung aktueller Krisen in Europa heute? Darüber hat der Journalist Heiner Wember für uns mit der Kulturhistorikerin Aleida Assmann aus Konstanz gesprochen. In ihrem 2018 erschienenen Buch »Der europäische Traum. Vier Lehren aus der Geschichte« zieht sie die ganz großen Linien zwischen uns Europäern und unserer Vergangenheit. Gemeinsam mit ihrem Mann Jan Assmann erhielt sie – ebenfalls 2018 – den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für ihren bedeutenden Beitrag zu zeitgenössischen Debatten und einem friedlichen Zusammenleben auf der Welt.


Heiner Wember:
Frau Assmann, wo ist denn eigentlich Ihre Heimat? Ist es der Bodensee, Deutschland, Europa, die Welt, das Sonnensystem, was würden Sie sagen?

Aleida Assmann:
Meine Heimat ist verteilt. Ich bin schon in Baden-Württemberg aufgewachsen, in Heidelberg, also eher an der Nordgrenze. Und da habe ich eigentlich die meisten Jahre meines Lebens verbracht. Da sind auch meine fünf Kinder geboren. Also das ist schon ein sehr fester Halt, den ich da habe.

Aber natürlich mit ausgreifenden Eskapaden, vor allem in die USA, aber auch sehr oft nach Israel. Ja, das ist vielleicht der Horizont.

Ich finde auch wichtig, wo sind die Kinder aufgewachsen? Welche wichtigen, einschneidenden biographischen Erlebnisse sind mit einem Ort verbunden?

Verbinden Sie denn mit Deutschland und Europa auch Heimatgefühle?

Durchaus. Also gerade diese längeren Auslandsaufenthalte in den USA, dass ich diese intellektuelle Brisanz an diesen Unis erleben durfte. Aus der Distanz merkt man dann irgendwann doch, wohin man gehört.

Die Sterne auf der Flagge der Vereinigten Staaten stehen ja für die einzelnen Bundesstaaten. In der europäischen Flagge haben wir auch zwölf Sterne, die stehen aber traditionell als Symbol für Vollkommenheit, Vollständigkeit und Einheit. Da ist auch der Wunsch der Vater des Gedankens, oder?

Ich glaube, diese Sterne stehen ästhetisch für mich auch für die Uhr. Zwölf Uhr, sechs Uhr, drei Uhr, neun Uhr und das suggeriert Ewigkeit. Also die Stabilität des Uhrwerkmechanismus läuft für mich da auch mit. Und genau das ist eigentlich ein Wunschbild, was schon längst nicht mehr so richtig funktioniert.

Genau, mit der Stabilität in Europa war es ja nie so weit her. Eigentlich ein Kontinent, der traditionell immer im Streit und im Krieg gelebt hat. Sie haben vier Lehren aus der Geschichte gezogen.

Ja, ich habe mich irgendwann mal gefragt, was mich eigentlich mit diesem Europa verbindet. Zufällig liegt hier auf meinem Schreibtisch gerade mein Reisepass und da fällt mir auf, dass über Bundesrepublik Deutschland steht Europäische Union. Also ich bin Bürgerin der EU noch bevor ich Bürgerin meiner Nation bin. Das ist doch interessant. Und wenn wir die Sterne sehen, über die wir gerade sprachen, wissen wir, das ist unsere Identität. Da können wir hin und wir sind dann in einer ganzen Gruppe von Menschen, die da möglichst schnell durchwollen, aber die wahrscheinlich wenig darüber erzählen könnten, warum sie Europäer sind. Ich denke, wir können nicht an etwas hängen und uns dafür interessieren und uns damit identifizieren, wenn wir zu wenig darüber wissen.

Wir haben so lange im Krieg gelebt, die zwei Weltkriege, die Lehre daraus ist, es darf nie wieder passieren und diese Feindschaft hat sowieso nie was gebracht und/

/genau.

/als wichtigste Lehre auch, als Gründungsmythos auch von Europa/

/ja, absolut.

/der Europäischen Union: Wir wollen keinen neuen Krieg.

Genau. 1945, diese Lehre war, glaube ich, jedem klar, da musste ich kein Buch darüber schreiben. Und trotzdem ist es wichtig, sich immer nochmal zu überlegen, was das bedeutete nach der sogenannten deutsch-französischen Erbfeindschaft. Da hat ja Deutschland drei Mal eine Invasion nach Frankreich gemacht und zwar innerhalb der Familien, in der Großväter-, in der Väter- und in der Enkelgeneration. Also drei Generationen lang Krieg geführt gegen Frankreich. Und es waren ausgerechnet die Franzosen, die die Hand ausgestreckt haben und der Beginn einer deutsch-französischen Freundschaft, die dann die Keimzelle, würde ich mal sagen, der neuen EWG, EU wurde.

Es gab ja auch den äußeren Kitt, nämlich die Bedrohung, vermeintliche oder reale Bedrohung durch die Sowjetunion, die dann die europäischen Staaten auch zusammenrücken ließ und dieser Punkt, den Sie auch anführen, der Demokratiesicherung, das war ja auch ein System-Gegenentwurf zu dem totalitären System im Osten. Kann man das so sagen?

Richtig. Es ist ja paradox. Mit dieser großartigen Friedenssicherung 1945 folgende, gehen wir direkt in den Kalten Krieg hinein, also aus dem Frieden machen wir einen neuen Zustand der Polarisierung. Das ist der Kalte Krieg. Und die Demokratisierung, die zweite Lehre aus der Geschichte, hat sehr viel damit zu tun und Deutschland ist ja sozusagen der Abdruck genau dieses historischen Geschehens mit der Spaltung. Die Demokratisierung ist eine lange Geschichte gewesen, und sie wurde natürlich nach 1989 ganz brisant, als die ganzen ehemaligen Sowjetrepubliken dazu stießen und dann diese Demokratisierungsbewegung weiterging. Und da ist es tatsächlich gerade mal besonders Polen gewesen, mit dem dann ein ähnliches, eigentlich freundschaftliches Verhältnis aufgebaut werden konnte, ähnlich wie mit Frankreich. Da gab es sehr viele, auch kulturelle Annäherungen mit Historikern, die von beiden Seiten gemeinsame Geschichtsbücher schrieben und so weiter, aber leider auch wiederum das Zurückrollen des Rades wieder in Richtung Nationalisierung und damit eben auch Entdemokratisierung. Das ist ein Punkt, der wird uns sicher im Gespräch noch begleiten.

Diese ersten beiden Punkte, ich denke, da können sehr viele Menschen auch andocken, auch was die Bedeutung von Friedenssicherung und Demokratiesicherung anbetrifft. Erstaunlich finde ich etwas, dass Sie den dritten Punkt, eine selbstkritische Erinnerungskultur, offensichtlich gleichwertig dazu nehmen. Warum ist diese Erinnerungskultur in Ihren Augen so wichtig? Für uns Deutsche ist es ja ein zentrales Moment, aber wieso auch für Europa?

Narrative sind so etwas wie ein Selbstverständnis. Man erklärt sich selber, woher man kommt, wohin man geht und dieses Narrativ ist unglaublich wirkungsvoll für das Selbstverständnis der Gesellschaft. Diese neue Erinnerungskultur nenne ich sowohl selbstkritisch als auch dialogisch. Also selbstkritisch heißt zunächst einmal, dass das normale nationale Narrativ, was immer nur damit zu tun hatte, dass sich ein Kollektiv auf einen Sockel setzte, indem es noch größer und noch strahlender auftreten konnte, dass dieses eigentlich überall gängig war und dass das nun in Deutschland zum ersten Mal gewendet wurde. Man hat es in Deutschland geschafft, vor allem in der Westhälfte, von der Nachfolge der Täter hin zu der Perspektive der Opfer und sich mit den Augen der Opfer als Täter gesehen. Das heißt, sich selbst als Täter anerkennen oder erkennen und die Opfer anerkennen. Das ist eigentlich der ganz wichtige Dreh in der ganzen Geschichte und das ist etwas, was nach 1989 dann auch wirklich auf der europäischen Ebene funktioniert hat.

Gibt es auch noch andere Felder, wo Sie das sehen abgesehen vom Holocaust oder dem Zweiten Weltkrieg?

Das würde ich auch überhaupt für die ganze Kolonialgeschichte sagen. Die wird in Europa gerade noch sehr stark blockiert. Aber in anderen Fällen, in Frankreich natürlich, denken Sie an De Gaulle, der sagte noch, Vichy, c`est ne pas la France. Also Vichy hat nichts mit Frankreich zu tun. Frankreich war eine reine Widerstandsnation. Das hat sich gedreht beziehungsweise er hat auch gesagt, Frankreich braucht keine Aufklärung, es braucht Wahrheit. Also immer die Idee, ein nationales Narrativ braucht unterstützende Impulse, in denen das Kollektiv gut dasteht. Und dass man eben auch Verbrechen oder Kollaboration einbezieht, das war was Neues. Und das hat auch in Österreich so lange gedauert. Also denken Sie an die Waldheim-Affäre. Bis dahin war in die 80er und 90er Jahre hinein Österreich das erste Opfer Hitlers. Und das haben die Alliierten auch so anerkannt.

War dann auch politisch gerade opportun. Sie sagen, dass die Nationalstaaten gar nicht überwunden sind, vielleicht auch gar nicht überwunden sein sollten, sondern dass sie auch ihre wichtige Funktion noch haben.

Da würde ich auch ansetzen, warum die EU so wichtig ist und welche großartigen Aufgaben sie erfüllen kann. Die große Chance der EU liegt darin, dass sie den Nationalismus zähmen kann. Genau durch eine solche Form der Geschichtserinnerung, wie ich sie beschreibe. So, wie man die anderen anerkennt, auf deren Kosten die Geschichte über sie weggegangen ist, kann man ein anderes Bewusstsein entwickeln, kann man ein Anerkennungsverhältnis entwickeln und kann auch mehr Gerechtigkeit zulassen und den Frieden, sagen wir mal, tiefergreifend sichern. Ich glaube, das Friedensprojekt in Europa beruht auch auf einer solchen dialogischen Erinnerungskultur.

Wozu aber auch ein Gefühl von Nationalstaat dazugehört.

Genau.

Also nicht die Abschaffung der Nation, wenn man so will, sondern ihre Zähmung, wie Sie sagen.

Richtig. Gemeinsame Grundwerte, und dazu gehört nochmal die Demokratisierung, die Friedenssicherung, die Anerkennung der Menschenrechte, darüber haben wir jetzt noch nicht gesprochen, aber das sind Grundwerte, auf die man sich erstmal einigt, um zusammenzukommen. Dann können sich die Nationen natürlich auch alle in ihrer Eigenartigkeit manifestieren, sie haben die ganze volle Freiheit der kulturellen Ausprägungen. Das ist ein ganz neues Modell, die Zähmung des Nationalismus und die Kultivierung, sagen wir mal, der Differenz.

Warum sind die Menschenrechte für Sie auch so zentral als Fundament Europas?

Mich interessiert der Prozess, in dem die Menschenrechte erkämpft wurden und nicht nur deklariert wurden. Und da gibt es für mich zwei Daten, die vor allem in die 70er Jahre zurückgehen. Das eine ist 1975 die sogenannte Schlussakte von Helsinki. Das war so wichtig, weil das der Startschuss für ganz viele mittel- und osteuropäische Nationen war, in der Sowjetzeit, die sogenannte Helsinkigruppen entwickeln durften und da zum Beispiel, Vaclav Havel, die Charta 77, aber bis hin zu den verschiedenen Bürgerrechtsbewegungen in vielen Städten der DDR. All das stand im Kontext dieser Selbstbefreiungsbewegung oder Demokratisierungsbewegung von unten in den Sowjetstaaten.

Ja, jetzt haben wir Ihre vier Lehren aus der Geschichte beschrieben. Gerade sind riesige Milliardenbeträge in Europa in der Diskussion, auch in der Umschichtung, um zu versuchen, den Kontinent wirtschaftlich wieder nach vorne zu bringen. Ist nicht Wirtschaft und auch Wohlstand eigentlich ein zentrales Fundament für Europa? Wenn man von Europa den Euro abzieht, da bleibt ja nur noch ein -pa übrig.

Vollkommen richtig und man müsste eigentlich fragen, warum habe ich nicht als ersten Punkt und dann vielleicht fünf, erstmal die Wirtschaft, den Aufbau der Wirtschaft gewählt.

Genau.

Ich habe die Wirtschaft aus folgendem Grunde nicht da rein genommen in die vier Lehren: Sie ist ja enthalten in dem Friedensprojekt. Da kommt sie ja vor. Der Frieden ist tatsächlich nachhaltig durch das gemeinsame Wirtschaften erreicht worden, aber ich habe es nicht eigens herausgestellt. Und der Punkt ist der, dass nämlich in gewisser Weise tatsächlich der Wohlstand oder das gemeinsame Wirtschaften außerhalb dieser Lehren steht, weil es so etwas wie das Existenzfundament der EU darstellt. Und deswegen nicht Punkt eins, sondern Punkt null Europas darstellt, vorgeordnet, also durchaus und deswegen auch als Wirtschaftsprojekt jetzt gerade 70 Jahre nach dem Marshall-Plan wieder ganz neue Aktualität bekommt. Also genauso wie der Marshall-Plan gestützt hat, um etwas Neues aufzubauen, 1948 bis 52, genauso ist es jetzt. Die EU selbst hat keine Außenhelfer mehr, sie wird nicht mehr stabilisiert, wir stehen jetzt für uns alleine. Aber auch für den Handel und das Gewerbe und für den Wohlstand ist es tatsächlich enorm wichtig, dass hier Europa wieder auf die Beine kommt.

Ja. Nationalismus, die Missachtung der Menschenrechte, demokratiefeindliche Bestrebungen, gerade auch in osteuropäischen Ländern. Alles da.

Genau, alles da und wir hatten dazwischen auch noch die Brexit-Krise. Wir sind ja aus gar keiner Krise mehr rausgekommen. Nach der Wirtschaftskrise kam die Migrationskrise, wie sie genannt wird und dann die Brexit-Krise und jetzt die Corona-Krise. Wir sind also weiterhin im Krisenmodus. Jetzt vielleicht sogar im Modus der Mutter aller Krisen, weil die Wirtschaftskrise nicht nur wiederkehrt, sondern auch noch in den Gespenstern sozusagen der Weltwirtschaftskrise wieder auftaucht, weil wir jetzt kein europainternes Problem haben, sondern einen globalen Zusammenhang, in dem wir uns jetzt sehen müssen.

Die Frage ist gerade immer in solchen Krisen, welche Rolle die Emotionen spielen. Und es gibt immer Gruppen, die dieses ausnützen, dass sie nämlich in der Krise, die ist ja eine Übergangssituation, in der die Strukturen blank liegen und man muss überlegen, wie man sie wieder neu festigt. Und in dieser Situation gibt es immer Stimmen, die Bedrohungspotenziale ausnützen. Also sie malen Schreckensbilder auf. Das gilt sowohl für die Wirtschaftskrise natürlich im Moment, aber galt auch für die Migrationskrise, das Bild der Fremdenfeindlichkeit und der Bedrohung, der Umvolkung, was da alles für imaginäre Konstrukte auftauchten, die aber natürlich sehr real werden, wenn sie die Menschen tatsächlich ergreifen und die Menschen dann in irgendwelche Strömungen hineinbringen. Von daher ist es im Moment extrem wichtig, sich nochmal zu überlegen, wo wir hier stehen und worauf sich Europa wirklich gründen kann und da würde ich doch sagen, ist auch das Stichwort Solidarität wichtig, denn wir erleben den Stresstest, aber wir haben auch ganz neue Formen der Solidarität kennengelernt, gerade in der Corona-Zeit. Wir haben festgestellt, erstens, dass die EU systemrelevant ist, um mal das Wort zu benutzen, für die Nationalstaaten. Der Nationalstaat ist nicht gegen die EU, sondern jeder Nationalstaat braucht die EU und braucht die anderen. Und zwar so weit gehend, dass man nicht nur wieder aufgeholfen bekommt, sondern wenn man nicht aufhilft, steht man ja auch alleine da. Also der Verbund der gegenseitigen Angewiesenheit ist eigentlich enger geworden. Man ist ja froh, nicht in der Brexitlage zu sein. Auch jetzt noch gerade alleine dazustehen. Sondern man weiß, hier gibt es Menschen, die sich zusammentun und etwas planen, die einen zweiten Marshall-Plan sozusagen auf den Weg bringen.

Also in der Krise zeigt sich schon die Stärke und auch eine Zukunftsoption?

Das würde ich sagen. Denn die Krise entscheidet darüber, dass wir weiterbestehen, und das Auseinanderbrechen der EU wäre nicht nur für die, die dann leer dastehen, sondern gerade auch für die anderen, eigentlich auch der Ruin, denn sie brauchen die Partner. Die Wirtschaft, wie wir schon gesagt haben, ist ja das Fundament und das ist so eng miteinander verflochten, da kommt man jetzt nicht so leicht und unbeschadet wieder raus.

Dann ist noch die Frage: Wie soll die EU selber umgehen mit Ländern, die dennoch diese wichtigen Fundamente der EU nicht beachten, was zum Beispiel Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte oder Demokratie bedeutet. Wie sollte die EU damit umgehen, mit Ungarn, mit Polen zum Beispiel?

Eine ganz wichtige Aufgabe ist die Demokratiesicherung innerhalb der EU und auch das klare Setzen von Standards. Es muss Sanktionen gegen Demokratieabbau geben. Das Geld ist ja im Moment die Währung, in der man Zuwendung und Rückstufung messen kann und da muss es auch deutlich werden, dass das nicht folgenlos sein kann. Also das muss dann in den Gesellschaften mit Nachteilen verbunden sein, sodass die Bevölkerung sich stärker einmischt. Und ich muss sagen, die Bevölkerung, vor allem natürlich immer die städtische Bevölkerung in all diesen Regionen, ist ja sehr viel EU-aufgeschlossener als oft die gerade amtierende Regierung.

Also eine wehrhafte Demokratie in diesem Fall von oben, also aus Brüssel.

Wehrhaft im Sinne, es muss Folgen haben. Auf Europaverrat, wie das Lepenies mal ausdrückte, müssen natürlich Konsequenzen folgen, wenn sich inzwischen, wie es der Fall ist, ein Netzwerk bildet von Ethnonationalisten, das ist die Formation, die sich gerade bildet in den rechten Parteien innerhalb verschiedener EU-Staaten. Wenn diese Front der Ethnonationalisten, die sich im Moment auch sehr unangenehm mit Israel zum Beispiel zusammenschließen, wenn die stärker wird, dann muss die EU da auch noch klarer auf Abstand drängen oder muss die auch zurückweisen.

Es gibt keinen Landesverrat mehr, sondern Europaverrat?

Ja, es gibt jetzt einen Europaverrat und ich finde, man sollte das thematisieren und es sollte auch in den Gesellschaften, aus denen Regierungen diese Schritte unterstützen, stärker thematisiert werden. Das ist eigentlich ein Thema. Man kann den Verrat nur messen an irgendetwas, worauf man sich geeinigt hat und hier benutze ich auch vielleicht ganz gerne den Begriff von Fukuyama, der spricht ja im Blick auf Amerika von einer Bekenntnisnation. Warum brauchen wir nicht auch so etwas wie ein Bekenntnis EU, und das Bekenntnis muss sich ja auf irgendwas stützen, und da habe ich halt einen Vorschlag gemacht. Wenn die Demokratisierung eine wesentliche Säule dieses Verbundes ist, dann ist es natürlich auch ein Verstoß, wenn man an dieser Säule sägt oder wenn man sie gar beseitigt. Dann kippt das Ganze.

Formulieren Sie, Frau Assmann, bitte nochmal kurz Ihr Bekenntnis zu Europa.

Mein Bekenntnis zu Europa besteht darin, und das ist eigentlich auch der Hintergrund des Buches, an dem ich gerade schreibe. Das Buch heißt nämlich „Die Wiedererfindung der Nation“. Und mir ist aufgefallen, dass es im akademischen Diskurs überhaupt keine Diskussion gibt zum Nationenbegriff, außer in einer ablehnenden und verwerfenden Beziehung. Also was man nicht will, ist Nationalismus und schon gar nicht Nationalsozialismus. Das scheint aber immer wieder auf diese beiden Begriffe, sowie das Wort Nation kommt. Das hat dazu geführt, dass seit, ich würde sagen, bald 30 Jahren aus der Uni keine Impulse mehr dazu kommen, wie eine demokratische, auf Vielfalt gegründete, ethnisch plurale Nation aussehen können. Es gibt da keine Impulse, weil dieser Begriff tabuisiert ist. Und ich nenne das Buch „Die Wiedererfindung der Nation“, weil ich sage, dass die EU eigentlich etwas Großartiges geschaffen hat, sie muss es nur wissen. Und das ist eben ein Konzept, wie man Nationen miteinander verbindet, kleinere Nationen, es könnte auch für andere Weltgegenden ein gutes Modell werden und sie gleichzeitig erstmal demokratisch festigt. Das ist, ich würde es mal nennen, ein Schutzschirm für die Nation, der da entstanden ist. Kultur ist das, was die Nationen gemeinsam haben oder wo sie sich begegnen und wo sie voneinander lernen und übernehmen können. Diese beiden Möglichkeiten, die Stärkung der Demokratisierung, der Nationalstaat als Möglichkeit der Stützung der kulturellen Vielfalt innerhalb der EU, das sind für mich Perspektiven, die ich ganz wunderbar finde und die natürlich mit Schengen zu tun haben. Das heißt, das ist ein Raum, in dem frei gereist wird, in dem die Menschen miteinander direkt reden. Es gibt längst auch in der EU solche Städtepartnerschaften wie das kleine Breisach bei Freiburg und Oświęcim. Das ist die Stadt, wo das Konzentrationslager Ausschwitz ist. Und diese Verbindung über die Grenzen Europas, kulturelle Verbindungen, legt diese Stadt eben auch nicht auf Ausschwitz fest, sondern erlaubt diesen Menschen eben auch mal in Europa anders aufzutreten. Da werden die Chöre ausgetauscht, fahren hin und her, macht man alle möglichen Schüleraustausche. Also überall gibt es auch Mensch-zu-Mensch-Beziehungen, die sich auf einer viel erdgebundeneren Ebene entwickeln und da sind die Städte ein ganz, ganz wichtiger neuer Akteur.

Wir wissen ja, Frau Assmann, wie wichtig Emotionen sind, auch im Verhältnis von Gruppen, auch größeren Gruppen. Die Nation ist ja auch häufig emotional besetzt. Müsste dann nicht aus der EU selbst auch eine Nation werden, wo wir dann eine emotionale Bindung zu aufbauen könnten?

Ganz schwierige Frage, aber eine Schlüsselfrage natürlich. Das haben die Leute lange versucht. Und die besten Kollegen haben daran teilgenommen an dieser Diskussion und ich muss sagen, diese Diskussion ist gescheitert. Ich stehe inzwischen, bis mir jemand etwas Gegenteiliges beweist, auf dem Standpunkt, dass die EU kein Narrativ hat. Sie hat nicht ein Narrativ wie eine andere Nation, die in einer übergreifenden Geschichte erzählen kann, wie sie dahin gekommen ist, wo sie jetzt sind und was für Erwartungen sie an die Zukunft haben. Und das ist auf der Ebene der EU viel, viel, viel schwieriger. Das ist ein Geschichtsraum und nicht ein Geschichtsnarrativ.

Europa ist keine Kleinfamilie, wo man zu jedem einen intensiven Kontakt hat, sondern eine ganz, ganz große Großfamilie, wo man weiß, ich habe einen Cousin dritten Grades, aber ich kann nicht ständig mit ihm im Kontakt sein und weiß nicht alles über sein Leben?

Nein, ich weiß nicht alles, aber ich kann neugierig sein. Ich kann mich da informieren und für mich war eben 1989 der Moment, wo ich plötzlich den Osten kennenlernte, der ja zugesperrt war im Kalten Krieg. Und dann die Möglichkeit, da überall hinzureisen und diese Menschen kennenzulernen und Europa von einer ganz anderen Seite zu erleben, das hat mich natürlich unglaublich beeinflusst, das hat mich völlig umgedreht.

Bei der Vorbereitung zu diesem Gespräch habe ich mal neben dem Begriff Heimat auch den Begriff Zuhause näher untersucht und habe festgestellt: Es gibt keine Mehrzahl von Zuhause. Es gibt nur ein Zuhause. Laut Duden gibt es keine Mehrzahl, keinen Plural von Zuhause. Das ist auch interessant.

Ja, wissen Sie, das ist dasselbe mit dem Wort Heimat. Inzwischen wird der Begriff Heimat in den Plural versetzt, dann entsteht Heimate. Das klingt auch komisch, oder?

Das habe ich auch gegoogelt. Ich habe festgestellt, auf 300 Mal Heimat kommt einmal Heimate.

Ja, aber schauen Sie, die Sprache lässt sich dehnen und wenden und wenn man das plötzlich braucht, dann erweitert sie sich auch. Aber das ist so signifikant, was Sie sagen, denn bisher brauchte man das nicht. Jeder war mit einer Heimat zufrieden. Jetzt brauchen wir mehrere Heimaten, weil niemand mehr so stetig und lange an einem Ort bleibt aufgrund vieler, vieler, ja, Rahmenbedingungen, in denen wir jetzt leben und dieser, sagen wir mal, -Mobilisierung unseres Lebens. Und diese Vielfältigkeit der Orientierung und auch der Wurzeln, also der Wurzeln, die immer erweitert werden müssen. Praktisch muss man ja keine Heimat aufgeben, wenn man sie verlässt, aber man kann das ja mitnehmen, die Erinnerung ist ja auch ein ganz guter Hort für eine frühere Heimat und ein Bezugspunkt bleibt das immer. Aber das Wichtigste an der neuen Heimat, damit es dazu wird, ist wahrscheinlich, dass man nicht dauerhaft als Fremder angesprochen wird. Also die große Aufgabe für die deutsche Einwanderungsgesellschaft ist, sich so zu öffnen, dass sie es denen, die dazukommen ermöglicht, nicht dauerhaft fixiert zu werden auf die Rolle des Fremden. Umso mehr können hier auch weitere Heimaterfahrungen gemacht werden.

Frau Assmann, herzlichen Dank für dieses hochspannende Gespräch und ich glaube, es hat das Heimatgefühl für Europa ein wenig erhöht.

Hoffentlich. Das würde ich mir auch wünschen.

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