+

Judith Grümmer

Foto: Joachim Rieger

Ein Stück Lebensweg mit dem Mikrophon nachzeichnen, Menschen eine Stimme geben – das war mehr als 30 Jahre meine Arbeit für den Deutschlandfunk und den Westdeutschen Rundfunk – ob in der Klinik oder im Wohnzimmer, ob in der Staatskanzlei oder im Gefängnis, im Hospiz, in der Schule oder unter der Brücke.

Der Wunsch, jungen sterbenskranken Müttern und Vätern eine Stimme zu geben, entstand als meine eigenen Kinder noch sehr klein waren und ich mich fragte: »Was könnte ich ihnen hinterlassen, wenn ich bald sterben müsste?« Meine sehr persönliche Antwort: »Ein Tonband für sie voll quatschen!« Dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen. Meine eigenen Kinder sind erwachsen – nun habe ich die Kraft für diese Idee, die mich nie losgelassen hat: Ein Angebot für junge schwerkranke Mütter und Väter zu schaffen, damit sie ihre ganz private Lebensgeschichte aufzeichnen können. Aus dem Material dann ein professionell gestaltetes Familienhörbuch zu produzieren, das sie ihren kleinen Kindern hinterlassen können.

Als Medizinjournalistin hatte ich mich auf PalliativCareThemen spezialisiert und war so schon als junge Mutter den wichtigen Fragen von Leben und Sterben und Tod begegnet. Als Radiojournalistin war mir schon immer die Kraft der menschlichen Stimme als Spiegel der Seele sehr bewusst.

Insbesondere die mütterliche Stimme ist das erste, was ein ungeborenes Kind hört. Das Ohr ist das Sinnesorgan, das im Mutterleib als erstes die Außenwelt wahrnimmt. Die menschliche Stimme ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck. Und die Stimme ist aber auch das erste, was der Hinterbliebene vergisst bzw. sich nicht mehr vergegenwärtigen kann, wenn ein geliebter Mensch verstorben ist.

Seit 2004 biete ich Familienhörbücher an, die genau diese Stimme in ihrer ganzen Authentizität dokumentiert und bewahrt: durch die mit eigenen Worten erzählten Lebensgeschichten. Heiteres und Trauriges. Vertrautes und Unausgesprochenes. Wissenswertes und Lebenswertes. Klärendes und Tröstendes. Privat und diskret.

Familienhörbücher für sterbenskranke junge Mütter und Väter stehen dabei seit 2017 in meinem besonderen Fokus. Als Projektinitiatorin und seit 2019 als Geschäftsführerin der als gemeinnützig anerkannten Familienhörbuch gGmbH habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Audiobiografien für Palliativpatienten mit kleinen Kindern als kostenloses therapiebegleitendes Angebot anzubieten und vielleicht irgendwann sogar im deutschen Gesundheitswesen etablieren zu können.

2016/17 habe ich projektbegleitend eine Fortbildung Palliative Care für psychosoziale Berufsgruppen bei der Malteser Akademie absolviert. Anschließend gab ich meine Arbeit als Journalistin für den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk auf, um mich ausschließlich das Familienhörbuch-Projekt zu widmen und gründete 2019 die Familienhörbuch gGmbH. Aufgabe der gGmbH ist es, eine Organisationsform aufzubauen, mit der für junge Palliativpatienten mit kleinen Kindern bundesweit, unbürokratisch und kostenfrei Familienhörbücher realisiert werden können.

Stand: 25.06.2020
to top