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»Wenn es nur um die Technologie ginge, würde ich lieber ins Disneyland gehen«

Auch die Theater machen sich fit fürs Digitale Zeitalter. Inszenierungen experimentieren mit Robotik, Künstlicher Intelligenz oder Virtual-Reality und neue Studiengänge setzen sich mit den Möglichkeiten digitaler Medien auseinander. Das Theaterfestival Körber Studio Junge Regie lädt die deutschsprachigen Regiestudiengänge alljährlich ins Thalia in der Gaußstraße ein. An fünf Tagen sind zwölf Arbeiten zu sehen, die von den Instituten als herausragende Inszenierungen nominiert wurden. 2018 ermöglicht das Festival den Studierenden als zusätzliches Angebot die Auseinandersetzung mit dem Thema »Digitale Welten im Theater«. Hierzu gibt es eine Aufführung mit digitalen Medien vom Studiengang »Zeitgenössisches Puppenspiel« der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«, Berlin, die als Gastschule am Festival teilnimmt. Friedrich Kirschner, Professor für Digitale Medien in diesem Studiengang, wird auch eine Masterclass zum Auftakt des Festivals leiten, in der Studierende mit digitalen Medien arbeiten. Stephanie Lubbe sprach mit ihm über Chancen und Herausforderungen des digitalen Wandels im Theater.

Welche Möglichkeiten bietet das Zeitalter der Digitalisierung dem Theater, das doch eigentlich ein zutiefst analoges Medium ist?

Die Unterscheidung zwischen digital und analog wird oft dazu genutzt, ganz andere Fragestellungen zu vermeiden. Man könnte sicherlich darüber diskutieren, ob denn das Theater ohne digitale Lichtpulte, Medienserver und Audioeinspielungen als MP3 immer noch im Kern dasselbe wäre, ob die Verwaltung ohne Computer ihren Job genauso gut machen könnte und so weiter. Viel spannender aber, als diese aus der Luft gegriffene Trennung zu debattieren, erscheint mir doch, was will ich denn erzählen? Theater ist weder analog noch digital. Es kann im Behauptungsraum Bühne alle Dinge abbilden, die es auf der Welt gibt – und eben auch sehr viele, die es noch nicht gibt oder niemals geben wird. Und wenn ich über Gesellschaft sprechen möchte, in der Kommentare auf Journalismus nicht mehr nur noch LeserInnenbriefe sind, in der Staaten sich per Twitter gegenseitig halbe Kriegserklärungen machen und in der rechtsradikale Kräfte fantastisch vernetzt sind, dann freue ich mich doch, dass ich diese Strukturen im Theaterraum abbilden kann.

Wie verändert sich die Art des Erzählens durch digitale Medien auf der Bühne?

Naja, die Art und Weise wie wir miteinander kommunizieren, wie wir unsere Identitäten verhandeln und über was wir uns austauschen möchten hat in den letzten 30 Jahren radikale Veränderungen erfahren. Ob die Digitalisierung diese ausgelöst hat oder ob sie nicht vielmehr ein Resultat gesellschaftlicher Prozesse ist, wird meines Erachtens viel zu selten gefragt. Die immer weiter aufkommenden partizipativen Formate im Theater sind ja nicht ausschließlich in technische Vorgänge gegründet, sondern ihnen liegt vielmehr ein elementarer Wandel in unserem Selbstverständnis zugrunde. Ich denke daher kommen die treibenden Kräfte neuer Formen von Erzählung. Und die bereichern unsere Kulturpraktiken mit nichtlinearem Erzählen, partizipativen Verhandlungsformen und multiperspektivischen Installationen. Wenn es nur um die Technologie ginge, würde ich lieber ins Disneyland gehen.

Wie steht es um die Bereitschaft des Publikums, sich auf digitale Theaterformen einzulassen?

Andere Erzählformen bringen natürlich auch andere Menschen ins Theater. Wer in seiner eigenen Lebensrealität mit der Verwaltung verschiedener Rollen seiner selbst zu tun hat, möchte sich im Theater sicherlich auch in dieser Problemstellung wiedererkennen.

Bei kommerziellen digitalen Angeboten gibt es viel Kritik am mangelnden Datenschutz. Auch bei Theateraufführungen, die mit digitalen Medien arbeiten, gibt das Publikum eventuell ganz persönliche Daten von sich preis. Welche Herausforderungen sehen Sie hier?

Ich sehe den Bühnenraum als großartige, gesellschaftliche Vereinbarung, dass für eine bestimmte Zeit hier zusammen Dinge entstehen, verhandelt und versucht werden können, die außerhalb dieses Schutzraumes nicht möglich wären. Mir wäre es elementar wichtig, dass diese Vereinbarung zum gemeinsamen Spiel nicht einerseits durch Regularien verhindert, bzw. andererseits durch mangelnde Verantwortung der KünstlerInnen in Frage gestellt wird. Beispiele dafür, wie sensibel mit Daten des Publikums umgegangen werden muss, gibt es einige, vor allem wenn es um die Bloßstellung von Personen und deren Profilen geht. Es ist eben oft kein Unterschied, ob man es »nur« mit den Daten einer Person, oder der realen Person zu tun hat.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, wenn es darum geht, digitale Technologien an den Theatern einzubringen? Sind die Theater dafür schon personell, technisch und finanziell ausgerüstet?

Ich wäre sehr oft sehr glücklich, wenn auf den Bühnen oder Probebühnen ein Internetzugang bereitstehen würde.

Es entstehen gerade neue Ausbildungswege. In Dortmund wurde die »Akademie für Digitalität« gegründet und in der Abteilung »Zeitgenössische Puppenspielkunst« an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« haben Sie den neuen Masterstudiengang »Spiel und Objekt« ins Leben gerufen, der sich auch mit digitalen Fragestellungen auseinandersetzen will. Was sollten Theaterschaffende wissen und können?

Es müssen nicht alle alles wissen. Es sollen auch nicht alle Inszenierungen mit digitalen Medien arbeiten, ebenso wie nicht alle Inszenierungen Video einsetzen müssen. Ich denke, dass diese Angebote in erster Linie dazu dienen, einen Ort zu schaffen, Wissensbestände zu verhandeln und Möglichkeitsräume auszuloten, um neue technische aber auch neue ästhetische Praxis zu erproben. Wenn sich KünstlerInnen mit zeitgenössischen gesellschaftlichen Strukturen auseinandersetzen wollen, und technische Infrastruktur dafür einsetzen möchten, dann wäre es doch fantastisch, wenn die so gemachten Erfahrungen aufeinander aufbauen können. Wenn Wissen angehäuft und zugänglich gemacht werden kann – und damit auch zur kritischen Diskussion gestellt wird. 

Beim Körber Studio Junge Regie sind Sie mit einer Arbeit zu Digitalen Medien als Gastschule eingeladen. Was erwartet die Zuschauer?

Das Stück ist ein Gesellschaftsspiel, das zwar viel Technik nutzt, diese aber nur als Mediator für ganz basale gesellschaftliche Fragestellungen anbietet. Wie wollen wir arbeiten? Wie wollen wir unsere Freizeit gestalten? Wie arbeitet der Journalismus heutzutage? Das wollen wir mit dem Publikum zusammen verhandeln.

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