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Hans Clevers – Körber-Preisträger 2016

Der niederländische Biologe und Mediziner hat ein neues Standardverfahren zur unbegrenzten Vermehrung von adulten Stammzellen entwickelt, mit dem er rudimentäre Organe im Miniaturformat, sogenannte Organoide, züchten kann. Damit lassen sich Medikamente lebensecht in der Petrischale testen und schadhafte Organe heilen und möglicherweise ersetzen. Hans Clevers erhält den mit 750.000 Euro dotieren Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft für diese bahnbrechenden Erkenntnisse und deren Weiterentwicklung bis zur klinischen Anwendung.

Clevers erforscht adulte (erwachsene) Stammzellen in Verdauungsorganen, speziell im Dünndarm. Adulte Stammzellen sind nach der Geburt im Körper vorhanden und können dort zeitlebens Defekte reparieren. Im Dünndarm erneuern sie regelmäßig dessen Innenhaut. Der Preisträger interessiert sich besonders für die Signale, die Stammzellen zur Teilung anregen. Mittels eines von ihm entdeckten Rezeptors (Lgr5), der nur bei Stammzellen vorkommt, konnte er diese aus entnommenem Darmgewebe isolieren.

2009 gelang es Hans Clevers, aus einer einzelnen Darm-Stammzelle ein Darm-Organoid zu erzeugen, das viele Monate in der Petrischale überlebt. Dies gilt als Durchbruch in der Stammzellenforschung. Schon heute werden zum Beispiel aus Tumorgewebe Mini-Organe erzeugt, an denen Medikamente getestet werden. »Statt einen Darmkrebs-Patienten mit einer unspezifischen Chemotherapie zu traktieren, können wir ihm ein Mittel verabreichen, auf das seine im Labor getesteten Tumor-Organoide besonders gut angesprochen haben«, sagt Clevers.
2013 war er in der Lage, Darm-Stammzellen von Patienten, die an der Erbkrankheit Mukoviszidose leiden, von diesem Gendefekt zu befreien.

Hans Clevers ist 59 Jahre alt und leitet seit 2015 die Forschungsabteilung des Utrechter Princess Máxima Center, ein neu eingerichtetes pädiatrisches Krebskrankenhaus. Am 7. September 2016 wurde ihm im Hamburger Rathaus der Körber-Preis verliehen.

Pressemeldung vom 07.06.2016 (PDF)

Bericht von der Preisverleihung

Ersatzorgane aus der Petrischale

Hamburgs Erster Bürgermeister begann den Festakt zur Verleihung des Körber-Preises für die Europäische Wissenschaft im Hamburger Rathaus mit eindrucksvollen Zahlen. Eine Eins mit 14 Nullen, so viele Zellen habe etwa ein erwachsener Mensch. Hintereinander gelegt würde eine derartige Zellen-Kette etwa 60 mal um die Erde reichen. Wobei 50.000 Zellen pro Sekunde abstürben, aber auch gleichzeitig ebenso viele wieder neu entstünden. Menschliche Zellen und der aus ihnen bestehende diesjährige Preisträger Prof. Dr. Hans Clevers standen weiterhin im Mittelpunkt der Veranstaltung. Clevers entwickelte ein neues Standardverfahren zur unbegrenzten Vermehrung von adulten Stammzellen, mit dem er rudimentäre Organe im Miniaturformat, sogenannte Organoide, züchten kann. Dafür erhielt der in diesem Jahr den Körber-Preis.

Der Weg, bis kranke Lebern oder Mägen durch Organoide geheilt oder gar ersetzt werden können, möge zwar noch lang sein, so Scholz weiter. Aber um Science Fiction handele es sich längst nicht mehr. Bereits jetzt brächten diese Organoide in der Forschung praktischen Nutzen. Etwa beim Testen neuer Medikamente und bei der Entwicklung individuell zugeschnittener Chemotherapien. »Sie haben uns in Hamburg mit ihrer Forschung nicht nur beeindruckt, Sie haben uns begeistert«, betonte Scholz. Fest eingebunden in die europäische Gemeinschaft habe sich Hamburg zu einem bedeutenden Zentrum für Innovation und Wissenschaft entwickelt. Dazu trage auch das Engagement der Körber-Stiftung bei.

Deren Vorstandsvorsitzender Dr. Lothar Dittmer rückte im Anschluss diese Begeisterung für Wissenschaft etwas zurecht. Der Mangel an ausgebildeten Physikern, Chemikern oder auch Ingenieuren sei hinlänglich bekannt. »Was erklärt die Diskrepanz zwischen der Achtung von naturwissenschaftlich-technischer Erkenntnis und dem eher mausgrau gezeichneten Berufsbild eines Vertreters dieser Zunft. Warum ist der Naturwissenschaftler als solcher nicht ‚cool‘«? Vielleicht läge dies ja auch an den durchweg falschen Vermutungen, Wissenschaftler arbeiteten einsam, andere Berufe könnten den Menschen mehr und rascher helfen oder Wissenschaft sei zu abstrakt.

Unsere ungeduldige Gesellschaft wolle Lösungen sofort, so Dittmer weiter. Doch: Je mehr man die Wissenschaft reguliere und auf rasche verwertbare Ergebnisse trimme, desto weniger Durchbrüche und Innovationen werde es geben. Auch Kurt Körber habe das als Stifter erkannt: »Obwohl ich an sich ein ungeduldiger Mensch bin, habe ich mich dazu durchgerungen, in der Wissenschaftsförderung Geduld zu üben.« Statt Kontrolle sei Vertrauen in die Preisträger – die besser wüssten, was der nächstbeste Schritt sei – Grundlage der Preisvergabe. Das Resultat seien herausragende Ergebnisse und mittlerweile mehrere Nobelpreise. Dennoch müsse man sich mehr mit dem auseinandersetzen, was die Zukunft unserer Gesellschaft bestimmen werde, so Dittmer. Sein Vorschlag: Angesichts weitgehender Ignoranz von Naturwissenschaft und Technik durch die Medien, brauche Deutschland eigentlich eine naturwissenschaftlich-technische Alphabetisierungskampagne.

Im anschließenden Gespräch wollte der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar von Clevers wissen, ob durch derartige Forschung am Ende gar ein unendliches Leben möglich sei. Auch ohne jetzt schon genau sagen zu können, wohin die Organoid-Entwicklung durch Stammzellen führen könne, wiegelte der Preisträger ab. Neunzig gesunde Jahre leben und dann der nächsten Generation Platz machen, dass sei eher seine Vorstellung. Ob denn Erfahrungen aus der wissenschaftlichen Arbeit auch in denn Alltag übertragen werden könnten, fragte Yogeshwar. Ein Labor sei eine Gesellschaft im Kleinen. Es sei wichtig, hier einander Vertrauen zu schenken, dann bekomme man auch Vertrauen zurück und die Arbeit mache mehr Spaß.

Vertrauen sei in der Wissenschaft sehr wichtig, unterstrich Professor Dr. Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft und Vorsitzender des Kuratoriums des Körber-Preises, anschließend. Man müsse sich dieses Vertrauen aber auch verdienen. Wissenschaft sei heute teurer als vor 200 Jahren und die Gesellschaft möchte schon wissen, wohin Gelder fließen. Auch werde die Informationstechnik diese Gesellschaft zukünftig stark verändern. Mit derartigen Tools müssten Kinder frühzeitig vertraut gemacht werden. Informatik in der Schule vermitteln, bedeute letztlich auch, den Wohlstand, den wir heute haben, zu erhalten.

Foto-Galerie

Videos

Filmisches Porträt

Hans Clevers im Interview mit Ranga Yogeshwar

Lecture2Go: Stem cells, organoids and human disease

Mehr Informationen über Hans Clevers

Fotos

Fotos von der Verleihung des Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft 2016 an Hans Clevers im Hamburger Rathaus am 7. September 2016.

Die Fotos können im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über den Körber-Preis mit dem Fotocredit: Körber-Stiftung/David Ausserhofer honorarfrei veröffentlicht werden.

Dr. Lothar Dittmer, Vorsitzender des Vorstands der Körber-Stiftung, und Prof. Dr. Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, überreichen Hans Clevers den Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft 2016

Foto: Körber-Stiftung/David Ausserhofer

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Körber-Preisträger Hans Clevers im Gespräch mit Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar

Foto: Körber-Stiftung/David Ausserhofer

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Körber-Preisträger Hans Clevers im Gespräch mit Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar

Foto: Körber-Stiftung/David Ausserhofer

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Preisverleihung am 7. September 2016 im Hamburger Rathaus

Foto: Körber-Stiftung/David Ausserhofer

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Weitere Fotos

Fotos: Körber-Stiftung/Friedrun Reinhold (für größere Versionen der Fotos auf ein Bild klicken)
Die Fotos können im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über den Körber-Preis mit dem Fotocredit: Körber-Stiftung/Friedrun Reinhold honorarfrei veröffentlicht werden.

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