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Volksbegehren oder Staatsgewalt? Wie Wahlen Demokratien zur führenden Regierungsform machten.

History and Politics. Audio-Podcast der Körber-Stiftung für Geschichte und Politik

Thema dieser Folge:
Volksbegehren oder Staatsgewalt? Wie Wahlen Demokratien zur führenden Regierungsform machten.

Mit Hedwig Richter, Privatdozentin und Historikerin am Hamburger Institut für Sozialforschung. Im Gespräch mit Heiner Wember, Radiojournalist und Historiker.

Die Deutschen sind Meister der Apokalypse, sagt Hedwig Richter. Ein Apokalypse-Szenario sieht zurzeit so aus: Demokratien sind darin ein Modell von gestern. Während die autoritär geführte Weltmacht China wirtschaftlich wächst, nach Afrika und bis nach Europa vordringt, ist der demokratisch gewählte US-Präsident innenpolitisch höchst umstritten und betreibt außenpolitisch eine Politik des Protektionismus. In den weit verbreiteten Sozialen Medien wird mit Fake News Wahlkampf betrieben. Großbritanniens Wähler beschließen einen Brexit, der nach einhelliger Einschätzung von Ökonomen dem Land massiven wirtschaftlichen Schaden zufügen wird. Polen und Ungarn werden kritisiert wegen ihrer Justizpolitik. Der Vorwurf lautet, dass die Unabhängigkeit der Gerichte und damit die Gewaltenteilung eingeschränkt werde. In Deutschland etabliert sich mit der AfD eine Fundamentalopposition am rechten politischen Rand.

Heiner Wember: Hedwig Richter hält dagegen. Sie betrachtet Demokratie nach wie vor als eine lebendige Regierungsform. Sie kommt in ihren Forschungen zu dem Schluss, dass Evolution bei der Erkämpfung des Wahlrechts für Frauen wichtiger war als Revolution. Sie hält es für normal, dass es bei demokratischen Entwicklungen Gegenbewegungen und vorübergehende Rückschritte gibt, dass am Wahlrecht viel über eine Gesellschaft zu erkennen ist, dass Hasardeure und Demagogen auch ein Phänomen in demokratischen Gesellschaften sind. In den kommenden 25 Minuten gibt es von ihr Antworten. Warum wir gerade eine Krisenzeit der Demokratie erleben, ob und wie Demokratien diese Krisen überwinden können, was Wahlen bewirken.

Herzlich Willkommen, Hedwig Richter. Woher nehmen Sie Ihren für Deutsche untypischen Optimismus?

Hedwig Richter: Weil ich mich mit Demokratie beschäftige und Demokratie ist tatsächlich eine der erfolgreichsten Regierungsformen. Weil wir gerade eine Krise der Demokratie erleben, übersehen wir eben, wie viel gut läuft. Die ganzen Entwicklungen, die positiv sind, die ganzen Zustände, die positiv sind, nehmen wir einfach als selbstverständlich und sehen dann diese, wie ich finde, im historischen Verlauf gesehen kleinen, negativen Abweichungen als viel zu dramatisch an.

Dann sagen Sie doch mal, was ist denn gut gelaufen? Was ist denn so super im Moment?

Zum Beispiel, dass Demokratien, also stabile, alte Demokratien, nach wie vor diejenigen Staaten sind, die der Bevölkerung am meisten Wohlstand bieten, was vor allem für die untersten Schichten am wichtigsten ist. Den Ärmsten in einer Gesellschaft geht es eben in demokratischen Gesellschaften immer noch viel, viel besser als in undemokratischen Gesellschaften.

Wenn Sie China und Indien nehmen, die vielleicht aufstrebenden, ganz großen Nationen, ist doch die soziale Kluft in Indien noch viel größer als in China, in dem demokratischen Indien verglichen mit dem sehr undemokratischen China.

Ja, ich denke auch, dass in Indien Demokratie sehr, sehr viele Probleme hat. Es ist nicht so, dass, wenn wir anfangen, irgendwie eine Demokratie zu installieren, dass es dann ein Selbstläufer ist. Es ist wirklich ganz typisch für Demokratien, dass, wenn wir einen großen Fortschritt haben in dem die Integration von weiteren Bevölkerungsschichten zugenommen hat oder auch der Wohlstand für alle angestiegen ist, dass es dann auch Gegenbewegungen gibt. Typisch für das 19. Jahrhundert war beispielsweise: Da entsteht eben der Liberalismus, der prinzipiell dafür eintritt, dass alle Menschen gleich sind. Und entgegen dieser modernen, progressiven Bewegung entsteht dann der Konservativismus. Also eine ganz typische Gegenbewegung gegen das, was positiv läuft.

Sie können Fortschritt also daran abmessen, dass es eine Gegenbewegung gibt?

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts sehen wir das in den USA, in Großbritannien, aber eben auch in Deutschland, dass Frauen laut werden, dass sie sich organisieren und zunehmend ihr Stimmrecht einfordern. Und was passiert? Es entsteht ein ganz, ganz starker Antifeminismus. Die Historikerin Ute Planert konnte zeigen, dass der Antifeminismus besonders stark ist in den Ländern, in denen der Feminismus besonders stark ist. Weniger stark war er beispielsweise in Frankreich, sehr stark aber im Deutschen Reich oder in Großbritannien, wo Frauen wirklich an Einfluss gewannen und die konservativen Antifeministen völlig zurecht merkten: Um Gottes Willen, hier passiert was, was wir nicht wollen, und wir müssen dagegen halten.

Wie stark war denn die Frauenbewegung im Deutschen Kaiserreich?

Es gibt dazu sehr gute Forschung. Angelika Schaser ist da zum Beispiel ganz wichtig, Birte Förster hat auch dazu geforscht, Kerstin Wolff und so weiter. Die zeigen eine sehr starke und eine sehr selbstbewusste Frauenbewegung, die auch international gut vernetzt war. Es gab internationale Konferenzen, eine der wichtigsten Konferenzen war 1904 in Berlin. Und aus Anlass dieser Konferenz wurde dann auch die erste internationale Bewegung, der erste internationale Verein für das Frauenstimmrecht gegründet.

Nun sagen Sie, dass Evolution wichtiger war als Revolution? Das Frauenwahlrecht kam aber mit der Revolution, nämlich mit der Weimarer Verfassung. Also am Ende doch die Revolution, die das Frauenwahlrecht gebracht hat.

Von mir auch sehr geschätzte Historiker sagen, die Demokratie sei eigentlich im Grunde genommen ein Kind der Revolution. Ich würde dagegenhalten, dass Revolution sehr oft im Gegenteil zu Rückschritt geführt hat. Am Ende der Französischen Revolution steht Napoleon. Die Französische Revolution hat zu starken Gegenbewegungen geführt, zu massiven Ängsten. Viele antidemokratische Bewegungen im 19. Jahrhundert speisen sich aus der Französischen Revolution.

Die Geburtsstunde des Nationalismus kam mit Napoleon.

Genau, der Nationalismus, wobei der dann noch mal eine ganz eigene Rolle für Demokratisierung spielt, auch eine positive Rolle. Vielleicht kommen wir da auch noch drauf zu reden.

Nach meiner Kenntnis ist Nationalismus das Gift des 19. Jahrhunderts, welches im 20. Jahrhundert so richtig virulent wurde?

Also Nationalismus hat auf jeden Fall diese zwei Gesichter, dieses Exklusive, und es hat aber auch, ganz wichtig, das Inklusive. Ich denke, dass die Idee von allgemeinen Wahlen, die 1848 aufkam, oder in den USA eben schon früher, dass die ganz viel damit zu tun hat, dass Menschen sich zunehmend als Gemeinschaft verstanden haben und dass es so etwas wie eine gemeinsame Identität gab. Egal ob ich jetzt Bauer bin oder Adliger, ich bin Franzose und gehöre dazu. Genauso in Deutschland: Ganz egal ob ich Junker, Fabrikant oder Bauer bin, ich bin Deutscher. Das hatte eine unwahrscheinliche Kraft, auch eine sehr positive Kraft.

Und da kommt ganz schnell das Feindbild dazu.

Und dann kommt sehr schnell das Feindbild dazu. Wir sollten aber nicht übersehen, dass Demokratien sich sehr stark mit Nationen entwickelt haben. Ich bin eine Europäerin und hoffe, dass wir enger zusammenwachsen, aber wir sollten auch verstehen, dass Demokratie tatsächlich auch immer eine nationale Geschichte ist. Ich kann mir vorstellen, so wie es den Preußen und Württembergern und Bayern in den 1870er Jahren gelungen ist, sich zunehmend als Deutsche zu verstehen – davor hatten sie noch sehr stark einzelstaatliche Identitäten –, dass uns das auch als Europäerinnen und Europäern gelingt. Was nicht heißt, dass wir dann unsere deutsche Identität aufgeben oder unsere Identität als Französin, aber dass es ebenso eine neue Identität gibt, die dann über diesen einzelnen Nationen steht.

Das Frauenwahlrecht kam nicht durch die Revolution, sondern die Revolution war sozusagen der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Zeit war reif dafür.

Ja, es ist immer schwierig in der Geschichtsschreibung klare Kausalitäten festzustellen. Historikerinnen wie Angelika Schaser sagen, dass womöglich der Erste Weltkrieg das Frauenwahlrecht eher hinausgezögert hat. Und jetzt kommt eben diese typische Demokratieerzählung: Ah, der Krieg ist der Vater des Frauenwahlrechts oder die Revolution ist die Mutter des Frauenwahlrechts. Da würde ich sagen: Nein. Die Frauenbewegung war zuvor schon stark, und: Das Frauenwahlrecht ist nach dem Ersten Weltkrieg in vielen Ländern eingeführt worden, wo es keine Revolution gegeben hat. Schon das spricht dagegen, dass es die Revolution war. Aber in Deutschland hat dann natürlich alles Hand in Hand gespielt.

Es wirken auch so symbolische Bilder. Sie sprechen da von diesem Steine-werfenden, jungen, männlichen Revolutionär. Dagegen sieht eine Suffragette ziemlich alt aus.

Genau. Eine Suffragette geht ja teilweise auch noch, falls sie gerade dabei ist, gewalttätig zu sein. Ich habe zum Beispiel erlebt, dass ich vom Bundespresseamt angefragt wurde, ob ich ihnen ein paar kurze Sätze und Bilder für eine Facebook-Kampagne zur Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland zukommen lassen kann. Es ist wahnsinnig schwierig, Bilder aus Deutschland zu finden. Wir haben keine Ikonographie für unsere Frauenbewegung, obwohl die sehr stark war und wir wissen, dass es Bilder gibt. Ich habe dann einige Bilder hingeschickt und habe auch das Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel gebeten. Dann kommt diese Kampagne und was ist? Ich glaube, die ersten zwei, drei Bilder waren eben kämpferische Suffragetten im Akt der Gewalt, oder es wird ihnen Gewalt zugefügt, aus Großbritannien. Auch hier bestätigt sich wieder, dass wir Demokratiegeschichte als die Geschichte von Gewalt und Revolution erzählen. Die Suffragetten passen in diese Erzählung rein, deswegen werden da auch große Filme gedreht. Ganz oft, wenn ich auf das Frauenwahlrecht zu sprechen komme, beginnen die Leute sofort, von den gewaltanwendenden Suffragetten in Großbritannien zu erzählen. Das sind dann die großen »Heroes«. Man muss eben wissen, dass auch diese gewalttätigen Suffragetten, die Gewalt bejaht haben, eine totale Minderheit selbst in Großbritannien waren. Und: Für die internationale Frauenbewegung war Gewalt ein Tabu. Die allermeisten haben mit einem Differenzfeminismus argumentiert, sie haben eben gesagt: Wir Frauen brauchen das Wahlrecht, weil wir anders sind, weil wir eigentlich die besseren Menschen sind. Wir sind friedlich. Viele Frauen waren auch in pazifistischen Bewegungen tätig. Das war viel stärker ihr Argument. Die haben sich sehr geärgert über die Suffragetten in Großbritannien, die Gewalt nicht abgelehnt haben.

Sie wenden ja diese Denkweise, dass es allmählichen Fortschritt gibt und es auch immer wieder einen Rückschritt gibt, auch insgesamt auf Demokratien an.

Ja. Ich finde zum Beispiel wichtig, dass wir in den letzten Jahren Gruppen inkludiert haben, die davor noch selbstverständlich ausgegrenzt waren – wie zum Beispiel Schwule und Lesben. Aber dass auch unsere Gesellschaften viel offener geworden sind gegenüber Menschen mit – wie man das nennt – einem Migrationshintergrund. Das weckt Ängste. Wenn ich diese zornigen Männer sehe, wie sie ihre Fäuste schütteln, denke ich, die haben zu Recht Angst. Denn deren Welt ist am untergehen, wenn sie nicht schon untergegangen ist. Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, wir haben schwule Staatenlenker und lesbische Bürgermeisterinnen. Es gibt immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund auch in einflussreichen Positionen. Dann ist es klar, und das ist auch eben nicht untypisch für eine Demokratie, dass sich Widerstand formt.

Also entspannter damit umzugehen?

Ja, ich bin unbedingt dafür, dass wir damit entspannt umgehen. Auch wichtig ist, dass wir, wenn ein großes Thema da ist, also 2015 die Frage »Wie gehen wir mit der sogenannten Flüchtlingskrise um?«, dass alle Parteien diese Themen aufgreifen und darüber diskutieren. Das passiert auch, trotz des typischen Vorwurfs von rechts außen, dass nur sie das thematisieren und alle anderen nicht. Ich denke, dass die Parteien schon gute Arbeit leisten, wenn sie fragen: Wie gehen wir damit um? Welche Ressourcen hat unsere Gesellschaft für welche Ziele?

Problematisch wird es doch dann, wenn solche Strömungen Mehrheiten mobilisieren können. Wenn Sie zum Beispiel an den Brexit denken, der objektiv betrachtet dem Land schaden wird, das ist so offensichtlich, da könnte man doch verzweifeln an der Demokratie.

Demokratien sind ein ganz, ganz kompliziertes Geflecht aus Checks und Balances. Beim Brexit hat man übersehen, dass solche hochkomplexen Entscheidungen, die unsere modernen Gesellschaften erfordern, viel schwieriger sind als zu Zeiten, als wir noch »im Wald in Hütten lebten«, und dass diese komplexen Gesellschaften eben auch komplexe Entscheidungsfindungen brauchen. Da ist das Parlament viel, viel besser geeignet als ein Volksentscheid. Der Brexit birgt so unendlich viele Implikationen, was jetzt nach und nach deutlich wird: Zollunion ja oder nein? Wenn keine Zollunion, wie wird es dann genau ausgestaltet? Wie ist das jetzt, keine Ausländer? Was soll das bedeuten? Plötzlich merken die Leute, dass sie auf die Krankenschwester nicht verzichten wollen, auf die guten Nahrungsmittel auch nicht und so weiter und so weiter. Das ist ein völliger Unsinn, das auf diese Ja-Nein-Frage beim Brexit runterzubrechen.

Sind Sie also eine Gegnerin von Plebisziten?

Ich bin eine totale Gegnerin von Plebisziten. Es ist überhaupt kein Zufall, dass stabile Demokratien Demokratien sind, die ganz stark die Macht, die direkte Macht des Volkes einschränken, dass es da ganz viele Checks und Balances gibt. Das Grundgesetz zum Beispiel oder die Verfassung sind ganz wichtige Einschränkungen nicht nur der Regierenden, sondern die schränken auch in hohem Maße einen direkten Volkszorn oder Volkswillen ein. Also wenn das Entsetzliche passieren würde, dass sich plötzlich eine Mehrheit finden würde für die Einführung der Todesstrafe oder die Folter, dann ist ganz klar festgelegt, dass das nicht passieren darf…
Ich will noch einen Satz sagen zu Revolution und Reform.

Bitte sehr.

Die aktuelle Transformationsforschung, die sich anschaut, wie sich in den letzten Jahrzehnten Regime zu Demokratien oder eben auch zu Diktaturen transformiert haben, auch die macht sehr stark, dass in der Regel eher Evolution und Reformen zu Demokratien führen, während Revolutionen viel eher das Potenzial haben, in Diktaturen zu enden.

Machen Sie es mal an Beispielen klar.

Also wir sehen – in Ägypten hatten wir das – diese große Revolution, und dann haben wir jetzt dieses Regime, das wahrscheinlich noch repressiver ist und noch weniger demokratisch als das Regime davor. Gewaltenteilung, ganz, ganz wichtig ist auch der Minderheitenschutz: Keine stabile, liberale Demokratie kommt ohne Minderheitenschutz aus. Und diese Vorstellung von dem direkten Volkswillen, der sich umsetzt, negiert oft als erstes den Schutz von Minderheiten. Das haben wir gerade in rechtsextremen und populistischen Regimen, dass dann Minderheiten angegriffen werden. Und das ist zutiefst gegen die Idee von liberalen Demokratien.

Sie haben sich ja mit der Einführung von Wahlen intensiver beschäftigt, ausgerechnet in Preußen und in den USA. Warum?

Weil wir oft die Vorstellung haben – und das ist eine Geschichtsschreibung, die stark nach 1945 aufkam –, dass es einerseits dieses dunkle, monarchische Preußen oder Deutschland gab und dann diese helle Geschichte der Demokratien in Großbritannien, Frankreich, USA. Und dann habe ich gedacht: Ich will zwei Extreme beschreiben, die USA, wo wir seit der Unabhängigkeit die Demokratie haben, und Preußen, das sehr stark als militaristisch und extrem monarchisch gilt.

Sie wollten ja ein Negativ-Positiv-Beispiel. Ihre Ausgangsthese konnten Sie aber nicht halten, weil es durchaus viel diffiziler war?

Genau, es war viel diffiziler. Natürlich war Amerika eine Demokratie, aber der Wahlforscher Richard Bensel sagt, das Wahllokal war womöglich der undemokratischste Ort überhaupt. Es war nicht einfach so, dass da die Freiheit herrschte, sondern Geld spielte eine immer wichtigere Rolle, während dann die Wahlen beispielsweise in den deutschen Ländern, als sie dann eingeführt waren, relativ fair abliefen. Das ist für die Zeit im 19. Jahrhundert auch immer sehr relativ.

Spannend ist ja, dass die Wahlen auch teilweise von oben eingeführt wurden, haben Sie ja für Preußen festgestellt. Das ist eine sehr überraschende These. Warum von oben?

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten viele Staaten in Europa das Problem, dass sie völlig verschuldet waren, was auch mit den napoleonischen Kriegen zusammenhing. Und die haben dann gesagt: Es funktioniert doch besser, wenn wir die über Wahlen mitbestimmen lassen und die Bevölkerung einbeziehen. Es ist ja aufwendig, Steuern immer mit Gewalt einzuziehen. Das Militär spielt auch eine wichtige Rolle: Ins Militär wollte keiner gehen, das war schrecklich, wenn man dort irgendwann unglücklicherweise landete. Diese Idee schließlich durchzusetzen, dass man für sein Vaterland in den Krieg zieht oder sogar stirbt, all das kann ich viel besser umsetzen, ich kann die Menschen viel besser disziplinieren, wenn ich sie über Wahlen einbinde. Es war wirklich sehr stark eine Idee, die von oben eingeführt wurde. In den USA gab es überraschenderweise eine ganz niedrige Wahlbeteiligung. Auch dort war das nicht etwas, was von unten erkämpft wird, und das Volk will jetzt unbedingt wählen. Wir stellen uns oft vor, das sei ein anthropologisches Bedürfnis, dass man zur Wahl geht, aber das ist es überhaupt nicht. Der Sinn von Wahlen, der Sinn dessen, dass ich ein repräsentatives Gremium wähle, ist Teil dieses hochkomplexen Demokratisierungsprozesses, von dem ich am Anfang gesprochen habe. Es dauert einfach viele Jahrzehnte, bis sich so was installiert hat und eine gewisse Selbstverständlichkeit gewinnt.

Sie selber sagen: Wir müssen nach vorne gehen, wir brauchen noch Quoten, zum Beispiel bei Frauen. Heißt das nicht, dass dadurch in der Demokratie die Gegensätze wieder verschärft werden, dass es noch mehr Diskussionen gibt und am Ende die Demokratie doch wieder wesentlich langsamer ist als vielleicht ein System, wie China es ist?

China ist auf jeden Fall ein interessanter Fall, weil es denen tatsächlich gelingt, Wohlstand zu generieren. Wobei ganz wichtig ist, dass zwar jede liberale, stabile Demokratie Wohlstand hat, aber das umgekehrt nicht heißt, dass jedes reiche Land eine Demokratie ist. Wir haben ja auch reiche Länder im arabischen Raum, die keine Demokratien sind. Reichtum führt keineswegs automatisch zu Demokratie. Das kann sogar manchmal umgekehrt sein, zum Beispiel Länder mit sehr hohem Erdölvorkommen und großen Naturschätzen: Da ist es oft sogar schwierig, Demokratien zu installieren. Besser ist es, wenn es erst eine Demokratie gibt und dann findet man die Ölressourcen als umgekehrt. Ich denke, dass das mit diesen Prozessen zusammenhängt, die ich für das 19. Jahrhundert untersucht habe, dass die regierende Elite erkennen muss: Wenn wir den Staat bauen wollen, wenn wir, Foucault würde sagen, »Biopolitik« betreiben wollen, dann müssen wir die Menschen einbeziehen, dann müssen die mitbestimmen, mitregieren, sich verantwortlich fühlen. »Gemeinwohl wecken«, haben das die Preußen genannt. Dann können wir eben nach und nach bessere Steuern erzielen, dann wächst der Wohlstand und so weiter. Also richtig »Biopolitik« betreiben, um den Wohlstand zu fördern. Aber wenn einfach schon alles da ist, kann ich auf all diese Prozesse verzichten, dann kann ich auch irgendwelche Wahlen abhalten lassen, aber das spielt dann letzten Endes keine große Rolle.

Sie sind eine Anhängerin der Quote.

Ja.

Warum?

Ich denke, bei der Quote geht es nicht darum, Frauen zu bevorzugen, sondern darum, dass wir uns den Blick öffnen, dass es auch Frauen gibt. Ich erlebe das selber, wenn ich eine Tagung organisiere oder einen Sammelband: Es kommen einem sofort sehr viele Männer in den Sinn. Dann, in einem zweiten Schritt, fällt einem auf: Okay, das sind jetzt nur Männer. Man muss eben diesen nächsten Schritt machen und sagen: Gibt es zu diesem Thema nicht auch Frauen? In aller Regel finden sich dann auch Frauen. Das sind keineswegs weniger qualifizierte Frauen und die sind eine sehr große Bereicherung.

Die Grünen machen das ja seit langem ganz erfolgreich.

Ja, genau. Erstaunlicherweise finden sich dann Frauen. Sobald man diese Quote hat, gibt es plötzlich gute Frauen. Selbst die CDU hat ja ein Quorum, wie man das nennt, und hat dadurch schon einige sehr gute Frauen gewonnen. Ich denke, wenn sie dieses Quorum nicht hätten, wären sie gar nicht darauf verfallen, diese Frauen zu nehmen, weil es immer genug Männer gibt, die schon in der ersten Reihe stehen.

Wir haben heute das beste Deutschland aller Zeiten, sagen Sie?

Ja, wenn ich mir anschaue, wie inklusiv unsere Gesellschaft ist. Ich finde ganz entscheidend: Wie gut geht es den Ärmsten? Wie viele Möglichkeiten haben die? Wie gut ist unser Bildungssystem? All das, finde ich, ist sehr, sehr gut. Was nicht heißt, dass wir keine Probleme haben. Die AfD sehe ich tatsächlich als ein sehr großes Problem, aber die AfD kann uns auch dabei helfen, noch mal zu reflektieren, was wir wollen und was gut ist. Ich finde: Dass es jetzt in Europa dieses massive Problem mit Rechtsextremismus gibt, stärkt auch Gegenkräfte. Ich erlebe ganz oft im Gespräch mit Mitbürgerinnen und Mitbürgern, dass wir sagen: Das ist doch unser Europa, für das wir kämpfen. Wir wollen das offene Europa und wir wollen ein Europa, das stärker zusammenwächst. Und dass wir diese Probleme nicht übersehen, dass wir nicht so tun, als ob es die nicht gibt, aber, dass wir die jetzt nicht nehmen, um die Apokalypse zu verkünden, sondern dass wir die als Herausforderung nehmen und als ein Problem, mit dem wir umgehen können, das wir bewältigen können.

Man könnte fast sagen, sobald es eine Gegenbewegung gibt, sehen wir, dass es eine Bewegung gibt.

Genau, das gehört auch zur Demokratie dazu. Demokratie ist wirklich was Lebendiges. Das wäre komisch, wenn es dann nicht immer wieder Angriffe dagegen gäbe und Populismus ist eine unschöne Möglichkeit von Demokratie, die wir bestimmt immer wieder erleben werden. Aber es spricht nichts dafür, dass wir damit nicht umgehen können.

Vielen Dank, Hedwig Richter, für dieses spannende Gespräch.

Sehr gerne.

Literatur:
Richter, Hedwig: Moderne Wahlen: Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA im 19. Jahrhundert (Hamburger Edition, 2017)
Richter, Hedwig: Frauenwahlrecht: Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa (Hamburger Edition, 2018)

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