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Hintergrund

Das Körber Studio Junge Regie ist ein Festival des Thalia Theaters, der Körber-Stiftung und der Theaterakademie Hamburg unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bühnenvereins. Seit 2003 werden die Studierenden und Dozenten der zwölf Hochschulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, an denen Theorie und Praxis des Regieführens gelehrt wird, nach Hamburg eingeladen. Dort zeigen die jungen Regisseurinnen und Regisseure im Thalia in der Gaußstraße ihre Inszenierungen. Am Ende des Festivals wird die beste Nachwuchsinszenierung von einer Jury aus Theaterfachleuten ausgezeichnet. Die Körber-Stiftung unterstützt den Gewinner bei seiner neuen Regiearbeit an einem renommierten Stadt- oder Staatstheater oder alternativ in der Freien Szene mit einem Produktionskostenzuschuss in Höhe von 10.000 EUR.

Die Preisträger

Die Preisträger der bisherigen Festivals waren:

  • 2016
    Anna-Elisabeth Frick (ADK Ludwigsburg)

  • 2015
    Anders Firing Aardal, Matias Askvik, David Jensen, Marthe Sofie Løkeland Eide, Ylva Owren, Heiki Eero Riipinen (Norwegische Theaterakademie Fredrikstad)

  • 2014
    Adele Dittrich Frydetzki, Kristina Dreit, Marten Flegel & Anna Froelicher (Universität Hildesheim)

  • 2013
    Arnita Jaunsubrena, Lea Schneidermann & Kim Willems (Angewandte Theaterwissenschaft Gießen)

  • 2012
    Malte C. Lachmann (Bayerische Theaterakademie, München)

  • 2011
    Gernot Grünewald (Theaterakademie Hamburg)

  • 2010
    Kristofer Gudmundsson, Gesine Hohmann & Stephan Stock (Universität Hildesheim)

  • 2009
    Daniel Pfluger (Zürcher HdK)

  • 2008
    Heike M. Götze (Zürcher HdK)

  • 2007
    Julia Hölscher (Theaterakademie Hamburg)

  • 2005
    Seraina Maria Sievi (Zürcher HdK)

  • 2004
    Agnes Hansch (HfS »Ernst Busch«, Berlin)

  • 2003
    David Bösch (Zürcher HdK)

Darüber hinaus prägen zahlreiche Festivalteilnehmer mit ihren Inszenierungen die heutige Theaterlandschaft. Zu ihnen gehören unter anderem: Jorinde Dröse, Roger Vontobel, Jan Philipp Gloger, Tomas Schweigen und Lisa Nielebock.

Idee des Festivals

Wie erleben, beobachten und bewerten junge Regisseure unsere Gegenwart und wie finden sie mittels historischer und zeitgenössischer Texte in ihren Inszenierungen einen Weg, dem Publikum ihren Blick zu vermitteln?

Die Idee des Festivals ist, die unterschiedlichen Herangehensweisen der jungen Regisseure an historische, politische und gesellschaftlich aktuelle Themen und ihre Umsetzung öffentlich zu zeigen und darüber zu diskutieren. Das bedeutet für die Teilnehmer, sich kritisch und selbstreflektierend mit der eigenen Arbeit auseinanderzusetzen. Somit werden die jungen Regisseure mit der späteren Situation am Theater konfrontiert: etwa im Umgang mit den verschiedenen Formen außenstehender Bewertung durch Kritiker oder dem Publikum.

Diskussionsrunden

Das Echo der Anderen auf das Gesehene bildet die Grundlage für die Gesprächssituationen im Körber Studio Junge Regie. Die interne Diskussion von Regisseur zu Regisseur, von Regisseur zu Schauspieler und natürlich – diesmal öffentlich – zwischen den Inszenierungsteams und dem Publikum stehen im Mittelpunkt des Festivals. Damit wird der zukünftigen Regiegeneration ein Forum gegeben, Erfahrungen auszutauschen und unterschiedlichen Arbeitsweisen, Stilen und Ideen zu begegnen.

Im Fokus: Benachbarte Kunstsparten

Austausch und Begegnung stehen im Mittelpunkt des Körber Studio Junge Regie. Als zusätzliches Angebot ermöglicht das Festival den Schauspielregie-Studierenden seit 2014 die Auseinandersetzung mit einer benachbarten Kunstsparte. Ziel ist es, das eigene Blickfeld zu erweitern und sich über die Spartengrenzen hinweg zu vernetzen. In Abstimmung mit den beteiligten Hochschulen wird für jedes Festivaljahr eine Nachbardisziplin bestimmt, die im Fokus stehen soll. Aus dieser Sparte wird eine internationale Hochschule eingeladen, mit einer Produktion am Festival teilzunehmen.

Masterclass

Das Körber Studio lädt die Studierenden ein, an einer Masterclass teilzunehmen, die von einer renommierten Künstlerpersönlichkeit geleitet wird. Die Masterclass beschäftigt sich mit Fragestellungen der benachbarten Kunstsparte, die im Fokus des Festivals steht. Die Masterclass bietet eine besonders intensive Förderung und regt zu nachhaltigen Kontakten und Netzwerken an.

Die Lust der Festivalteilnehmer und des Publikums an Austausch und Diskussion und die Begeisterung Ungesehenes und Neues, Energiereiches und Unverstelltes kennenzulernen und zu beobachten, machen jedes Körber Studio Junge Regie zu einem intensiven Erlebnis. Und diese Mischung ist es auch, die Studierende, Dozenten und Theaterleute aus Deutschland Österreich und der Schweiz in jedem Festivaljahr nach Hamburg zieht.

Interview mit Stephanie Lubbe von der Körber Stiftung

Am 12. Juni 2016 endete das Körber Studio Junge Regie, das wichtigste deutschprachige Festival für den Theaternachwuchs – die deutschsprachigen Regieschulen und ein internationaler Gast zeigten am Hamburger Thalia in der Gaußstraße ihr Können. Den ersten Platz machte »Die Unerhörte« von Anna-Elisabeth Frick (Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, Ludwigsburg, Foto).

Stephanie Lubbe, in den Vorjahren nahm ich vom Körber Studio Junge Regie immer das Gefühl mit, dass die gezeigten Ästhetiken extrem heterogen sind. Gibt es keine gemeinsame Theatersprache mehr?

Stephanie Lubbe: Die große Bandbreite ist Programm. In den letzten Jahren hat das Theater eine immer vielfältigere Formensprache entwickelt – an den Regieschulen zeigt sich diese Entwicklung noch deutlicher. Die teilnehmenden Institute haben ganz unterschiedliche Ausrichtungen, und entsprechend verschieden sind die künstlerischen Ansätze.

Was können die Stadttheater vom Körber Studio lernen?

Lubbe: Das Festival zeigt, wie die zukünftige Theatergeneration arbeiten will, und welche gesellschaftlichen Themen und neuen Theaterästhetiken sie interessiert. So waren kollektive Arbeitsstrukturen in den letzten Jahren ein großes Thema beim Körber Studio Junge Regie und halten jetzt in den Stadt- und Staatstheatern Einzug. Auch Grenzberührungen und -überschreitungen zur Bildenden Kunst, zur Installation und zur Performance begreift eine junge Regiegeneration als etwas Selbstverständliches. Sie spielt damit und entwickelt sie weiter.

Seit 2013 werden zum Festivalende regelmäßig Produktionen ausgezeichnet, die ihre Qualitäten haben, im Stadttheateralltag aber nicht mehrheitsfähig sein dürften. Entwickelt sich eine Zweiklassengesellschaft: preiswürdige Avantgardeproduktionen hier, Konvention dort?

Lubbe: Eine Zweiklassengesellschaft würde ich weniger sehen, eher ein Interesse der Stadt- und Staatstheater – aus der die Jury zu weiten Teilen stammt – an diesen neuen Formen, was man übrigens auch in den Spielplänen sieht, die sich immer mehr öffnen. Übrigens formuliert die Jury immer wieder mal den Wunsch an die Studierenden, sich auf die Kraft eines literarischen Textes und auf die Schauspieler zu besinnen. Gleichzeitig ist das Festival auch der Moment, sich auszuprobieren und unabhängig von Konventionen künstlerisch zu arbeiten.

Ich nahm das Körber Studio Junge Regie eigentlich nie nur als Festival wahr, sondern als Möglichkeit, einander kennenzulernen, Netzwerke zu bilden, nicht zuletzt auch als Party. Durch den Preis werden die Künstler, die gerade noch fröhlich netzwerkten, aber am Ende zu Konkurrenten …

Lubbe: Natürlich bringt der Preis die Konkurrenz ins Spiel, andererseits formuliert er auch einen Qualitätsanspruch. Der Preis bringt Aufmerksamkeit – durch die Festivaljury, die öffentliche Jurysitzung und die Presse. Das kommt nicht nur der Gewinnerproduktion zugute, sondern allen Teilnehmenden, neben den Regiestudierenden auch den Schauspielern und Schauspielerinnen. Und das Preisgeld ist eine sinnvolle Starthilfe in den Beruf. Das Festival steht am Übergang zwischen Studium und Beruf, da beginnt nun mal die Konkurrenz. Ebenso wichtig ist uns die Möglichkeit zum Austausch und zur Vernetzung. Die Regisseurinnen und Dozenten reisen deshalb nicht nur zu den Gastspielen, sie bleiben übers ganze Festival vor Ort und diskutieren in täglichen internen Runden über die Arbeiten.

Gibt es eine Tendenz zum Karrierismus, zur Bravheit, vielleicht auch zur Visionslosigkeit bei den jungen Theatermachern?

Lubbe: Wir sehen eine große Experimentierfreude und immer wieder Künstler, die ihren ganz eigenen Weg gehen. Trotzdem ist es bei immer prekärer werdenden Berufsaussichten schwer, bei sich zu bleiben und nicht dem Druck nachzugeben, schon zu Beginn des Berufslebens eine eigene, marktgängige Handschrift präsentieren zu müssen.

Mal ehrlich, wenn an einem Tag drei Stücke in Folge gezeigt werden, dann können die doch so kurz sein wie man will – beim dritten Stück kann man doch nicht mehr konzentriert zuschauen, oder?

Lubbe: Das ist diese typische Festivalüberforderung, die gewollt ist und von vielen als bereichernd empfunden wird. Zwischen den Vorstellungen kommt man mit anderen ins Gespräch und genießt die schöne Atmosphäre auf dem Festivalgelände. Für die vielen Theaterleute, die aus ganz Deutschland zum Festival reisen, um neue Talente zu entdecken, ist es natürlich attraktiv, so viele Produktionen in kurzer Zeit sehen zu können.

Interview: Falk Schreiber

Dieses Interview ist erschienen in: Kulturnews, Ausgabe: 01.06.2016

Stephanie Lubbe war Dramaturgin am Staatstheater Stuttgart und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Seit 2012 ist sie Programmleiterin bei der Körber-Stiftung und dort unter anderem für das Festival Körber Studio Junge Regie zuständig, das von Thalia Theater, Körber-Stiftung und Theaterakademie Hamburg unter der Schirmherrschaft des Deutschen Bühnenvereins veranstaltet wird.

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