• Andreas Hannig (Foto: Dave Stonies)
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    »Kommunen müssen proaktiv auf die Älteren zugehen«

    Andreas Hannig ist Leiter des Referats Altenhilfe der Stadt Kassel und war Teilnehmer des Stadtlabors der Körber-Stiftung in Senden 2019. Er warnt davor, dass derzeit gerade die in prekären Verhältnissen lebenden Älteren von den Angeboten der Altenhilfe immer schwerer erreicht werden können.

    Begrenzter Wirkungsgrad

    Auch wenn ich mich mit den Kollegen in anderen Städten austausche, bleibe ich ernüchtert: Die Aktivitäten in unseren Kommunen für ältere Bewohner und Bewohnerinnen ähneln sich, der Wirkungsgrad der Aktionen scheint aber, aus der Perspektive von uns »Machern« und »Macherinnen«, zurzeit doch recht begrenzt.

    Obwohl ich überzeugt davon bin, dass ein Großteil der Älteren gut versorgt ist, spüre ich viel Unsicherheit und Besorgnis. Mein Unbehagen steigt mit der Dauer der Restriktionen gegenüber den Älteren – sowohl im häuslichen wie auch im institutionellen, d.h. stationären Bereich. Die Ungleichheit unserer Gesellschaft auf unterschiedlichsten Ebenen wird durch die Corona-Pandemie deutlicher werden und sich verschärfen.

    Wir hier in Kassel nutzen zum Beispiel alles, was technisch geht, um an die ältere Frau und den älteren Mann zu kommen. Was ist aber mit denen, die keinen Zugang zum Internet haben, die keinen PC, kein Tablet oder Smartphone besitzen, keine Tageszeitung lesen? Wir wissen, dass wir diesen Personenkreis nur schwer oder vielleicht auch gar nicht erreichen. Und wenn wir sie passiv erreichen, wie z. B. durch unser Anschreiben an alle alleinstehenden 75plus+ in Kassel, werden sich leider längst nicht all die zurückmelden, die Hilfe, Unterstützung, Beratung benötigen oder vielleicht auch einfach nur mal reden möchten. Was also ist zu tun?

    Nicht Schritt halten können

    Ich möchte die hoffentlich wirksame Emanzipation Älterer, die in der Lage sind, ihre Angelegenheiten auch in der Corona-Krise zu regeln, ja sich sogar selbst helfend zu engagieren, nicht kleinreden, nicht übersehen. Aber daneben gibt es eben auch eine ganze Menge Älterer, die mit den modernen Altersbildern nicht Schritt halten können, vielleicht auch nicht wollen. Es sind jene, für die die Literatur-, Computer- oder Sprachkurse oder die Kulturangebote nicht von Interesse sind. Und jene, die mit dem Cent rechnen müssen, denen der Verlust der Wohnung droht, die krank oder pflegebedürftig sind, die allein sind und die ihre Bedarfe eben nicht artikulieren können. Und auch diese Gruppe gilt es im Blick zu behalten. Das ist es, was wir aktuell in den Kommunen leisten müssen.

    Konkret geht es hier in Kassel darum, die tradierten niedrigschwelligen »Komm«-Angebote der Offenen Altenhilfe so zu modifizieren, dass sie auch unter den gegenwärtigen restriktiven Bedingungen ihre Zielgruppen erreichen. Das gilt meines Erachtens auch für unsere Beratungsangebote, die im Moment nur sehr reduziert telefonisch stattfinden. Wie das geht, weiß ich noch nicht wirklich. Am Anfang steht der Kontakt zu den Menschen, hier entwickeln die Kollegen und Kolleginnen in den Stadtteil- und Nachbarschaftszentren neue Anspracheformen: Sie halten Kontakt durch proaktive Telefonate, Fußweg-, Fenster- oder Balkon-Gespräche. Das funktioniert vor allem kleinteilig und quartiersbezogen.

    Zugang zu prekären Gruppen und Einsamen

    Auch gegenüber der zunehmenden Gruppe Älterer, die in prekären Verhältnissen leben, müssen wir proaktive Ansätze stärken: Am Anfang steht Prävention durch eine entsprechende Angebots-Infrastruktur in den Kommunen. Ich denke, wir brauchen aber auch interventionistische Ansätze, wie den regelhaften, präventiven Hausbesuch bei einer Teilgruppe der Älteren. In tendiere dazu, das ab 75 Jahren zu machen – und dann wiederkehrend alle zwei Jahre, ab 85 vielleicht sogar jedes Jahr. Und ich bin sicher, dass auch ein spezifischer »Sozialdienst für Ältere« hilfreich wäre, das belegen ja schon die Daten: Unsere Altersstruktur mit einem immer größeren Anteil älterer Menschen bei sinkenden Alterseinkommen, zunehmend rechtlichen Betreuungen und entkoppelten Familien.

    Worüber wir nach wie vor am wenigsten wissen, sind die alten Menschen, die der Einsamkeit oder Isolation anheimfallen. Wir wissen, dass es diese Menschen gibt, aber wir wissen nicht, wie wir Zugang zu ihnen bekommen können – zumindest nicht mit einem darstellbaren Aufwand. Und was machen wir mit denen, die nicht von uns präventiv besucht werden möchten? Akzeptieren wir das? Müssen wir das akzeptieren oder haben wir Möglichkeiten, bereits vor einer möglichen Selbst- und auch Fremdgefährdung Zugang zu bekommen? Müssen wir damit leben, dass ein bestimmter Teil der Älteren sich nicht (mehr) erreichen lassen möchte?

    Unkonventionelle Kontaktformen

    Wir müssen zunächst unbedingt mit den älteren Menschen in Kontakt bleiben, in jeder möglichen Form, auch auf unkonventionelle, bisher nicht für möglich gehaltene Art und Weise. Der fachliche Diskurs ist zu führen, auf kommunaler und weiteren operativen Ebenen, in Wissenschaft und Forschung, in zivilgesellschaftlichen Foren und in der Politik – und die Ergebnisse sind handlungsleitend in geeigneter Form zusammenzuführen, damit sie in der Praxis wirksam werden. Wir fachlichen und lokalen Akteurinnen und Akteure in der Altenarbeit müssen operativ handlungsfähig bleiben – dabei täten wir gut daran, wenn wir die Corona-Pandemie nicht nur als Krise sähen, sondern auch als Chance begriffen, über den Tag hinaus dächten und nicht in hektischen Aktionismus »für die Alten« verfielen. Erhalten wir uns unsere Fähigkeit zu reflektiertem und kompetentem Handeln, mit und für die älteren Menschen in unserer Gesellschaft!

    Andreas Hannig war Teilnehmer des Stadtlabors demografische Zukunftschancen der Körber-Stiftung und hat auch die erste Expedition Age & City ins dänische Aarhus mitgemacht. Zu seiner Reflexion über die derzeitigen Herausforderungen hat ihn das erste Stadtlabor online motiviert.

    Auch Karin Haist und Susanne Kutz, Körber-Stiftung, warnen auf stern.de: Ältere Menschen leiden nicht nur an der Furcht vor Corona, sondern auch an ihrer Isolation.