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Rolle rückwärts bei der Gleichberechtigung? Wie Krisen das Miteinander der Geschlechter beeinflussen

History and Politics. Der Audio Podcast der Körber-Stiftung

Thema dieser Folge:
Rolle rückwärts bei der Gleichberechtigung? Wie Krisen das Miteinander der Geschlechter beeinflussen


Mit Birte Förster, Historikerin an der Universität Bielefeld

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von History and Politics, dem Podcast der Körber-Stiftung zu Geschichte und Politik. In jeder Folge sprechen wir mit einem Gast über ein aktuelles politisches oder gesellschaftliches Thema. Dabei interessiert uns besonders, wie uns die Vergangenheit dabei helfen kann, Antworten auf Fragen der Gegenwart zu finden.

In dieser Folge geht es um die Corona-Pandemie und darum, welche Art von gesellschaftlicher Krise sie ausgelöst hat. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich Corona auf Rollenbilder und das Miteinander der Geschlechter auswirkt. Dazu schauen wir in den Rückspiegel und wollen wissen, wie sich Geschlechterverhältnis und Gleichberechtigung in den letzten einhundert Jahren entwickelt haben und welche Fortschritte durch die aktuelle Pandemie auf dem Spiel stehen. Ich bin Gabriele Woidelko und freue mich, dass Sie zuhören.

Seitdem die Corona-Pandemie Mitte März in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen ist, wird darüber diskutiert, in welchem Maße sie soziale Gegensätze verschärft und Mängel in der Gleichberechtigung der Geschlechter offenlegt oder verstärkt. Mit welcher Art von Krise haben wir es, historisch betrachtet, eigentlich zu tun? Wie und warum werden Geschlechterunterschiede produziert? Und was bräuchte es, um nach Corona zu mehr Gerechtigkeit in der Lastenverteilung zwischen Frauen und Männern zu kommen?

Darüber habe ich mit der Historikerin Birte Förster gesprochen, die derzeit an der Universität Bielefeld lehrt und deren Arbeitsschwerpunkte Geschlechter-, Demokratie- und Globalgeschichte sind. Ihr aktuelles Buch »1919. Ein Kontinent erfindet sich neu« ist im vergangenen Jahr erschienen.


Guten Tag Frau Förster. Schön, dass sie da sind.

Förster: Guten Tag. Danke für die Einladung.

»Die Corona-Krise ist ein Angriff auf die Emanzipation. Sie könnte den Fortschritt, der mit Blick auf die Gleichberechtigung in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren erzielt wurde, rückgängig machen.« So ungefähr das Fazit eines Berichts der Vereinten Nationen vom April, also gerade ein paar Wochen alt. Ein zweites Zitat: »Die Pandemie legt nicht nur bestehende Ungleichheiten in den sozialen Möglichkeiten offen, sie verstärkt sie auch noch.« Das ist eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung, die ebenfalls vor kurzem veröffentlicht wurde. Und die nimmt Bezug auf die ungleiche Verteilung von Krisenlasten zwischen Frauen und Männern. Was kennzeichnet aus ihrer Sicht als Historikerin die Krisensituation, die durch die Corona-Pandemie aktuell entsteht?

Ja also, da muss man vielleicht zwei Ebenen ganz grundsätzlich unterscheiden: Einmal haben wir so etwas wie den Sprachgebrauch von Krise, also Krisensemantik. Was alles bezeichnen wir eigentlich als Krise? Und dann haben wir die sozialen und strukturellen Effekte von Krise. Also hat eine Krise ein Innovationspotenzial? Gibt es ein Ereignis, das Krisen auslöst? Und im Nachgang auch zu Krisen: Was für Nebeneffekte haben Krisen eigentlich? Und die, so der Historiker Lutz Raphael, bestimmen ganz oft den Ausgang von Krisen. Also wir haben es eigentlich nicht mit einem einzigen Ereignis zu tun, sondern mit einem ganzen Geflecht , das verschiedene Folgen auf ganz unterschiedlichen Ebenen haben kann, was man natürlich als Historikerin immer erst aus der Rückschau genau erkennen kann.

Und wenn sie jetzt von diesem Geflecht sprechen, welcher Aspekt ist aus ihrer Sicht da dominant, wenn wir auf die aktuelle Corona-Krise schauen? Also ist es der Fortschritt oder ist es…was ist es denn genau?

Also erstmal müsste man vielleicht sagen, dass wir es mit einer spezifischen Form von Krise zu tun haben. Nämlich – das ist ja eines der Reizwörter, die sie genannt haben, – wir haben es mit einer Pandemie zu tun. Da wissen wir aus historischer Forschung, dass Pandemien soziale Ungleichheiten verschärfen. Und ich denke das ist etwas, was wir sowohl national als auch global im Moment beobachten können. Vielleicht in Deutschland noch nicht so massiv wie etwa in den USA, wo es ja – nicht wie bei uns – eine Versicherungspflicht gibt, sondern die Menschen selbst entscheiden können, ob sie überhaupt krankenversichert sind. Und man kann da sehr genau beobachten, dass zum Beispiel People of Color oder Native Americans stärker betroffen sind sowohl von Ansteckung als auch von Erkrankung.

Sie haben eben gesagt, in Deutschland sei das noch nicht so extrem zu beobachten. Sie haben auch gesagt, ein Grund dafür sei die Krankenversicherung, aber es gibt ja bestimmt noch mehrere Gründe. Warum glauben Sie, dass die sozialen Gegensätze in Deutschland nicht so sehr bemerkbar sind wie zum Beispiel in den USA?

Also es ist natürlich auch einfach deshalb stärker sichtbar, weil wir ja inzwischen in den USA die Schwelle von einhunderttausend Toten durch die Pandemie überschritten haben und wir in diesem Land diesbezüglich – natürlich auch bei geringerer Bevölkerungszahl – sehr, sehr viel besser dastehen. Weil wir eine Regierung haben, die sehr umsichtig agiert hat, die den Informationsvorsprung, den wir durch den Ausbruch der Pandemie in Italien hatten, genutzt hat und Maßnahmen ergriffen hat. Und das bedeutet natürlich auch, dass die Folgen der Ansteckung geringer sind.

Es wird ja in den letzten Wochen, oder seitdem wir über Corona hier diskutieren, in Deutschland und auch in anderen europäischen Ländern immer wieder der Vergleich gezogen zu anderen pandemischen Krisensituationen in der Vergangenheit. Nicht zuletzt zur Spanischen Grippe. Inwieweit ist denn eigentlich so ein historischer Bezug aus ihrer Sicht hilfreich, wenn es um das Heute geht, wenn es darum geht, wie wir jetzt mit der aktuellen Corona-Pandemie umgehen sollten als Gesellschaft?

Nun ja, man versucht jetzt natürlich durch die Rückschau zu überlegen: Was für Maßnahmen haben eigentlich geholfen, um die Pandemie einzudämmen? Das ist ja in der Regel eines der großen Ziele und die Spanische Grippe ist vielleicht vergleichbar im Hinblick auf die relative Schnelligkeit der Verbreitung. Da schaut man zurück, aber gleichzeitig hinkt jeder Vergleich mit vergangenen Ereignissen, weil wir eben in einer Situation sind, die wir vorher noch nicht so gekannt haben und es mit einem Virus zu tun haben, über den wir noch Wissen erwerben müssen. Das heißt, wir müssen unser Handeln auch immer wieder anpassen. Es gibt nicht den einen Königsweg und man versucht, durch den Blick in die Vergangenheit sich Informationen zu besorgen, die aber nur bis zu einem bestimmten Punkt helfen können. Also man hat ja Daten über Schulschließungen und Kontaktarmut aus der Spanischen Grippe, aus den USA und da hat man versucht, es zu übertragen, aber Christian Drosten, der das Beispiel ja auch aufgebracht hat in seinem Podcast, hat eben auch schon da gesagt, dass sich das alles nur bedingt vergleichen lässt.

Wenn wir aber mal die Spanische Grippe einen Moment zur Seite stellen, und vielleicht mal auf die Pandemien in der jüngeren Geschichte schauen, speziell Ebola oder das SARS-Virus, da ist eine Sache, die ich ganz interessant finde. Neben den ganzen virologischen Aspekten wird eben auch oft gesagt, wir hätten aus diesen Pandemien lernen können, welche sozialen Langzeiteffekte diese Pandemien haben. Würden sie dem zustimmen?

Ja, das ist natürlich immer schwierig zu sagen, eine Gesellschaft ist lernfähig und dann müsste das ja aber in Handlung übersetzt werden. Wenn Sie sich das Thema Bildung anschauen, dann glaube ich, besteht die Vorstellung, dass die Schule sehr viel Bildungsungerechtigkeit, die einfach durch die Herkunftsfamilie, durch Umstände und so weiter bestehen, ausgleicht. Und die Situation, dass die Schule so weiträumig als Ort ausfällt – der Unterricht geht ja weiter, aber der der Ort fällt aus – die hatten wir nicht. Jetzt kann man natürlich immer sagen, wir hätten das alles besser machen können. Ich würde da vielleicht aber doch lieber den Blick in die Zukunft richten und überlegen: Was können wir denn jetzt aus dieser Situation lernen und könnte die Krise vielleicht auch zu Innovation führen, was sowas wie Bildungsversorgung betrifft? Denn wir merken ja jetzt sehr deutlich: Der Fernunterricht funktioniert da gut, wo Eltern die Ressourcen haben, und zwar technisch, zeitlich, räumlich. Und da könnte man sich vielleicht für die Zukunft fragen: Wie können wir Bildung anders gestalten? Brauchen wir vielleicht mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter in den Schulen, bräuchten wir für so Not-Szenerien nicht auch Personen, die in die Familie, die Kontakt direkt zu den Familien halten? Was einige Lehrerinnen und Lehrer ja auch tun. Es gibt ja auch Grundschullehrerinnen, die verschicken Papierpakete an die Eltern, damit die Kinder versorgt sind, aber all diese Bedingungen, das tun zu können, da müsste man dann vielleicht überlegen, ob es da für die Zukunft nicht Notfallszenarien gibt, damit man eben diese Familien auch versorgen kann.

Sie haben jetzt eben von Bildungsgerechtigkeit gesprochen und von den Ressourcen, die dafür notwendig sind. Lassen Sie uns nochmal den Blick darauf wenden, wie eigentlich in diesen Krisenzeiten die Lasten verteilt sind – nicht zwischen sozialen Schichten oder zwischen denen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten und denen die im Home Office arbeiten können, sondern lassen Sie uns mal einen Blick werfen auf die Geschlechter, also auf die Verteilung von Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen. Also ganz konkret auf die Frage: Wer betreut denn eigentlich das Homeschooling und wie sind da die Lasten verteilt? Eine der Thesen ist ja auch derzeit, dass die Situation, in der wir uns befinden, einen massiven Rückschritt bedeutet, vor allen Dingen für die Frauen. Sehen Sie das ähnlich?

Zuerst vielleicht mal: Es geht jetzt ja konkret um Mütter, also nicht um alle Frauen, sondern um Mütter. Care-Arbeit, wie das ja genannt wird, also alle Arbeit, die tatsächlich umsonst getätigt wird, um die Familie zu versorgen, seien es kleine Kinder oder ältere Personen, ist in Deutschland ungerecht verteilt zwischen Männern und Frauen. Das war vor der Krise auch schon so und da Pandemien ja zu eigen ist, dass sie so Gegensätze verschärfen, verschärft sich in der Pandemie eben auch diese ungerechte Verteilung und dazu gibt es auch schon erste Zahlen. Die belegen zum Beispiel auch, dass, wenn Frauen voll berufstätig sind und Männer zuhause die Care-Arbeit machen, Frauen trotzdem nur zwischen einer Stunde und einer Viertelstunde am Tag weniger mit Kinderbetreuung beschäftigt sind als ihre Partner. Also da werden noch ganz andere Ungleichheiten der Arbeitsverteilung deutlich. Wohingegen: Wenn die Frauen zu Hause die Care-Arbeit machen und die Männer voll berufstätig sind, dann arbeiten die Frauen im Schnitt am Tag sechs bis acht Stunden in der Kinderbetreuung und der arbeitende Vater vielleicht ein bis zwei. Selbst wenn die Berufstätigkeit umgedreht ist von dem klassischen Geschlechterverhältnis, dreht sich nicht die Care-Arbeit anteilig genauso um. Diese Situation verschärft sich in der Pandemie. Das kann man als einen Rückschritt verstehen, aber erstmal kann man daran sehen, wie das immer noch ist trotz politischer Maßnahmen, die ergriffen worden sind. Frauen sind häufiger berufstätig als unsere Müttergeneration heute, auch wenn sie Kinder haben. Aber es ändert sich eben trotzdem wenig an der Verteilung dieser Care-Arbeit und da müsste man vielleicht einfach nochmal Stellschrauben anlegen. Warum gibt es zum Beispiel diese Elternzeitmonate vierzehn Monate lang, wenn der Vater nur zwei macht? Man könnte ja auch sagen, es gibt vierzehn Monate, wenn beide Elternteile je sieben Monate nehmen. Und wenn das nicht so ist, dann fördert der Staat dieses Modell eben auch nicht. Und gleiche Forderungen werden ja jetzt auch im Moment bei dieser Frage laut, ob es ein Elterngeld während der Pandemie gibt.

Sie haben eben gesagt, Frauen seien heute mehr berufstätig, als das noch die Generation unserer Eltern war und sicherlich auch die unserer Großeltern. Mit Blick auf diese Emanzipations- und Erwerbstätigkeitsgeschichte würde ich doch nochmal gerne ein bisschen mit Ihnen in die Geschichte zurückgehen. Sie beschäftigen sich schwerpunktmäßig unter anderem auch mit der Weimarer Republik und mit der Entstehung des Frauenwahlrechts, mit der Demokratisierungsbewegung nach 1919 oder um 1919. Und ganz oft, wenn ich an Emanzipationsgeschichte denke, dann fällt mir dieses Jahr 1919 und die Einführung des Frauenwahlrechts als eine große Zäsur ein und noch öfter wird gesagt, das sei ein großer Schritt mit Blick auf die Gleichberechtigung gewesen. Würden sie das teilen oder muss man diese Einführung des Frauenwahlrechts 1919 und die Entstehung einer Gleich-, einer wirklichen Gleichberechtigung oder die Entwicklung hinsichtlich einer wirklichen Gleichberechtigung nicht doch auseinanderhalten.

Ja also vielleicht müsste man Gleichberechtigung nochmal unterteilen in sowas wie politische Gleichberechtigung – die ist 1919 erreicht. Frauen erreichen das Wahlrecht, sie werden Staatsbürgerinnen. Aber es gibt ja auch sowas wie die zivilrechtliche Gleichstellung. Da sind so Sachen gefragt, wie: Wer bestimmt über die Kinder? Wer bekommt die Kinder im Scheidungsfall? Wer bekommt das Sorgerecht? Frauen durften zum Beispiel in der Bundesrepublik lange Zeit nicht selbst einen Arbeitsvertrag bei einer Berufstätigkeit unterzeichnen, wenn sie verheiratet waren, da musste der Ehemann mitentscheiden. Oder wenn Frauen größere Anschaffungen tätigen wollten zu Beginn der Bundesrepublik in den fünfziger Jahren, dann musste der Mann unterschreiben, dass die Waschmaschine gekauft werden konnte.

Obwohl die Gleichberechtigung im Grundgesetz verankert war.

Seit 1949, genau. Also immer so Verfassungsideal, Verfassungswirklichkeit, und dann haben wir noch die ökonomische Gleichstellung. Sowas wie gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das ist eine sehr alte Forderung, die ist im Jahr 1919 auch schon laut. Und als Marie Juchacz, das ist die SPD-Politikerin, die die erste Rede hält als Frau vor einem deutschen Parlament, dies am 19. Februar 1919 tut, da sagt sie auch: Wir sind eben noch nicht am Ziel. Wir haben jetzt endlich ein uns lange verwehrtes Recht, nämlich das Wahlrecht, bekommen, aber wir sind nicht in der ökonomischen und rechtlichen Gleichstellung der Frau und das muss noch erreicht werden. Und das muss bis heute auch noch erreicht werden, zumindest die ökonomische Gleichstellung.

Das wäre dann wieder der Bogen, den wir spannen, in die aktuelle Situation. Wenn wir uns die ökonomische Ungleichverteilung und auch die ungleiche Verteilung von – sie nennen es Care-Arbeit – anschauen zwischen Marie Juchacz 1919 und der Bundesrepublik im Jahr 2020 in Zeiten der Corona-Pandemie – da geht noch was, oder? Da sind wir noch nicht ganz am Ziel.

Ja, also wir haben ja zum Beispiel ein Steuersystem, das Anreize schafft für Ehepaare, dass ein Partner – es kann ja auch der Mann sein – weniger verdient, dann hat der, der mehr verdient, eine steuerliche Entlastung. Das ist zum Beispiel in Schweden ganz anders, da haben wir eine Individualbesteuerung, da lohnt sich Familie haben steuerlich so gut wie gar nicht, aber der Staat hat ganz stark in Kinderbetreuung investiert. Und da ist es ganz normal, dass beide Partner arbeiten und drei Kinder haben und das geht auch, gesellschaftlich ist das normal. Bei uns wird es ja erst langsam normal, dass eben beide Partner arbeiten, dass man die Kinder in Betreuung, gibt. Aber Sie können eben auch durch Steuern nochmal Anreize schaffen, dass das gar nicht attraktiv ist, dass einer Zuhause bleibt und wenn Sie sich sozusagen andere gesellschaftliche Entwicklungen wie Scheidungsraten anschauen, wie viele Personen alleinerziehend sind, dann ist es sozusagen auch jungen Frauen ja gar nicht anzuraten, Berufstätigkeit aufzugeben.

Das ist ganz interessant. Lassen Sie uns nochmal schauen: Sie haben eben fast beiläufig gesagt, es ist erst seit einiger Zeit ja überhaupt normal, dass Frauen gleichermaßen wie Männer erwerbstätig werden. Auch da würde mich interessieren, aus deutscher Perspektive, woran liegt denn das, dass wir doch so lange an, ich nenne es jetzt mal eher überkommenen Rollenbildern und an einem überkommenen Familienverständnis festgehalten haben? Also, oft hört man in diesem Zusammenhang auch, dass das eben stark mit der Geschichte des Nationalsozialismus und mit dem darin vermittelten Bild von Mutter und Müttern und Familie zu tun habe, dass das eben auch so ein bisschen der Schatten ist, aus dem wir uns ganz lange hier in diesem Land nicht so wirklich haben befreien können. Ist da was dran?

Also ich denke, ich würde den Bogen noch viel weiter zurück in die Geschichte spannen, nämlich ins 19. Jahrhundert. Um 1800 etabliert sich die Vorstellung, dass Männer und Frauen tatsächlich, biologisch, ganz grundsätzlich verschieden sind. Das heißt, sie sind für verschiedene Arbeitsbereiche zuständig. Die Frau für das Private, die Familie; der Mann geht in die Öffentlichkeit, ist berufstätig – das etabliert sich sehr stark ab diesem Zeitpunkt. Und zugleich haben wir die rechtliche Situation von Frauen, dass sie, sobald sie heiraten, als Rechtspersonen verschwinden. Die werden durch ihren Ehemann nach außen vertreten, die sind quasi nicht mehr sichtbar. Und das hat langfristige Folgen, auch dadurch, dass sich im Sozialdarwinismus die Vorstellung etabliert, dass mehr Frauen in der Familie tätig sein können, nicht erwerbstätig sein müssen, was zu diesem im 19. Jahrhundert natürlich sehr, sehr viele Frauen sind, nämlich die in der Arbeiterschicht. Dieses Modell »Frau« bedient im Haushalt, der Mann geht arbeiten, das funktioniert ja nur ab einem bestimmten Einkommen, also vor allen Dingen im Bürgertum. So und jetzt hat man die Vorstellung, dass eine Gesellschaft, in der Frauen stärker in der Hausarbeit tätig sind, ja das es ein Zeichen von Zivilisiertheit ist. Das sind natürlich ganz starke Vorstellungen, die sich sehr lange durchziehen. Die ziehen sich auch in der Weimarer Republik durch und wir haben zwar die politische Mitbestimmung, aber trotzdem ist der Vater der Vormund der Kinder und wir haben bestimmte Besitzverhältnisse in den Ehen. In den skandinavischen Ländern ändert sich das Familienrecht zwischen den Weltkriegen, in vielen katholischen Ländern Europas und auch in Deutschland ändert sich das nicht. Und der Nationalsozialismus hat ein sehr starkes Geschlechterbild, eine Vorstellung von der Frau als derjenigen, die reproduziert und der Mann eben dieser Kämpfer. Allerdings: In dem Moment, wo die Männer an der Front kämpfen, müssen Frauen ja in den ganzen Berufen einspringen, und sie sind in Rüstungsbetrieben tätig und sie verdienen Geld.

Ich meine, das ist ja eine Entwicklung, die wir ähnlich auch im Ersten Weltkrieg teilweise beobachten können. In Kriegs- und Krisensituationen, dann wenn die Arbeitskraft von Frauen gebraucht wurde, dann war ja durchaus es üblich, dass Frauen auch das verrichteten, was als Männerarbeit galt. Diese Geschlechterrollen haben so lange funktioniert, solange die Krise nicht so extrem war, dass die Frauen gebraucht wurden und dann wurden die Rollen für einen begrenzten Zeitraum über Bord geworfen, weil es notwendig war, oder?

Ja, also Geschlechterunterschiede sind ja erst mal was, was sie ständig produzieren müssen. Für die gibt es ja keine logische Erklärung. Also vielleicht bis auf die ersten Lebensmonate und die Zeit der Schwangerschaft – und auch da gibt es ja inzwischen andere Modelle – könnte man sagen, ist es ja nicht nötig, dass das Kind körperlich an die Mutter gebunden ist und die ganzen Aufgaben, die man dann machen muss, die können Männer und Frauen gleich und auch die, die sich nicht binär identifizieren. Wir produzieren also ständig bestimmte Vorstellungen von Geschlechterrollen und die brechen in dieser Krise, im Ersten Weltkrieg, auf, aber sobald der Krieg vorbei ist, kehrt man zu dem alten Modell zurück. Da werden Frauen massenhaft entlassen, weil man die heimkehrenden Soldaten wieder in Lohn und Brot bringen will. Das hat eine Priorität. Dann haben sie noch sowas wie Dankbarkeit für das Kämpfen als Argument. Und da ist vielleicht auch diese Frage: Haben Krisen überhaupt Innovationspotenzial oder bricht das wie, Sie sagen, einmal kurz auf und der Zeitraum für Innovation schließt sich dann auch schnell wieder? Aber im Grunde sieht man an dem Beispiel gut: Frauen, waren dann ja auch im öffentlichen Bild präsent, als Straßenbahnschaffnerin, als Postbotin, als Kontrolleurin, die haben lauter Berufe ausgeübt in der Rüstungsindustrie, die sie vorher nicht ausgeübt haben und das hat funktioniert. Ja, aber dann, dann kommt eben wieder diese Produktion von der Aufgaben- und Rollenverteilung ins Spiel und die macht dann diese Form der Innovation, oder vielleicht auch einfach Veränderungen, zum Teil zunichte. Aber zum Teil eben auch nicht, weil wir auch wissen, dass es in der Weimarer Republik plötzlich trotz rechtlicher Nichtgleichstellung doch sowas wie eine Ausweitung der Vielfalt von Lebensmodellen von Frauen gibt.

Da ist das dann sicherlich als Fortschritt zu werten, nicht? Also,, dass sich, alternative und andere Lebensmodelle aufzeigen, die sich eben nicht wieder komplett zurückdrehen lassen.

Genau, und einen weiteren Einschnitt in diese Richtung haben wir dann eben in den siebziger und achtziger Jahren. Die Kollegin Kirsten Heinsohn würde auch sagen, wir müssen die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive von Frauen ganz anders periodisieren. Die setzt nämlich um 1980 nochmal einen Bruch an. Mit den neuen sozialen Bewegungen, mit dem Aufkommen der Grünen und der Quotenregelung für Parlamentarierinnen. Da gibt es das erste Mal einen höheren Anteil an Frauen im Parlament als 1919.

Das ist dann aber doch ein eher westdeutscher Blick, oder?

Ja, das ist das ist jetzt natürlich ein Blick aus der Geschichte der Bundesrepublik. In der DDR haben wir ein ganz anderes Geschlechtermodell, was Arbeit angeht. Allerdings ist es auch da so, dass die Care-Arbeit, also diese nicht bezahlte Arbeit, hauptsächlich von Frauen geleistet wird. Nicht nur in der DDR, in allen sozialistischen Ländern, bricht sozusagen die Geschlechter-Rollenverteilung bei der Arbeit in Ansätzen auf. Auch nicht überall, auch nicht durchgängig, auch nicht was Führungspositionen angeht, aber die Frauen, sind erwerbstätig und machen die Familienarbeit.

Genau, sie konnten eben in der DDR und auch in der Sowjetunion Traktoristin sein und haben noch die Kinder versorgt. Mit aller Sorgearbeit, die eben dazugehört.

Ja. Im Grunde hatten die zwei Jobs.

Vieles davon klingt heute noch an, wenn wir darüber sprechen, dass auch eben wir in der heutigen Situation an vielen Stellen Doppel-, wenn nicht Dreifachbelastung haben bei Frauen. Jetzt haben wir, liebe Frau Förster, schon ein paar Mal über die Zukunft gesprochen. Sie haben selber erwähnt, dass Sie sich wünschen würden, dass aus dieser aktuellen Corona-Pandemie Entwürfe entstünden, wie Familienleben, wie Erwerbstätigkeit, wie Sorgearbeit gerechter aufgeteilt werden kann, wie der Staat steuernd eingreift und damit aus der Krise lernt. Mich interessiert jetzt zum Abschluss nochmal dieser klassische Dreischritt, den wir uns immer vor Augen führen, wenn wir über unsere Gegenwart nachdenken: Die Frage inwieweit dieser Dreischritt – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – eigentlich mit Blick auf Pandemien wie Corona funktioniert

Dazu hat mein Kollege Rüdiger Graf gerade einen schönen Aufsatz geschrieben im neuen Handbuch der Krisenforschung. Also diese Vorstellung, man hat eine Krise, geht durch sie durch und dann gibt es eine wie auch immer geartete Zukunft, die ist eigentlich schon so seit den siebziger Jahren abhandengekommen. In dem Moment, wo Krisen global werden, man also das Gefühl hat, man kann national nur begrenzt steuern. Und das kann man ja auch ganz gut derzeit beobachten: Die Maßnahmen, die hier ergriffen werden, die gelten eben auch nur in den Grenzen der Bundesrepublik und wir, die uns darin befinden, profitieren von der Vorsicht, aber Nachbarstaaten eben nicht unbedingt. Mein Eindruck ist, dass wir derzeit eher hoffen, dass wir zu unserer suspendierten Gegenwart zurückkehren, also wo wir selbstbestimmt Kontakt aufnehmen können, uns freier bewegen, vielleicht auch mal wieder reisen. Die Gegenwart ist ja so ein bisschen ausgesetzt, wie wir sie kennen und die Zukunft ist sehr ungewiss, da gebe ich Ihnen auf jeden Fall recht. Weil wir auch immer noch nicht genug Wissen über das Virus haben, weil wir nicht wissen, ob eine zweite Welle kommt. Wir müssen uns offensichtlich darauf vorbereiten. Das ist sozusagen eine sehr präsentische Krise, wo man ja auch – und das ist ja auch zum Teil das Anstrengende daran – abwarten muss, was von Woche zu Woche, oder im Zwei-Wochen-Rhythmus passiert. Man kann jetzt eben nicht, wie wir das vielleicht kennen, schon mal planen, wohin wir in den Weihnachtsurlaub fahren, sondern wir sind so ein bisschen ausgebremst, was Planbarkeit angeht.

Ja, wir sind ausgebremst, wenig ist planbar, es fordert viel Geduld und immer wieder erfordert ist das Überprüfen der Maßnahmen. Das ist ja auch Etwas, was zunehmend, habe ich den Eindruck, die Geduld der Bevölkerung auf die Probe stellt. Also wenn wir uns angucken, dass die Zahl der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen jetzt zunimmt: Ich glaube, dieses Gefühl von Unsicherheit, das bewegt sehr Viele.

Ja, also ich teile das Anliegen fast aller der Demonstrierenden nicht, aber gleichzeitig muss ich ja bemerken: Wir leben zum Glück in einer Demokratie, die auch erlaubt, zu behaupten, es gäbe dieses Virus gar nicht. Und man darf das tun und das zeigt ja eigentlich die große Stärke unseres gesellschaftlichen Zusammenseins. Das mit der Ungeduld…da, glaube ich, schlägt auch wieder die soziale Ungleichheit zu Buche. Also es ist leichter, resilient zu sein, wenn Sie viel Platz haben, wenn Sie das Gefühl haben, es gibt genug, womit Sie sich unterhalten können. Jeder geht anders durch die Krise. Am Anfang wurde gesagt, das Virus macht uns alle gleich. Und das stimmt eben überhaupt nicht. Das Virus ist zwar gleich, aber es trifft auf sehr, sehr viele unterschiedliche Lebensrealitäten.

Ich glaube, das sehen wir mittlerweile sehr deutlich, nicht? »Das Virus macht uns gleich« – davon sind wir mittlerweile sehr weit entfernt. Was uns zu der Anfangsthese zurückführt in diesem Podcast: Pandemien sind eben gerade dazu angetan, soziale Gegensätze zu verschärfen oder zumindest noch deutlicher sichtbar zu machen. Zum allerletzten Schluss habe ich noch eine Frage an Sie als Historikerin, weil wir ja in einer Zeit leben, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in dreißig oder in vierzig Jahren Teil der historischen Erzählungen zukünftiger Generationen sein wird. Und mich interessiert die Frage: Wie möchten Sie diese Krise erzählt sehen und erzählt wissen?

Ich glaube, ich wünsche mir die vor allen Dingen vielstimmig. Denn wie wir besprochen haben: Die Krise wird sehr unterschiedlich erlebt, sehr unterschiedlich wahrgenommen. Es gibt ja das Coronarchiv, das schon Stimmen aktuell sammelt, weil wir ja als Historikerinnen und Historiker jetzt auch in dieser Situation sind, wo wir wissen: Es ist eine Krise und wir können jetzt diese Stimmen sammeln, die für uns sonst so schwer zugänglich sind. Nämlich aus dem Privaten, die individuellen Perspektiven, die nicht von Experten sind und nicht von hochrangigen Politikerinnen und Politikern, sondern sozusagen die Krise von unten schreiben. Und ich glaube, dass wir eine Vielseitigkeit in der Erzählung bräuchten, die auch nicht linear ist, sondern sehr unterschiedliche Herangehensweisen für diese Krise bedeutet. Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre das, glaube ich, der Kern.

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