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Geschichte als Waffe untauglich machen

Beim Körber History Forum gehen namhafte Experten den Wurzeln aktueller politischer Konflikte nach

Geschichte wird von Menschen geschrieben, die damit nicht selten bestimmte Interessen verfolgen. Oder die in aktuellen politischen Konflikten Geschichte regelrecht missbrauchen. Um das zu diskutieren, kommen im Berliner Humboldt Carré vom 9. bis 11. September rund 200 namhafte Akteure aus Wissenschaft, öffentlichem Leben und Politik sowie Intellektuelle und Multiplikatoren aus Deutschland und anderen Ländern Europas zum ersten Körber History Forum zusammen.

Sind Flüchtlinge eine Bedrohung oder Bereicherung für die Aufnahmegesellschaften? Welche Rolle spielen Nationalstaat und Nationalismus in Europa? Wie entwickeln sich Grenzen und Ordnung im postsowjetischen Raum? Diese Fragen werden in der aktuellen Politik intensiv diskutiert. Immer wieder werden dabei auch historische Argumente ins Feld geführt, oftmals mit dem Ziel, eigene politische Positionen zu rechtfertigen und die Positionen anderer zu diskreditieren. Diesem Missbrauch von Geschichte möchte die Körber-Stiftung mit dem Körber History Forum entgegenwirken.

Zum Auftakt bezieht der Osteuropahistoriker und Publizist Karl Schlögel Position: Er macht sich für den Respekt gegenüber Grenzen als historisch gewachsenen Gebilden stark, wie auch dafür, sie »gut zu managen«.

»Weder Russland noch die Ukraine können klar als Nationalstaat definiert oder als solcher behandelt werden«, betont der Historiker Alexey Miller von der European University St. Petersburg. Warum sich 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Länder Mittel- und Osteuropas verstärkt nationalkonservativ und patriotisch orientieren, diskutiert er mit Marek Cichocki, Natolin European Center Warschau, Judy Dempsey, Carnegie Endowment for International Peace und Jaroslav Hrytsak, Ukrainische Katholische Universität Lviv.

Das Ende der Sowjetunion muss neu bewertet werden, um das politische Handeln Russlands heute zu verstehen. Diese Haltung verteidigt Natalia Burlinova von der Public Initiative »Creative Diplomacy« aus Moskau im Streitgespräch gegen Ivan Krastev vom Centre for Liberal Strategies in Sofia.

»Wir sollten die Grenzen öffnen« fordert François Gemenne von der Paris School of International Affairs. Darüber, was Europa aus seiner eigenen Vergangenheit für die Integration von Flüchtlingen heute lernen kann, spricht er mit Ulrich Herbert, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Norman Naimark, Stanford University.

»Dass heute Christen, Juden, Muslime, Atheisten und Buddhisten miteinander auskommen müssen, verunsichert, setzt auch Emotionen frei«, sagt Udo Di Fabio, ehemaliger Richter am Bundesverfassungsgericht und aktuell Professor an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Ob der Säkularismus in Europa deshalb am Ende ist, diskutiert er mit Lamya Kaddor vom Liberal-Islamischen Bund, Köln, und mit der israelischen Historikerin und Autorin Fania Oz-Salzberger von der Universität Haifa.

Der indische Autor Pankaj Mishra, Träger des Leipziger Buchpreises für die europäische Verständigung, stellt fest: »die jüngsten Formen des Imperialismus haben keine nationalen Zentren«. Über seinen Blick auf die europäischen Kolonialverbrechen debattiert er mit der aus Ghana stammenden Verlegerin Becky Nana Ayebia Clarke und Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg.

Wie lässt sich Geschichte bestmöglich vermitteln?

In vier Expertenrunden mit eigenem Schwerpunktthema wird am letzten Konferenztag diskutiert, wie Geschichte zeitgemäß vermittelt werden kann:

  • Im Schatten der Täter? Täterperspektiven in der Aufarbeitung von Gewaltgeschichte
    Gastgeber: Thomas Lutz, Stiftung Topographie des Terrors Berlin
  • Die anderen in uns. Wie umgehen mit Fluchtgeschichte(n) von gestern und heute?
    Gastgeber: Stefan Troebst, Universität Leipzig
  • Wie geht Revolution? Die Bedeutung von Protest für Europas Transformationen
    Gastgeber: Basil Kerski, The European Solidarity Centre Danzig
  • Smart History. Geschichtsvermittlung im digitalen Zeitalter
    Gastgeber: Thomas Krüger, Bundeszentrale für politische Bildung

»Wachsender Nationalismus ist eine große Gefahr für Europa. Geschichte wird missbraucht und in aktuellen Konflikten als Waffe benutzt. Mit dem Körber History Forum setzen wir uns grenzübergreifend für eine Abrüstung von Geschichtsbildern ein, um Vertrauen zu stärken und die internationale Verständigung zu fördern«, erläutert Dr. Thomas Paulsen, Vorstand der Körber-Stiftung, das Ziel der Veranstaltung, die in Zukunft jährlich in Berlin stattfindet.

Informationen zum Thema:
Körber-Stiftung
Körber History Forum
Gabriele Woidelko
Kehrwieder 12
20457 Hamburg
Telefon +49 · 40 · 80 81 92 - 164
Telefax +49 · 40 · 80 81 92 - 302
E-Mail koerberhistoryforum@koerber-stiftung.de
www.koerber-stiftung.de

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