»Verfolgung und Deportationen von 1938 bis 1945 in Europa dokumentieren und ausstellen«

Ein Beitrag von Lennart Onken, KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Vom 13. bis 14. Februar 2020 fand im KörberForum die internationale Tagung »Verfolgung und Deportationen von 1938 bis 1945 in Europa dokumentieren und ausstellen« statt. Auf Einladung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, der Körber-Stiftung sowie der Arolsen Archives trafen dort 140 Ausstellungsmacherinnen und -macher und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Museen, Gedenkstätten und Forschungseinrichtungen aus mehreren europäischen Ländern und aus Israel zusammen und tauschten sich mit weiteren Interessierten über zeitgemäße Formen der Dokumentation, Ausstellung und Vermittlung von Verfolgung und Deportationen aus.

In sechs unterschiedlichen Panels stellten zwanzig Referentinnen und Referenten ihre konzeptionellen Zugänge und Entwürfe vor. Im Vordergrund stand zunächst die Frage, wie die räumlichen Beziehungen von Stadt und Land zu den Deportationsorten sowie das Verhältnis der Deportierten zur Mehrheitsgesellschaft Eingang in eine zeitgemäße Ausstellung finden können. Ferner wurde die transnationale Verflechtung der nationalsozialistischen Verfolgung und Deportationen der Jüdinnen und Juden, Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma und ihre Implikationen auf die Ausstellungskonzeption intensiv diskutiert.

So plädierte beispielsweise die Historikerin Heidemarie Uhl von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien für einen mikrohistorischen Ansatz. Individuelle Erfahrungen, Handlungsspielräume und Überlebensstrategien können dabei ebenso dargestellt werden, wie das Verhalten des lokalen NS-Apparats und der Bevölkerung. Für die von ihr kuratierte Ausstellung »Letzte Orte vor der Deportation« sei deshalb bewusst der Fokus auf das städtische Umfeld als Beginn des Weges in die Vernichtung gewählt worden. Statt die Geschichte der Sammellager und Deportationsbahnhöfe einzeln zu erzählen, habe man sich auf die Struktur des Deportationsgeschehens fokussiert und versucht, die (Vor-)Geschichte der Deportation von der »Einberufung« an nachzuzeichnen und die Verflechtung der Tat- und Deportationsorte mit der Stadt Wien nachvollziehbar zu machen.

Auch Alina Bothe von der Freien Universität Berlin betonte in ihrer Vorstellung der Ausstellung »Ausgewiesen! Berlin, 28.10.1938. Die Geschichte der ›Polenaktion‹« die Chancen eines solchen mikrohistorischen Zugangs für die Sichtbarmachung von Deportationsorten in urbanen Zentren. Dabei verwies sie nicht nur auf die historische Komplexität der »Polenaktion«, die eine Art »Deportation vor den Deportationen« gewesen sei, sondern diskutierte zudem verschiedene Aspekte historischer, narrativer, ästhetischer sowie semantischer Natur, die die Konzeption der Ausstellung begleiteten. So könne man sechs Familiengeschichten auf drei Erzählebenen (Makrokontext, Familiengeschichte, Vielstimmigkeit) folgen und so ein differenziertes Bild der »Polenaktion« gewinnen.

Beide Zugänge erwiesen sich als überaus fruchtbar für das von Oliver von Wrochem vorgestellte Grundkonzept des Projekts »denk.mal Hannoverscher Bahnhof«. Auch hier sei erklärter Anspruch, am mikrohistorischen Beispiel der Deportationen von Jüdinnen und Juden, Sintize und Sinti sowie Romnja und Roma aus dem norddeutschen Raum sowohl die Vernetzung der Deportationen mit dem Stadtraum als auch die transnationale Verflechtung zwischen Ausgangs- und Zielort der Deportationen in den Blick zu nehmen. Das Projekt steht unter dem Motto »Vor aller Augen«, womit sowohl die Sichtbarkeit des historischen Geschehens akzentuiert, zugleich aber auch Handlungsspielräume sowohl der Deportierten als auch der Mehrheitsgesellschaft in den Fokus gerückt werden sollen. Anders als die Ausstellung in Wien gehe es hier jedoch nicht ausschließlich um die Mikrogeschichte; vielmehr solle diese Ausgangspunkt für ein kritisches Verständnis der Makrogeschichte in transnationaler Perspektive sein. Diskutiert wurde in diesem Zusammenhang, wie sehr es tatsächlich um den Aspekt des Hin- und Wegschauens und nicht viel mehr um die breite Zustimmung und das Mitmachen der Bevölkerung gehen müsse, was von Wrochem mit der Formel »Es gab keinen Freiraum der Nicht-Beteiligung« auf den Nenner brachte.

In diesem Kontext wies Frank Reuter von der Forschungsstelle Antiziganismus an der Universität Heidelberg im Rahmen der folgenden Podiumsdiskussion auch auf die Parallelität von Verbrechen und Normalität im Nationalsozialismus hin. Um diese ausstellungskonzeptionell einzubinden, müsse gefragt werden, was an den Tagen der Deportationen in den Städten passiert sei. Eine Analyse zeitgenössischer Presseerzeugnisse könnte den Blick hierfür schärfen und zu einem kritischen Verständnis der sozialen Räume der Deportationen beitragen.

Insgesamt waren die Diskussionen stark von der Frage getragen, wie NS-Verbrechen in Ausstellungen zeitgemäß dargestellt werden können. So wurde das Ausstellungskonzeptionen zugrundeliegende Spannungsfeld zwischen Präzision und Verständlichkeit in der Sprache eingehend diskutiert und es bestand bei mehreren Teilnehmenden der Wunsch, für kommende Ausstellungsprojekte verstärkt »Alltagssprache« nutzen um damit ein breiteres Publikum anzusprechen.

Des Weiteren verdeutlichten die verschiedenen Beiträge die Notwendigkeit, komplexe historische Zusammenhänge in Form eines individualisierten Zugangs konkret nachvollziehbar zu machen und dabei auch Gegenstände und Objekte als Bedeutungsträger ernstzunehmen. Liefe dies nur über einen dezidiert biografischen Zugang, so verhindere die Quellenlage mitunter eine entsprechende Inszenierung. Daher stellte Bartlomiej Grzanka am Beispiel des von ihm betreuten »Museum of the Former German Kulmhof Death Camp in Chelmo on Ner« die Nutzung von Gegenstandsgeschichten vor, die auch ohne den Bezug auf konkrete Personen einen individuellen Zugang ermöglichten.

Das Ziel der Tagung, Ausstellungsmacherinnen und -macher und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz Europa und Israel zusammenzubringen und einen intensiven Austausch über eine zeitgenössische Dokumentation und Ausstellung der Deportationen zwischen 1938 und 1945 anzuregen, wurde vollumfänglich erreicht. Freilich konnten einige Aspekte, so etwa die nach Einsatz digitaler Medien in Ausstellungen, von Möglichkeiten und Grenzen von Gegenwartsbezügen sowie die Thematik der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Deportierten und dem Kontakt zwischen den Häftlingen als Teil der transnationalen Verflechtungsgeschichte lediglich angeschnitten werden. Darauf wies auch Ljiljana Radonić von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in ihrem Tagungskommentar deutlich hin. Sie stellte heraus, man dürfe nicht der Illusion erliegen, alle Fragen abschließend beantworten zu können. Vielmehr zeichne sich eine gelungene Ausstellung auch dadurch aus, Ambivalenzen auszuhalten und sie – auch in Form offenbleibender Fragen – für das Konzept nutzbar zu machen.

Weitere Informationen zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme

 

Kontakt

Kirsten Pörschke
Programm-Managerin
Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten; Körber-Netzwerk Geschichtsvermittlung

Telefon +49 • 40 • 80 81 92 - 162
E-Mail poerschke@koerber-stiftung.de

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